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Jüdische Zeitung · 1909-01-29 · 5 (29.1.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr 5. zu wahren. Das ist ein Gebot der Gerechtigkeit und der Vernunft Und wenn irgend ein unverantwortlicher jüdischer Schädling deutscher oder tschechischer Kouleur dieses Gebot verletzt, dann muß sein Name angenagelt werden, es muß nachdrücklich und öffentlich erklärt werden, daß die ehrliche Judenschaft sein Vorgehen mißbilligt und nichts mit ihm zu tun hat. Diese Pflicht erwächst insbesondere den bestehenden jüdischnationalen Organisationen. Ein konsequentes Vorgehen in diesem Sinne wird manchen vorlauten Schnabel stopfen und zur Verbesserung der politischen Lage der Juden in Oesterreich viel beitragen. Unsere Zukunft. Von Moses W a 1 d m a n n. Der bisherige Verlauf der türkischen Revolution hat die konventionellen Ansichten der sogenannten zivilisierten Welt über Revolution und revolutionäre Bewegung über den Haufen geworfen. Einmütig haben Kenner des Orients und Politiker, die „unten“ gewesen und solche, die dort nicht gewesen sind, eingestanden, daß sie nichts „geahnt“ haben Die Diplomaten Englands, Frankreichs, Deutschlands, Rußlands, Oesterreichs und Italiens entdeckten plötzlich die ihnen gemeinsame Eigenschaft und fühlten sich zum erstenmal gleichgeartet ... in ihrer Dummheit, fanden sie sich. Was in der Türkei vor sich gegangen, steht beispiellos in der Geschichte da. Das Neue, Nochnichtdagewesene erweckte begreiflicherweise erhöhtes Interesse. Die ehrsamen Banausen Europas vertiefen sich darum gespannt in die Berichte über die Vorgänge in der Türkei, trotz oder wegen der zahlreichen Namen, die schwer zu merken sind und enthalten sich der Prophezeiungen, über das, was dort kommen wird. Die Erfahrungen haben die kühnsten politischen Wahrsager vorsichtig gemacht Wir Zionisten sind — zu unserer Schande sei es gesagt — von dem Ausbruche der Revolution ebenso überrascht worden, wie Iswolski und Grey und die ahnungslose Unschuld, die wir mit diesen Staatsmännern teilen, wäre für uns in keinem Falle ein Kompliment, im vorgelegenen war sie aber „plus qu’un crime“, denn sie war ein unverzeihlicher Fehler. Möge uns der Schaden klug machen! ln der Zukunft darf es niemanden in Europa — außer dem Präsidenten des „Komitees für Einheit und Fortschritt“ — geben, der genauer über die Türkei informiert wäre, alsdieLeitung der zionistischen Organisation! Im vorliegenden Aufsatz seien in aller Kürze Schlüsse aus Tatsachen deduziert, die uns vorläufig bekannt sind. Das türkische Parlament —• und dieses muß in einem Lande, in welchem die Revolution von oben kam- und; allmählich die unteren Volksschichten ergriff, vorderhand als entscheidender Faktor in der nächsten Entwicklung der Türkei getrachtet werden — besteht aus 240 Mitgliedern, von denen 140 im j ungt ür ki sc h en V erbande und ungetähr 80 in# Nationalitätenblock vereinigt sind. .Jungtürken und Block haben einander entgegengesetzte Maximalprogramme. Endziel der Jungtürken ist ein starker zentralistisch regierter, ottomanischer Nationalstaat. Endziel des Blocks: ein wirtschaftlich einheitliches, föderalistisches Staatswesen. Minimalprogramm der Jungtürken ist: Emanzipation von der Vormundschaft des Auslandes, Reorganisation der Verwaltung, Stärkung der Nationalarmee, Einführung von Volksschulen, in denen Türkisch obligat und höherer Lehranstalten, in denen Türkisch Unterrichtssprache ist und Durchführung der Zentralisation. Minimalprogramm des Blocks: Emanzipation von Europa, Reorganisation der Verwaltung, Stärkung der Armee mit Vermeidung des Dislokationsprinzips, Einführung nationaler Volksschulen und Durchführung der nationalen Autonomie, über deren Charakter man sich nicht genug klar ist. Gewiß wird aber diejferritoriale Gliederung als Grundlage dieneig' Jungtürken und Block sind vorläufig einig, sie werden es so lange bleiben, bis die Türkei ihre zahlreichen Freunde höflich aber entschieden ihres Dankes versichert und sich deren weitere Dienste verbeten haben wird. Sie werden es solange bleiben, bis die unverschämten Bakschischnehmer durch verschämte ersetzt sind. Die erste Dissonanz wird sich vermutlich in der Armeefrage ergeben, - offenen Gegensatz und Gegnerschaft wird die Unterrichtsfrage hervorrufen. Das türkische Parlament wird dann eine jungtürkische Majorität und eine geschlossene einheitliche Opposition haben. Fs frägt sich nun: Kann diese Opposition ans Ruder gelangen uud welcher Zeitraum wird vermutlich verstreichen müssen, bis sie zur Herrschaft gelangt? Die erste Frage muß von jedem Einsichtigen bejaht werden. Die Entwicklung in Oesterreich, wo die Regierung jahrzehntelang bezüglich der Nationalitätenfrage am Prinzipe des „divide et impera“ festgehalten, führt zur nationaten Autonomie. In dem ottomanischen Nationalitätenstaate wird die organische, natürliche Ent- Der überaus größte Teil der Chalukajuden erhält von den Chaluka nur Unterstützung und ist gezwungen, sein sonstiges Auskommen in irgend einem Gewerbe zu suchen. Es ist klar, daß die Chalukajuden nicht das arbeitsscheue Gesindel sein können, wie gewöhnlich geschildert wird. Da die Chalukajuden größtenteils aus den osteuropäischen Ghetti stammen, so sehen wir sie auch an ihrem neuen Wohnsitze in Erwerbszweigen, die in ihrer Heimat üblich sind. Wohl die meisten der Safeder Chalukaempfänger treiben zu gleicher Zeit auch Handel, natürlich den unscheinbaren, jüdischen Kleinhandel. Es gibt unter ihnen auch Handwerker, in den Fächern, die ihre jüdischen Vertreter auch im Golus finden — ich glaube, es gibt sogar in Safed eine erkleckliche Zahl von „Luftmenschen“ In die spezifischen Gewerbe des Landes scheinen die eingewanderten Juden nicht eingedrungen zu sein; so hahe ich wohl eingeborene Juden als M ukari (Maultiertreiber) gesehen, aber keinen askenasischen. Es ist zu erwähnen, daß ich auch Chalukaempfänger als Kolonisten gesehen habe, die aus Safed stammen nnd sich in einer obergaliläischen Kolonie niederließen, wo sie ihren ungewohnten bäuerlichen Beruf mit nicht geringerem Fleiß und Verständnis ausüben, wie die anderen Kolonisten. Das geistige Leben in Safed bewegt sich natürlich ganz in altjüdischen Werten und es wird einem ganz besonders wohl zumute, wenn man plötzlich aus der geräuschvollen Eitelkeit der europäischen Großstadt mitten in diese Stille echter altjüdischer Romantik versetzt wird, wo das ganze Leben gleichsam auf diese Romantik abgestimmt ist, wo alles so leicht und zwanglos ineinander greift, ohne durch eine fremde feindliche Kultur von außen gestört zu werden. Am Vorabend des Sabbath gehen manche nach dem unweit im Dorfe M e r o n gelegenen Zijun-schel-Rabbi-Simon-bar-Jochai, um den heiligen Tag in Beten und „Lernen“ an geweihter Stätte zu verbringen. Am Samstag selbst herrscht im jüdischen Viertel Safeds die innige Ruhe des echten jüdischen Sabbath. Aus den geöffneten Fenstern der Häuser erschallen die traditionellen Semirothgesänge. Dann und wann durchschreitet gemessenen Schrittes eine hohe, ein wenig vornüber gebückte Gestalt, die stille Straße, mit dem obligaten buschigen flachen „Streimel“, in kurzen Kniehosen, buntem Wams, umwallt vom langen und weiten Mantel aus in den grellsten Farben schillerndem Samt — die stolze Tracht der alten spanischen Granden! Was das Verhalten der Safeder Judenschaff der europäischen Bildung gegenüber anbetrifft, so scheinen sich die Verhältnisse während der letzten Wicklung im Nationalitätenleben denselben Weg nehmen und ihn vermutlich rascher zurücklegen als in Oesterreich. Denn was in Oesterreich die Entfaltung der nationalen Kräfte der einzelnen Völker gehemmt hat, war die zum Teil noch absolutistische Verwaltung und kulturelle Ueberlegenheit der herrschenden Völker, der Deutschen und Polen. In der Türkei scheint der erste Hemmschuh zu fehlen, der zweite ist nicht oder nur in bezug auf kleine, an der Grenze der asiatischen Türkei wohnende Volksstämme vorhanden. Sonst sind Araber und Juden, Griechen und Armenier, den Türken an Kultur gleich, wenn nicht überlegen. Es ist somit ausgeschlossen, daß die Zentralisationsbestrebungen der Jungtürken im ottomanischen Parlamente lange Zeit aufrecht erhalten werden. Ueber kurz oder lang — wenige Jahrzehnte werden ins Land gehen — wird die national-autonomistische Opposition gesiegt haben und damit das Schicksal des Zionismus für immer besiegelt sein. Der Zusammenhang ist klar: Werden wir bis zum Eintritt jenes Zeitpunktes in Palästina vor allem das kulturell-wirtschaftliche und womöglich das numerische Üebergewicht haben, so ist der Zionismus in den wesentlichsten Punkten des Baseler Programmes realisiert; werden wir hingegegen um jene Zeit in der Minorität sein, so wird das variierte „Finis Judeae“ größere Berechtigung haben als das „Finis Poloniae“ Kosciuskos. Wie wir es anstellen müssen, um so rasch als möglich Palästina jüdisch zu machen — darüber nächstens! Verein „Jüdische Bühne“. (Nachmittagsvorstellung im „Intimen Theater“.) Um es vorwegs zu erklären: Die Nachmittagsvorstellung vom Sonntag den 24. d. war ein voller Erfolg des jungen Unternehmens. Gute Stücke, tadellose Regie, ausgezeichnetes Spiel, ein ausverkauftes Haus. Zur Aufführung gelangten Pinskis „V om Glück vergessen“, „Winter“ von Asch und „Schwestern“ von Perez. Drei Familienstücke. „Vom Glück vergessen“ führt uns in das Haus der Fanni Segal, die einst das Gymnasium absolviert, dann aber das Studium unterbrochen hat und Schneiderin geworden ist, um bei ihrer Schwester Olga, einer zukunftsreichen Künstlerin, Elternstelle zu vertreten. Olga studiert in Petersburg, In Petersburg lebt der Dichter Bergmann der Mann, den Fanni liebt. Im Hause ist Zeit wesentlich geändert zu haben. Ein Lehrer einer obergaliläischen Kolonie erzählte mir, daß er zusammen mit noch einigen anderen Personen vor mehreren Jahren eine moderne Volksschule für Safed planten und ihnen diese orthodoxe Gemeinde mit den schärfsten Waffen entgegentrat,, den berüchtigten Cherem (Bann) nicht ausgenommen. Jetzt hatte ich den unmittelbaren Eindruck, daß man auch in Safed gelernt hat, das europäische Wissen zu schätzen, zumal wenn es sich, wie zum Beispiel die Medizin, auch im praktischen Leben als nützlich erweist. Die ältere Generation verkehrt anstandslos mit der jüngeren europäisch ausgebildeten Intelligenz. Die Volksbildung besorgen die Chedorim für die Knaben und die Allianceschulen für die Mädchen. In der letzteren herrscht der bekannte französische Geist dieser Gesellschaft. In der letzteren Zeit wurde auch das Hebräische ins Programm aufgenommen, wobei jedoch die Alliance nicht genug Geld hatte, um den Unterricht dieser Sprache einigermaßen anständig zu gestalten. Sogar Anfangslehrbücher konnten nicht angeschafft werden, und ich sah selbst die großen Papierbogen, auf denen die hebräischen Schullehrer eigenhändig mit mehr Fleiß als Geschick in Lapidarschrift die hebräischen Quadratbuchstaben aufzeichneten, um danach die

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