Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 6 Judenheit grassiert der krasseste Aberglaube und wir — schweigen. Teils weil wir die Sache zu gering einschätzen, teils aber aus ghettokranker Scheu und Furcht, jüdischen Fehlern offen und ehrlich an den Leib zu rücken. Die Angelegenheit ist absolut nicht gering einzuschätzen. Der Schaden, den die jüdischen Finsterlinge dem freien vorwärtsstrebenden Judentume zufügen, ist kein kleiner. Die Vertreter der starrsten Orthodoxie haben in Rußland zu wiederholten Malen dem Zaren in die Hand gearbeitet, die fortschrittliche Jugend denunziert und alle freiheitlichen Regungen desavouiert und mit dem Banne belegt. Es ist absolut nicht ausgeschlossen, daß die russische Regierung gerne die Vorschläge akzeptiert und sich eine gefügige jüdische Bande schafft. In Ungarn benützen die jüdischen Dunkelmänner jede Gelegenheit, um die freiheitlichen und insbesondere zionistischen Juden bei den klerikalen und antisemitischen Regierung als „schlechte Patrioten“ zu verdächtigen. Als sich kürzlich die ungarischen Juden aufrafften, gegen die antisemitische Leitung des jüdischen Kultusreferates im Ministerium durch einen erzklerikalen Christen zu protestieren, waren die Vertreter der Orthodoxen sofort bereit, der Regierung beizuspringen und haben dem famosen Referenten „ihr Vertrauen und ihren Dank“ votiert, ln Galizien sind die Wunderrabi seit jeher Agitatoren der antisemitischen Schlachta. So haben sie bei den letzten Wahlen in den Reichsrat „Hirtenbriefe“ erlassen, in welchen die „Frommen“ aufgefordert wurden, gegen die J- -j- J- Zionisten und Sozialdemokraten und für den klerikalen Antisemiten zu stimmen. In Wien sind es Vertreter der strengen Orthodoxie, welche dem Lueger Komplimente machen, ihn zu Festgottesdiensten“ einladen. Kurz, wohin man blickt, überall die Sucht, den Feind zu stärken, sich ihm liebedienerisch anzubiedern, dem jüdischen Volke moralischen Schaden zuzufügen. Man darf sich durch die vorgeschobene „Heiligkeit“ und „Jüdischkeit“ nicht abhalten lassen, dieser dunklen Gesellschaft energisch an den Leib zu Tücken. Insbesondere die zionistische Partei wird es auf die Dauer nicht vermeiden dürfen, dieses Wespennest radikal aufzustöbem. Was wir bei anderen bekämpfen, dürfen wir in unserer Mitte nicht dulden. * * » Ein kleines Pröbchen aus dem „äußersten“ Westen: Ein reichsdeutsches Blatt berichtet: „Wie tief bis in die orthodoxen Kreise hinein der Entjudungsprozeß fortgeschritten ist, haben die Vorgänge in der Nürnberger orthodoxen Vereinigung wieder einmal erschreckend gezeigt. Ihr Rabbiner hat sich verpflichten müssen, ausder Bnei-Brith-L(Jge auszutreten und sich nie zum Z ionismus zu bekehren. Selbst wenn er eines Tages einsehen sollte, daß der Zionismus die Rettung des Judentums bedeutet, muß er seine innere Ueberzeugung Lügen strafen und schweigen. — Da schimpfe noch einer auf die ostelbisclien Junker!“ Moschkojim Tempel. In seidenem Kaftan, mit fettigen Wangen Und den saugenden Augen der hungrigen Schlangen Kommt er gegangen. Die armen Schlucker der wink’ligen Gassen Verzieh’n die Gesichter zu Ehrfurchtgrimassen; Viele erblassen. Und sieh’! Der Rabbiner kommt ihm entgegen Und zelebriert separat einen Segen. Man weiß, weswegen. i Laut flehet der Sänger zum ewigen Vater. Behaglich lauscht der Propinater Wie im Theater. Er denkt wohl an Pfänden und Borgen und Zahlen, An den gräflichen Schnaps und an die fatalen Wackligen Wahlen. Wie schwärmende Bienen tönen die Chöre. 0 daß doch der Herr die Beter hernieden Bezüglich des Moschko recht gründlich erhöre! Ich wärs zufrieden! Beda. Verein , Jüdische Bühne“. (Zweite Nachmittagsvorstellung im Intimen Theater.) Am Sonntag, den 31. d. fand die dritte Veranstaltung des Vereines „Jüdische Bühne“ statt und zum erstenmal gelangte ein größeres Drama, „Eisik Scheftel“ von Dawid Pinski, zur Aufführung. Man Diese drei Antworten: wir sind hier zu Hause; .wir haben mit der Emanzipation kein Geschenk, sondern ein Recht erhalten; wir sind an der Kultur tätig mitbeteiligt gewesen von Anfang an: diese drei Dinge geben einen Boden, auf den man sich stellen mag und von dem man nicht verdrängt werden kann. Und wir spüren, wie viel Sicherheit und Beruhigung von diesem Boden ausgeht. Man kann trotzdem vom Judentum abfallen. Die Zeiten sind furchtbar schwer, wir werden furchtbar bedrängt; wie viele sagen: wir wollen, unsere Kinder sollen es besser haben. Wer wünschte das nicht; aber sie sollen und werden es nicht durch eine Fälschung besser haben als wir. Es ist ungeheuerlich, daß wir eine Verkleidung mit unseren Kindern vornehmen, damit sie es besser haben; es ist unmöglich, daß wir Kinder mit einer Lüge ins Leben hinausschicken, auf die sie nie kommen dürften und auf die sie doch kommen müssen. Unsere Kinder werden es besser haben als wir. Sie werden sich zu diesen Antworten nicht mehr durchzwingen brauchen. Die Generation Herzls hat diesen ganzen schweren, mühsamen und bitteren Weg erst gehen müssen und hat sich zu diesen Antworten erst durchbluten -müssen. Diese Generation ist da, um unserer Jugend diesen Leidensweg zu ersparen. Sehen Sie doch -unsere akademische Jugend. Sie übt jetzt nicht mehr Bildungschnorrerei, treibt keinen Geselligkeitsbettel mehr. Wenn überall in der Welt die Nationalitäten raufen und sich nicht gern haben: wir sind halt auch eine Nationalität, raufen wir halt mit. Warum wollen wir wehleidig sein, weil es so viele gibt, die uns nicht gern haben. Wenn wir uns damit abfinden: ja, wir sind Juden; wenn wir uns mit einer Perspektive damit abfinden, wie die, die uns das letzte Jahrhundert schon eröffnet: nach einem Zertretenwerden, wo andere Völker spurlos vergangen wären, ein solches Sichaufrichten, dann gibt es keine peinliche Situation mehr für uns; wir treten in keinen Kreis, also kann man uns nicht mehr fortweisen. Wir biedern uns nicht mehr an — also gibt es keine Ablehnung. Dieses entsetzliche Gefühl des ewigen Hinausgeschmissenseins sind die Juden in dem Augenblick los, da sie ihren Boden haben. Unser Boden gibt uns die Kraft, uns mit der Tatsache abzufinden, daß ein solches Volk, dessen Geist so beredsam und rege ist, das solche Resultate erzielt hat, nicht geliebt werden kann; das ist kein Grund, sentimental zu sein und kein Grund, Vereine zur Abwehr des Antisemitismus zu gründen. Da müßte man mit demselben Rechte Vereine zur Abwehr des Tschechenhasses und zur Abwehr des Deutschenhasses gründen, in Deutschland vielleicht zur Abwehr des Engländerhasses. — Ein Judenproblem aber, dessen höchste Rätsel sind, ob man Reserveoffizier werden kann oder Statthaltereikonzipient, ist lächerlich. Diese Dinge sind die Sorgen einiger Juden; aber die Frage, ob man Offizier werden kann, beschäftigt das Juden v o 1 k gar nicht Wir sind nicht durch fünfzehn Jahrhunderte gegangen, um in einem Moment aufzuhören. Ein Volk kann nicht beschließen: ich falle jetzt von mir ab. Wir sind nicht aufgehoben und aufgespart worden, um mit dem Lueger zu raufen — wir sind mit so viel andern fertig geworden. Es ist wirklich kein Grund zu stöhnen; das sind wir doch wirklich sah der Veranstaltung erwartungsvoll entgegen. Wie wird das Ensemble die schwere Aufgabe lösen, ein soziales gedankenschweres Drama aufzuführen, welches das Produkt eines ausgesprochen jüdischen Milieus ist? Wird die sonderbare Stimmung, die bei der Lektüre des „Eisik Scheftel“ aus jeder Zeile entgegenschlägt, auch auf der Bühne zur Geltung kommen? Diese Fragen legte sich jeder vor, der am Gedeihen und an der Entwicklung des „Jüdischen Theaters“ Interesse hat — denn das ist das Ziel des Vereines „Jüdische Bühne“ — am Sonntag zu „Eisik Scheftel“ ging. Die Antwort war vollkommen befriedigend. Die vom Herrn Egon Brecher besorgte Inszenierung war tadellos, das Ensemble gut geschult, keine Rolle mangelhaft besetzt, die Hauptpersonen natürlich, ohne falsches Pathos und theatralischer Extase, dargestellt. Eisik war richtig aufgefaßt. Herr Irrga n g, der diese Rolle inne hatte, zeigte feines Verständnis und schönes Können. Er fand in Frl. Osten (Beile) eine ausgezeichnete Partnerin. Die Herren Brecher, Herrmann, Reisegger und Lunzer spielten vortrefflich. Von den Damen verdienen besonders Frau Monatti, Frl. Rossi und das kleine Frl. Holstein hervorgehoben zu werden. Die warme Aufnahme, welche die Veranstaltung am Sonntag beim zahlreich erschienenen Publikum fand, beweist, welch’ dringendem jüdischkulturellem Bedürfnisse der Verein „Jüdische Bühne“ entspricht. Die jüdische Oeffentlichkeit möge auch für die Zukunft dem Verein Interesse entgegenbringen und dem eminent wichtigen Unternehmen hilfreich zur Seite stehen! Aus dem jüdischen Leben. Ja, das ist was anderes. Lemberg. >Vor drei Wochen meldete ein vierzehnjähriger Knabe beim Lemberger Magistrat seinen Uebertritt von der katholischen zur jüdischen Religion an. Der Magistrat ließ den Knaben auf seinen Geisteszustand (1) untersuchen. Der ärztliche Befund ejklärte, der geistige Zustand des Knaben sei nicht derart entwickelt, daß er volle Rechenschaft über seine Handlung ablegen könnte. Dara ufhin nahm der Magistrat die Anmeldung vom Ueberzwei Jahrtausende gewöhnt, und wir brauchen nicht zu wimmern. Es wird überall in der Welt gekämpft treten wir ein in diese freundliche Geselligkeit. Wohin der Weg des Juden geht, kann nicht gesagt, kann in manchen Stunden nur empfunden werden; daß es aber dem Einzelnen eine ungeheure Freiheit gibt, wenn man als J u d e geboren ist, den jüdischen Weg zu gehen, ist sicher. So wie die Juden das einzige Volk sind, das die Ghettobefreiung erlebt hat, ist es das einzige Volk, in dem Einzelne fremde Wege gehen. Es gibt nie einen Engländer, der plötzlich sagt: ich möchte lieberein Serbe sein. Das was uns heute als Abfallsbewegung erscheint, ist gar nichts bedrohliches. So wie die berühmten spezifisch jüdischen Eigenschaften allgemein menschliche Eigenschaften sind, die jedes andere Volk unter denselben Verhältnissen auch entwickeln mußte. Die Griechen waren jahrhundertelang unter türkischer Herrschaft, und die Türken haben ihnen zuerst den Bodenbesitz verboten. Nun gehen sie einmal in die Levante, den Orient, bis nach Indien: dort können sie von jedem Menschen hören, Schachergeist ist griechisch. Für einen großen Teil der Welt sind die Eigenschaften, die man hier jüdisch nennt, spezifisch griechisch. Ich habe einen Abend erlebt in der Wüste, nahe der Pyramide des Cheops. Vor einer Schuttpyramyde, wo die Ausgrabungen veranstaltet wurden. Ich kam zufällig vorbei, blieb stehen und sah mir die Sache an. Es wird hier der Wüstensand weggeschoben und weggeschaufelt von Kunstwerken, die plötzlich das Tageslicht Wiedersehen und mit ungeahnter Frische und Formenschönheit auf leuchten; Mumien kamen zutage; und seitwärts waren viele