Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Lieehtensteinstrasse 11 Telephon 12.299. SpreclistiiMeii täglich von 11—12 Dir vormittags nnä 4—5 Dir naclmiliags. Manuskripte werden nicht zuröckgesteilt. In Brünn: Zeitungsbureau, Erseheint jeden Freitag. Verkaufsstellen in WIEN: Administration, IX., Liechtensteinstr. 11, Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Abonnementspreise: ln Oesterreich - Ungarn: Ganzjähr. K 10*— halbjähr. IC 5'—, Vierteljahr. K 3‘— ln Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10*— halbjähr. Mk. 5'—, Vierteljahr. Mk. 3'— Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15* Vertretungen in der Provinz: Ferdinandsgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiß Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 6. Wien, Freitag den 5. Februar 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Die neue Türkei. Von den jüdischen Dunkelmännern, jungjüdische Aufgaben. .Moschko im Tempel. Gedicht von Beda, j Jüdische Bühne. Aus dem jüdischen Leben: Türkische Toleranz. Die judenfreundlichen Türken. -Väterchens Güte etc. Palästina. Parteinachrichten. Feuilleton: Der Abfall vom Judentum. Von Felix Salten. Vereinsnachrichten. Ueberläüfer. Verein „Jüdische Bühne“. (II „Intimen Theater“, II., Praterstrasse, BestroyhoD III. Vereins-Vorstellung. Sonntag lei 7. Felroar 1909 nachmittags.3 Uhr: zum 2. Male Die neue Türkei. Von Adolf Böhm. In letzter Zeit sind in zionistischen Kreisen wiederholt in Wort und Schrift für die politische Weiterentwicklung der Türkei Prognosen gestellt worden, die fast ausnahmslos eine „kommenden föderalistische Gestaltung des Reiches“ und eine drohende „nationale Autonomie auf territorialer Grundlage“ prophezeiten. Ein Autor verstieg sich sogar zu der ungeheuerlichen Behauptung, daß damit das Ende des Zionismus oder gar das Ende des Judentums (!!) gekommen sein würde. Es tut dringend not, diesen Phantasien entgegenzutreten und davor zu warnen, in den Fehler liberaler Ideologie zu verfallen, das heißt zu verkennen, daß die Entwicklung eines Staates . nur von den realen Machtverhältnissea Ifet^väthandeneiL-. sozialen Gruppen und deren Entwicklung, nicht aber von irgend welchen papierenen Programmen abhängt. Daß insbesondere die inneren Fragen der Türkei völlig verchieden sind von jenen der europäischen Staaten und die treibenden Kräfte ganz andere sind, wie in diesen, so daß selbst durch Einführung von Reformen in europäischem Sinne — wie zum Beispiel des Konstitutionalismus — absolut nicht eine Entwicklung der Türkei analog jener der europäischen Staaten zu erwarten ist. Speziell die nationale Frage hat in der Türkei ein ganz anderes Aussehen, wie etwa in Oesterreich oder Rußland. Dort gibt es kein Nebeneinander, sondern ein Durcheinander von Nationen und Konfessionen. Man zählt zehn große Nationen nebst vielen Völkersplittern und neun Hauptreligionen, die wieder in 18 Kirchen und Sekten geteilt sind. In Mazedonien ist dieses Durcheinander zum Beispiel so groß, daß ein Kenner der Türkei es ein „unentwirrbares Chaos“ nannte, „als hätte man ein Mosaik zertrümmert und die kleinen Steinchen stundenlang in einem Sack zusammengeschüttelt“. Dabei herrscht bekanntlich der blutigste Haß zwischen den Mazedonien bewohnenden Völkerschaften, die überdies ihr Streben nach Angliederung an die unabhängigen Reiche ihrer Konna- , .tionalen.(Secbien, Bulgarien^ 6rieehenk*nd> trotz der „Konstitution“ niemals aufgeben und dieses Ziel immer mit List und Gewalt anstreben werden. Aber Mazedonien ist noch ein europäischer-christlicher Bezirk. Wie stellt man sich aber die Durchführung der „nationalen Autonomie auf territorialer Grundlage“ etwa in Ostarmenien vor, wo Armenier, Kurden, Osmanen, Tscherkessen etc. durcheinandergewürfelt wohnen, einander aufs blutigste befehden Eisik Scheftel Ein jüdisches Arbeiterdrama in 3 Akten von David Pinski. Eisik Scheftel.Michael Irrgang Beile, seine Frau.Käthe Osten Gischinke, ihr Kind.Helene Holstein •Pinie, Eisiks irrsinniger Vater . . . Egon Brecher Note Goldin, Fabrikant.David Hermann Orke, sein Sohn.Erich Rawn Michel, der Alte.Fr. v. Climeche Bäre, der Rote.Rolf Reisegger Selig, Komödiant.Fritz Lunzer Leiwik..Emst Reusch Ssender.Josef Hübner Hile . ..Josef Christean Joschke.Josef Kastl 1 =■»* Nachbar.» |! ijÄ?1"" Gele, Zipes, Tochter.Ella Webers Himfc > D . Tö ht .Vally Illing Sosche / L,0Des oc ter.Helene Lanna Wichne, die Krämerin.Rosa Monati Ort: Eine große Stadt im Nordwesten Rußlands. Zeit: Die Gegenwart. In Szene gesetzt von Egon Brecher. Preise der Plätze einschließlich der Gebühren für Pensionszwecke. Parkett-Loge (6 Personen) K 20*60, Loge auf dem Balkon K 10*60. Ein Parkett-Logensitz 6*30, Ein Balkon-Logensitz 3*60, Cerclesitz K 5*20, Orchestersitz 1. und 2. Reihe K4*30, Parkettsitz 1. bis 5. Reihe K 3*60, Parterresitz 1. bis 4. Reihe K 2*80, Parterresitz 5. bis 8. Reihe K 1*80, Balkonsitz Mitte K 2*30, Balkonsitz Seite K 1*30. Kartenverkauf: Intimes Theater, Praterstraße (Nestroyhof), Basar I, Rotenturmstraße. FEUILLETON. Der Abfall vom Judentum.*) Von Felix Salten. Als die Veranstalter dieses Abends mich fragten, über welches Thema ich sprechen will, sagte ich ohne Besinnen: Ueber den Abfall vom Judentum. Ich dachte, jetzt werde ich endlich sagen können, wasich auf dem Herzen habe, werde mich endlich über diese Dinge aussprechen können, die mir so viel Ekel, Verdruß, Beschämung bereitet haben. Je näher aber der Abend kam, desto deutlicher und ängstlicher kam es mir zum Bewußtsein, daß es sehr schwer ist, über den Abfall vom Judentum zu sprechen; das ist eine so persönliche Angelegenheit und in allen ihren Zusammenhängen so empfindlich, daß man eigentlich nur mit jemand darüber sprechen kann, mit dem man sehr intim ist. Wie soll ich da in einer fremden Stadt, vor fremden Menschen darüber sprechen? Es besteht die Gefahr, daß in meine Rede ein entsetzlicher Ton von Vertraulichkeit kommt, den Sie vermutlich nicht wollen und den ich bestimmt nicht will. Zunächst werde ich also nicht* sagen, was ich auf dem Herzen habe. Man kann ja auch das persönliche, augenblickliche und aktuelle bei dieser Frage vollständig beiseite lassen. Wichtig ist nur, ob der Abfall vom Judentum für das Judentum selbst etwas bedeutet, ob er ein Symptom für den* Zustand des Judentums ist, oder *) Herr Felix Salten hat diese Rede, die er am Festabende der .Bar Kechba* in Prag hielt, nach dem stenographischen Manuskript selbst durchgesehen. nur ein Symptom für den Zustand einzelner Juden. Es ist natürlich beides der Fall. Aber dieser Abfall hat seine Gründe, die so wenig tief gehen und so an der Oberfläche sitzen, daß man sie aufzeigen muß. Ich habe einen Freund, der getauft ist, - heutzutage hat jeder einen Freund, der getauft ist und so oft wir beisammen sind und diese ruhmvolle Angelegenheit in seinem Leben gestreift wird, vermag ich es nicht zu verbergen, daß ich darüber noch immer nicht hinweg gekommen bin; und dann lächelt er und sagt: „Wie kann man nur ein aufgeklärter und moderner Mensch sein und sich über die Taufe nicht h i n w e g s e t z e n!“ Ich aber muß ihm dann immer antworten: „W ie kann man ein aufgeklärter und moderner Mensch sein, und sich taufen lassen?“ Dieses Gespräch deckt einfach ein Mißverständnis auf. Der eine glaubt er sei vollständig aufgeklärt und modern, wenn er sich taufen läßt, und der andere, er sei eben daruni aufgeklärt und modern, weil er die Taufe perhorresziert. Es fragt sich eben, ist man modern, wenn man die Nützlichkeiten einer Epoche spürt und ihnen folgt? Die Nützlichkeiten sind nicht immer die Notwendigkeiten; schon diese Verwechslung ist fatal, wie sehr hereingefallen ist aber einer, der etwas für Nützlichkeiten hält, was dann gar nichts nützt In welchen Schichten der Bevölkerung spielen sich nun diese Gespräche ab? Immer in der gesellschaftlichen Oberschicht, immer unter den wirtschaftlich Fortgeschrittenen. Taufen läßt sich jemand, der auf einem Punkte der inneren und der äußerlich erlernbaren Kultur "angelangt ist, wo er