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Jüdische Zeitung · 1909-02-12 · 7 (12.2.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Brutal und feig. Helsingfors. Der finnländische Senat hat bezüglich seiner Stellung zur Judenfrage die folgende Erklärung abgegeben: „Von allen Seiten werden wir Finnländer des Antisemitismus beschuldigt. Das ist jedoch falsch. Wir tun nichts anderes, als daß wir die vor uns geschaffenen Gesetze über die Juden einhalten. Von diesen Gesetzen ist der finnländische Senat niemals abgewichen. In der letzten Zeit wurden aus Finnland 70 jüdische Familien und 43 jüdische Einzelpersonen, die in Finnland kein gesetzliches Wohnrecht besessen, ausgewiesen." Der Senat gibt zu, daß er die Juden aus dem Lande jagt, verwahrt sich aber gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Er redet sich auf Gesetze aus, die er selbst geschaffen hat und jeden Tag ändern kann. Besonders kraftvoll, klar und überzeugend wird diese Proklamation des finnischen Senates jedenfalls nicht wirken. * * * Der jüdische Abgeordnete von Bagdad. Konstantinopel. Der vierte jüdische Abgeordnete Sa ssoon Eskell wird dieser Tage aus Bagdad eintreffen. Ueber die Wahlvorgänge in Bagdad schreibt der „Stambul“ vom 30. Jänner folgendes: „In dieser Grenzstadt des Reiches haben die erklärten Gegner des neuen Regimes, unter dem Deckmantel eines Pseudo-Patriotismus, nicht aufgehört, den unheilvollen Einfluß auf die Masse auszuüben. Diese Spione [des alten Regimes waren es, die die letzten Unruhen wie die tatsächlichen Angriffe aufdiejuden anstifteten. Diese Feindseligkeiten, hauptsächlich den Juden gegenüber, gewannen am Tage der Wahlen eine besondere Bedeutung. Unter 65 Wahlmännern zweiten Grades, denen die Wahl dreier Deputierten oblag, zählte man 39 Mohammedaner, 26 Juden und 1 Christen. Der Zahl nach hatten die jüdischen Wahlmänner ohne die Stimmen ihrer moslemischen Kollegen sicherlich nur geringe Chancen, eine ihrer Kandidaturen triumphieren zu sehen. Indessen durften sie auf diese Hilfe auf Grund vorhergegangener Besprechungen zwischen den Wählergruppen und gegenseitiger Konzessionen rechnen. Allein die erwartete Unterstützungverriet sich im gegebenen Augenblick durch nichts anderes als — völlige und systematische Wahlenthaltung seitens der Mohammedaner. Natürlich erfolgte das geplante Fiasko. Alle drei Erwählten waren zuerst Mohammedaner. Dieser Boykott des jüdischen Kandidaten war um so unqualifizierbarer, als dieser, selbst unter den Mohammedanern, sich allgemein einer gerechten Popularität erfreut Von kultiviertem Geist, mit Gedanken, die dem Fortschritt ergeben sind, polyglott, da er lange in England lebte, hat Sassoon Eskell, den pöbelhafte Machinationen unterliegen lassen wollten, die höchsten Vorstellungen von den Aufgaben der Vertreter der Kammer. Es ist ja bekannt, daß schließlich die Sache ihre Regelung fand, indem einer der muselmanischen Deputierten zugunsten Sassoons verzichtete, — ganz wie es unter analogen Verhältnissen in Smyrna zugunsten einer anderen Nationalität geschehen war. Die vorherrschende Rolle, die die Bagdader Juden in allen aktiven Lebensschichten spielen, und die Wohltaten, die für das Gedeihen dieses Landstriches daraus sich ergeben, sind unbestritten. Um so mehr verdiente ihre Beschwerde bei dieser Gelegenheit aufmerksame Beachtung. Und diese haben die Mitglieder des Jungtürkenkomitees, diese Helden der Freiheit, die sich ein Gesetz daraus machten, Gerechtigkeit und Recht zum Siege zu führen, den Juden von Bagdad nicht vorenthalten.“ * * * Antisemitismus im Burenlande. Johannesburg. In Südafrika und insbesondere in den Transvaalkolonien macht sich oft eine j udenfeindliche Stimmung geltend, die zu ernstlichen Besorgnissen Anlaß gibt. Ein hiesigerjude hatte jüngst einen Rechtsstreit mit einem Eingeborenen. Der Eingeborene ging mit seiner Klage zum Friedensrichter, der gleichfalls ein Bure ist. Nachdem dieser die Ausführungen des Klägers angehört hatte, sagte er in Gegenwart des Juden: „Hätten Sie sich an eine anständige Firma gewendet, anstatt zu einem Juden zu gehen, so hätten Sie sich diese Unannehmlichkeiten erspart.“ Der IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 7 solchermaßen gekränkte jüdische Kaufmann richtete eine Beschwerde an den Minister für innere Angelegenheiten, der jedoch', wie es scheint, die Angelegenheit zu verschleppen sucht. Aber nicht nur unter den Eingeborenen, sondern auch unter den englischen Kolonisten macht sich ein sozialer Antisemitismus fühlbar. So veröffentlicht ein führendes englisches Blatt erst vor kurzem wieder den Brief eines englischen Kolonisten, in welchem dieser die tendenziöse Aeußerung macht, die Engländer würden bald gezwungen sein, nach England zurückzukehren, während die Juden in Massen einwandern, um in dem Lande, das mit dem Blute englischer Söhne erworben wurde, Reichtümer anzuhäufen,' mit denen sie dann dem Lande den Rücken kehren. Der „South African Jewish Chronicle“ weist demgegenüber darauf hin, daß die Juden nicht nur 'als Exploiteure nach Südafrika kommen, daß es unter ihnen vielmehr eine große Anzahl Pioniere gibt, die unter großen Opfern und Mühen überaus wichtige Kulturarbeit vollbringen. Insbesondere russische Juden haben sich als Ackerbauer in den entlegensten und verlassensten Gebieten außerordentlich bewährt, wofür die vielen von ihnen ins Leben gerufenen Farmen das beste Zeugnis ablegen. '_ Mährisch-schlesischer Distriktstag. Am 17. Jänner fand in Olmütz der diesjährige ordentliche Distriktstag für Mähren und Schlesien statt An demselben nahmen als Vertreter von sieben Vereinen 16 Delegierte teil, unter ihnen auch das ganze engere Distriktskomitee und die Obmänner der Kreise Iglau, Proßnitz, Troppau und Bielitz. In das Bureau wurden gewählt: Herr Wilhelm Spitzer, Olmütz, als Vorsitzender; Herr Dr. S. Friedmann, Troppau, als Vorsitzender-Stellvertreter und Herr Josef Grünb erge r, Olmütz, als Schriftführer. Den Rechenschaftsbericht des engeren mährisch-schlesischen Distriktskomitees erstattete der Obmann Herr Dr. Robert L i c h t w i t z. Er betonte, daß das Distriktskomitee bei der Führung der Geschäfte in erster Linie bemüht war, die Arbeiten im Distrikte nach bestimmten Grundsätzen einheitlich zu gestalten. Es schritt sofort nach seiner Konstituierung daran, die auf dem vorjährigen Distriktstag zu Troppau geschaffene Institution der Kreise ins Leben zu rufen. Während sich jedoch in Troppau, Proßnitz und Iglau in den Gesinnungsgenossen Dr. Gallus, Fritz L ö w und Richard Weißenstein bald geeignete Kreisobmänner fanden, stieß die Konstituierung der anderen Kreisleitungen auf mancherlei Schwierigkeiten, bis in Bielitz Gesinnungsgenosse Adolf Huppert an die Spitze des Kreises trat, Gesinnungsgenosse Dr. Re ach in Gaya die Leitung des Kreises Ung.-Hradisch übernahm und in Brünn Gesinnungsgenosse Kornelius St rach die Geschäfte eines Kreisobmannes in umsichtiger und rühriger Weise führten. An dem Zusammenschluß der drei westösterreichischen Distrikte, mit der Schaffung eines westeuropäischen Zentralkomitees und Zentralbureaus endgültig erfolgte, nahm das Distriktskomitee lebhaften und aktiven Anteil. Am 10. Mai 1908 fand in Brünn eine Sitzung des großen Distriktskomitees statt, die von allen Kreisobmännern besucht war und über alle Angelegenheiten des Distriktes beriet. Vor Beginn des westösterreichischen Parteitages hatten die Gesinnungsgenossen aus. unserem Distrikte auf dem vom Distriktskomitee einberufenen außerordentlichen Distriktstag Gelegenheit, zum Parteitag selbst Stellung zu nehmen. Das Distriktskomitee richtete seine Aufmerksamkeit von Anfang an dahin, in jedem von Juden bewohnten Orte des Distriktes wenigstens einen Vertrauensmann und womöglich auch Nationalfondskommissär zu gewinnen. Es wurde ein für die Massenagitation bestimmtes Flugblatt vom Distriktskomitee verfaßt und in 6000 Exemplaren über den ganzen Distrikt verbreitet. Die eifrigste Sammelarbeit für den jüdischen Nationalfonds war das nächste Ziel des Distriktskomitees; es sorgte für rasche und weiteste Verbreitung von Broschüren, Flugschriften, Sammelbüchsen und Sammelbogen, förderte die Oelbaumspende insbesondere aus Anlaß der Herzlfeier, hielt alle Sammelmittel in stetem Kontakt mit der Sammelstelle in Wien in genauer Evidenz, so daß eine erhebliche Steigerung der Eingänge für den Nationalfonds verzeichnet werden kann. Die Organisation der Schekelsammlung läßt viel zu wünschen übrig, sie" bedarf einer durchgreifenden Verbesserung. Das Distriktskomitee hat genaue Listen über alle Schekelzahler angelegt, die für die nächstjährige Sammlung als Grundlage dienen werden. Die Gesamtzahl der Schekel betrug im Jahre 1908 1282 Schekel gegenüber 1305 Schekel im Jahre 1907, doch wurden 1390 Kronen 40 Heller gegenüber 1305 Kronen im Jahre 1907 abgeführt. — Einen wunden Punkt in der Organisation bildet die Parteisteuer, auf deren Eingang das Distriktskomitee geradezu angewiesen ist, um seine Verwaltungskosten zu decken. Die Auslagen für die Anschaffung von Agitationsmaterial, Schreibrequisiten und Porti — der Schrftführer allein hatte 323 Briefe zu versenden — für Vergütung von Reisespesen, der Beitrag zu den Kosten des ersten österreichisch Zentralkomitee im Betrage von 700 Kronen machen es unumgänglich notwendig, daß jeder Gesinnungsgenosse seine Parteisteuer entrichte, soll nicht der ganze Organismus wieder Stillstehen. — Von dem Arbeitsausschüsse der mährisch-schlesischen Ferialverbindungen, welcher die Studentenschaft im engeren Distriktskomitee vertreten sollte, wurde diese fast ganz im Stiche gelassen; auf 21 Briefe erhielt es drei Antwortschreiben, die an den Arbeitsausschußabgesandten Schekelblocks kommen zurück, ohne daß ihnen auch nur ein einziger Schekel entnommen worden war. Das Distriktskomitee würde es mit Freuden begrüßen, wenn die in Wien inskribierten Studenten aus unserem Distrikte ihren Pflichten der Organisation gegenüber eifriger nachkämen, wie es die Brünner Studentenschaft in so erfreulicher Weise tut. Die Grundsätze, von denen sich das Distriktskomitee bei allen seinen Arbeiten leiten ließ, lassen sich in den Worten zusammenfassen: Zielbewußte, von unten nach oben aufbauende Werbetätigkeit für den Zionismus im Sinne einer ausgesprochenen Palästinaarbeit und Zurückstellung einer politisch österreichischen Tätigkeit hinter Jener. Dazu gehört insbesondere auch die Durchsetzung aller schon bestehenden jüdischen Körperschaften und Vereinigungen mit Gesinnungsgenossen, in erster Linie natürlich auch der Kultusgemeindevertretungen. Sodann erstatten die Kreisobmänner ihre Berichte, und zwar: Für den Kreis Iglau Kreisobmann Richard Weißenstein, Vertrauensmänner in Teltsch, Triesch, Jamnitz, Piesling, Schaffa und Trebitsch; der Kreis brachte. 156 Schekolim, Iglau 101 Kronen Parteisteuer auf. Für den Nationalfonds wurden 368 Kronen 74 Heller und Materialien gesammelt. Neugründung: Jüd.-akad. Ferialis Hasmonäa in Iglau. — Für den Kreis Bielitz Kreisobmann Adolf Huppert: 304 Schekolim, 46 Kroneu Parteisteuer, 96 Kronen Parteifonds. In Gründung begriffen: Bürgerverein in Teschen und ein Frauenverein in Bielitz. — Für den Kreis Proßnitz Kreisobmann Fritz Löw: Schekolim, wobei Schekel aus Kremsier, Prerau und Mähr.-Weißkirchen unbefugterweise an das innerösterreichische Distriktskomitee abgeführt wurden, 130 Kronen Parteisteuer. Für den Kreis Brünn Herr Winkelsberg in Vertretung des Kreisobmannes: 149 Schekolim. Neugründnng: Jüdischer Turnverein in Brünn. In Gründung begriffen: Volksvereine in Brünn, Austerlitz unS Butschowitz. Jüdische Volksbank für Mähren und Schlesien in Brünn. — Für den Kreis Ungarisch-Hradisch: Herr Finzi in Abwesenheit des Kreisobmannes: 184 Schekölirn, 10 Kronen Parteisteuer. Für den Kreis Troppau Kreisobmann Dr. Gallus: Vertrauensmänner in M.-Ostrau, Oderberg, Schönbrunn, Jägerndorf, Hotzenplotz, Odrau, Bautsch, Freiwaldau. 261 Schekolin, 156 Kronen Parteisteuer, 578 Kronen 63 Heller für den Nationalfond, 100 Kronen Parteifond. Neugründung: Volksverein Zion in Freudenthal, in Gründung begriffen: Volksvereine in Oderberg und Mähr.-Ostrau. Aus dem Berichte des Kassiers H. Dr. Fritz Ekstein war zu entnehmen: Eingang 1174 Kronen 25 Heller, Ausgang 844 Kronen 53 Heller, daher ein resultierendes Baarsaldo von 329 Kronen 72 Heller. An das westösterreichische Zentralkomitee wurde bisher ein Betrag von 623 Kronen 43 Heller geleistet. Nach eingehender Debatte, in welcher die Klage häufig wiederkehrte, daß der Mangel an geeigneten Rednern die Entwicklung der Bewegung sehr behindern und nach dem Berichte der Revisoren, der Herren Wilhelm Spitzer und Josef Grünberger, daß sie die Kassa in vollster Ordnung befanden, wurde dem abtretenden Distriktskomitee Absolutorium erteilt und der Dank ausgesprochen. Sodann erstattete Gesinnungsgenosse Gustav Finzi das Budgetreferat; er beziffert das Erfordernis für das nächste Geschäftsjahr mit 1880 Kronen; die Bedeckung ist in den Eingängen aus der Parteisteuer und der Rückvergütungsquote der Schekolim, deren Einhebung aufs kräftigste forciert werden muß, in einer von jeder mit Entree stattfindenden Veranstaltung zu bezahlenden Abgabe per 10 Kronen und endlich in einem 50 Kronen betragenden Beitrage der Nationalfond-Sammelstelle zu den Lasten der Nationalfond-Verwaltung im Distrikte zu finden. Der Vorschlag wird nach erschöpfender Diskussion einstimmig angenommen. Hierauf berichtet Gesinnungsgenosse Dr. Fritz Ekstein über den Nationalfond; er konnte bei einer Schlußsumme von 6651 Kronen 7 Heller eine erfreuliche Steigerung der Nationalfond-Einnahmen feststellen; nachdem er die einzelnen Sammelmittel und ihre Ertragsfähigkeit besprochen hatte, richtete er einen warmen Appel für den „Bezalel“ an den Distriktstag. Die Neuwahlen ergaben: Dr. Robert Lichwitz, Obmann, Gustav Finzi, Dr. Simon Friedmann, Dr. Fritz Ekstein, Mitglieder des engeren Distriktskomitees, das seinen Sitz in Troppau behält. Dem ausscheidenden Gesinnungsgenossen Heinrich Slatner wird für seine überaus rührige Tätigkeit der besondere Dank des Distriktstages ausgesprochen. Von den am Distriktstage beschlossenen Resolutionen sind hervorzuheben: 1. Resolution des H. Ing. Oskar Stern (Giskala, Proßnitz) beinhaltend, daß der IX. Kongreß in Wien stattfinden möge;

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