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Jüdische Zeitung · 1909-02-12 · 7 (12.2.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 und der peitsche im Stiefelschaft, sind fast ein-Stück Bauernvolk. •: Diesen Hausierern, die. von Gewitsch oder Austerlitz aus über Land gehen und am Rücken ein ganzes wohlassortiertes Warenlager ertragen, kann man schon zumuten, daß sie auf ein „Hepp, Hepp!“ schlagfertig zu antworten wissen, und diese kleinen und kleinsten Krämer im Marktflecken und Dörfern sind nüchterne und kampfgewohnte Menschen, die sich schließlich in den ärmlichen vier Wänden ein Familienglück zimmern und solange darben, bis sie richtig ihren Jakob oder Hugo zur Stadt „in die Latein“ schicken, wo dann der Bub die blumigen Pfade der Kosttage und Freitische wandelt. Aber wir wissen es alle, daß dieses Menschentum —- das beste und kräftigste, welches wir überhaupt im Westen haben — jämmerlich zugrunde geht, daß nur mehr der zehnte Teil in seiner Heimat sitzt. Einzelne Kategorien von gewerblichen Berufen sind überhaupt schon ausgestorben. Noch vor kaum 25 Jahren, als es für uns noch ein Nikolsburg gab, ein Austerlitz, Boskowitz, Pohrlitz, usw., lebten in der Judenstadt jüdische Fleischer und Bäcker, Schuster und Schneider, wohlakkreditierte Wirte und rühmliche Zuckerbäcker, und wir hatten unsere Fuhrknechte und Lastträger. Diese Existenzen sind schon verschwunden. Denn alle unsere Städtchen und Marktflecken sind nach Wien ausgewandeit. 0, du begeisterter S. S. Kohn, „Verfasser des Gabriel“ und du, seliger Kompert, ihr würdet heute eure Helden kaum wiedererkennen! In der Taborstraße suchen sie vergeblich Hemdknöpfe anzubringen, vor dem Cafe Dogenhof oder Orient lauern sie auf ein Kommissiönchen, in den Massen- ■quartieren--warten -sie -den Jammer des nächsten Tages ab und manches Gestrandeten letzter Trost ist der Reingewinn, den das Kränzchen des „Vereines der Trebitscher in Wien“ — es ist immer das sichere Anzeichen für den nahen Verfall einer jüdischen Landgemeinde, wenn sich in Wien ein „Verein“ aufhaut — für verarmte in Wien lebende Trebitscher abwerfen wird. Und jeder Zug der Nordbahn wirft neue ruinierte Menschen in den Rachen der christlichsozialen Millionenstadt. Bald wird niemand mehr in den „autonomen Gemeinden“ zurückgeblieben sein, wie der Tuchgewaltige und der Weingroßhändler, der Malzfabrikant und der Rübenkönig, vielleicht noch der Rabbiner samt Schammes, einige alte Leute, die nicht mehr flüchten konnten und der einzige jüdische Polizeimann als Gemeindebüttel „zur Disposition.“ Ueber die Ursachen dieses Ruins auch nur ein Wort zu verlieren, erscheint einem Zionisten anno 1909 für mehr als überflüssig. Seitdem H e r z 1 seine „Jagd in Böhmen“ geschrieben hat, wird in der zionistischen Presse in tausend Varianten das traurige Lied vom internationalen Boykott gesungen, der nichts anderes ist, als der Boykott gegen die Juden und den die jüdischenDeutschenuudjüdischen Tschechen am Gewissen haben. Als der deutschfreisinnige Judeustämmling Abgeordneter Dr. Licht beim Briinner deutschen Volkstage feierlich auffuhr, eine schwarze Fahne schwingend und hinter ihm die reisige Proßnitzer Khille im Turnerschritt Trutzlieder sang, wurde ein guter Teil jüdischer Kleinbürger mit einem Schlage ruiniert und ebenso ging gewiß jedesmal, wenn der jetzt so still gewordene jüdische jungtscheche Dr. Stransky im mährischen Landtage oder sonstwo eine Brandrede hielt, irgendwo eine jüdische Existenz flöten. JÜDISCHE ZEITUNG. Da sitzen sie nun im Massengrab jenseits des Donaukanals und der deutsche Freisinn mobilisiert im Bunde mit den „Demokraten“ seine Opfer gegen Lueger ... Das muß anders werden. Zwar: diesen Prozeß des Niederganges kann man nicht aus der Welt schaffen. Es liegen ihm ja noch jene tieferen Ursachen zugrunde, durch die die Judenfrage überhaupt entstanden ist: die Emanzipationsitige, der unüberbrückbare Gegensatz, die anormale Schichtung des jüdischen Volkes und nicht zuletzt die unheimliche Tatsache, daß die Entwicklung gegen uns ist. Aber wir dürfen nicht dulden, daß durch jüdische Sünden aus dem Niedergang ein Untergang wird, daß der gewissenlose Sport entarteter Renegaten unsere besten Familien zerreißt und biedere erwerbslustige Menschen zu Wiener Schnorrern und Luftmenschen erniedrigt. Vor allem: Unsere kleinen Landjuden sind utraquistisch bis in die Knochen und beherrschen auch beide Landessprachen. Nur durch ihre Abhängigkeit von den Kahalgrößen werden sie in die Nationalitätenhetze hineingejagt. Da müßte doch, bevor es gelingen wird, den Kahal zu reformieren, eine moderne Organisation des Kredites von segensreichster und augenblicklicher Wirkung sein! Wenn wieder einem Holleschauer Juden der Laden geplündert wird, weil es dem Bürgermeister der Nikolsburger Judengemeinde einfällt, den Hetzaufruf zu einem „Deutschen Volkstage“ zu unterzeichnen, so soll er sich aufrichten und auf der Scholle bleiben können und nicht im Wiener Judenelend versinken müssen. Und gäbe es erst eine gewissenhafte Statistik, die über die Lage der zugewanderten Juden, über ihre Berufsverhältnisse und Lebensbedingungen orientieren würde, dann könnte man unseren Landjuden nachweisen, daß sie vom Regen in die Traufe kommen, wenn sie dört ihre Zelte abbrechen und hieher flüchten. Wir Zionisten haben das größte Interesse daran, dem Anwachsen der großstädtischen jüdischen Reservearmee entgegenzuwirken und unser bestes Pfund, das Landjudentum, zu erhalten. Wir wollen nichts künstlich aufpäppeln und auch nicht nach berühmten Mustern der Welt weismachen, daß man die Entwicklung zurückschrauben kann. Aber wir wollen die Brüder, die schon ohnehin genug von den Nichtjuden zu leiden haben, gegen den Verrat und gegen die Verbohrtheit derjenigen Juden schützen, die wohl selbst nicht ahnen, was sie schon alles an uns verbrochen haben. Machen wir unsere Landjuden unabhängig und wir entfesseln unserem Volkstume ungeahnte Kräftel Dr. O. A. Aus dem jüdischen Leben. Aus dem jüdischen Rathaus. Prag. Sonntag wurde das neue jüdische Rathaus feierlich eröffnet. Das neue Gebäude ist ein An- und Zubau des alten Rathauses. Das alte Rathaus ist schön und jüdisch. Wenigstens durch die Tradition. Das neue Gebäude ist auch schön. Ob es jüdisch ist, wird sich zeigen. Besonders bei den wichtigen Bauarbeiten, die diesmal vielleicht doch eine leistungsfähige jüdische Firma erhalten wird. Der Zweck eines jüdischen Rathauses — auch in Prag — wäre es, ein jüdisches Nationalhaus zu sein. Nach der Uebergabe des Neubaues in die Obhut der Gemeinde sprach Vizepräsident Dr. Bendiener Worte der Erinnerung und der Rückschau und berührte die Pflichten der jüdischen öemeinde. Die weitsichtige soziale Fürsorge gehört allerdings bis heute noch nicht in das Kulturprogramm der Prager Größen. Herr Dr. Bendiener sprach auch einige tschechische Worte, Herr Ober- Seite 5. rabbiner Dr. Ehrenfeld erbat den Schutz Gottes für das neue Rathaus und die Talmud Thora-Schule. Daran dachte er allerdings nicht, daß einige Anwesende vielleicht auch ein paar hebräische Worte, Worte in der Nationalsprache gern gehört und verstanden hätten. Nach Schluß der Festsitzung versammelten sich die Repräsentanten zum erstenmale im neuen Sitzungssäle. * * * Rumänisches. Bukarest. Der Handels- und Industrieminister hat kürzlich ein Schreiben an alle Staats- und Stadt-' behörden versandt, worin er verlangt, daß die Artikel 45 des Handwerkergesetzes und 95 des Reglements desselben Gesetzes streng beobachtet werden sollen. Artikel 45 besagt, daß bei Staats- und städtischen Arbeiten die r u m ä n i sch e n Unternehmer auch dann zu bevorzugen seien, wenn ihr Angebot 5 Prozent teurer ist, und Artikel 95 des Reglements fordert, daß bei Staats- und städtischen Arbeiten nur rumänische Arbeiter beschäftigt werden. Das Monitum des Handelsministers ist also eine rein antijüdische Maßnahme und viele jüdische Arbeiter sehen sich somit neuerdings zur Auswanderung gezwungen. * * Der schimpfliche Judeneid „More judaico“. Bukarest. Leider stellt es sich nur zu bald heraus, daß die Freude über die angebliche Beseitigung der barbarischen Eidesformel „m o r e j udaico“ verfrüht war. Am 3.-16. Januar, also wenige Wochen nach dem von sämtlichen jüdischen Zeitungen gemeldeten Urteilsspruche des Kassationshofes, wonach diese Eidesformel abgeschafft sei, wies das Appellationsgericht zu Jassy die Berufung des Rabbiners Taubes, der seine Assistenz bei solcher Eidesleistung verweigert, zum dritten j Male zurück, legte ihm eine Geldstrafe von 300 Frcs. auf und traf zugleich die Entscheidung, daß diese Eidesformel nach wie vor in traditioneller Form aufrecht zu erhalten sei. Es sind dies dieselben Jassyer Richter, welche vor kurzem vom berüchtigten Professor Cu za und Gesinnungsgenossen des Philosemitismus beschuldigt wurden und vom Justizminister wegen Begünstigung von Juden bei Rechtssachen einen Verweis erhielten .... Diese Ueberraschung war übrigens, bei den zurzeit besonders in den richterlichen Kreisen vorherrschenden Stimmungen den Juden gegenüber vorauszusehen; zumal ja jener Urteilsspruch des Kassationshofes bereits der zweite dieser Art war . . Die Richter lassen sich eben dieses ihr Recht der Judenquälerei nicht so leicht nehmen. * * * Die Juden werden aus Sibirien ausgewiesen. Irkutsk (Sibirien). Hunderte von Juden werden oft wegen geringer Vergehen oder politischen Verdachtes jährlich nach Sibirien verbannt. Daß der Jude in der unwirtlichen Gegend, unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen und beständig den Chikanen der Aufsichtspolizei ausgesetzt, ein ganz besonderes elendes Dasein fristet, ist begreiflich. Oft aber gelingt es dem Juden, wenn er geschickter Handwerker ist, sich durch Fleiß und Intelligenz in der Verbannung, wo er dann auch nach Ablauf der Strafzeit freiwillig verbleibt, eine Art Existenz za gründen und sich mit seiner Familie, die ihm nachkommt, sich kümmerlich 2u ernähren. Dem ist nun von der Verwaltung ein Riegel vorgeschoben worden. Sibirien ist außerhalb des Rayons und darf von einem Juden, wenn er kein Verbrecher ist, nicht betreten werden. Einige hundert jüdische Familien, die. seit vielen Jahren in Irkutsk wohnen, erhielten dieser Tage den Befehl, binnen drei Tagen den sibirischen Boden zu verlassen. Die Unglücklichen, die nun mitten im Winter mit ihren Kindern vor der ziellosen Wanderschaft stehen, haben sich telegraphisch an einige Dumaabgeordnete gewendet und sie um Hüte angerufen. Es ist indes zweifelhaft, ob die Duma bei dem Geiste, der jetzt in derselben herrscht, in der Sache etwas tun wird.

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