Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 dekoriert, in ein Meer von Licht getaucht waren, wiesen einen noch stärkeren Besuch als im Vorjahre auf. Ein überaus distinguiertes Publikum füllte den riesigen Tanzsaal und die Nebenräume, so daß schon knapp vor Eröffnung des Balles ein beängstigendes Gedränge herrschte. Punkt zehn Uhr betraten die Komiteepaare, 95 an der Zahl, unter den Klängen der Kadimah-Polonaise den Saal, allen voran das Ballpräsidium, der derzeitige Senior, Ing. Arnold Löwenstein. Hiemit galt der Ball als eröffnet und alle, die da tanzfreudig gekommen waren, konnten sich bis zum Morgengrauen im Tanzschritt vergnügen. An der Estrade, die in einen Palmenhain umgewandelt und mit einem großen Herzl-Bild geschmückt war, bemerkte man einen herrlichen Baldachin, hoch oben prangte der Zirkel der Verbindung in leuchtenden Flammen. Hier hatte eine stattliche Reihe von bekannten Persönlichkeiten Platz genommen, unter anderem der jüdische Klub mit seinem Obmann, Landesausschuß Dr. Benno Straucher, und den Reichsratsabgeordnetnn Dr. Gabel und Dozent Dr. Mahler. Zahlreiche Vertreter der Wissenschaft und Kunst, Professor Koni g s t e i n, Dozent Dr. Nobel, die akademischen Maler Eichhorn und Kr es t in, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Ernst Franz W e i s 1, die alten Herren der Verbindung mit ihren Damen und viele andere: Das Ehrenkomitee setzte sich zusammen aus den Herren: Professor Dr. Albert Bing, Professor Dr. Salomon E h r m a n n, Professor Dr. Siegmund Freud, Reichratsabgeordneter Dr. Heinrich Gabel, Dozent Dr. Markus Hayek, Professor Dr. Salomon Klein, Professor Dr. Leopold Königstein, Hofrat Professor Dr. Adolf Lieben, Reichsratsabgeordneter Dozent Dr. Artur Mahler, Professor Dr. Ludwig Mandl, Professor Dr. Max Neuburger, Hofret Professor Dr. Leopold Oser, Professor Dr. Josef P o 11 a k, Felix Salten, Professor Dr. Julius Schnitzler, Reichsratsabgeordneter Adolf Stand, Reichsratsabgeordneter und Landesausschuß Dr. Benno Straucher, David Wolffsohn (Köln), Präsident d. A. C. Dem Damenkomitee gehörten an: Jenny Abrahamer, Adi Älmoslino, Else Altar, Paula Arminski, Jenny Baad, Paula Berl, Finni Bit— ■ grey, Julie Bilgrey, Therese Blum, Hella Brust, Anny Diamant, Berta Diamant, Dr. Hedwig Donath, Hedwig Donath, Margit Ehrenstein, Paula Epstein, Hilda Fischer, Mella Fischer, Anna Fleischner, Paula Fieischner, Irma Frankl, Finny Füchsel, Lola Füchsel, Grete Glogau. Irene Goldbach, Alice Goldschmidt, Alice Grünbäum, Frieda Grünsfeld, Olga Herzl, stud. phil. Valerie Homa, Alice Jellinek, Senta Jolles, Emmy Katz, Mizy Kaufmann, Irma Kneller, Ella Kohn, Emmy,Kohn, Gisa Kohn, Olga Kohn, Berta Korn, Harry Korn, Olga Kreisling, Emmy Langstein, Else Lazus,PaulaLibkowitz,LilyLiebers,MarthLiebers,Anny Löwy, Ella Löwy, Rosa Löwy, Anna Mailich, Olga Matfuß, Alice Münzer, Frieda Neuberger, Giorgina Perutz, Nelli Carla Perutz, Grete Pick, Irma Pisk, Stella Podwinetz, Elsa Pollak, Rosa Poliak, Grete Popper, Emma Preis, Olga Preis, Elsa Rebner, Clara Reich, Paula Reitzes, Mimi Renner, Steffi Reschovsky, Irma Ribar, Rudi Ribar, Elsa Rosental, Olga Roth, Elsa Samek, Toni Schalit, Ella Schermann, Gerti Schoßberg, Elsa Schwarz, Leonore Schwarz, Rosa Schwarz, Olga Seligmann, Anny Selmeczy, Ella Singer, Helene Stern, Ada Stiaßny, Jella Sußmann, Grete Taub, Piroska Taub, Clara Tauber, Helene Tauber, Ottla Taußik, Grete Tintner, Melitta Toch, Irma Türkl, Jenny Ullmann, Zerline Viertel, Emma Wassermann, Mathilde Weiner, Irene Weiß, Grete Wolf. Dem Herrenkomitee gehörten an: Med. Otto Älmoslino, Cand. ing. Mony Amar, Dr. Max Arminsky. Cand. ing. Jeremias, Baltinester, JUC. Max Bandler, Cand. agr. Gustav Baumann, Jur. Bruno Beral, Ing. Rudolf Beral, Cand. ing. Edmund Bernhardt. Dr. Max Bernhardt, Dr. David Berthauer, Cand. ing. Siegmund Berthauer, Cand. phil. Felix Brunner, Cand. ing. Eugen Buchbinder, Armin Deutsch, MUC. Felix Deutsch, Cand. ing. Anton Diamant, Cand. ing. Alexander Donner, Jur. Leo Duldig, Cand. ing. Armin Duschinsky, Dr. Josef Feingold, JUC. Ernst Figdor, JUC. Franz Josef Fischer, Cand. ing. Moritz Freundlich, Hans Floch, Cand. ing. Paul Floch, R.-Abg. Dr. Heinrich Gabel, Ing. Josef Gottlieb, Dr. Oskar Gold, Cand. ing. Paul Gutfreund, Max Heinsheimer, Jur. Jakob Herzbaum, Cand. ing. Artur Hochstätter, Cand. ing. Michael Hochwald, JUC. Viktor Homer, JUC. Salamon Hornung, Cand. ing. Ludwig Horowitz, Max Husserl, JUC. Heinrich Kamsler, JUC. Leo Kann, MUC. Max Kantor, Ing. Isak Karpel, MUC. Dori Kohn, Cand. phil. Gustav Kohn, MUC. Hermann Kolisch, Dr. Hans Kollek, Cand. ing. Otto Kransny, Dr. David Kreisling, Cand. ing. Jakob Krumholz, Cand. ing. Emil Kugel, MUC. Max Kümmelmann, JUC. Itcu Landau, Jur. Paul Lenk, MUC. Ladislaus Lichtenstein, phil. Markus Lindenbaum, Dr. Israel Littmann, Dr. Fritz Löhner, Cand. ing. Adolf Löwy, Ing. Oskar Löwy, Dr. Osk. Löwenstamm, Ing. Arnold Löwenstein, Dr. Isaak Matfuß, Jur. Rudolf Emanuel Margulies, JUC. Emil Neuspiel, JUC. Franz Oehler, Dr. Max Paschkes, JUC. Hugo Pick, MUC. Max Platschek, Cand. ing. Max Pollak, Otto Pollak, Arnold Peich, Cand. ing. Emst Reizes, Max Reizes, Cand. ing. Isidor Rittermann, Dr. Wilhelm Rittermann, JUC. Ludwig Rosenhek, Dr. Isidor Schalit, Cand. ing. Michael Sindler, Dr. Josef Schor, Dr. Ernst Schubert, Dr. Philipp Schwarz, JUC. Alexander Seelenfried, Leopold Sitzmann, JUC. Emst Skutetzky, Jur. Leo Stern, JUC. Artur Sternfeld, Dr. Karl Stiaßny, JUC. Erwin Strauß, Jur. Wilhelm Tannenbaum, MUC. Moriz Tischler, Ing. Richard Trichter, Dr. Samuel Wassermann, JUC. Ernst Wechsberg, Ing. Karl Weinberger, JUC. Georg Weiner, Cand. ing. Emil Weiß, JUC. Walter Werner, Cand. ing. Tobias Wexner, MUC. Andrusko Woloch, Dr. Moisey de Woloch, MUC. Isaak Wucher, Leo Zuckerbäcker, Robert Zuckerbäcker, Dr. Hugo Zuckermann. Das Tanzarrangement lag in den bewährten Händen des Prof. Julius Singer. Eine originelle, wie künstlerische Damenspende, im Coleurband in den Farben der Kadimah, mit einem Emailbild Herzls, fand allgemeinen Beifall und wird für die Damen ein schönes Souvenierstück sein. Die Musik besorgte die gesamte Kapelle des k. u. k. Infanterieregimentes König der Hellenen Nr. 99. Jedenfalls darf sich die Kadimah zu diesem Erfolge in jeder Hinsicht gratulieren, insofern sie einerseits, wie schon heute feststeht, ein ganz erkleckliches Sümmchen dem Mensafonds zuführen wird, anderseits aber durch ihre vornehmen Veranstaltungen Kreisen die bisher dem Zionismus gänzlich femstanden, demselben stetig näher bringt. Pascha. Von den jüdischen Dunkelmännern. In Warschau tagte vor kurzem ein Rabbinerkongreß. Alle „berühmten“ Wunderrabbis („Zadik“), und zirka 200 Rabbiner aus Polen und Rußland hatten sich eingefunden, um über das Wohl und Wehe des jüdischen Volkes zu beraten. Das Resultat dieser Beratungen war ein ganz eigentümliches. Unter anderem wurde einstimmig beschlossen, der russischen Regierung folgende Vorschläge zu unterbreiten: 1. Alle jüdischen Privatschulen sind der Aufsicht der Rabbiner zu unterstellen. 2. Alle jüdischen Preßerzeugnisse, welche von den Rabbinern als abträglich für die jüdische Religion oder die j ü d ische Moral erkannt werden, sind von den Staatsbehörden zu konfiszieren und gerichtlich zu verfolgen! — Die guten bescheidenen Herren fordern nicht mehr und nicht weniger als eine jüdische Inquisition! Wäro übrigens ein sehr amüsantes Bild: E i n Wunderrabbi alsMoralschnüffler! Die Woche über gegen entsprechendes Trinkgeld arme Narren „gesundbeten“, den schäbigsten Schacher mit Gottes Wort treiben, den stumpfsinnigsten Aberglauben in klingendes Gold verwandeln und sich dann hinsetzen und das geschriebene Wort auf seinen „sittlichen“ Inhalt prüfen. Wieviel würde wohl so ein Autor blechen müssen, um „sittlich“ zu werden? Spaß beiseite! In dieser Nachricht liegt eine ernste Mahnung. Wir moderne Juden waren immer enragierte Bekämpfer der Reaktion, des finsteren Aberglaubens und pfäffischer Herrschsucht — bei anderen. Es ist doch schon an der Zeit, sich im eigenen Hause umzutun. Wir haben Finsterlinge in unserer Mitte, die, fehlte es ihnen nicht an den Machtmitteln, getrost mit den Hetzpfaffen aller Riten wetteifern würden. Unter einem großen Teile der als Antisemitismus bezeichnet wird. (Doch darüber will ich nicht reden). Und drei Geißeln haben sich uns überall entgegengehoben, drei Worte, unter denen jeder Jude in der Seele zusammenzuckt: Die Befreiung aus dem Ghetto, für die wir danken müßen, wie freigelassene Sklaven und dann: „ihr genießt Gastrecht» — und das rief man immer grade dann, wenn die Juden etwas bezeugt hatten, was ehrlicher, blutiger Patriotismus war; und endlich: „wir haben Euch die Kultur geschenkt.“ Hier sei eingeschaltet: Es gibt doch Juden, die etwas der Welt zu sagen haben, und so Wichtiges, daß sie es sagen müßen; und nun heißt es: du darfst reden, aber erst mußt du aufhören, Jude zu sein. Es gibt tausend Beispiele. Gustav Mahler hätte nie in die Oper kommen können, wenn er nicht den Umweg durch ein anderes Institut genommen hätte. Ich wollte das gar nicht lächerlich machen und meinte das gar nicht lustig. Daß Sie lachen, bringt mich auf die Geschichte F e i 1 b o g e n. Sie war nur möglich, weil die Angehörigen unseres Volkes nach Rom gehen und dort nichts besseres zu sehen haben als den Hohepriester einer Religion, an die sie nicht glauben. Sie gehen in die Sixtina, mit der sie keine Zusammenhänge haben, aus Snobismus, weil sie glauben, daß es nobler ist, einen christlichen Priester su sehen als einen jüdischen. Den Fall habe ich bis huete nicht verdaut, weil die ganze Judenheit geglaubt hat, sich wegen dieser Schweinerei entschuldigen zu müssen. Wir müssen uns nicht immer entschuldigen, wenn in einem Volk von acht Millionen einer eine Schweinerei macht. Der Abfall vom Judentum, von dem wir jetzt sprechen, ist der freiwillige, der das Land der Deutschen mit der Seele sucht (oder das Land der Franzosen oder der Engländer usw.), jedes Land, nur nicht das jüdische, dem überall wohl ist, nur nicht bei sich. Einen solchen Juden treiben sie mit den drei Worten überall hin, die Wände hinauf; er ist fest überzeugt, daß das wahr ist; er wird national für andere, leistet Gefolgschaft, wo sie gebraucht wird, wenn sie nicht gebraucht wird, nimmt er den Tritt; er möchte alles sein, nur nicht Jude; er will nur weg, nur weg. Sehen wir uns diese drei Worte nun näher an. Die Emanzipation war kein Geschenk. Sie war die Rückerstattung, die später und nicht ganz aufrichtige, eines Rechtes, das uns fünfzehn Jahrhunderte lang vorenthalten wurde. Wir sind fünfzehnhundert Jahre geprellt worden um ein ganz bestimmtes Recht. Es war nicht mehr um einen Tag zu verschieben. Sie kennen alle die Zeit der französischen Revolution. Denken Sie, jemand, der in einem alten Hause wohnt, und sich frisch möbliert, neue Parketten, neue Fenster, neue Türen, neue Teppiche anschafft, nehmen Sie an, daß der keine englischen Klosetts baut! Er muß sie einfach haben. Aus gar keinem anderem Grunde haben wir bekommen, was man eine „Befreiung“ nennt, das, wofür man Dankbarkeit verlangt. Gastrecht. Das heißt: ein Zugereister, ein Hergelaufener, ein Eingewanderter. Jemand, der mit dem Lande nichts zu tun hat. Der den Patrioten nur spielt — jemand, den man duldet. Wir sind hier bodenständig. Zeigen Sie mir heute irgend ein Volk in Europa, das tausend Jahre auf seinem Platze ist. Wir sind in Germanien, Gallien, Britannien usw. mit den Römern eingezogen; wir waren da, ehe die große Rassenmischung vor sich ging die aus einem slavischen Volke Preußen machte. Wir haben diese Länder eher bewohnt als alle Völker, die uns von hier wegweisen wollen. Wir haben wenigstens die dreifache Bürgerleistung geleistet als jeder andere; in dieser Erde liegen seit einem Jahrtausend unsere Väter, Vorväter und Urväter. Es gibt keine stärkeren Säfte, die Menschen in die Erde legen, als die wir in diese Erde gelegt haben: ihr Blut, ihre Knochen und ihre Arbeit. Nur den Boden haben wir nicht besitzen dürfen. Aus diesem brutalsten aller Rechte heraus sagt man, wir genießen Gastrecht. Das Geschenk der Kultur. Ich will nicht davon sprechen, daß, wenn es ein Geschenk wäre, man es uns nicht ewig vorwerfen müßte; ich will nicht davon reden, daß wir seitdem so viel an dieser Kultur mitgearbeitet haben, daß wir nachgerade unsere Schuld bezahlt haben müßten. Aber was ist denn diese Kultur? Woraus besteht sie? Ist sie denn auf dem Boden von Mitteleuropa gewachsen. Sie besteht aus griechischen, römischen und jüdischen Elementen. Die ganze Kultur würde heute sofort Zusammenstürzen, wenn das eine Buch aus ihr wieder verschwände, auf dem sie zum großen Teil fußt, unsere Bibel. Nicht der Faust, kein einziges Buch von Shakespeare wäre möglich, wenn dieses Buch nicht existierte. Wenn also diese Kultur einen so wichtigen Bestandteil enthält, der unser Eigentum ist, so kann man uns doch mit ihr kein solches Geschenk machen; wenn es ein Geschenk war, so war es vorausbezahlt, und was vorausbezahlt ist, das ist eben kein Geschenk.