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Jüdische Zeitung · 1909-02-05 · 6 (5.2.1909) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 Teil der Arbeit in Palästina von den proletarischen Elementen verrichtet werden wird, so ist es eine hauptsächliche Vorbedingung für eine erfolgreiche Palästinaarbeit, für günstigere Lehens- und Wohnungsbedingungen des dortigen jüdischen Proletariates zu sorgen. Unter allen Umständen muß der Gefahr einer Verdrängung jüdischer Arbeiter durch Felachen und in weiterer Linie der Auswanderung dieser dort bereits ansässigen jüdischen Arbeiter vorgebeugt werden. Der Schwerpunkt unserer palästinensischen Ziele liegt freilich jetzt in Konstantinopel. Die türkischen, in Stambul versammelten Deputierten werden nicht nur über die Zukunft der Türkei, sondern dadurch indirekt auch über die Zukunft des Zionismus als palästinensische Bewegung das entscheidende Wort sprechen. Das türkische Parlament hat die historische Aufgabe, die Regenerierung des osmanischen Reiches durchzuführen. Gelingt ihm die nationale Verständigung der verschiedenen Völkerschaften, die sich in der absolutistischen Aera bis aufs Messer bekämpften, auf Grundlage der nationalen Autonomie und Demokratie, dann ist eine föderative Jungtürkei und in ihrem Rahmen auch eine Autonomie Palästinas möglich. .Damit wäre ein großer Teil des Balkanproblems und der orientalischen Frage in einer Weise .gelöst, die wir sowohl als moderne Kulturmenschen als auch als Zionisten wünschen. Bisher glaubte man allerdings in logischer Folge der immer wieder mit der größten Erbitterung geführten Kämpfe zwischen Türken und den anderen .Balkanvölkern, so wie dieser untereinander, daß eine Lösung des orientalischen und speziell des Balkanproblems nur auf dem Wege der Teilung der Türkei und des gesamten Balkans möglich sei. Als Hauptschwierigkeit galt immer nurdie Aufgabe, alle die berechtigten und unberechtigten Ansprüche der Großmächte und Kleinstaaten zu befriedigen und in Einklang zu bringen. Die Fürstenzusammenkünfte in Reichstadt und Reval waren Etappen dieser Politik. Die unblutige jungtürkische Revolution und ihr glänzender Erfolg, die Wiederherstellung der Verfassung, hat dieser Art" von Politik den Boden entzogen und heute bereits die Erkenntnis gezeitigt, daß die Türkei ■noch immer ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor ist; ob sie es in der Zukunft auch bleibt, hängt in erster Linie davon ab, ob sie einen f ö- •deralistisch-demokratischen oder einen zentralistisch-nationalistischen Kurs einschlagen wird. Ein zentralistisch-nationalistischer Kurs würde im türkischen Parlamente auf den äußersten Widerstand stoßen, da die türkischen Mohammedaner bekanntlich seine Minorität bilden gegenüber einer Koalition von Arabern, Kurden, Griechen, Albanesen, Bulgaren und Serben. Alle diese nationalen Strömungen machen sich jetzt schon geltend; symptomatisch ist es auch, daß die Araber eine Aen- ■derung des Titels der Türkei in „Kaisertum ■des Ostens“ fordern. Den Arabern gesellen sich -die Albanesen hinzu, die immer lauter die Autonomie 'für Albanien fordern. Ebenso werden die Griechen, ‘Bulgaren und Serben ihre nationalen Forderungen in nicht ferner Zeit geltend machen. Unter solchen Umständen ist es üußerst notwendig, auch die Juden der Türkei durch rege Propaganda in Wort und Schrift auf nationale Grundlage zu organisieren, damit sie ihre volklichen ■Forderungen auf nationale Gleichberechtigung, speziell ihre Ansprüche auf Palästina, mit Erfolg durchsetzen können. Allerdings müssen die türkischen Juden auch Bundesgenossen unter den •übrigen Völkern des osmanischen Reiches zu gewinnen suchen. Aber nicht auf dem falschen Wege der Assimilation oder der Förderung des türkischen Zentralismus, sondern nur bei Festhaltung desPrinzipes der Gleichberechtigung und Autonomie aller Nationen, können -sie ihren Interessen wie denen ihres Reiches zum Durchbruche verhelfen. Vielsprachige Staaten können eben nur auf national-föderativer Basis bestehen und im modernen Sinne sich entwickeln. In Oesterreich, wo jetzt langsam, aber um so sichererder nationale ^Föderalismus in beiden Reichs teilen gerade unter dem Einflüße der Balkankrise und als Konsequenz der Annexion von Bosnien und -Herzegowina zum Durchbruch gelangen wird, sehen wir dies am deutlichsten. * * * Eine jüdische Politik kann also in Oesterreich nur dann Erfolge zeitigen, wenn sie ferne von allen kleinlichen Rücksichten ihre Hauptaufgabe in der Förderung dieser unvermeidlich gewordenen nationalautonomistischen Reichsverfassungsrevision erblickt. Die Juden können nur mittels einer solchen ihr gleiches Recht als Volk erkämpfen, sie können erst in einem modernen demokratischen national-föderativen Neuösterreich auf Verbesserung ihrer politischen, sowie wirtschaftlichen Lage als Staatsbürger hoffen. Mögen unsere Volksgenossen diesen Mahnruf in letzter Stunde beherzigen, dann wird auch für unser schwergeprüftes Volk sicherlich eine neue bessere Zeit anbrechen. Palästina. Gründung einer neuen Kolonie in Athlit. In A t h 1 i t, dem neuen Casteilum peregrinorum, besitzt die Ica seit langer Zeit Land. Jetzt sind die Rechtsstreitigkeiten, die sich an dieses Land knüpfen, beseitigt, und die Ica hat das Land, das bisher von Pächtern bearbeitet wurde, an Kolonisten verteilt- Für die Kolonisten sind auf einem Hügel, auf dem seltsam behauene Steine von einer großen Vergangenheit zeugen, zehn Häuser errichtet worden, die von einer gemeinsamen Mauer umschlossen werden. Ein aus dem Altertum stammender, vorzüglich gebauter Brunnen ist aufgefunden worden und liefert Wasser. Die Lage der neuen Ansiedlung ist sehr schön. Sie bietet dem jüdischen Reisenden eine erwünschte Etappe auf dem langen Wege von Sichron Jakob nach Haifa. ln Kinereth hat die P L D C durch Ausbesserung des vorhandenen alten Chans geräumige Wirtschaftsgebäude erhalten und einen großen Hof von 50 X 50 >m Umfang aufführen lassen. Die roten Dächer der Gebäude sind weithin zu sehen und beleben die bisher vollständig gebäudelose Landschaft. Die Lage der Farm auf einem Hügel am Tiberiassee ist eine der schönsten in Palästina. Etwa 20 Arbeiter, ausschließlich Juden, sind jetzt in Kinereth beschäftigt. * * * Turnverein in Jaffa. Jaffa. Dank den eifrigen Bemühungen des Turnlehrers Orlow, der vor einigen Monaten vom Auslande zurückkehrte, wo er zur Vervollkommnung in seinem Fache ein Semester weilte, ist ein Turnverein in Jaffa begründet worden. Das Gymnasium stellt dem Vereine seine Turnhalle und Turngeräte unentgeltlich zur Verfügung; ebenso stellt auch der Lehrer Orlow in uneigennütziger Weise unentgeltlich seine ausgezeichnete Kraft in den Dienst des jungen Vereines. Die Turnübungen'finden jeden Abend statt. Ueber 40 Mitglieder, zumeist Arbeiter, Handwerker und Handlungsgehilfen, zählt die höhere Abteilung und zirka 25 die jüngere. Auch 25 Turnerinnen bilden eine besondere Gruppe, die ebenfalls unter der Leitung des Herrn Orlow einmal in der Woche ihre Uebungen hält. Die Beiträge der Mitglieder werden für Anschaffungen von neuen Turngeräten verwendet, da es an vielen durchaus notwendigen fehlt. Außer den Turnübungen veranstaltet dieser Verein am Sonnabend größere Ausflüge und Ruderpartien auf dem Meere. * * * Vom Odessaer Palästinakomitee. Die Generalversammlung des Odessaer Palästinakomitees wird am 27., 28. und 29. Jänner a. St. in Odessa stattfinden. Die Tagesordnung umfaßt folgende Punkte: 1., Allgemeiner Ueberblick über die Lage und die Aussichten der jüdischen Kolonisation in Palästina. 2. Der Landkauf in Palästina und seine Organisation. 3. Die Entwicklung von Industrie und Handwerk in Palästina und die Schaffung von Kreditanstalten. 4. Die Arbeiterfrage in den Kolonien und Städten. 5. Schul- und Erziehungswesen in den Kolonien und Städten. 6. Soziale, hygienische und juristische Hilfe in Palästina. 7. Die Organisation von Informationsbureaux in Odessa, Konstantinopel, Syrien usw. 8. Der Garten „Gan Schemuel“ in Chederah. 9. Die Verbreitung von Informationen über die Kolonisation Palästinas und die Tätigkeit des Komitees. 10. Maßnahmen zur Vermehruug der Mittel der Gesellschaft. 11. Aenderung der Statuten der Gesellschaft. * * * Elektrische Anlagen in Palästina. Noch bis vor wenigen Jahren war die Elektrizität im türkischen Reiche verboten. Die elektrische Licht- und Trambahn-Anlage in Damaskus, die im Herbst 1906 fertiggestellt wurde, war das erste derartige Unternehmen im ganzen Lande. Dann fotgte eine Konzession für eine ähnliche Anlage in Beirut, an welch letzterem Platze auch eine der wenigen Gasanstalten des türkischen Reiches besteht, und schließlich wurde im September vorigen Jahres die von einer englischen Firma ausgeführte elektrische Beleuchtung der Grabmoschee Muhammeds in Medina zum ersten Male in Betrieb gesetzt. Nachdem so das frühere Vorurteil der maßgebenden türkischen Kreise vollständig besiegt ist, dürfte man bald von zahlreichen neuen Konzessionen für elektrische Anlagen im Reiche hören. Das Beispiel Aegyptens, wo man mit elektrischen Anlagen vielfach ebensogut und besser versehen ist als in entsprechenden europäischen Plätzen, kann einen Begriff von den bestehenden Möglichkeiten geben. In der Türkei selbst hat man es mit der Einführung elektrischer Licht-, Kraft- und Bahnanlagen um soviel leichter, als eine Konkurrenz mit Leuchtgas nur in den wenigsten Fällen in Frage kommt und auch die Verkehrsmittel noch meist von äußerster Primitivität sind. Dabei mangelt es keineswegs an benutzbaren Wasserkräften. Eine solche liefert die Kraftquelle für die Anlage in Damaskus; der Jordan und seine östlichen Nebenflüsse könnten für Anlagen am Tiberias-See und für Jerusalem nutzbar gemacht werden, für welchen Platz noch näher gelegene kleine Wasserkräfte in Betracht kämen. Für Jaffa würde der nahe gelegene kleine, aber wasserreiche Audsche-FIuß in Betracht kommen. Gerade Jaffa und Jerusalem sind jetzt von aktuellerem Interesse insofern, als soeben der Regierung ein Konzessionsgesuch unterbreitet worden ist, das sich auf Lichtanlagen in beiden Plätzen und auf elektrische Bahn zwischen Jaffa und Jerusalem bezieht. Zu letzterer sei bemerkt, daß es eine Bahnverbindung Jaffa—Jerusalem bekanntlich bereits gibt. Sie hat eine Länge von 87 Kilometer und weist in den letzten Jahren eine eine steigende Rentabilität auf — hauptsächlich auf Grund des von Jahr zu Jahr anwachsenden Touristenstromes. Eine elektrisch betriebene Bahn, die größere Steigungen bewältigt, könnte sich enger an die nur 65 Kilometer lange Landstraße Jaffa— Jerusalem halten, die übrigens auch einem Automobilverkehr gute Chancen böte. Vereinsu. Versammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. (Zionistischer Zentralverein.) Mittwoch den 10. Februar findet im Vereinslokale IX., Türkenstraße 9, um 8 Uhr abends die Generalversammlung statt. Tagesordnung: 1. Neuwahlen. 2. Eventualia. Wien. (B a r-K o c h b a“ VIII., Langeg 5—7.) Samstag, den 6. Februar wird ein Vortrag des Gesinnungsgenossen Dr. Marek Scherlag über „Neue Romane“, Mittwoch den 10. Februar ein Vortrag des Gesinnungsgenossen Adolf Böhm über: „Die neue Türkei und der Zionismus“ stattfinden. — Beginn der Vorträge halb 8 Uhr abends. Gäste willkommen. — Wien. („N e s - Z i o n a h.“) Dienstag, den 9. d. M. findet der nächste Vortragsabend der Vereinigung statt. Thema: „Institutionen des Zionismus.“ Referent Vorbehalten. Ort: Cafe Prückl, I., Stubenring 24. Zeit: 8 Uhr abends. Gäste herzlichst willkommen! Wien. (Verein zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl“) Seminarprogramm vom 5. bis 12. Februar: Freitag den 9.: Fischei Rosenstreich: Jüdische Legenden; Dienstag den 9.: Theodor Rieß: Geschichte der Juden Böhmens, II; Mittwoch den 10.: Johann Wertheim: Jüdische Volksmusik; Freitag den 12.: Josef Laskowitz: Palästinakunde, III. Beginn der Vorträge präzise halb 8 Uhr abends. — Gäste stets willkommen!

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