Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr 6. und teilweise (Kurden!) noch gar nicht oder nur halb zivilisiert sind. Noch komplizierter wird die nationale Frage in der Türkei durch die überwiegende Rolle, welche das religiöse Moment bei allen ihren Völkerschaften spielt. Einerseits befehden sich Angehörige ein und derselben Nation, weil sie verschiedenen Religionen angehören (mohammedanische und christliche Albaner, Serben usw.), andererseits bekämpfen sich aus nationalen Gründen Angehörige derselben Religion auf rein religiösem Gebiete (bulgarisches Schisma). Dabei gibt es aber doch in der Türkei keine „nationale Unterdrückung“ wie anderwärts, sondern in den „M i 11 e t s“ haben die einzelnen nationalen Religionsgenossenschaften in weitem Umfang Autonomie. Das sollte in unseren Kreisen besser bekannt sein, denn aus diesem Grunde haben z. B. auch die jüdischen Kolonien in Palästina weitgehende Selbverwaltungsrechte. Kein türkischer Parlamentarier, auch nicht Prinz Sabaheddin, der Chef der Partei der „Dezentralisation“, welcher übrigens sein ganzes Leben fern von den türkischen Wirklichkeiten in Paris zubrachte, denkt im entferntesten an die Einführung einer „nationalen Autonomie“ im Sinne der österreichischen Theoretiker. Aber selbst wenn dies der Fall wäre und wenn seine Partei im türkischen Parlamente zur Herrschaft gelangte, wie kann man glauben, daß heute in der Türkei ein solcher Sieg einer Partei im Parlamente schon die praktische Durchführung ihrer programmatischen Forderungen verbürgt! Diese sind zumeist schematisch aus den ganz anderen Verhältnissen Westeuropas übernommen und für die Türkei nicht geeignet, daher undurchführbar. Uebrigens bedeutet die Beherrschung des Parlamentes in der Türkei noch weniger als etwa in Oesterreich. Denn abgesehen davon, daß die Deputierten nicht, wie bei uns, Exponenten von im Volke wurzelnden Parteien sind, werden die nationalen Machtfragen nicht durch Parlamentsbeschlüsse gelöst. In Oesterreich hat die jahrzehntelange Herrschaft der Deutschen im Parlament und im Staat das fortdauernde Ansteigen der Machtansprüche der Slaven nicht verhindern können. Lassen wir aber diese Erwägungen beiseite, nehmen wir an, Prinz Sabaheddin und seine Anhänger wollen eine „territoriale nationale Autonomie“ einführen, siegen im Parlament, führen i die Reform tatsächlich durch, folgt dann wirklich daraus „das Ende des Zionismus“? Der Autor, der diese Meinung ausspricht, meint wahrscheinlich, daß Palästina in jenem Falle unter die Vorherrschaft der Araber käme. Was wäre die Folge? Die Autonomie der „Millets“, also auch der jüdischen, kann absolut nicht eingeschränkt werden, nicht nur, weil die Vorkämpfer der „nationalen Autonomie“ doch diese nicht so verstehen können, daß ihre Durchführung eine B e s c h r ä n k u n g(!) der bestehenden nationalen Autonomie der Minoritäten mit sich bringen sollte — das wäre ja heller Wahnsinn — ferner nicht nur deshalb, weil die Großmächte dies niemals zulassen würden (da sonst auch die Rechte der Christen beschränkt werden würden), sondern hauptsächlich darum, weil diese Autonomie der „Millets“aus dem mohammedanischen Religionsgesetz (Scheriatrecht) fließt und daher von den islamitischen Arabern absolut nicht angetastet werden wird. Dieses Scheriatrecht ist das Grundgesetz des türkischen Reiches und alle jene,. welche einfach die europäischen staatsrechtlichen Begriffe auf die Türkei anwenden wollen, oder aus der politischen Geschichte der europäischen Staaten Schlüsse ziehen wollen, um sie auf die Entwicklung der Türkei anzuwenden, übersehen diese Tatsache, welche den fundamentalen Unterschied zwischen dieser und jenen Staaten begründet. Der Islam ist trotz aller nationalen Unterschiede die stärkste Klammer des Reiches, zu ihm bekennen sich zwei Drittel seiner Bewohner, die gegebenenfalls blindlings ihrem Khalifen'folgen. Nur eine ganz kleine, nicht 1 Prozent betragende Schichte ist irreligiös und atheistisch, könnte aber niemals im oder außerhalb des Parlamentes etwas durchsetzen, 'was gegen die Grundgesetze des Islam verstoßen würde. Wenn die gefälligen Scheichs-ül-Islam in ihren Fetwas auch aus dem Koran alles beweisen können, dieses Grundgesetz daher sehr dehnbar ist und schon die sonderbarsten Auslegungen erhielt, so bleibt es dennoch das * Fundament des Reiches und prägt ihm seinen Charakter auf.*) Daher sind die politischen Einrichtungen Europas nicht ohneweiters auf die Türkei übertragbar und wer die Probleme dieses Reiches verstehen will, muß sich hüten, an sie mit Vorstellungen heranzutreten, welche aus unseren politischen Verhältnissen abstrahiert sind. Die kurze Geschichte des zweiten türkischen Parlamentes beweist übrigens, daß die Deputierten weit davon entfernt sind, Doktrinen nachzujagen und europäische Muster sklavisch nachzuahmen, sondern daß sie nur das Mögliche wollen und der überlegenen Staatskunst des Großwesirs folgen. Es sind daher vorläufig kaum irgend welche Experimente zu erwarten, sondern nur ausführbare Reformen, die zur Hebung der Wirtschaft, der Finanzen und der militärischen Macht des Reiches beitragen werden. Immerhin, wenn auch der Fall eintreten sollte, daß das osmanische Reich sich trotz Konstitution nicht erhalten könnte, das Schicksal des Zionismus ist davon nicht direkt abhängig. Nur in einem Punkte bin ich mit dem Autor des Artikels „Unsere Zunkunft“ (in Nr. 5 d. Bl.) einverstanden: Daß wir möglichst rasch die Zahl der landsässigen Juden in Palästina vermehren müssen. Wie immer sich die politischen Verhältnisse des nahen Orients gestalten sollten, werden die Juden nur dann eine Rolle in Palästina spielen, wenn sie dort eine Macht darstellen. Dann wird kein Beherrscher des Landes über ihre Ansprüche zur Tagesordnung übergehen können. Das ist die einzige richtige zionistische „Politik“, jede andere ist angesichts der unsicheren Lage von ephemerem Werte. Kadimah-Ball. Die erste große jüdische Veranstaltung dieser Saison. Der Ball der akademischen Verbindung .„Kadimah“, fand heuer am 20. Jänner zugunsten des Fonds zur Gründung einer jüdischen Mensa in Wien, statt. Die Sophiensäle, die aufs geschmackvollste *) Auch die Verfassung konnte 1876 wie 1S08 erst proklamiert werden, bis die betreffenden Scheichül-lslams erklärt hatten, daß sie nicht gegen den Koran .verstoßen. Sie begründeten das damit, daß auch Mohammed sich mit seinen Anhängern beriet. (Vgl.: Sax, Machtvertall der Türkei.) das Bedürfnis nach einem festen Boden in sich spürt Diese Menschen fühlen: „Ich lebe in einer Kultur, aber ich fühle mich nicht eingewurzelt, ich — bin ein Jude, aber ich brauche einen festen Boden und suche Wurzeln zu schlagen.“ Das sucht nun den Boden anderer Leute und wird zurückgewiesen; das will Wurzel schlagen und der Boden weigert sich die Wurzeln aufzunehmen. Das ist ein so beschämendes Gefühl, wie es nur ein Gärtner empfindet, der einen dürren, und tückischen Boden bebaut, der ihm alle Keime vernichtet. Das Gefühl der Verlegenheit über etwas, was nicht gelingt, was immer daneben geht Woher kommt nun der immer steigende Drang, vom Judentum abzufallen, und die Idee, man könne das Judentum loswerden, wie man aus einer Elektrischen aussteigen kann? Das kommt von dem Tage her, an dem wir eben emanzipiert wurden. Kaum hundert Jahre also ist es her, ungeheuer wenig in unserer Zeit, die so rasch vorwärtsstürmt, gegen unsere Jahrtausende lange Geschichte gehalten weniger als nichts. Wir sind eigentlich erst seit ein paar Stunden emanzipiert Stellen Sie sich nun ein Volk vor, das nach einem Druck von 15 Jahrhunderten, voll unglaublicher Grausamkeit, das nun plötzlich entschnürt wird, plötzlich die Möglichkeit hat, in die Gesellschaft einzutreten. Es ist unmöglich, sich ein Volk vorzustellen, das nach diesem Druck noch existiert, geschweige ein Volk, das noch zu einer Kulturleistung fähig wäre. Stellen Sie sich aber ein Volk vor, das diesen Augenblick erlebt. Es ist nicht nur das größte Erlebnis dieses Volkes, es ist das größte Erlebnis das man sich überhaupt ausdenken kann. Vergegenwärtigen Sie sich die Stimmung der ganzen Zeit. Das Weltmotto war: Alle Menschen werden Brüder. Die Zeit in der die Worte geschrieben wurden: Unser Schuldbuch sei vernichtet, diesen Kuß der ganzen Welt. Kosmopolit war das Wort der Mode. Unter den Klängen, unter diesen Hymnen schritt das Judentum aus dem Ghetto heraus. Die Juden haben zunächst wirklich daran geglaubt: Von jetzt ab werden alle Menschen dasselbe Recht haben. Für diese Befreiung glaubten sie auch einen unermeßlichen Dank schuldig zu sein, und glaubten sich nicht anders bedanken zu können, als indem sie alle ihre besondem Merkmale verwischten, versteckten und aufgaben. Denken Sie sich einen Menschen, der jahrelang im Souterrain gewohnt hat, der meine Treppe gekehrt hat; und nun sage ich eines Tages: der Mann ist ein Mensch wie ich, er hat dasselbe Recht wie ich; von heute an kommst du in meinen Salon. Sowie er hereinkommt, wird er sich in diesem Milieu unsicher, dumm und in mancher Beziehung lächerlich benehmen, er wird höchst ungeschickt sein. Er mag sonst noch so versiert sein.Entweder indem er einfach gesteht: ich kann mich nicht hineinfinden. Oder es beherrscht ihn der Wunsch: man soll mir’s nicht anmerken. Und das war die Situation der Leute, die aus den gewissen Gassen kamen, wo man es ihnen eben immer angemerkt hat. Sie haben Eigenschaften entwickelt, die der momentanen Verlegenheit entsprangen, und mit dem uns gegenüber gebräuchlichen Wohlwollen sagte man: das sind spezifisch jüdische Eigenschaften. Und wir selber glauben an dieses Wort, wir nehmen Reißaus mit einer Feigheit und einer Pünktlichkeit, wo wir jüdische Eigenschaften sehen, wie man nicht vor dem Satan flüchten kann. Dabei ist es für mich klar, aber vielleicht auch für Sie, und ich habe überhaupt nicht die Ambition Sie zu überzeugen, man kann überhaupt nicht überzeugen: Sie hören zu und dann geht jeder weg und denkt sich wieder das Seine, wie ich mir das meine denke. Für mich ist es einfach ergreifend, wie die Juden, die im Ghetto bürgerlichen und patrizischen Juden, den Liberalismus aufgenommen und ihren Söhnen und Enkeln übergeben haben. Sie haben es einfach in ihrem Zartgefühl vermeiden wollen, daß die ehemaligen Bedrücker an die peinliche Geschichte erinnert werden, daß sie einmal Bedrücker gewesen sind. ’ Das ist wieder ein Beispiel für die „spezifisch jüdische“ Rachsucht. Wenn . der Gegner, der uns fünfzehn Jahrhunderte geknechtet und getreten, auf allen Straßen gepeitscht und für fünfzig Gulden erschlagen hat, wenn der.uns'endlich losläßt, ist unser einziger Gedanke: ihn. nur nicht daran erinnern! Auf diesen Grundlagen basiert der Liberalismus, der heute Judenliberalismus geschimpft wird. Und die Juden haben sich für verpflichtet erachtet, diese Bedingung zu erfüllen und haben mit einer, beinahe möchte ich sagen „deutschen“ Treue daran. festgehalten. Aber die Sache hat nicht gestimmt. Man kann nicht aus dem Judentum aussteigen wie aus einer Elektrischen, Und man kann nicht verlangen, daß ein Volk, daß Völker, die Jahrhunderte lang im Juden den Menschen zweiter Güte gesehen haben, vertragen, daß der Mann sich1 so benimmt, wie wenn der Maqp gleich wäre. Das ist doch sq natürlich. Denken» Sie . doch nur einmal an den Mann im -Souterrain: Es'- isf’älY das eingetreten, was heute