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Jüdische Zeitung · 1909-02-12 · 7 (12.2.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7 trotz alledem: Wer hat am lautesten „Heil“ gekreischt, wenn deutsche Judenfresser sprachen? Kuranda! Wer hat sie aufs überschwenglichste angratuliert und herzlichst ihre Pfoten gedrückt und geschüttelt? Kuranda! Wer klebt an ihnen wie zäher Kot an Stiefelsohlen? Kuranda! Wer beschnüffelt brünstig ihre Bänke? Kuranda! Wer ist der ewig belachte und verprügelte Hanswurst für . die Christlichsozialen? Kuranda! Und wer erscheint vergnügt zappelnd und stolz lächelnd auf dem c h r i s tl i c h s o z i a 1 e n Balle der Stadt Wien, geschniegelt und gebügelt? Kuranda, der jüdische Abgeordnete vom jüdischen Kai! Kuranda, der Unverwüstliche, Kuranda, der Unabweisbare, Kuranda, der Unrausschmeißbare! — Als Geschäftsreisender wäre der Mann einfach unbezahlbar gewesen! Die Kunden wären ihn nie los geworden. Sie hätten ihm seine Waren abkaufen müssen, den größten Mist hätte er an den Mann gebracht. Die sachkundigen Wähler vom Kai haben das gewiß bei dem Manne gewittert, wohl deshalb hat er ihre Sympathien im Sturme erobert. Aber Liebe macht blind. Sie haben ihm statt eines Musterkoffers ein Mandat in die Hand gedrückt. Als Kommis voyageur hätte er die schundigste Schundfirma vom Kai zur Blüte gebracht, jetzt treibt seine „Tätigkeit“ die große politische Firma der Wiener uden in den Konkurs. st. * * * Azew — ein Jude. ln der Schandgeschichte der russischen Polizei, welche in der letzten Zeit den Gesprächsstoff der gesamten Welt bildeten, spielt der Judenstämmling Azew die klägliche Heldenrolle. Im Nachfolgenden seien die Bemerkungen des Petersburger „Fraind“ über Azew wiedergegeben: „Die Tatsache, daß Azew als Jude geboren wurde, gibt gewissen Kreisen willkommenen Anlaß zur Behauptung, daß die agents provocateurs echt jüdische Typen sind, daß die Juden als Buseneß-Leute mit allem Handel treiben — sogar mit Menschenblut. Das behauptet Muschikoff offen, das deuten Kusmin-Karawajew und andere in mehr oder minder vefsfeckfer-Weise an. Ein Einzelfall wird herausgegriffen und das Laster eines Individuums wird zur natürlichen verbrecherischen Anlage einer großen Gemeinschaft gestempelt. Das ist alter Brauch, über den wir uns nicht mehr wundern. Merkwürdig bleibt nur, daß dieselben Kreise, welche früher hundertmal wiederholt haben, daß die ganze russische Revolution von Juden gemacht sei, nunmehr erklären, daß die häßliche Provokation gegen die Revolution von den Juden ausgehe. Bald hört man tausend Gründe dafür anführen, daß der Jude von Natur aus Revolutionär sei, bald wieder werden tausend Gründe dafür angeführt, daß der Jude von Natur aus ein Provokateur und Gegner der Revolution sei. dessen wurde wohl dem Beamten bedeutet, daß seihe Experimente nicht zeitgemäß sind. Auch haben sich die Gerim wenig bewährt; sie sind zwar geborene Ackerbauer, aber mit den neuen Verhältnissen wenig vertraut und für das rationellere europäische Ackerbausystem, das sie in Rußland nicht kannten und das die I. C. A. in ihren palästinensischen Kolonien einzuführen bestrebt ist, wenig brauchbar. Deshalb müssen sie jetzt auch so lange auf ihre endgiltige Ansiedelung warten; angesiedelt werden sie schließlich von der 1. C. A. doch, denn diese erachtet es offenbar als ihre Pflicht, diejenigen, die gewissermaßen auf ihre Anregung hin erwanderten, zu versorgen, ein weiterer Zuzug wurde indes gehemmt, obwohl ganze Dörfer bereit sein sollen, ins heilige Land einzuwandern. Die dreizehn Familien, die ich in Beth-Dschen zu beobachten Gelegenheit-hatte, führen ein ziemlich erbärmliches Dasein. Ohne sichere Aussicht auf endgiltige Ansiedlung können sie sich auch keine ordentliche Wirtschaft einrichten, ja nicht einmal gehörige Häuser bauen. So sitzen sie noch jetzt in den halbverfallenen alten arabischen Lehmhütten, die beim ersten stärkeren Regen zerfließen und zerfallen. Mit ihren jüdischen Nachbarn aus Jemma leben sie nicht im besten Einvernehmen. Sie beklagen sich, daß man sie nicht als volle Juden be- JÜD1SCHE ZEITUNG. Wir wollen uns nicht mit diesen Kreisen auseinändersetzen. Wenn wir die Behauptung, daß die ganze russische Revolution auf das Konto der Juden gesetzt werden muß, nicht gelten lassen, so haben wir auch nicht nötig, uns durch Spitzfindigkeit von dem Schandmal Azew zu reinigen. Wenn: auch die antisemitische Ansicht, daß revolutionäre Tätigkeit und Provokation eine jüdische Volkseigenart darstellen, nicht richtig ist, so ist es doch wahr, daß sich die Juden in stärkerem Maße als andere Völker an der Revolution beteiligt haben und daß Azew ein Jude ist. Was folgt aber daraus?, Welchen Standpunkt man auch gegenüber der russischen Revolution im allgemeinen und gegen die. jüdisch-revolutionäre Tätigkeit im besonderen einnehmen mag, man wird doch nicht leugnen können, daß die jüdische, ' aber von Nichtjuden geschaffene Lage die Juden in die Arme der Revolution getriebeu hat. Ob’s recht war oder nicht, gewiß ist es, daß die Juden a I s Juden, weil sie Juden sind, an1 der Revolution teilnehmen mußten. Und Azew? Als Jude, das heißt als verfolgter Mensch, der in bezug auf Recht schutzloser dasteht, als der größte Verbrecher, hatte er nicht den geringsten Anlaß, Agent provocateur zu Werden. Denn indem er gegen die Freiheitsbewegung arbeitete, hat er implicite gegen die Juden gearbeitet. In einem Punkte stimmen wir mit den Antisemiten vollkommen überein, daß Azew eine Schande für das Volk darstellt, dem er entstammt. Aber auch diese Schande verdanken wir den anderen. Denn dieselben Bedingungen, welche die Juden zu Revolutionären machten, haben auch ein derartiges moralisches Monstrum wie Azew geschaffen. Die jüdische Lage: der ewige- Haß, die unerträglichen Beschränkungen, machen es den Juden unmöglich, natürlich zu leben, natürlich zu denken und natürlich zu fühlen. Der Jude muß tausend Kniffe anwenden, um leben zu können. Wie ein verfolgtes Tier sieht er ringsum nur Feinde, die er überlisten und hintergehen muß, um ihren Anschlägen auszuweichen. Starke Naturen ziehen den .Tod einem schändlichen Leben vor. Schwache vermögen das nicht, und je mehr Blut sie vergießen, desto zufriedener sind sie, denn sie haben die Empfindung des Gerächtseins. Ein Typus der zweiten Art ist Azew. Er ist eine Schande für das Volk, dem er entstammt. Er ist aber ein natürliches Produkt der Bedingungen, den unsere Blutfeinde für uns geschaffen und was sie gesäet haben — das ernten sie jetzt.“ Die Juden in Konstantinopel. Von Jakir B e h a r. Die Türkei zählt etwas über 350.000 Juden, Konstantinopel allein 75.000, welche trachtet: „ln Rußland waren wir verfluchte Juden, hier sind wir Hooligans“, klagen sie bitter. Außerdem behaupten sie, die Kolonie belaste sie mit ungerechten Steuern und komme ihnen bei einem Konflikt mit den Arabern nicht zu Hilfe, — was übrigens von den Juden in Jemma bestritten wird. Dagegen leben diejenigen, die bereits definitiv angesiedelt sind, in voller Zufriedenheit und im besten Einvernehmen mit den Juden. Die I. C. A. hat den Weg eingeschlagen, die Gerim äuf verschiedene Kolonien zu je drei bis vier Familien zu verteilen. So wohnen Kolonisten- Gerim in Sedschera, Jemma, Metula. Sie genießen in ihren Kolonien selbstverständlich vollständige Gleichberechtigung, vor allem aber das gleiche aktive und passive Wahlrecht für den Waad (Kolonialverwaltung), — und zur Ehre unsrer jungen Selbstverwaltung in Palästina seis gesagt, — nicht nur auf dem Papier, sondern auch tatsächlich. Manche Kolonie legt sogar besonderen Wert darauf, in ihrem Waad einen Vertreter der Gerim zu haben. Die Haltung der Altjuden zu den neuen Mitgliedern ihrer Gemeinschaft ist in gesellschaftlicher Beziehung einwandfrei, was noch höher einzuschätzen ist, da im allgemeinen unter den Juden eine gewisse Abwehrstimmung den Gerim gegenüber nicht zu verkennen ist. Die jüngeren gehen hiebei bewußt vom Seite 3 hauptsächlich in den Vierteln Hascuei und Bai ata am goldenen Horn, Galata und Pera, den Zentren der Europäer, und in Haidarpascia, dem zukunftsreichen Hafen auf der asiatischen Seite, in Ortamei am europäischen und in Cusciunguc am asiatischen Ufer des Bosporus wohnen. Im Sommer nehmen die reichsten und vornehmsten jüdischen Familien ihren Wohnsitz auf den Prinzeninseln, auf Biucdere und Beicos. Es gibt drei jüdische Gemeinden: die ottomanische, die italienische und die deutsch-österreichische. Die erste und die letzte haben ein religiöses Oberhaupt, das heißt eine Person, welche ihre Studien in irgend einem Seminar oder „Jeschiwa“ gemacht haben, die zweite jedoch nominiert eines ihrer hervorragenden Glieder zu ihrem Präsidenten. Die Gemeinden sind von einander unabhängig, doch leben sie in Eintracht und leisten sich gegenseitig Hilfe. Ueber die Beziehungen der Juden zu den Mohammedanern vor Einführung der Verfassung ist folgendes zu sagen: Seit der Regierung des Sultans Bajaz e t VI., welcher die aus Spanien verjagten Juden hilfsbereit in seinem Reiche aufnahm, hat der Mohammedaner den Juden immer seine Sympathien bezeugt, die sich häufig zu einer gegenseitigen Freundschaft steigerten. Manche abendländischejuden glaubten, daß die Synagogen ihrer türkischen Glaubensbrüder in versteckte Winkel fern von den Vierteln der Mohammedaner angelegt werden mußten, weil diese sie mit scheelen Augen ansehen. Demgegenüber ist zu betonen, daß der türkische Mohammedaner — im Gegensatz zum persischen — gegen andere Bekenntnisse sehr tolerant ist. Man sieht sie sogar manchmal in den Synagogen, um an den Gebeten teilzunehmen oder irgend eine Ansprache zu hören, wie sie dort zum Beispiel am Geburtstag und am Thronbesteigungsfest des Sultans in türkischer Sprache gehalten wird. Heute, wo die Konstitution den Druck von den Gemütern genommen hat, werden die Beziehungen zwischen Juden und Türken engere. Das kann man zum Beispiel an der Sprache der Journale sehen, welche sich sehr günstig über die Juden aussprechen und ihnen einen großen Anteil an dem Sieg der Freiheit zuschreiben. Die Juden benützen den günstigen Augenblick. Kaum war die Konstitution verkündet, als sie sich schon zusammenschlossen und Vereine zur Hebung ihrer Lage bildeten. Des Interesses halber sei hier Artikel 1 der Statuten einer dieser Vereine, der „Ahva“ Rassenstandpunkte aus, die älteren scheinen der Aufrichtigkeit ihrer Bekehrung zum Judentum nicht recht zu trauen. Von besonderem Interesse wäre ja die Frage der Mischehen zwischen Altjuden und Gerim. Die kurze Spanne Zeit genügt aber noch nicht, um Schlüsse zu ziehen. Für die letzteren erscheint die Mischehe als höchstes Ideal, und einzelne Fälle sind bereits zu registrieren; doch scheinen die letzteren eine gewisse Abneigung nicht überwunden zu haben. Ein alter jemenitischer Jude, der ebenfalls auf definitive Ansiedlung wartet und bisweilen unter den Gerim in Beth-Dschen wohnt, drückte sich, als ich diese Frage berührte, naiv und derb aus: „Wer wird sich mit ihnen verschwägern? Bios wer ein Dieb ist, oder ein Ehebrecher, oder ein Sabbathentweiher.“ Was die geistigen Ansprüche der Gerim betrifft, so ist das ältere Geschlecht noch ganz von den Nachklängen jener religiösen Diskussionen und Kämpfe erfüllt, die es in seiner alten Heimat auszutragen hatte. Bis heute ist ihr Sinn noch auf das mystisch-religiöse gerichtet geblieben, bei jedem dritten Worte wird die Bibel zitiert, im Auge blinzt noch nach die extasische Flamme des religiösen Fanatikers. Die Jüngeren, die nicht gezwungen waren, sich selbst zu einem neuen Glauben durch-

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