Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6. tritte nicht zur amtlichen Kenntnis. Der Uebertritt ist somit ungültig und der Knabe, gilt vorläufig als Katholik und Idiot. Bei genauer Untersuchung der Familienverhältnisse des Uebertretenden ergab sich folgendes: Der Knabe ist ein Kind eines arischen Vaters und einer jüdischen Mutter, welche die katholische Religion annahm, sich jedoch später von ihrem Manne scheiden ließ und mit dem Kinde in ihr Elternhaus zurückkehrte. Das Kind wurde im jüdischen Geiste erzogen, und sein Uebertritt zur jüdischen Religion ist nichts als eine, belanglose Formalität, die eine Tatsache bestätigt. Nichtsdestoweniger fand der Arzt, daß der Knabe nicht volle Rechenschaft über seine Handlung ablegen könne. Legen sich etwa die geraubten jüdischen Mädchen, die Waisenkinder in Chrzanow, Rechenschaft über ihre Handlung ab? Wird auch in den Fällen, wo Raub und widerlicher Seelenfang Kinder zur Taufe zwingen, der geistige Zustand der Konvertiten untersucht? Ja, Jud’, das ist etwas anderes .... * * * Ein Rabbiner als — Denunziant! Kotzmann. (Orig.-Korr.) Ein Vorfall, wie er bisher nur in Galizien, der Heimat der Moschkojuden, erhört schien, hat die sonst sehr friedliebende jüdische Bevölkerung unseres Städtchens in Aufregung gebracht und mit Empörung erfüllt. Unser chassidisch-orthodoxer Rabbi n .e r, der seit dreißig Jahren seine Pflicht als „Seelsorger“ so auffaßt, daß er Haß und Zwietracht in der jüdischen Bevölkerung zu stiften und sie sogar mit den verwerflichsten Mitteln zu erhalten sucht und dem natürlich der vor vier Jahren gegründete florierende Zion -Verein stets ein Dorn im Auge war, äußerte sich gelegentlich eines Gespräches mit dem hierortigen Bezirkshauptmanne: „Nur wir Orthodoxen halten stets mit der Regierung; die Zionisten, die Fortschrittler, sind immer Feinde der Regierung. Beweis dessen: die Reichsratswahlen in Galizien und die Verfolgung der Zi ön isten durch d ie Behörde i n Galizien.“ Diese, eines „geistlichen Oberhauptes“ der Judeni'ganz‘-> und gar unwürdige Verleumdung hat nicht nur bei den zahlreichen Zionisten, sondern in der. ganzen jüdischen Bevölkerung die Empörung gegen diesen „Seelsorger“ wachgerufen, der sich nicht entblödet, die politischen Behörden gegen seine zionistischen Stammesgenossen zu hetzen. — Ein Komitee wird für einen der nächsten Tage eine jüdische Volksversammlung einberufen, welche ihrem „ehrwürdigen geistlichen Oberhaupte“ ob seines unqualifizierbaren Vorgehens die Verachtung ausdriicken soll. JÜDISCHE ZEITUNG. t Das Memorandum der ungarischen Zionisten. Budapest. (Original-Korrespondenz.) Das von unserem Budapester Korrespondenten angekündigte Memorandum ist bereits erschienen und versendet worden. Dem eigentlichen Texte sind als Motto einige Worte des berühmten ungarischen Staatsmannes Baron Josef E ö t v ö s vorangesetzt: „Siehe dieses Volk, welches als ewiger Wanderer rastlos von Land zu Land zieht, unterdrückt, verfolgt, weil es keinen eigenen Herd, keine Heimat besitzt, um sich ansiedeln zu können.“ Als Antwort darauf folgt der Wortlaut des Baseler Programmes. — Das Memorandum wurde in sämtlichen Budapester Zeitungen und in zahlreichen Provinzblättern besprochen. Fast alle schrieben sehr sympathisch über die Forderungen der Zionisten, nur die klerikale und die israelitischkonfessionelle Presse konnte nicht umhin, aus diesem Anlasse die zionistische Bewegung zu verdächtigen und ihre Anhänger auf das schamloseste anzugreifen. — Es ist noch abzuwarten, welche Wirkung das Memorandum auf das Verhalten der Regierung üben wird. * * * Antisemitismus im bulgarischen Parlament. Sofia. Zum ersten Mal seit Bestehen des bulgarischen Parlaments wurde in diesem kürzlich ein Angriff gegen die Juden gerichtet. Während der Debatte über das neue Unterrichtsgesetz stellte der Abgeordnete Dr. K a 1 e n k o w, ein sogenannter „Demokrat“ und Vertreter einer großen Zahl jüdischer Wähler, die Forderung auf, daß keine jüdischen Lehrer in bulgarischen Schulen angestellt werden sollten. Allerdings war es ihm nicht möglich, seine Ausführnngen zu beendigen, da er vom Minister Muschtnow mit der Bemerkung unterbrochen wurde: „Die bulgarischen Juden sind unsere Mitbürger, deren Rechte nicht geschmälert werden dürfen.“ Das Organ des Großrabbiners widmet dieser Angelegenheit einen Leitartikel und bezeichnet den Umstand, daß dieser Angriff von einem demokratischen Abgeordneten geschah, als böses Omen für die Zukunft der Juden in Bulgarien. * * * Ignatz Bernstein gestorben. Brüssel. In Brüssel starb vorige Woche im Alter von 73 Jahren der berühmte Ethnologe und Sprichwörter-Sammler Ignatz Bernstein. Der Verstorbene hatte die größte europäische Sammlung von Sprichwörtern und gab vor zwei Jahren ein großes Werk über das „Jüdische .Sprich- Seite 5. wort“ heraus. Außerdem gründete er in Rußland eine Anzahl jüdischer Bibliotheken, die er aus eigenen Mitteln ausstattete. Er unternahm viele wissenschaftliche Reisen und galt als Autorität auf dem Gebiete der Archäologie. Auch zeichnete er sich durch großen Wohltätigkeitssinn aus, den er, ein vielfacher Millionär, nach Herzenswunsch betätigen konnte. Für uns Juden hat er vornehmlich als jüdischer Ethnolog hervorragende Bedeutung. * * * Die judenfreundlichen Türken. Saloniki. Das hiesige jungtürkische Organ „J e n i A s s r“ beschäftigt sich in einem Artikel mit der Zukunft Mesopotamiens. In diesem Artikel heißt es: „Leider wird der schöne Traum, unser Land in ein irdisches Paradies umgewandelt zu sehen, noch lange unerfüllt bleiben müssen, und zwar deshalb, weil es uns an Bewohnern fehlt. Unsere Bevölkerung ist zehnmahl weniger dicht als diejenige Frankreichs. Unser Land ist demnach fast leer und wüst, und wir bedürfen noch eines Zuflusses von Millionen und Millionen Menschen, um unsere Schätze entsprechend ausbeuten zu können. Woher sollen wir die Millionen Bewohner nehmen, die dazu unerläßlich sind? Woher sie ausnisten? Es liegt nahe, daß wir gezwungen sein werden, Emigranten aus der Fremde heranzuziehen. Was kann aber eine Regierung unternehmen, deren Finanzen ruiniert sind? Kann mann in einer solchen Situation die Kosten der entsprechenden Installierung der Einwanderung auf sich nehmen? Und ferner: welcher Nationalität sollen diese Einwanderer angehören? Unser Land gleicht heute schon den Turm von Babel, wir beherbergen heute schon Angehörige von 21 verschiedenen Nationalitäten. Und haben wir denn nicht schon genug nationale Streitigkeiten, Meinungsverschiedenheiten unter den Rassen, ja oft sogar blutige Kämpfe, die dem nationalen Chauvinismus entspringen? Unserer Ansicht nach gibt es nur e i n Element, das dieses Land bevölkern könnte, ohne dem Staate bedeutende Kosten aufzuerlegen und ohne die nationalen Schwierigkeiten zu vermehren, und das sind die Juden. Zehn Millionen Juden leben zerstreut in den verschiedenen Zivilisationszentren. Gibt es nun irgend einen Grund, der die Tausende von Juden, die nach fernen Gebieten auswandern, zurückhalten könnte, hierher zu kommen und ihre fruchtbare Arbeit, ihreu unermüdlichen Fleiß, Intelligenz, Ausdauer und physische Kraft, die ihnen, überall den Erfolg sichern, hier zu verwerten? Sollten die unerschöpflichen Schätze, die unser Boden in sich birgt, und die sprichwörtliche Toleranz der Türkei nicht Gewähr genug bieten, um sich hier angezogen zu fühlen?“ Wenn man die Schreibweise der türkischen „Barbaren“ mit der des judenfresserischen aber „zivilisierten“ Europas vergleicht, wird man wohl gewahr, wo Juda seine Freunde, seine Freiheit zu suchen hat. * * Die „Jüdische Vereinigung“ in England, (jewish Board of Deputies.) London. Am Sonntag vormittag, den 13. Dezember, fand im Hotel Central die Generalversammlung des Jewish Board of Deputies statt, zu der zahlreiche Delegierte aus der Provinz und aus London erschienen waren. Der Vorsitzende, Herr D. L. Alexander, King’s Counsel, berichtete über die Arbeit des verflossenen Jahres, von der er sagte, daß sie die anstrengendste in einer langen Reihe von Jahren gewesen sei. Mit Bezug auf das Fremdengesetz von 1905 sei die Politik des Board darauf gerichtet gewesen, durch einen Zusatz zum Gesetz und eine verbesserte Handhabung seiner Vorschriften für jeden fremden Einwanderer vernünftige Möglichkeiten der Lebenshaltung zu schaffen, ihm eine sachgemäße Verhandlung seines Falles zu gewährleisten, ihm kompetente und unparteiische Richter zu stellen und ihm das Recht zu sichern, im Falle einer ungünstigen Entscheidung an ausgebildete Berufsrichter zu appellieren. Die Bestimmung, die in das Londoner Hafengesetz eingefügt wurde und die Schaffung von Unterkunftshäusem für die Einwanderer vorsieht, war ursprünglich nur fakultativ gedacht. Infolge des energischen Eintretens des Boards erhielt sie zwingende Kraft. Auch das Sonntagsruhegesetz hat die Zeit und die Kraft des Boards sehr in Anspruch genommen. Zurzeit sind die Aussichten in dieser Hinsicht hunderte von Todtenschädeln aufgeschichtet. Ich; erlebte den unvergeßlichen Eindruck, die Leiche i eines'Volkes zu sehen, jenes Volkes, aus dessen Händen wir einmal befreit wurden und eine Befreiung erlebten, für die wir bis am heutigen Tage Gott danken. Die Juden beten ja noch heute den Spruch: Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, der uns herausgeführt hat aus Mizraim, dem Lande der Knechtschaft. Ich stand in diesem Lande und sah die Leiche eines Volkes ausgraben und dieses stolze, reiche, kraftvolle Volk ist so spurlos verschwunden, daß keine anderen Spuren da sind als Särge, Knochen und Hieroglyphen. Und gleichzeitig spürte ich über die ganze Erde hingebreitet die jugendlich pulsierende Kraft des Judentums. Da nichts in der Weit ohne Ursache geschieht: Wofür? Wir waren Nomaden, rastlos und ruhelos, wir lebten gefangen, wurden von Moses in unser Land geführt und lebten. Um dieselbe Zeit entstand die griechische Kultur und die römische Herrschaft. Sie standen auf, erreichten ihren Höhepunkt; es kam ein Tag, an dem die Götter dieser Welt alterten, an dem die Götter dieser Welt starben. Da gaben die Juden dieser auf all ihren Altären verwaisten Welt einen Gott! Kaum aber war dieser Gott gegeben, wurde dieses Volk hingestreut in die Welt. Vielleicht geben wir der Welt wieder einmal einen Gott. Inzwischen mag von uns abfallen> was obenauf schwimmt. Wir brauchen es nicht zu bedauern und können ruhig sein. Allerlei. Zahl der Juden in Budapest. Im Jahre 1869 betrug die Einwohnerzahl in Budapest 270.685, davon 41.938 Juden; im Jahre 1880 waren im ganzen 360.551 Einwohner, davon 68.578 Juden; im Jahre 1890 war das Verhältnis 491.938 und davon 103.317 Juden und bei der letzten Volkszählung im Jahre 1906 zählte man 716.479 Bewohner, davon 169.974 Juden. Auf der Universität in Budapest waren im verflossenen Jahre 2831 Juden eingeschrieben (im ganzen waren 6000 Universitätsstudenten). Im Jahre 1890 waren dort 739 Advokaten (davon 345 Juden) und 445 Advokaturskonzipisten (davon 271 Juden). Im Jahre 1900 waren 1069 Advokaten (616 Juden) und 705 Konzipisten (414 Juden). Die Zahl der Aerzte betrug im Jahre 1890 im ganzen 608, heute gibt es dort 1075 Aerzte und darunter 635 jüdische. Das Erdbebengebet für Saron. Es ist bekannt, daß die alten Völker mancherlei Sagen hatten, die von Erdbeben und ihren Ursachen erzählen; weniger bekannt ist vielleicht, daß die Juden noch eine besondere Ueberlieferung haben, die sich auf Schüttergebiete in Palästina bezieht, von denen man durch die Wissenschaft sonst nichts hört. Solange der Tempel in Jerusalem bestand, verrichtete der Hohepriester am Versöhnungstage nach der allgemeinen Entsühnungsfeier ein besonderes Gebet für die Bewohner der Tiefebene Saron; es lautet: „Mögen ihre Häuser nicht ihr’e Gräber werden!“ Man kann daraus schließen, daß in der Ebene Saron, die sonst nur wegen ihres üppigen Reichtums poetisch verklärt wird, Katastrophen wie jetzt in Süditalien häufig waren. Das Gebet wird noch heute in allen Synagogen am Versöhnungstage im Mittagsgebete nach der poetischen Betrachtung über den Tempeldienst und die Würde des Hohenpriesters in einfacher Prosa erzählend wiederholt. Jedenfalls kann man dieses Gebet nicht kürzer und treffender fassen, wenn man bedenkt, daß im Hebräischen „Mögen ihre Häuser nicht ihre Gräber werden“ in nur vier Worten ausgedrückt wird.