Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 4 gegründet. Das Interesse für Palästina ist in stetem Wachstum begriffen. Im Distrikte wurden hebräische Schulen gegründet. Die Agitation wurde wirksam durch das Organ des D. K. das „Slowo zydowskie“ unterstützt. In das neue D. K. wurden die Gg. Dr. Wald mann als Obmann und Dr. Landau, Dr. Nußbaum, M. Wänder, A. Podhorzer, S. Wähler und S. W e i c h e r t als Mitglieder gewählt, Aufruf des freiheitlich - sozialen Vereines an die reifere israelitische Jugend der Leopoldstadt! (Aus uneigennützigen Motiven verfaßt von Beda.) Teurer Jüngling und Hebräer, Wie dein Name immer sei, Meide Makk- und Hasmonäer, Flieh’ die Zionisterei! Denn bedenke stets das Eine Und vertritt es voller Schwung: Bloß als Jude hast du keine Existenzberechtigung. Erstens macht es manchen böse (Singer-Sieghardt, Sterenyi-Stern)! Zweitens ist das Religiöse Heutzutag5 nicht mehr modern. Drittens sind die Zionisten Unerfahren, jung und blind, Schließlich gibt es viele Christen, Welche noch gut jüdisch sind. Jude, sei vor deinem Sohne, Jude, unter Dach und Fach, ljude, sei am Rosch-ha-schonoh, Jude, sei bei Eisenbach, Draußen aber gib’ die Nase In ein großes Futteral Und erkläre mit Emphase Dich als. deutsch und sozial. „Freiheit“ sei dein Katechismus, „Fortschritt“ sei dein Losungswort Und den Antisemitismus Fegst du von der Erde fort! Schone weder Brust noch Kehle, Agitiere stramm und froh Und sei „deutsch“ aus ganzer Seele, Gleichsam bechol-nafschech oh. Nicht des Rheines Wogenmasse Birgt den Njbelungenschatz, Sondern nur die Praterstraße Und der K a r m e 1 i t e r p 1 a t z. Willst du ihn, du junger Recke, Dann, wohlan, komm’ zu uns her, „Cafe Donau“, rechte Ecke! Ofner, Neustadl und Beer! Budapester Brief. Von unserem Korrespondenten. Jeder auch nur halbwegs aufgeklärte Menschund insbesondere jeder Jude, der es mit seinem Volke gut meint, ist sich klar darüber, daß das Schalten und Walten der ungarischen Regierung von einem unverfälscht reaktionären und antisemitischen Geiste durchweht ist. Noch nie saß eine Regierung am Ruder, die mit einer solchen Unverblümtheit ihren antijüdischen Gefühlen Ausdruck verliehen hätte, wie es das „große, nationale Ministerium“ tut Gesetze werden geschaffen, um die Kultur zu fördern und Hunderte von j ü dis c h e n Schulen müssen ihre Lehrsäle schließen, da sie nach dem neuen Gesetz kein Schulgeld anjjehmen dürfen. Hunderte von absolvierten jüdischen Mittelschullehrem stehen ohne Stellung da, da der Staat — zu seinem „größten“ Leidwesen — nicht in der Lage ist, sie anzustellen. Ein kleines Stückchen Papier fehlt ihnen, Taufschein genannt, nach den ansgeschriebenen Konkursen. jedoch: unentbehrlich. Die Statuten-zahlloser jüdischer Gemeinden — die der zionistischen Organisationen sollen gar nicht erwähnt werden — werden vom hohen Kultusministerium nicht bewilligt. Wie hoch darob die Wellen der Unzufriedenheit und Verbitterung im jüdischen Lager gestiegen sind, ist daran zu erkennen, daß selbst die „Neologen“, diese Rassenmagyaren, sich gegen dieses unerhörte Vorgehen der Regierung zum Kampfe rüsten und in ihrem Blatte bereits gegen das Treiben derselben und insbesondere gegen den a n t i s e m i t i s c h g esinnten Referenten für jüdische Angel egen heilen i m Ku 11u s m i n isterium Einspruch erhoben haben. Plötzlich verdunkelte sich das Bild . . . Die Orthodoxen erscheinen am Kampfplatze und — höret — erklären wie folgt: Der Wahrheit gemäß halten wir es für unsere Pflicht, zu erklären, daß die Zentralkanzlei der orthodoxen israelitischen Konfession als Zentralorgan des ungarischen orthodoxen Judentums, zu gar keinem Vorgehen Grund oderAnlaß findet, umsoweniger, da der Leiter der Sektion sowohl: im persönlichen Verkehre, als auch durch seine unparteiische Beurteilung aller ihm zugewieseneri Angelegenheiten dies nicht verdient hat“ Dem Präsidenten der Landeskanzlei der „orthodoxen israelitischen Konfession“, Herrn Frankl, ist es bereits zur zweiten Gewohnheit geworden, jedem in die Arme zu fallen, der für die Interessen des Gesamtjudentums eintritt. Für ihn existiert nur seine orthodoxe Kirche, die er als unabhängige Konfession anerkannt sehen will, so daß z. B., wenn ein Neologe in eine orthodoxe Gemeinde aufgenommen zu werden wünscht, er gehalten wäre, zur orthodoxen Kirche zu übertreten .Welch’ schöne Perspektive! Herrn Frankl muß dabei das Wasser im Munde zusammenlaufen. Was. schert ihn das Judentum das jüdisch^ Volk, wenn: nur die Landes-: kanzlei besteht. Bravo! Herr Frankl, fahren Sie nur fort, zu unseres Volkes Schande und zur Freude unserer Feinde! * * * Wie ich in einer der letzten Nummern berichtete, haben die hiesigen zionistischen Vereine „Makkabäa“ und „Judäa“ gegen das für Freitag abends anberaumte Neujahrsfest des jüdischen Frauenvereines protestiert. Nun erschien knapp vor Neujahr in den jüdischen Tagesblättern die Notiz, daß der Teeabend zufolge „eingetretener Hindernisse“ auf den 3. Jänner verschoben wurde. — Dies ist einzig und allein dem energischen Auftreten der Zionisten zuzuschreiben. was umsomehr hervorzuheben ist, da ein Gemeinderabbiner bereits früher in diesem Sinne beim Frauenverein interveniert hat. Es wurde sogar eine Rabbinatssitzung abgehalten,, jedoch ohne Erfolg. * * Zu welchen Mißbräuchen die von den Juden veranstalteten Weihnachts- und Neujahrsfeste führen, ersehen wir aus einer von dem in,Szombathely erscheinenden „Vasmegy.ei Naplö“ veröffentlichten, Einladung, die in wortgetreuer, Uebersetzung folgend lautet: „Ich habe die Ehre, Sie zu verständigen, daß ich am 23. Dezember 1908, nachmittags um 3 Uhr in meiner Wohnung ein Weihnachtsfest und zu gleicher Zeit eine sogenannte Makkabäerfeier veranstalten werde. Um gefällige Unterstützung und zahlreichen Besuch bittet Therese S c h w a r z, HandarbeitschuJ-Lehrerin.“ % -v * Die ungarländischen Zionisten sind jetzt stramm an der Arbeit. Zahlreiche zionistische Propagandaversammlungen werden abgehalten und es kann ruhig behauptet werden, daß in Ungarn noch nie sp intensiv gearbeitet wurde, wie heuer. Nachdem jedoch der Zionismus hierzulande mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, da er nicht nur von den „führenden“ jüdischen Kreisen befehdet wird, sondern sich auch gegen Verleumdungen ungarischerseits (siehe Szmerecsänyis Rede im Parlament) verteidigen muß, hat das Landeskomitee der Ungarländischen zionistischen Organisation beschlossen, ein Memorandum herauszugeben, welches die Regierung und die ungarische öffentliche Meinung über das wahre Wesen des Zionismus aufklären und die gegen denselben gerichteten Verleumdungen entkräften soll. Das Memorandum wird im Laufe der nächsten Tage in einer Auflage von 5000 Exemplaren erscheinen und an die Minister, Mitglieder der beiden Häuser des Reichstages, Ober¬ und Untergespäne der Komitate, sämtliche jüdischen Gemeinden und Rabbinen versandt. Zum Glücke gibt es aber auch in Ungarn'Nichtjuden, die dem Zionismus freundlich gegenüberstehen. Aus Nagybänya wird gemeldet, daß Herr Dr. Johann Rencz, Direktor des dortigen königl. ung. Gymnasiums, am 17. d. M. über den Herzl’schen Roman „Altneuland“ lesen wird. Auch der Bezirksrichter von Nagybänya, Herr Dr. Rudolf Kiss, hat in seinem jüngst erschienenen Novellenbande dem Zionismus eine Skizze gewidmet und findet für unsere Bestrebungen begeisterte Worte. Mögen diese Beispiele unserer Bewegung viele Freunde verschaffen und in recht vielen Juden das Selbstbewußtsein endlich erwecken 1 B. Parteinachrichten. Schulin Melzer gestorben. Wien. Vor kurzem verschied in Wien Gesinnungsgenosse Schulin Melzer, einer der ältesten und wackersten Parteizionisten > Galiziens, nach langem schweren Leiden. Schulin Melze r war ein Jude, der fest im Judentume und in der jüdischen Ueberlieferung wurzelte und mit aller Leidenschaftlichkeit seines edlen und vornehmen Wesens jahrelang, seit dem Auftreten des Zionismus für diese Idee arbeitete Sein Weg führte vom Wunderrabbi in Czortköw weg auf den Baseler Kongreß. Als die ersten Debatten darüber abgeführt wurden, ob die Juden ein Volk seien oder nicht, prägte er das berühmte Wort: „Das ist eine Frage für die Deutschen, für mich nicht!“ Schulin Melzer war der vorbildliche Kämpfer und Streiter für, die heutige jüdische Generation, die im Chassidismus erzogen wurde. Sein Name wird darum in der Geschichte der jüdischen Renaissance unvergeßlich bleiben. * * * Reichsratsabgeordner Stand vor seinen Wählern. Brody. In einer sehr zahlreich besuchten Versammlung, welcher, Herr Dr. G 1 a s b e r g präsidierte, erstattete hier der Abgeordnete Stand einen Bericht über seine parlamentarische Tätigkeit im Jahre 1608. Er besprach seine Budgetrede und kommentierte in ausführlicher Weise die einzelnen Punkte derselben, er erwähnte sein zugunsten des Abgeordneten Breiter gehaltenes Plaidoyer, demzufolge die von einigen Parteien verlangte Auslieferung desselben vom Parlament verweigert wurde, und besprach eingehend die Resolution S c hm i d t. Abgeordneter Stand besprach noch ausführlich seine zahlreichen Interpellationen und Interventionen und erklärte schließlich, er habe überall zu helfen gesucht, wo ihn Not und Armut angesprochen haben. Die Versammlung nahm die Rede beifälligst auf. und votierte dem Abgeordneten Dank und vollstes Vertrauen. Hierauf folgten Interpellationen. Und da durfte der prononzierte Oppositionsmacher, Herr L e w i n, nicht fehlen. Seine leichtfertigen Anwürfe wurden vom Abgeordneten sachlich und witzig zurückgewiesen und dem abgekanzelten Völkerverbrüderungsapostel blieb nun nichts übrig als — tatsächlich zu berichtigen. Sonst hatte Dr. D j ama n t die Versammlung mit seinen demagogischen Helfershelfern nicht beschickt. Nachts