Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 'noch Hindes, ein verkrüppelter, unglücklicher und zartfühlender Freund. Zwischen Arbeit und Träumerei fließt Fannis Leben ruhig dahin. Da kommt ein Brief von Bergmann, in welchem er mitteilt, daß sein Stück in einem Theater angenommen wurde, daß er glücklich sei und der Zukunft froh entgegensehe. Seine „glückliche Zukunft“ könne Fanni nicht gleichgültig sein. Diese dunkle Schlußwendung erweckt in Fanni, der Resignierten, ein unnennbares Glücksgefühl. Sie kann es nicht verheimlichen, Hindes muß alles wissen, „damit auch er eine Freude habe“, Hindes verlangt nun den Brief, er will alles schwarz auf weiß sehen. Er liest den „idiotischen Schlußsatz“ — wie er sagt — und weiß, daß er sich nicht auf Fanni, sondern auf die Schwester Olga bezieht. Bergmann hat nämlich in einem Briefe an Hindes von Olga geschrieben, daß sie auf ihn „wie eine Offenbarung gewirkt hat“. Hindes klärt Fanni auf und entfesselt in ihr einen Seelenkampf: Schwester und Weib kämpfen — und das Weib verzichtet. Die Schwester in Fanni will Olga glücklich sehen und jeden Argwohn aus ihrem Herzen bannen, damit sie nicht etwa Fanni zuliebe verzichte. Und Fanni bietet sich Hindes als Frau an. Hindes will „nicht der Altar sein, auf dem sich Fanni opfert“ und will nicht, daß Fanni ihn, den verkrüppelten, hilflosen Menschen zum Manne nehme und doch — sehnt er sich, der vom Glückvergessene nach einem bißchen Sonnenschein. Er ringt mit seinem Herzen und wird, da Fanni ihm von ihrem gemeinsamen, zukünftigen Glücke, vom Glücke der Vergessenen mit werbender, flehender Stimme erzählt, besiegt. Die Darstellung dieses stimmungsvollen, fein durchgearbeiteten Einakters war ausgezeichnet. Frl. Rossi spielte die Rolle der Fanni einfach und . lebenswahr. Das Spiel des Herrn B r e c h e r (Hindes) war in jeder Beziehung tadellos. Vorzügliches leisteten auch Frl. Heller und Frl. L a n n a. „Winter“ von Asch ist ein mit dichterischer Empfindungskraft geschriebenes Stück, dessen Vorwurf eher für eine Erzählung, als für ein Drama gepaßt hätte. Die Handlung ist in wenigen Worten erzählt: Die ältere Schwester will nicht heiraten und zwingt dadurch die jüngere Schwester eine alte Jungfrau zu werden. Denn nach jüdischem Brauche darf die jüngere Schwester vor der älteren nicht heiraten. Da kommt ein Freier, welcher Deborah, die jüngere, heimführen will. Roma, die ältere, verzeiht — wie es jüdischer Brauch ist — der jüngeren Schwester, und während im Salon die Brautschau vor sich geht, steht Roma einsam am Fenster Kleinen zu unterrichten. Diese Tafeln sollten doch noch einmal bei besseren Zeiten nach dem Bezalelmuseum in Jerusalem — alsDenkmal der Kultur unserer Zeit! Als hebräischer Lehrer fungiert an der Allianceschule ein Sephardi; seine Vorgängerin war ein junges askenasisches; Mädchen — symptomatisch: die Safeder russischen und polnischen Juden schützen ihre männliche Jugend von dem Einflüsse der europäischer Bildung, gönnen sie aber anstandslos der weiblichen. Analoga siehe in der Geschichte der Aufklärungsepoche in Rußland und Polen. Noch eine Einzelheit, die gleichfalls den landläufigen Begriffen widersprechen dürfte. Die Safeder Juden machen körperlich einen entschieden besseren Eindruck als der Durchschnitt ihrer Stammesgenossen in Osteuropa. Zugleich mit klimatischen Verhältnissen, die hier möglicherweise mitwirken, spielt aber entschieden die Chaluka eine sehr wichtige Rolle, indem sie den Juden eine gewisse ökonomische Unterstützung verleiht und ihnen hierbei den Kampf ums Dasein wesentlich erleichtert. Simon Einhorn. Allerlei. Altj&dische Münzen. Im „Anthropos“, einer internationalen (mehrsprachigen) Zeitschrift für Völker- und Sprachenkunde berichtet ein Trappisten- JÜD1SCHE ZEITUNG. und starrt auf die fallenden Schneeflocken. „Es friert,“ sagt sie.... Die Darstellung dieses Stückes war gut, wurde jedoch von der des folgenden Einakters „Schwestern“, den wir schon einmal ausführlich besprochen haben, bei weitem übertroffen. W. *;■* Der Verein „Jüdisch^ Bühne“ hat durch diese Veranstaltung einen hohen Grad von Können bewiesen. Seine Bestrebungen, in Wien ein beständiges jüdisches Theater zu schaffen, müssen bei jedem einsichtigen Juden, welcher Parteirichtung er auch immer angehören möge, Verständnis finden. Nun, da der Beweis erbracht, daß der Verein sowohl in bezug auf Repertoire als auch Darstellung vieles . und erstklassiges zu bieten im stände ist, sei nachdrücklich darauf verwiesen, daß es nur an der Unterstützung des jüdischen Publikums liegt, ob der junge Verein seine Tätigkeit fortsetzen kann oder nicht. Wir machen auf die Ankündigung des Vereines Jüdische Bühne“ in dieser Nummer aufmerksam. * * * Freitag den 29. Jänner findet im Saale des Zentralvereines (IX., Türkenstraße 9, um halb 8 Uhr abends die konstituierende Versammlung des Vereines „Jüdische Bühne“ statt, zu der jedermann höflichst eingeladen wird. Für das Proponenten-Komitee: Adolf Stand, Reichsratsabgeordneter. Dr. Hugo Zuckermann. Dr. Oskar Rosenfeld. Dr. Oskar Gold. Dr. Leopold Kahn. Samstag, den 24. d. wurde unser Gg. Dr. Leopold Kahn, der am Freitag abends plötzlich verschied, zu Grabe getragen. Dr. Leopold Kahn, ein genauer Kenner des jüdischen Schrifttums, hatte einen weiten Weg zurückgelegt, bevor er an der Seite Theodor Herzls, zu einem der ersten Verkünder des Zionismus wurde. Im Osten geboren, besuchte er den Cheder und den Beth-hami-drasch, bereitete sich in einem Jahre zur Matura vor und schlug dann die Advokatenlaufbahn ein. Stets aber blieb er seinem Volke treu und seine beste Lebenskraft, sein ganzes Wissen und Können widmete er der Idee des Zionismus. Herzl achtete in ihm den unermüdlichen Mitarbeiter und betraute ihm mit schwierigen Missionen. So verbrachte er einige : mönch Marianhill (Natal), über eine alte I Münze, die sich in dem Museum dieser südafrii kanischen Stadt befindet, wohin sie im Jahre 1898 nach ihrer Auffindung gebracht worden war. Arbeitende Brüder des Klosters hätten sie in einer Gartenanlage aufgelesen, wo sie in der oberen Sand- und Humusschichte, etwa 30 bis 50 cm tief, lag. Das Gepräge der Münze ist sehr scharf; sie kann nur kurze Zeit durch Menschenhände gegangen sein. Dieser Umstand legt den Gedanken nahe, die Münze müsse auf dem Seeweg nach Natal gelangt sein. Seefahrer älterer Zeit dürften wohl auch die nahegelegene Bucht von Durban, die einen prächtigen Hafen bildet, gekannt haben. Auf der einen Seite der Münze ist ein Kelch abgebildet, die andere Seite trägt einen Palmbaum mit runden Früchten. Rechts und links vom Stamme des Baumes befindet sich ein kleiner flaschenartiger Gegenstand. Das Fundstück ist, wie P. Sh. Strathmann (Mödling) in der genannten Zeitschrift erklärend mitteilt, nach Form und Aufschrift eine j ü d ische Kupfermünze aus vorchristlicher Zeit. Die außerordentlich gut erhaltenen Schriftzeichen und altsemitische Charaktere in der Gestalt, wie sie im 2. und 1. Jahrhundert v. d. ä. Ztr. noch auf Münzen und Denkmälern angewendet wurden. Die Transskription in der häbräischen Quadratschrift ergibt die Worte: (Vorderseite: „viertes Jahr (Rückseite:) der Befreiuung Sions.“ Die vielumstrittene Frage nach dem Charakter und der Herkunft der südafrikanischen Ruinenstätten tritt mit diesem Funde zweifellos in ein ganz neues Stadium. Seite 3 Monate in Konstantinopel, um das türkische Recht zu studieren, war oft in wichtigen Angelegenheiten in Paris, London, Berlin und anderen Städten. In seinen letzten Lebensjahren widmete er sich stiller Arbeit und nur selten verließ er sein Studierzimmer, um irgendwo in der Provinz mit zündender Beredsamkeit dem Zionismus neue Anhänger zu werben. Das Leichenbegängnis des Verstorbenen gestaltete sich zu einer Kundgebung aufrichtiger Verehrung und Wertschätzung, deren er sich bei Lebzeiten erfreut hat. Am Leichenzuge seines Ehrenmitgliedes nahmen der Verein „Bar-Kochba“, dessen Mitglieder an der Bahre des Heimgegangenen die Ehrenwache gehalten hatten, korporativ teil. Außerdem waren alle Verbindungen und Vereine deputativ vertreten. Von den zionistischen Korporationen waren erschienen: In Vertretung des Zentralbureaus der Obmann Dr. Isidor Margu 1 ies, in Vertretung des i.-ö. Distriktskomitees Herr Sternlicht. Der Mariahilf-Neubauer-Verein hatte den Obmann Dr. B e r n h a r d t, die PreßburgerOrganisationGesinnungsgenossen Herrn Steiner entsendet. In Vertretung des jüdischen Klubs war Abg. Dr. Artur Mahler erschienen. An der Bahre sprach zuerst Herr Rabbiner Dr. T a g 1 i c h t, hierauf Herr Baurat Oskar Marmorek im Namen der erschienenen Freunde. Nach ihnen widmete der Vertreter des D. K., Herr Sternlicht und HerrDr. Bern hard, dem Toten Worte des Abschiedes. Herr Torczyner hielt eine hebräische Ansprache, in der er den Verstorbenen als einen der ersten Streiter für das zionistische Ideal feierte. Am offenen Grabe nahm Dr. Dawid R o t b 1 u m im Namen der „Bar-Kochba“, in einer tiefempfundenen Rede vom verstorbenen Ehrenmitgliede Abschied. Aus dem jüdischen Leben. Das Balkanproblem und der Zionismus. Wien. Am Donnerstag, den 14. d. M. hielt Herr Dr. Hermann K a d i s c h auf der Bude der „K a d i m a h“ vor einem größeren Auditorium von jüdischnationalen Studenten, einen Vortrag über das Thema: „Balkan, Oesterreich und der Zionismus.“ Der Referent, der in der politischscharfsinnigsten Weise das akute Problem der Balkanpolitik beleuchtete, kam in seinen Ausführungen zu folgenden, höchst bemerkenswerten Thesen: Ad 1: Ist jeder politische Erfolg der zionistischen Bestrebungen von der Neugestaltung der Türkei abhängig, denn nur unter der Voraussetzung einer national-föderalistischen Verfassung im jungtürkischen Reiche, kann die nationale Autonomie der gegenwärtigen und künftigen und palästinensischen Judenheit erreicht werden. Damit aber „der große Augenblick kein kleines Volk finde“, ist es nötig, daß der Zionismus es zu seiner vornehmsten Aufgabe mache, namentlich unter den sefardischen Juden die Idee der jüngjüdischen Renaissance zu propagieren, denn nur ein nationales Judentum kann den Anspruch auf Gleichberechtigung erheben, wenn es gilt, die Türkei in einen national-föderalistischen Staat umzuwandeln. Ad 2: Ist aber dieselbe nationale Ausbildung wie bei den orientalischen Juden auch bei den österreichischen sehr vonnöten. Denn unser Heimatstaat, der seit fünf Jahrzehnten durch die erbitterten Nationalitätenkämpfe in seinen Grundfesten erschüttert ist, wird sich über kurz oder lang genötigt sehen, in der Lösung seiner großen Existenzfrage zu denselben Mitteln zu greifen, wie die jungtürkische Partei im osmanischen Reiche. Nur die Umwandlung einer dualistischen Staatsverfassung in eine föderalistische kann die mächtigen Gegensätze der Nationalitäten ausgieichen und nur eine solche kann die scheinbar so schwierige Balkanfrage lösen, die im Grunde genommen nichts anderes ist, als der Kampf um die nationale Wiedervereinigung des zerrissenen südslavischen Stammes. Aber wehe den Juden, wenn sie versäumen, in jenem großen Moment recht stark und mächtig zu sein, wenn sie es