Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 7 immer solch’ unendliche Lebenskraft zeigt, muß doch eine ungeheuere moralische Kraft in sich haben, sonst hätte es längst aufgehört zu existieren. Das jüdische Volk repräsentiert eben das Prinzip des ausgeprägtesten Individualismus. Nicht nur der Mangel an geistiger und moralischer Kraft hat seine Schwäche verursacht, sondern der Ueberfluß an starken Individualitäten. So stark ist dieser Individualismus, daß er sich nur schwer mit einer Organisation, welche Unterordnung und Disziplin vom Einzelnen verlangt, vereinigen läßt. Und das ist auch die Urscahe, warum Israel, das ewige Volk, zwar noch in ungebrochener Jugendkraft lebt, aber seine Machtstellung nicht zu behaupten weiß. Erst der neueren Zeit blieben größere und wertvolle Versuche der Organisierung der Juden Vorbehalten. Ein solcher Versuch war die Begründung der Alliance Israelite. Diese mit großen Mitteln von reichen Leuten ins Leben gerufene Organisation, leistet ohne Zweifel manches Ersprießliche. Aber sehr wenig für die Gesamtheit, da sie auf dem Prinzipe der Mildtätigkeit der Reichen für die Armen beruht. Aehnliche Gründungen hat der verstorbene Philantrop Baron Hirsch unternommen. Betrachtet man aber die ungeheuren Mittel, welche zur Verfügung gestellt wurden, die erzielten Resultate, so wird auch der unparteiischeste Beurteiler zugestehen müssen, daß die Erfolge in keinem Verhältnis zu den Mitteln stehen. Man wollte den armen Juden durch Geschenke helfen. Um aber ein Volk zu heben, muß man es zur Selbsthilfe erziehen. Diese Aufgabe hat der Zionismus übernommen. Seine Tätigkeit erschöpft sich nicht in der Palästinaarbeit. Die ungeheure Bedeutung des Zionismus besteht vielmehr darin, daß sie überhaupt die einzige jüdische Organisation darstellt, welche das ganze Volk und die ganze .Welt umspannt. Sie ist keine gemachte Bewegung, sondern aus dem Bedürfnisse hervorgegangen. Sie umfaßt immer weitere Volkskreise, und wenn sich die Reichen und Satten vielfach ablehnend verhalten,so zwingtsiedoch immer weitere Volksschichten in ihren Bann. D i e zionistisch e Bewegung ist nicht mehr und nicht weniger als die Renaissance des Judentums. Sie muß sich darum auf allen Gebieten betätigen: auf dem wirtschaftlichem, dem geistigen und politischen. Wer das nicht versteht, versteht den Sinn der Bewegung nicht und verkennt die Lage des jüdischen Volkes: Eine gute, einheitliche und kräftige Organisation schaffen, das müssen wir, das Volk der Individualisten, lernen. Nicht stumme und willenlose Heerfolge einzelnen Personen und Schlagworten leisten, sondern bewußte Unterordnung des Einzelnen, dem großen gemeinsamen Ziele, der Vervollkommnung unserer Organisation zuliebe. L. B. Rundschau. Von den jüdischen Dunkelmännern. Unter der gleichen Spitzmarke wurde in der letzten Nummer dieses Blattes von dem famosen Warschauer Rabbinerkongresse berichtet. Es wurde die Vermutung ausgesprochen, daß diese saubere Gesellschaft, diese ortodoxen Mucker schwärzesten Kouleur, diese jüdischen Hetzpfaffen und betrügerischen „Wunder“rabbis sich der Patronanz der russischen Regierung erfreuen und dem zaristischen Polizeiregime in die Hände arbeiten. Der weitere Verlauf dieses Kongresses, der von der Regierung nicht mehr und nicht weniger als die Etablierung einer jüdischen Inquisition verlangt, beweist, wie zutreffend die ausgesprochene Vermutung war. Der judenfeindliche Zar und seine Werkzeuge einerseits und die frommen Herren Rabbinner anderseits überhäufen sich gegenseitig mit Beweisen herzlichster Sympathie und des größten Wohlwollens. Die Behandlung, deren sich der Kongreß seitens der russischen Regierung zu erfreuen hat, weist den Zug schonendster Zärtlichkeit auf, den die Petersburger Machthaber sonst nur gegenüber den Pogromhelden, den „schwarzen Hundertschaften“ hervorkehrt. Ein russisches Blatt, die „Neue Lodzer Zeitung“ schreibt: Am Mittwoch begab sich der Rabbiner aus R a d o m, als Repräsentant des Kongresses, zu dem Herrn Oberpolizei me ister mit der Bitte, sich darum zu bemühen, daß die Rabbiner-Deputation von den Gehilfen des General-Gouverneurs Podgorodnikow empfangen werde. Der Polizeimeister setzte sich in dieser Angelegenheit telephonisch in Verbindung und erhielt zur Antwort, daß derGehilfe des General-Gouverneurs dem Rabbinerkongreß danke und ihm eine gedeihliche Arbeit w ü n s c h e, die Deputation jedoch infolge von Unpäßlichkeit nicht empfangen könne. Am Freitag begab sich wiederum eine Deputation zum Herrn Oberpolizeimeister, zu welcher die R a b b i n e r aus Kutno,Radom und Staszow gehörten.DerOb.- PoIizeimeistergestattetederRedaktionskommission, einen ganzenMonat in Warschau zu arbeiten, zwecks Abfassung eines detaillierten Protokolls und Formulierung der Beschlußfassungen. Zu dieser Kommission gehören die Rabbiner aus Radom, Staszow, Ciechanow und Lukow. Das gesammte Material wird dem Herrn Oberpolizeimeister zugestellt werden, der es wiederum den Herrn General- Gouverneur zwecks Absendung nach St. Petersburg übermitteln wird. Am Sonnabend traf telegraphisch die Antwort des Ministerpräsidenten S t o 1 y p i n anläßlich der vom Kongreß abgesandten Neujahrsgratulation ein. Die Depesche lautet: „Warschau. Rabbiner-Kongreß. Danke für die freundlichen Wünsche. Staatssekretär Stolypin“. Die Prediger der Warschauer Synagoge an der Tlomaczastraße traten in ihrer Sonnabend-Predigt gegen den Rabbiner-Kongreß auf, darauf hinweisend, daß in früheren Zeiten solche Kongresse tatsächlich Bedeutung hatten, da man zu keinen inquisitionsmitteln griff, und die Beratungen nicht von einer Gruppe von Leuten gepflogen wurden, welche das Leben der Jetztzeit nicht verstehen. Die hebräische Zeitung „Habrker“ schreibt: „Wir wußten immer, daß unsere Rabbiner weit entfernt von dem Leben der Gegenwart sind, wir wußten immer, daß sie Leute sind, die aus dem Kreise talmudistischer Erwartungen ins Leben traten, die sich über nichts orientieren und von nichts einen Begriff haben. Allein wir dachten nicht und nahmen nicht an, daß die Sache so liegt. Wir konnten uns nicht vorstellen, daß derHaß der Rabbiner so groß istgegenalles, was mit den erzieherischen und gesellschaftlichen Bestrebungen im Zusamenhange steht, gegen die Zeitungen, gegen die Literatur, dagegen daß die Knaben Bildung in den Schulen genießen und daß die Unwissenheit der Rabbiner noch so groß ist, daß sie nicht einmal verstehen, wie sehr ihre Projekte die Ehre des ganzen Volkes mit Schmach bedecken. Zum Schluß schreibt die Zeitung die Schuld den Rabbis, Wundertätern und Zadiks zu“. Mit welcher Bereitwilligkeit die in dieser Beziehung sonst nicht gerade zuvorkommende russische Regierung Aufenthaltsbewilligungen erteilt und herzlichste Wünsche aufs herzlichste erwidert! Die russischen und jüdischen Finsterlinge verstehen einander vortrefflich! Und der Warnungsruf sei wiederholt: Achtung vor den jüdischen Klerikalen! Sie sind ebenso heimtückisch, machtlüstern und brutal wie die anderen Völker. Wie in Rußland, so sind sie auch bei uns die größten Schädlinge, der jüdischen Nation, immer bereit ihre Brüder zu verraten, wenn nur ihr Einfluß dadurch gestärkt, ihr Geschäft dadurch rentabler gemacht wird. Wenn sich das jüdischeVolk unter dem Einflüße des modernen Nationalgedankens gegen seine Feinde wendet, dann darf es seiner eigenen Fanatiker, seiner „Wunderrabbis“ und Religionsschwindler nicht vergessen. * * * Kuranda, der Unabweisbare. Den Abgeordneten Kuranda definitiv und dauernd hinauszuwerfen scheint ein Ding der Unmöglichkeit; nicht einmal die Hausknechtsnatur der deutschen Antisemiten ist dieser Aufgabe gewachsen. Er ist politisches Gummi elasticum. Von den Stiefeln deutscher Parlamentarier oft zertreten und zertrampelt, hat er wohl ein bißchen gequietscht, um gleich darauf wieder zu deutschliberaler Höhe emporzuschnellen. Sein politisches Debüt war ein Rausschmiß. Die deutschen Abgeordneten haben sich noch vor der Konstituierung des Parlamentes seine Gesellschaft verbeten, auf seine Klubgenossenschaft unhöflich aber entschieden verzichtet. Und 1 ä s t i n a und beten H e r z 1 förmlich an. Man sollte sehen, mit welcher Rührung der schneebärtige Alte aus einem verborgenen Kästchen, ein kleines, stark abgegriffenes, offenbar fleißig benütztes Büchlein hervornahm, eine Sammlung zionistischer Gedichte in russischer Sprache, „das Büchlein“, wie er mit Tränen in den Augen sagte, „das uns zu dem Lande unserer heiligen Väter zurückführte.“ Mit welcher Resignation erklärten mir die Alten, daß sie in ihrem Alter das Hebräische nicht mehr erlernen können. . Ihre schönste Hoffnung sei jedoch, daß ihre Kinder, in den -Kolonieschulen zusammen mit den anderen jüdischen Kindern erzogen, sich durch nichts mehr von echten Juden unterscheiden werden. Junge Leute, die es fertig gebracht haben, den Jargon zu erlernen (das Hebräische fiel ihnen zu schwer) sprachen in unserer Gegenwart nur diese Sprache; sie schämten sich des Russischen. Die Gerim kamen zum Teile dank des wohlwollenden Verhaltens eines Beamten der I. C. A. ins Land, der ihnen versprach, sie anzusiedeln, Musterbauern aus ihnen zu machen, und dadurch auch der jüdischen Kolonisation zu nützen. Er hielt sie für besonders geeignet, da sie schon an ihren früheren Wohnstätten den Landbau betrieben haben, und so mit der . Landarbeit gut vertraut waren. Die Gerim kamen gleich in ansehnlicher Anzahl. Untergelegten Getreide Wache hielten. Nach wenigen Minuten sießen wir auf eine zahlreiche Familie, die vor ihrem Hause im Freien saß und russischen Tee trank. Wir wurden sehr freundlich empfangen. Unsere Gastgeber, darunter der Patriarch der Familie, eine kräftige, breitschulterige Figur mit langem, noch nicht ganz grauem Barte, sprachen weder Hebräisch noch Jargon, sondern ausschließlich russisch, dagegen sprachen die Kinder, die die Kolonieschule in Jemina besuchten, alle ein tadelloses Hebräisch, das sich von der Sprache der jüdischen Kinder eben merklich durch einen etwas härteren Akzent unterschied. Wir erfuhren bald, daß unsere Gastgeber aus dem Gouvernement Astrachan (am Kaspischen Meer) stammten, daß unter der dortigen Bevölkerung seit Jahrzehnten eine große religiöse Gährung herrscht, die zur Bildung von verschiedenen Sekten führte. So entstanden die Duchobory, die Molokaner u. a. Der Vater unseres Gastgebers war ein Molokaner gewesen, er selbst sei aber schon in reiferen Jahren durch eifriges Bibelstudium und durch selbständiges Nachdenken -zur Einsicht der Wahrheit der jüdischen Religion gelangt und zum Judentum übergetreten. Mit ihm sei damals auch ein Teil seines Dorfes „jüdisch“ geworden. Die Regierung hat keine aktiven Repressalien gegen sie angewandt, hat sie nicht in ihrem Rechte beschränkt. Jedoch hat sie sie oft durch ihre Missionäre schikaniert. Von dem Kontakt mit der eigentlichen Judenschaft des Ansiedlungsrayons wurden sie jedenfalls von der Regierung sorgsam bewahrt. Kein Jude durfte sich in ihrem Dorfe länger als vierundzwanzig Stunden aufhalten. Doch fanden manche reiche Juden, die geschäftshalber in ihrer Gegend weilten, durch gewisse Mittel, die den Reichen in Rußland überhaupt alles erreichbar machen, Gelegenheit, in nähere Beziehung mit ihnen zu treten. Nach Palästina sind sie nicht wegen der schlechten Lebensverhältnisse in der Heimat ausgewandert, sondern aus reiner Liebe zum heiligen Lande. Es machte auf mich einen ganz sonderbaren Eindruck, als diese echten Slawen mit begeistert glänzenden Augen von „diesen unseren heimatlichen Bergen“, „von unserem Vater Jakob“ sprechen hörte. Es fällt ihnen auch nicht ein, daß sie sich irgendwie wesentlich von den eigentlichen Juden unterscheiden. So betrachten sie auch das jüdische Volk als aus drei gleichberechtigten Gruppen bestehend, aus den Juden (Aschkenasim), den Franken (Sephardim) und den Gerim. Sie alle sind glühende jüdische Patrioten, schwärmen von einem Ju.denstaate in Pa-