Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 6 schlechter als vor einem Jahre, da es Lord Avebury gelungen ist, im Oberhaus genau dasselbe Gesetz durchzubringen, das im Jahre 1905 genau an derselben Stelle verworfen wurde. Der Board blieb bemüht, zu erreichen, daß denjenigen die jüdischen Geschäftsinhabern, die am jüdischen Sabbath geschlossen halten und ausschließlich jüdisches Personal beschäftigen, gestattet sein sollen, ihren Laden auch Sonntags zu gewissen Stunden offenzuhalten. Was die Angelegenheiten außerhalb Englands anbetrifft, so blieb nichts ungetan, um das Los der bedrückten Brüder außerhalb zu bessern und die schweren Bedingungen, unter denen sie jetzt leben, zu lindern. Indessen ist in Rußland und Rumänien wenig erreicht worden und insbesondere in Rußland ist die Lage der Juden womöglich noch trauriger und ungewisser als zuvor. („Welt.“) * * * Von den finnischen Judenverfolgungen. Helsingfors. Die Stimme, die die liberale Presse aller Länder anläßlich der von der finnischen Verwaltung verübten Gewaltakte gegen die wehrlosen Juden erhob, hat ihre Wirkung nicht versagt. Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird hier der Kurs doch etwas zugunsten der Juden geändert. Als erster Erfolg ist zu verzeichnen, daß die unglücklichen Familien, die den B.efehl erhielten, binnen vierzehn Tagen das Land zu verlassen, nun durch eine Deputation, die beim Präsidenten des Senats vorstellig wurde, eine Verlängerung ihres Aufenthaltes bis zum kommenden Sommer erwirkt haben. Der Präsident versprach auch übrigens der Deputation, daß zum Beginn der nächsten Session der Landtag der Judenfrage näherzutreten beabsichtige, um sie endlich einer definitiven Lösung entgegenzuführen. In welchem Sinne diese Lösung sich vollziehen wird, ließe sich heute noch nicht absehen. * * * Ausschluß der Juden von Wahlen. Wilna. Da einige Wiinaer Bank- und Handelsinstitute, wie auch industrielle Unternehmungen Juden zu ihren Bevollmächtigten erwählt haben, die sie hei den bevorstehenden 'Stadtverordnetenwahlen vertreten sollen,-hat die hiesige •Stadtverwaltung diesen Instituten die Mitteilung zugehen lassen, daß die Juden auf Grund der herrschenden gesetzlichen Bestimmungen (?) bis auf weiteresvon jeder Art Beteiligung joden Stadtverordnetenwählen ausgeschlossen sind, daß ihnen also auch nicht das Recht zusteht, sich als Vertreter von Körperschaften an den Wahlversammlungen zu beteiligen. Auf welche gesetzliche Bestimmungen sich dieser neue Ukas gründet, ist bis jetzt unbekannt. * * * Väterchens Gute. Petersburg. Die jüdischen Soldaten, die ihren . Dienst in Wladiwostok in diesem Jahre beendet haben, erhielten kürzlich den Befehl, unverzüglich indenAnsi edlungsrayon zurückzukehren. Ein Teil von ihnen wandte sich an die Behörden mit dem Ersuchen um die Erlaubnis, sich in der Armurgegend niederzulassen. Es wurde jedoch nur denjenigen gestattet dort zu bleiben, die während des russisch-japanischen Krieges, einen Verdienstorden für Tapferkeit erhalten haben. Die Juden dürfen also in den entferntesten Gegenden des weiten Russenreiches für Väterchen sich totschlagen lassen, aber nachdem sie vier Jahre oder länger dort Militärdienst getan und sich an das Land gewöhnt haben, dort zu wohnen und durch ihrer Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt zu erwerben, bleibt ihnen verwehrt — so will es die Güte des weisen Zaren! * * * Türkische Toleranz. Konstantinopel. Die „Welt“ berichtet aus Konstantinopel: Ein kleines Faktum, aber ein symptomatisches. Eines, das sich bei ähnlicher Konstellation in einem Parlamente des zivilisierten Europa wohl kaum so hätte gestalten können. Wie bereits berichtet, hat der Anspruch der Christen auf Einführung der Sonntagsruhe im ottomanischen Parlamente den Widerspruch des islamischen Blocks gefunden. Daß kein religiöser Haß hinter diesem Widerspruche stand, hat sich nun klar erwiesen. Als das Parlament in die Ferien des Kurban-Bairam ging und über den Tag seines Wiederzusammentrittes verhandelte, wurde von griechischer Seite die Bitte laut, die Ferien, wegen dazwischentretender orthodoxer Festtage, um zwei Tage zu verlängern. Diesem Ersuchen, das ohne Prätension in maßvoller und würdiger Weise zum Vortrag kam,, wurde sofort, ohne Opposition, ,in tolerantester Form, durch einstimmigen Beschluß der Kammer stattgegeben. * ' *■ > * Die jüdische Auswanderung nach Amerika 1908. New-York. Laut* Bericht der „Alliance“ sind während des Jahres 1908 in den Hafen von New- York 17.383 jüdische Männer, 16.04‘6 Frauen, 1 1.743 Kinder, zusariimen 45.1 72 Personen eingewandert. Von diesen wollten 32.991 in New-York bleiben, 12.181 einen anderen Platz aufsuchen. Aus Rußland stammten von den Einwanderern 33.578, aus Oesterreich-Ungarn 8892 aus Rumänien 2021, aus England 453, aus der Türkei 261, aus Deutschland 130, aus Holland 12, aus Frankreich 9, aus Spanien 6, aus Schweden 4, aus Belgien 3, aus Bulgarien 2, aus Finnland, Griechenland, Italien je 1. Die Gesamtzahl der jüdischen Einwanderer während des Jahres 1907 betrug 106.968. Die Einwanderung ist somit um 57 8 Prozent zurückgegangen. Die Zahlen der jüdischen Einwanderung für den Dezember 1908 waren: 1351 Männer, 1558 Frauen, 991 Kinder, zusammen 3900 Personen, von denen 2956 in New-York blieben, 944 weiterzogen, 2566 aus Rußland,. 1029 aus Oesterreich-Ungarn, 209 aus Rumänien, 41 aus England, 11 aus Deutschland, 43 aus der Türkei, 1 aus Holland stammten. Die Dezember-Einnahmen im Jahre 1907 umfaßte 8108 Personen, so daß der Rückgang für den Dezember fast genau dem Rückgang während des ganzen Jahres 1908 entsprach. Prager Brief. Von unserem Korrespondenten. Was sich heute in Böhmen in Assimilationskreisen .zu rühren wagt, ist tschechisch assimilatorisch. Denn die deutschjüdischen Assimilatoren fühlen es schon, wie lächerlich und abstoßend ihre Anbiederungsversuche auf jeden normalen Menschen wirken müssen. Darum treten sie, wie schon die längste Zeit, den Zionisten in keiner Versammlung offen entgegen. Und keine Veranstaltung zeugt für ihre Existenz. Sie sitzen hinter dem kaltgewordenen Ofen ihrer deutschen'Vergangenheit und schimpfen gegenwärtig auf die ^grundlose“ Frechheit des Prager Stadtrates, der den Graben zu einem Hochgebirge hat umwandeln''lassen, weil gerade" jetzt Reparaturen an den Gas-1 und Wasserleitungen unbedingt nötig geworden5 sind. Jetzt können mit den gesinnungsgenössisch'en Antisemiten und Klerikalen, auch die deutschjüdischliberalen Kouleurstudenteu nicht in ihre Stammkneipe bummeln. Und wenn das. deutsche Kasino unzugänglich ist, bleibt den. deutschen Assimilanten wirklich kein Betätigungsfeld mehr übrig. Außer den Hetzartikeln im „Prager Tagblatt“ ... * * * Dagegen die tschechischen Juden! Sie tun alles, um das tschechische Volk zum Antisemitismus zu bringen, dessen . Vorhandensein sie ebenso mutig als wahrheitsliebend leugnen, den man aber leider doch nicht übersehen kann, und nicht übersehen darf, wenn man es nicht liebt, den Kopf zwischen die Beine zu stecken und in dieser Lage weitschauende Politik zu treiben. Einen Beweis bildet die Wirkung der Radeschowitzer Lustmorde auf die tschechische Bevölkerung. In dies'em Orte, nahe der Hauptstadt, ermordete ein perverser dreizehneinhalbjähriger Junge in bestialischer Weise ein Mädchen. Kaum wird das Furchtbare bekannt, entsteht in dem kleinen Nest und der ganzen Umgebung eine ungeheure Erregung. Prag wird davon ergriffen. Plötzlich geht ein Flüstern von Mund zu Mund: „Das ist sicher eihRitualmo rd. Das hat nur ein J u d’ gemacht. Man hat einen, mit einem Koffer in der Hand gesehen. Darin hat er das Blut aufgefangen!“ Und sicher wäre es zu einem Sturm auf die Juden gekommen, wenn nicht — während die Gerichtskommission an dem Orte der Tat weilte — zwei neue Verbrechen, in der gleichen Weise verübt, auf die Spur des Täters geführt hätten, der ein vollständiges; Geständnis ablegte. Und nun? Obzwar die Schuld des Burschen sonnenklar ist, schweigt das Ritualmordgerücht nicht, sondern findet bei der Mengeimmer mehr Glauben. Man hört von fremden Hetzern. In Beneschau, dem nahen Städtchen, trauen sich die jüdischen Kinder nicht auf die Gasse. Denn man ängstigt sie durch die bezeichnende Gebärde des Hälsabschneidens. Einige tschechische Zeitungen bringen aus der Feder eines freisinnigen Lehrers beruhigende Berichte. Also: man muß die Juden wieder einmal gegen diesen unsinnigen Vorwurf verteidigen. Aber der geringste Anhaltspunkt würde dem durch klerikale Lektüre und klerikale Erziehung gebildeten Pöbel genügen, um die Juden für schuldig zu erklären, den Burschen aber zum Märtyrer der jüdischen Teufelei zu stempeln. Nicht auszudenken wären die Folgen, wenn etwa ein krankhaft veranlagter J u d e der Täter gewesen wäre. Denn so weit sind wir noch lange nicht,, daß die Krankheit eines Juden eine Krankheit wäre . . . Die Perversität des jungen Tschechen, wird kein Mensch dem tschechischen Volke aufs Konto setzen. Wie wäre es aber in einem solchen Falle bei uns? — Doch im tschechischen Volke gibt es keinen Antisemitismus, wird es nie einen geben und kann es keinen geben. Dafür sorgen die tschechischen Judenassimilanten durch ihre wütenden Angriffe auf die Zionisten . . . Elha. Jungjüdische Aufgaben. Dr. H. Kadisch. I. Vor allem müssen wir uns über unsere Ziele ebenso klar werden,, wie über die Mittel sie zu erreichen. Ziel kann nur sein: die Renaissance unseres ganzen jüdischen Volke s. Alles, was diesem nützt, ist zu fördern, alles, was ihm schadet, ist abzuweisen; die p h y s i s c he, geistige,.kulturelle, sowie ethische Rer generatioader Juden, das muß die Kernfrage der zionistischen Bewegung bilden. Alle Programme, Qrganisations- oder gar Personenfragen sind nur Mittel zum Zweck, Fragen zweiten und dritten Ranges, nicht aber umgekehrt. Von diesem. Gesichtspunkte aus, daß das j üdischeVol. k-Selbstzweck ist, wird man vor allem den verschiedenen.Verhältnissen in Ost- und Westeuropa Rechnung tragen, müssen. Im Osten,, wo die Massen unseres Volkes wohnen, erf üllt von nationalem Bewußtsein, im Besitze einer nationalen Kultur und Literatur, der hebräischen Sprache cider des Jargon sich bedienen, lebtdieSehnsucht nach Palästina, dem Lande der Väter, immer von neuem, erweckt durch die Erkenntnis, Fremdling zu sein, im russischen oder rumänischen Vaterlande, politisch und sozial entrechtet, täglich mit der Gefahr des Progroms rechnen zu müssen. Dort im Osten ist die jüdische Volkspsyche eine andere, sind die Lebensbedingungen und Bedürfnisse teilweise ebenfalls andere als im Westen.. Hier im Westen müssen die national indifferenten Massen, die keine Absicht haben, auszuwandern, denen jedes Interesse nicht nur für Palästina, sondern auch für das eigene Volk fehlt, vor allem für dieses zuerst zurückgewonnen werden. Dies ist aber vollkommen ausgeschlossen ohne eine intensiv national-soziale Erziehung in modernem Sinne, ohne Förderung ihrer wirtschaftlichen und politischen Lebensinteressen. Es bilden also Palästinaarbeit, Kulturförderung, jüdische Lande spolftik (in den gemischtsprachigen Ländern) und sozialwirtschaftliche Arbeit ein untrennbares Ganze, sie alle gehören zur Gegenwartsarbeit. Endziel sind aber alle nicht. Endziel ist, so weit in der Entwicklung der Völker von einem solchen gesprochen werden kann, wie anfangs erwähnt, die Renaissance des ganzen jüdischen Volkes in allen Belangen. Eine Voraussetzung dazu ist eine Heimstätte in Palästina. Sie soll ein Heim sein für die Juden, die in ihren jetzigen Wohnorten nicht bleiben können oder wollen, sie soll aber auch ein jüdisches Kulturzentrum, ein sozialer Musterstaat sein. Darauf muß die Palästinaarbeit in letzter Linie gerichtet sein. Da aber für lange Zeit der größte