Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438220-2438225--0994-2440553- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 3× ep/1048155
- Haifa 1× ep/1047930
- Minsk 1× ep/1000754
- Ternopil 1× ep/1000964
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
Sehe 4 versäumen, sich auf der festen Plattform des jüdischen Nationalismus zu vereinigen. Der Referent, dessen Rede die Zuhörerschaft in gespannter Aufmerksamkeit erhielt, erntete für seine meisterhaften Ausführungen rauschenden Beifall. * * * Jüdische Turnvereine in Galizien. Lemberg, ln einer Generalversammlung des jüdischen Turnvereins in Lemberg legte der Vorsitzende einen ausführlichen Bericht über die Zahl und die Tätigkeit der Turnvereine Galiziens vor. Der Kampf gegen die körperliche Verwahrlosung der jüdischen Jugend Galiziens hat im Jahre 1901 mit der Gründnng von Turnvereinen eingesetzt. Diese Bestrebungen fanden anfangs bei der jüdischen Oeffentlichkeit gar keine oder nur sehr geringe Unterstützung und noch gegenwärtig werden die Turnvereine vielfach angefeindet und als vollständig überflüssig hingestellt. Trotzdem ist es den unermüdlichen Bemühungen des Zentralausschusses gelungen, in verschiedenen Städten Galiziens Turnvereine zu begründen, die bereits eine ansehnliche Mitgliederzahl haben. Der erste Turnverein entstand in Lemberg, und dann rasch hintereinander Vereine in Tarnopol, Stanislau und Krakau. Der Lemberger Verein zählt 202 männliche und 21 weibliche Mitglieder. Der Turnverein hat auch verschiedene Fußballklubs begründet, die ebenfalls sehr günstige und viel versprechende Resultate aufweisen. Auch haben die Turnvereine größtenteils eine ansehnliche Bibliothek, die wichtige Werke über Gymnastik und Turnübungen enthält. Die Pflege eines jungen, kräftigen und stolzen Muskeljudentums hat in Galizien, wo es am meisten not tut, also nach vielen Kämpfen doch festen Boden gewonnen. * * * Die Judenfeinde in der Schweiz. Basel. In einem reichsdeutschen Blatte erschien nachstehender Situationsbericht: Bis vor wenigen Jahren gab es in der Schweiz nicht die Spur eines die Oeffentlichkeit interessierenden Antisemitismus. Allerdings hatte das Schächtverbot von 1894 die in unserer Republik schlummernden judenfeindlichen Instinkte offenbart; aber durch die folgenden zehn Jahre schlief der Haß, wenigstens in der Oeffentlichkeit. Erst als vor vier Jahren hunderte vor den russischen Henkern und Schindern flüchtende Judenfamilien nach der Schweiz sich wendeten und daselbst in den größeren Städten ihre Zelte errichteten, ließen sich in größeren schweizerischen Zeitungen Unkenrufe vernehmen, die täuschend denjenigen ähnelten, die man im Deutschen Reich seit Stöcker zu hören gewohnt war. In dem für allgemein ruhig und neutral sich verhaltenden Basel tauchte plötzlich im Mai 1905 ein splendid ausgestattesWochenblatt „Der Samstag“ auf, das angeblich baslerisch künstlerischen, heimatlichen Interessen dienen sollte, im Grunde aber, wie sich sehr bald herausstellte, Judenhetze unter dünnem Firniß kultivierte. Der hohe Abonnementspreis, die exklusive Tendenz und, wie gesagt, der schrille antisemitische Ton bewirkten indes, daß das große Publikum und auch die besseren Kreise von diesem Blatte nichts wissen wollten — und nach mehreren Versuchen, sich über Wasser zu halten, entschlummerte es wieder sanft. Aber vor zehn Monaten ist es wieder erwacht. Die Nummer kostet 30 Rappen, also für das Volk keine Kost; dafür lesen es die oberen Kreise, zwar nicht durchgängig; aber Tatsache ist, daß das Blättchen sich gut rentiert und in Antisemitismus einen Rekord mit jeder heuen Nummer schafft. Langsam, aber sicher, faßt es in besseren bürgerlichen Kreisen Fuß, und es streckt seine Fühler nach Zürich, Bern, St. Gallen und anderen Städten aus. Im Stillen haben sich bereits kapitalskräftige Personen hinter jenes Blatt gestellt, und der Plan, welcher vor etwas länger als einem Jahr, allerdings zu früh und überhastet, „aufblühte“, nämlich: „ein antisemitisches Tagblatt für die Schweiz herauszugeben“, wird im neuen Jahr, nachdem der „Probepfeil“ in Gestalt des „Samstag“ sein Ziel erreichte, mit besserer Aussicht auf Erfolg ins Werk gesetzt werden. Was aber geschieht in unserem Lager, ich meine, in. dem heute noch kräftigen, starken, jüdischen Gemeinden Basel, Zürich, Bern, St Gallen, JÜDISCHE ZEITUNG. um der die Schweizer Juden bedrohenden Gefahren mit Erfolg, d. h. rechtzeitig, zu begegnen? Allpolnische Brutalität. Saybusch. Seit jeher. pflegten die jüdischen Eßwarenhändler in jder Weihnachtswoche ihre Waren auf dem Marktplatze feilzubieten. Dieses Gewohnheitsrecht wurde heuer vom Bürgermeister von Saybusch Dr. Kornicki ohne unmittelbaren Anlaß brutal umgestoßen und die Juden auf sein Geheiß vom Marktplatze vertrieben. Die Handlungsweise des Stadtgewaltigen ist um so brutaler, als gerade die Saybuscher Juden keine Gelegenheit Vorbeigehen lassen, um für die polnischen Vereine, besonders für den „Sökol“, Opfer zu bringen. Wir betrachten natürlich! die polnisch - „patriotische“ Haltung der Saybuscher Polen mosaischer Konfession für unangebracht und würdelos, müssen aber nachdrücklich auf die Rohheiten hinweisen, deren sich polnische Schlachzizenherrchen gegen Juden herausnehmen. die den entsprechenden Lohn für ihre Sklavendienste am allerwenigsten von jenen verdienen. die mit jüdischem Gelde ihre Vereine erhalten. ' * * * Jüdische Einwanderung in New-York. New-York. Wie das Berliner Bureau der „Alliance“ mitteilt, ssind im November 1908 im New- Yorker Hafen 3426 jüdische Einwanderer gelandet gegen 12.418 im November 1907. Von den Eingewanderten kamen 2292 aus Rußland, 914 aus O: esterreich-Ungar n, 163 aus Rumänien, 41 aus England, 9 aus Deutschland. Von den Eingewanderten gingen 893 nach anderen Punkten der Vereinigten Staaten, während der" Rest in New-York verblieb. :* * * Eine halbe Million Kronen für das jüdische Technikum in Palästina. New-York. Aus New-York wird gemeldet, daß Herr Jakob H. Schiff 100.000 Dollars für das neu zu errichtende jüdische ,-lnstitut für Technologie in Haifa (Palästina) gespendet hat. * * * Forderungen der Juden in Tunis. Tunis. In dem seit kurzem in Tunis erscheinenden Blatte „Le : Defenseur* stellen die Juden folgende Forderungen auf: 1. Verlangeu die Tuniser Juden, daß, wenn ein Jude mit einem Mohammedaner einen Prozeß hat, .so möge dieser nicht vor einem mohammedanischen Gerichte nach den Grundsätzen des Korans, sondern vor dem französischen Gerichte auf Grund der allgemeinein französischen Gesetze verhandelt und abgeurteilt werden. 2. Soll den Tuniser Juden die Möglichkeit gegeben werden, französische Bürger zu werden. Zu Erklärung dieser Forderung sei darauf hingewiesen, daß lauf den für Tunis geltenden Gesetzen, jeder fremde, Untertan französischer Bürger werden kann, wenn er den Nachweis erbringt, daß er eine bestimmte Zeit hindurch in Tunis ununterbrochen gewohnt hat. Mit den Tuniser Juden wird nun eine Ausnahme gemacht, daß ihnen solche Seßhaftigkeitspapiere nur in dem Falle ausgefolgt werden, wenn sie nachweisen, daß sie drei Jahre hindurchinderTuniser Armee gedient haben. Die Juden würden nun sehr gerne dieser Forderung nachkommen, wenn die Mohammedaner, aus denen fast ausschließlich die tunesischen Regimenter bestehen, sie zum Militärdienste zulassen würden. Den Juden bleibt demnach nichts anderes übrig, als sich für den schweren Dienst in der „Fremdenlegion“ anwerben zu lassen. Tatsächlich dienen auch zahlreiche tunesische Juden in der Fremenlegion und auch in den französischen Regimentern, die in Marokko gekämpft haben, gab es zahlreiche Juden aus Tunis. 3. Verlangen die Juden, daß sie zu den öffentlichen Stellen, welche ihnen heute noch fast ausnahmslos verschlossen sind, zugelassen werden. * . * Polönyi gegen die jüdischen Geschworenen. Budapest. (Orig.-Korresp.) Exminister Polönyi hat vorige Woche in dem Verleumdungspro¬ Nr. 5 zesse gegen den Abgeordneten Lengyel an die kön* Kurie ein Gesuch eingereicht, worin er die bei der Verhandlung seines Prozesses fungierenden jüdischen Geschworenen auf das schärfste angreift. Er beschuldigt sie des Eidbruches, da dieselben vom konfessionellen Solidaritätsgefühl, geleitet, die ihnen an vertrauten Geheimnisse dem jüdischen Anwälte des Abg. Lengyel, Dr. Väzsonyi, mitgeteilt hätten. — Die Beschuldigungen, wie der von Polönyi gebrauchte gehässige Ton, hat in den hiesigen Kreisen unangenehme Sensation erregt. * * * Josef Israels 85 jähriger Geburtstag. Amsterdam. In diesen Tagen feiert Josef Israels, der berühmteste der jetzt lebenden Maler, seinen 85 jährigen Geburtstag. Aus diesem Anlasse richtete die zionistische Organisation Niederlands an den Künstler ein herzliches Gratulationsschreiben. * * * Der Zar fürchtet die Judenmädchen. Wilna. Ein erbauliches Geschichtchen hat sich kürzlich zwischen Minsk und Moskau zugetragen, das von der Absurdität der russischen Judengesetze und der barbarischen Sinnlosigkeit, mit der diese Gesetze von den Behörden angewendet werden, Zeugnis ablegt. In einem Mädchengymnasium in Minsk wollte man während der Weihnachtsferien eine Exkursion der Schülerinnen der ersten Klassen nach Moskau veranstalten. Die Schülerinnen freuten sich natürlich sehr auf diese große und interessante Reise und trafen alle Vorbereitungen. Die Erlaubnis des Kuratoriums der Schule wurde erteilt. Da kam aus .Moskau vom Gouverneur ein Schreiben, in dem er mitteilte, daß er die Schülerinnen gern in Moskau gastfreundlich aufnehmen wolle, aber — esdürftenkeine Jüdinnendaruntersein, da diese sich in Moskau überhaupt nicht aufhalten dürfen. Als dies die christlichen Schülerinnen erfuhren, verzichteten auch sie schweren Herzens auf die Reise, und die Fahrt nach Moskau unterblieb. Kreislauf. Toni Schleicher war ein guter Knabe, Treu ergeben seiner Wissenschaft, Seine Rede glich der Honigwabe Und sein Fleiß war gleichfalls bienenhaft; Regelmäßig war sein Stuhl und Beten, Und er war der Stolz des Katecheten. Doch die: Blüte dieser Menschenlilie War ihr abgrundtiefer Judenhaß, Und der Schoß der christlichen Familie Nährte diesen ohne Unterlaß; Sah der Jüngling Juden nur von weiten, Ueberrumpelten ihn Uebligkeiten. Doch als er die Studien beendet Und ins wilde Leben trat hinein, Hat mit einenmale sich gewendet, Was doch schien so dauerhaft zu sein; Und der Priester rief mit Mollakkorden: „Toni ist ein Judenknecht geworden!“ Und der Toni blies die Freiheitsflöte, Kämpfte für den Fortschritt wie ein Leu’ Und fungierte bei der „Morgenröte“ Als Schriftleiter und Paradegoj. Auch erhielt er gut dotierte Stellen Bei begeisterten Industriellen. Da er sparsam, mäßig und bescheiden, War er bald ein saturierter Mann, Und da sah er, wie die Völker leiden Unter der Hebräer Joch und Bann, Und es zog den j’ungen Idealisten Wieder in das Lager seiner Christen. * Angeflammt von wohlgepflegten Bieren Predigt er die Jüdenfresserei, Reich an Geist sowie an Wertpapieren Ist er eine Zierde der Partei; Schwimmend in Diäten und Moneten, Kehrt er heim zum Stolz des Katecheten! Beda.