Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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S:ite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 7 oder „Nationalliga“ der Juden des türkischen Reiches zitiert: „Zweck: Die „Ahva“ hat zum Ziel die soziale und materielle Hebung der j üdischen Nation im Reiche, damit sie nutzbringend am öffentlichen Leben teilnehmen kann. Hauptsächlich will sie die Freiheit behaupten und verteidigen, welche dem Volke am 11.-24. Juli — am Tage, an welchem die Konstitution von 1876 wieder in Kraft gesetzt wurde — gegeben wurde und die Vervollständigung dieser letzteren durch gesetzgeberische Mittel anstreben. Sie empfiehlt aufs wärmste ihren Mitgliedern, mit den Bürgern aller anderen Rassen und Religionen Freundschaft zu pflegen. Mittel: Um diesen Zweck zu erreichen, will der Verein folgende Mittel anwenden: A. Für die intellektuelle und moralische Hebung: . a) Schaffung von Bibliotheken, Lesesälen und Volksuniversitäten. b) Propaganda des Studiums der türkischen und der hebräischen Sprache. c) Vorträge und Veröffentlichungen, um die Juden zum politischen Leben zu erziehen und sie mit ihrer Lage bekannt zu machen. d) Veranstaltungen von musikalischen und literarischen Abenden, um die Bekanntschaft mit jüdischer Kunst und Literatur zu vermitteln. e) Propaganda für die physische Erziehung. f) Einflußnahme auf die nationalen Schulen und überhaupt auf alle Angelegenheiten der Gemeinschaft. B. Für die materielle und soziale Hebung: a) Gründung von Volksvorschußkassen. b) Schaffung von Konsumvereinen. c) Um die Aufrechthaltung der freiheitlichen Konstitution zu sichern, wird sich die „Ahva“ fortlaufend mit allen anderen zum gleichen Zwecke gegründeten Vereinigungen verständigen. Nur die sogenannten „Hodschas„ (religiöse Funktionäre), welche unwissende Fanatiker sind, verachten die Juden, wie alle Andersgläubigen. Die Masse der Mohammedaner verteidigte sie überall, soweit ihre Macht reichte. Wenn irgend jemand einen Juden mit dem Schimpfwort „Tschefut“ anrief, so legten sich gleich ein paar Türken ins Mittel, verjagten den Beleidiger und beruhigten den Angegriffenen. Im Falle der Beleidiger eine mächtige Persönlichkeit war, «o drückten die Zuhörer ihre Mißbilligung durch eisiges Stillschweigen aus. Immerhin bestanden zwischen Türken und Juden keine intimen Beziehungen, weil beide unter einem furchtbaren Druck standen, der ihnen keine Bewegungsfreiheit ließ. Eine andere türkische Liga ist die „Rodfe Emet“. >Im Viertel Hascuci gegründet, hat sie zum Zwecke, die Interessen der Gemeinschaft mit legalen und friedlichen Mitteln zu verteidigen. Kaum gegründet, hat sie sofort energisch die Arbeit aufgenommen und zu Simchas Thora alle Juden Konstantinopels zu einem Meeting eingeladen, welches am Platze Ok Meidan in Hascuci zur Ehren des neuen „locum tenens“ (stellvertretende Chachambaschis) stattfand. Die spaniolischen Blätter von Konstantinopel melden, daß die vornehmen Juden von Galata und Pera beschlossen haben, einen Verein unter den Namen „Club israelita d’Oriente“ zu gründen. Diese verschiedenen Vereinigungen, welche sich hohe Ziele setzen, haben eine große Zukunft und die Einheit des Volkes, welches sich in ihnen manifestiert, wird dazu helfen, die in den traurigen Tagen des Absolutismus und der Tyrannei verlorene Zeit wieder einzubringen. (L’ I d e a S i o n i s t a.) Der rote Schmock. „Ich kenne weder Christ noch J u d’, Nicht Arier und nicht Semiten, Ich kenn’ nur Menschen, schlecht und gut, — Nur manche nennt man Israeliten. Ich spotte jeder Unterscheidung Hervorgerufen durch Beschneidung! „Nur einen Maßstab kennt die Welt: Der eine hungert zum Erbarmen, Der andre, der Vampyr, hat’s Geld Und saugt am hager’n Leib der Armen — Hier Pracht und Macht, dort Schweiß und Tränen, Hier Opferlämmer, dort Hyänen!“ So sprach der Friedrich Eibensch i t z, Ein Mann, der äußerst viel studierte Und mit Geschmack und Mutterwitz Die „Rote Zeitung“ redigierte — Er seufzte tief und blickte müde Auf seiner Füße Plattitüde. Der arme Jud, der vor ihm stand, War anfangs sprachlos ob der Höhe, Denn es besaß nicht sein Verstand Die Sprungkraft jugendlicher Flöhe; Dann sprach er als ein Unerweichter: „Was hilfts? DerGoj hats trotzdem leichter!“ Da sprang von seinem Sitz empor Der Führer der gedrückten Klassen, Wobei er seinen Gurt verlor, Der schwer nur könnt’ den Bauch umfassen, Und rief im Tonfall des Psalmisten: „Hin-aus mit diesem Zionisten!“ Der arme Jude schlich hinaus, Da hört er eine Stimme sagen: „Gehn’s, machens Ihnen nichts daraus! Dem lieben Schmock liegt was im Magen; Wahrscheinlich hat man ihn von oben Als Kandidaten abgeschoben.“ „Sie haben recht — es tut mir leid! Das weiß er selbst, der alte Fresser, Er spürt es selber mit der Zeit — Bei uns gehts auch den Christen besser! Die Gleichheit ist ja sehr sympathisch Doch bleibt sie meistens programmatisch!“ Der Jude sah den Herren an, Der so konkret gesprochen hatte; Es war ein blonder, junger Mann Mit brennend-roter Schlipps-Krawatte; Er spielte den Antisemiten Und war daher sehr wohlgelitten! Dann geht er fort, indem vor sich Er leise lächelt, leise brummet: „Ein größrer Nebbich noch als ich Ist dieser rote Halb-Meschumed! Was lehrt die nähere Betrachtung? Ich schnorr’ um Geld und er um Achtung!“ Beda. Landjuden. 1 Es ist wohl das traurigste‘Kapitel‘ der westjüdischen Gegenwart, daß unser Landjudentum zugrunde geht. Die böhmischmährischen und schlesischen Landjuden waren immer unser Stolz. Ein schlichtes, durchaus tüchtiges Menschenmaterial, wie es sich nur ein Volk wünschen mag. Unsere braunhändigen Oekonomen und vierschrötigen Viehhändler aus dem mährischen Flachlande sind ja kerngesund und diese Boskowitzer und Nikolsburger Gänsejuden samt ihrer besseren Ehehälfte sind frische, wackere Volkstypen. Die rauhen Holzverfrächter vollends, die man längs der Städtebahn von Krasna und Walachisch- Meseritsch angefangen bis nach Bielitz hinauf trifft, mit der Mütze über den Ohren zuringen, haben gar bald der altjüdischen Jugend der benachbarten Kolonien viel abgeguckt und nehmen es mit religiösen Dingen nicht so genau; jedoch glaube ich, daß sie an Frömmigkeit die jungen Kolonisten bei weitem übertreffen. Die Kinder der Gerim lernen ausnahmslos in den jüdischen Schulen der Kolonien. Die hebräische Umgangssprache haben sie sich, wie bereits erwähnt, leicht angeeignet. Sonst sollen sie in ihren geistigen Fähigkeiten den jüdischen Kindern weit nachstehen. Die Lehrer der Kolonien erzählten mir, daß das Kind eines Ger in der Regel seinem altjüdischen Altersgenossen um eine Klasse nachsteht. In der Lebenshaltung wie im Umgang mit Menschen hat sich bei den Gerim neben dem vergeistigendem Jüdischen noch mancher echte russische Zug erhalten. Morgens zum Frühstück wurden die richtigen russischen Schtschi vorgesetzt, die mit einer gehörigen Anzahl Schnäpse heruntergespült werden. Mitten in der gemütlichsten Unterhaltung erschallt plötzlich aus dem Munde des ergrauten Gotteskämpfers ein echtes kerniges russisches Schimpfwort, das in andere Sprachen nicht zu übersetzen ist. Manchmal dämmert das Bewußtsein des Unterschiedes zwischen ihnen und den Altjuden auf und sie drücken den Wunsch aus, zusammen in einem Dorfe angesiedelt zu werden, um nicht mit anderen in Berührung zu kommen. Die Ica hat jedoch bis jetzt an ihrem Prinzipe festgehalten und Mißstände haben sich hiebei nicht gezeigt. Im Gegenteil, die Angesiedelten sind mit ihrem Lose sehr zufrieden. : Simon Einhorn (Leipzig). Allerlei. Deutsche und Juden in der Bukowina. Die Ortsgruppe Potsdam des Deutschen Sprachvereins veranstaltete einen Vortragsabend, für den der Sendbote des Deutschtums in der Bukowina, Herr Dr. Stark, gewonnen war. Der Redner machte in Bezug auf die Bevölkerung folgende interessante Angaben: . „Von den 600.000 Einwohnern der Bukowina zählen die Deutschen 60.000, die Ruth e n e n 250.000, die Rumänen 200.000, die Juden 12 0,000, die P ölen 60.000, die Slowenen 20.000, die Magyaren 10.000. Dazu kommen noch Großrussen, Armenier und Zigeuner. „Assimilationsjuden“ kennt die Bukowina nicht. Auf politischem Gebiete stehen die Juden dem Deutschtum sehr nahe, haben starke Berührungspunkte mit ihm. Bei Wahlen und Gründungen schließen die Deutschen mit den Juden, als ehrliche Bundesgenossen, ein Kompromiß. — Ja, bei den Wahlen! Da kann schon Herr Dr. Starck Recht haben. Sonst haben an der wüsten Judenhetze, wie sie gerade jetzt in der Bukowina unter dem Minister Dr. G e ß m a n n vor sich ging die chrislichsozialen Deutschen nicht den geringeren Anteil. Juden als Vorkämpfer der Sklavenbefreiung. In einer Broschüre von Leon Hübner finden sich interessante Details über den Anteil europäischer Juden an dem Sklavenbefreiungskriege im Staate Kansas. Die Majorität der Bevölkerung war wohl gegen die Sklaverei, aber die Behörden unterhielten starke Truppen, um.das Volk in Schranken zu halten. Die „Border Ruffians“ verübten die unglaublichsten Gewaltakte. In diesem kritischen Momente erschien der berühmte Feldherr John Brown mit seinen Freiwilligen vor Osawatomie. Unter seinen Offizieren befanden sich auch drei Juden: Theodor Wiener, ein Pole, Jakob Benjamin aus Böhmen und August Bondi aus Wien. Bondi wurde im Jahre 1833 in Wien geboren, genoß eine gute Erziehung und schloß sich, kaum 15 Jahre alt, der akademischen Legion an. Bald darauf wanderte er mit seinen Eltern nach Amerika aus. Im Jahre 1855 siedelte sich die Familie in Kansas an. Wiener und Benjamin eröffneten in Kansas einen Geschäftsladen denn da sie von Anfang an sich der Bewegung gegen die Sklaverei angeschlossen hatten, waren sie den Behörden, die sich durch die Sklaverei bereichert hatten, ein Dorn im Auge. Als später John Brown in offenen Kampf gegen die Sklavenhändler trat, widmete sich August Bondi mit seinen Kameraden Wiener und Benjamin ausschließlich diesem edlen Befreiungswerke. In allen Feldzügen konnte man August Bondi in den ersten Kampfreihen sehen und sein heldenmütiges Verhalten lebt auch heute noch im Gedächtnisse der Bevölkerung des freien Kansas.