Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1909-02-19 · 8 (19.2.1909) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2438141-2438220-2438228--1030-2440592
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Lieehtensteinstrasse 11 Telephon 12.299. Spreclistnndea täglich von 11—12 Dir vormittags and 4—5 Dir nachmittags. Erscheint jeden Freitag. Verkaufsstellen in WIEN: Administration, IX., Liechtensteinstr. 11, Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Abonnementspreise: ln Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10 — halbjähr. K 5-, Vierteljahr. K 3 - In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10 - halbjähr. Mk. 5 —, Vierteljahr. Mk. 3 — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. Int Übrigen Ausland ganzj. FrCS. 15 Vertretungen in der Provinz: In Brünn: Zeitungsbureau, Ferdinandsgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiß Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Büchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 8. Wien, Freitag den 19. Februar 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Politik an der Futterkrippe. Brief Dr. Nordaus. Juden in Wien. Juden in Heer und Marine. Ehen zwischen Juden und Christen. Galizischer Brief. — Budapester Brief. Aus dem jüdischen Leben. Feuilleton: Uebermensch und Jude. Palästina. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. VEREIN „JÜDISCHE BÜHNE“. (Im „iütiien Ttoter“, II.,. Praterstrasse, NestroyloD V. Vereins-Vorstellung. (Festvorstellung des akad. Vereines „Th. Herzl“.) SoMar tffin'21.TeimarM naclim. 3 Dir: Das neue Ghetto Schauspiel in 4 Akten von Theodor Herzl. Hellmann. Frau Hellmann. Hermine6 } deren Töchter Rheinberg.• . . Dr. Jakob Samuel. Samuel. Frau Samuel.. Dr. Friedhelmer. Dr. Bichler .. Dr. Franz Wurzlechner . . Peter Vednik. Wasserstein. Gm Solizitator. Wabi.; . . Resi. Ein Diener . Ort: Wien. .Erich Reusch .Ida Neu .Helene Lanna .Jo Rossi .Jose! Christean .Hans Stolfa .Härtner .Rosa Monati .Fritz Lunzer .Kurt Reisegger .Fritz Kastei .Erich Rawn ....... Egon Brecher .Jose! Hübner .Matianne Heller .Ella Webers .Jose! Bauer Zeit: 1893. Kartenverkauf: Intimes Theater, Praterstraße (Nestroyhof), Basar I, Rotenturmstraße. Politik an der Futterkrippe. Das Heulen und Brüllen ist verstummt. Bienerth hat wieder einmal zur Fütterung geblasen. Die Herrschaften stehen dicht gedrängt an der Krippe. Der Lärm war gewiß nicht appetitlich, aber das dumpfe Geräusch der Freßpause ist ekelhaft. Das schmatzt und schnappt, pfaucht und knurrt sich an, wenn einer den fetteren Bissen stibitzen will. Den Großen wirft die Regierung Ministerportefeuilles, Gouverneur- und Präsidentenstellen hin, den Kleineren hält man Sektionschef- und Hofratsposten vor. Der Ausbau der „nationalen Gesetzgebung“, die geplante Kreiseinteilung in Böhmen allein wird 40 neue Statthaltereiräte schaffen, von Hunderten anderer bescheidenerer Sinekuren nicht zu sprechen. Es läßt sich ganz so an, als sollte kein lautes Maul im weiten Donaureiche ungestopft bleiben. A Y Länger als;jzwel^Brer::.wmlbei: uns ausschließlich nach dein System der Bestechung von oben herab gewirtschaftet. Von einer feilen Presse unterstützt, haben es die Regierung und die an der Schüssel sitzenden Berufspolitiker so weit gebracht, daß die Bevölkerung ruhig, fast amüsiert, die gröbsten Kuhhändel mit ansieht, als ginge das alles nicht auf Kosten ihres politischen Rechtes, auf Kosten ihres Säckels. Fälle, die früher Empörung entfesselt hätten, scheinen heute selbstverständlich. Große Parteien, zum Beispiel die Polen und Christlichsozialen, welche der Regierung offiziell den Krieg erklären, dürfen gleichzeitig diese Regierung mit Ministern, respektive ihre Leute mit Ministerposten versorgen. Die „Deutschfreiheitlichen“, welche im Parlament und in Versammlungen erklären, daß sich das Deutschtum in höchster Gefahr befinde und man in der jetzigen Regierung den ärgsten Feind erblicken müsse, gestatten den Parteigenossen die Annahme von Portefeuilles aus den Händen des „ärgsten“ Feindes. Angesichts dieser „höchsten“ Gefahr für die Deutschen in Oesterreich, darf ein D e r s c h a 11 a — ein Mann, der die Deutschen geführt und dem die Rolle des nationalen Führers die glänzendste Karriere erschlossen hat — im Besitze der Ministerpension einfach erklären, er hätte von der Politik genug und wolle lieber Lloydpräsident sein. Auch darin erblickt die nationale und „freisinnige“ Presse eine „Errungenschaft“ für das deutsche Volk. Weißkirchner, noch vor wenigen Monden der verachtete Barrierestock Luegers, der berüchtigte christlichsoziale Wahlgeometer, wird heute auch von der sogenannten Judenpresse . als Hapdelsminister und „Verwaltüngsgenie“ v devotest gefeiert. Und so reiht sich Fall an Fall. Die Teilnahmslosigkeit der Bevölkerung all’ diesen krassen Vorfällen gegenüber, zeigt am deutlichsten, wie tief und breit die politische Korruption heute in Oesterreich gegründet ist. Sie beherrscht das Parlament absolut. Ob nun der Reichsrat in seiner Zusammensetzung bestehen bleibt oder die Regierung Neuwahlen ausschreibt, eines steht fest: Auf lange Zeit hinaus werden in diesem Volkshause die gerechten Forderungen der kleinen Nationalitätengruppen, derRuthenen, Italiener, Juden und anderen kein Gehör finden. Auf lange Zeit hinaus werden alle Stimmen, welche für die Schwachen und Bedrängten Rechte Uebermensch und Jude (Eine Unterredung.) Rüben Brainin, der bekannte glänzende Hebraist suchte bei seiner jüngsten Anwesenheit in London den berühmten Schriftsteller Bernhard Shaw auf. Zwischen beiden entspann sich eine interessante Unterhaltung, über die Herr Israel Cohen, der als Dolmetsch funktionierte, ausführlich berichtet. Wir lassen die bemerkenswertesten Stellen dieser Unterhaltung folgen: Shaw: Sind Sie Zionist? Brainin: Ja. Shaw: Mein Freund Zangwill ist auch Zionist und hat mich für diese Bewegung sehr interessiert. Brainin: Zangwill ist nicht Zionist, sondern Territorialist — das ist jemand, der nicht Palästina als das einzig mögliche Land ansieht, sondern der mit irgend einem Lande zufrieden wäre. Shaw: Ich weiß nicht, warum die Juden ein andeies Land suchen. Ihre Zerstreuung über ganz Europa verleiht ihnen doch so viel Macht und Einfluß. Wo immer sie wohnen, kommen sie vorwärts, ebenso wie die Irländer, welche in ihrem eigenen Lande dahinsiechen, aber in jedem anderen gedeihen. Brainin: Die Bewegung, ein eigenes Land für uns zu erlangen, entspringt dem Bedürfnis, ein eigenes, nationales Leben zu führen. Die Juden haben ein gut Teil ihrer Kraft dazu verwendet, um sich ihrer Umgebung anzupassen und haben dadurch viel von ihrer Eigenart eingebüßt. Shaw: Ich habe in den letzten Jahren nichts von einer Anpassung der englischen Juden bemerkt. Als ich jünger war, waren solche Versuche einer Anpassung — wie zum Beispiel durch Namensänderung — häufig. Aber seit George Eliot hat sich das Verhalten den Juden gegenüber gebessert und die künstliche Anpassung hat aufgehört. Als Ire finde ich, daß man populär wird, wenn man seine eigene Nationalität hervorkehrt. Brainin: Haben Sie Kenntnis von der jüdischen Renaissance, die jetzt aufblüht, von der jüdischen Kunst und Literatur, die durch den Nationalismus befruchtet wurde? Shaw: Nein, ich kann nicht behaupten, daß ich diese Kulturbewegung kenne. Natürlich weiß ich, daß die Juden eine große Rolle in der revolutionären Bewegung spielen und Revolutionäre sind regelmäßig von der Bibel inspiriert. Das erklärt so manches. Ich wüßte gerne, ob die Juden, dank der Ueberlegenheit der englischen Bibelübersetzung, in England mehr Einfluß haben, als am Kontinent. Denn, wie Sie wissen, ist die englische Uebersetzung ein Kunstwerk. Dagegen sind die fremden Uebersetzungen schlecht nnd werden kaum gelesen. Ich verwende oft in meinen Stücken Ausdrücke und Bezeichnungen aus der heiligen Schrift und finde, daß meine Uebersetzer dadurch oft in Verlegenheit kommen. Da verweise ich sie auf ihre Bibel und die Verwirrung ist beseitigt. Brainin: Die Bibel ist völlig unübersetzbar. Der jüdische Genius hat sich weder in Malerei, noch Skulptur, noch Architektur geoffenbart, sondern nur in der Wortmalerei der Bibel und nichts von ihrer wahren Anmut oder Poesie kann in einer anderen Sprache wiedergegeben werden. Ich gebe gerne zu, daß die Vortrefflichkeit der englischen Uebersetzung der Liebe der Engländer zur Bibel zu verdanken ist. Aber sicherlich, das allein bedingt nicht die Art der Steilung der Juden in diesem Lande. Wie verhält es sich mit den geschichtlichen, politischen, sozialen und psychologischen Faktoren? Shaw: Es ist wahr, da gibt es eine Menge Umstände, die zu berücksichtigen wären. Uebrigens sollte ich voraussetzen, daß die Juden in England sehr unpopulär seien, nicht bei Iren und Schotten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.