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Jüdische Zeitung · 1909-01-22 · 4 (22.1.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4. JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5. Politische Fragmente. Die allpolnischen Chauvinisten, welche sich im deutsch-tschechischen Konflikte so gerne als Friedensvermittler aufspielen, wollen im eigenen Lande Galizien von einem Frieden auf dem Boden des gleichen Rechtes mit den Ruthenen sowie Juden nichts wissen. Sie fordern einerseits eine erweiterte Landesautonomie, anderseits bekämpfen sie die nationale Autonomie innerhalb Galiziens. Da aber vorläufig einer Erweiterung der Landesautonomie in dem Sinne, wie die Allpolen sie erstreben, noch sehr große Hindernisse im Wege stehen, verlangen sie derzeit einen nationalen Kataster, jedoch nur fiir die Polen und Ruthenen. lieber die Juden soll einfach zur Tagesordnung übe r gegangen und auf diese Weise die Judenfrage „gelöst“ werden! Will man also wirklich die Juden zu einem Verzweiflungskampfe herausfordern? Soll ganz Galizien ein Schlachtfeld werden? Zu welchen Konsequenzen eine einseitige Herrschaftspolitik führt und welche Folgen eine andauernde nationale Vergewaltigung der Juden und Ruthenen Galiziens zeitigen müßte, dafür sind Böhmen und Ungarn traurige Beispiele. Sollen im galizischen Landtage ähnliche Zustände etabliert werden, wie im böhmischen und ungarischen Landtage? Warnend und mahnend müssen wir den österreichischen Staatslenkern zurufen: „Caveant consules, ne detrimenti res publica Austria capiat.“ * . * ¥ Wohin „Sonderstellungen“ führen, die man einzelnen Reichsteilen einräumt, zeigen die steten Reibungen zwischen Westösterreich und Ungarn einerseits, sowie Ungarn und Kroatien anderseits, die in der nächsten ZerUehirehidie Frage-der staatsrechtliche» Zugehörigkeit von Bosnien-Herzegowina noch eine Steigerung erfahren werden. I n Ungarn wie in Kroatien steht überdies die herrschende Koalition vor der Auflösung! Immer deutlicher sieht man bereits die Fäden, die zwischen ihren Erben, zwischen den Volksparteilern in Pest und den Christlichsozialen in Agram gesponnen werden, immer deutlicher den wachsenden Antisemitismus, den die magyarische und serbisch-kroatische Koalition gesät und dessen Früchte bald die beiderseitigen Klerikalen ernten werden. Die derzeitige Majorität des ungarischen Reichstages, die gleich der des kroatischen Landtages auf dem Wege der Demagogie zur Macht gelangte und aus den heterogensten Elementen besteht, ist sehr nahe daran, sich in dieselben aufzulösen. Während die Verfassungsparteiler und Kossuthisten wegen der Banusfrage sich in den Haaren liegen, werden ihre beiderseitigen Wahlbezirke von den klerikal-antisemitischen Volksparteilern unterminiert. Unter den Fittichen der magyarischen Koalition ist die „Volkspartei“ schon jetzt im ganzen Lande mächtig angewachsen und täglich bereitet sie durch die. intensivste Propaganda in Wort und Schrift den Boden für etwaige Neuwahlen des ungarischen Reichstages vor, die bei den ungeklärten Verhältnissen leicht viel früher erfolgen könnten, als man allgemein glaubt. Dann aber wird man erst ersehen, wie mächtig der Antisemitismus unter dem Regime derselben magyarischen Koalition emporgeschossen ist, der die Juden Ungarns zur Macht verholten haben. Eine ähnliche Entwicklung nehmen die Verhältnisse in Kroatien, wo die Christlichsozialen bei der fortschreitenden Zersetzung der übrigen Parteien immer mehr: an Boden gewinnen. Die serbisch-kroatische Koalition, in deren Reihen seit ihrer Gründung der AntisemitenhäuptlingTuskan ein maßgebender Führer ist, steht unmittelbar vor dem Zerfalle. Die klerikale Z a g o r a c gruppe (deren Gesinnungsgenossen auch in der unter Führung des Abg. Dr. F r ä n c k befindlichen „Reinen Rechtspartei“ Macht und Einfluß gewonnen haben), arbeitet nicht ohne Erfolg an der Zertrümmerung der serbischkroatischen Koalition, deren Schöpfer der antisemitische Abgeordnete Supilo, ebenfalls bald seine Rolle in Kroatien ausgespielt haben wird. Die Frage der staatsrechtlichen Zugehörigkeit von Bosnien-Herzegowina sowie die konfessionelle Frage bilden den Keil im Verbände der serbisch-kroatischen Koalition, die übrigens durch den antiserbischen Hochverratsprozeß in Agram noch mehr erschüttert werden wird. Diese Zersetzung beschränkt sich aber nicht auf die Koalition, sondern dehnt sich auch auf die Franckpartei aus. Von der Franckpartei hat sich ein antisemitischer Flügel vor geraumer Zeit bereits abgelöst und noch immer arbeiten dieselben Elemente, die an der Zertrümmerung der Koalition tätig sind, auch an der Zersetzung der „Reinen Rechtspartei“, um alle diese Elemente unter christlich-sozialem Banner zu sammeln. Die Abneigung gegen den Judenstämmling Dr. Franck spielt dabei eine große Rolle! Wie in Ungarn, so sind auch in Kroatien die Juden die Gefoppten. Sie haben da und dort den Christlichsozialen die Wege geebnet, welche bereits die Möglichkeit eines magyarisch-kroatischen Ausgleiches auf klerikaler Grundlage erwägen, sobald sie erst bei den Neuwahlen in Agram und Budapest ein maßgebender Faktor in, den beiderseitigen Landtagen geworden sind. Die Juden Ungarns sowie Kroatiens sollten daher endlich aus diesen Parteiverhältnissen die richtigen Lehren folgern, sich auf sich selbst zurückziehen und für keine aller dieser Parteien weiters die Kastanien aus dem Feuer holen. Dr. K. Brief aus Galizien. (Ein Konventikel. — Distriktstage.) Die Kahalgewaltigen, welche am 12. Jänner in Lemberg über die Stellungnahme zur österreichischenjudenorganisation berieten, sind ihrer politischen Vergangenheit treu geblieben. Engherzig, kleinlich, bodenlos unvernünftig und undiszipliniert, wie sie sind, faßten sie Beschlüsse und Resolutionen, die eine neue Schmach für die „Vertreter“ der galizischen Judenheit darstellen. Einstimmig — an der Konferenz nahmen Repräsentanten von 17 Gemeinden teil — sprachen sich die Versammelten gegen den Zusammenschluß der österreichischen Gemeinden in einergemeinsamen Organisation aus und einige Minuten später faßten sie eine Resolution, dem österreichischen Gemeindebunde in Wien beizutreten.(!) Man erkennt daraus, wie konsequent die galizischen Obermoschkos sind! Die Organisation, die nichts anderes als die logische Fortsetzung eines allgemeinen Gemeindebundes bildet, paßt ihnen nicht. Der Gemeindebund aber ist ihnen sympathisch. Einige Kultusmacher sahen freilich diesen Widersinn ein und sprachen sich für die allgemeine Organisation aus. Ein Wink des Moschkopotentaten H o r o w i t z aber machte sie kirre und sie stimmten gegen den Anschluß an die Organisation. Da aber, in Anbetracht der traurigen Lage der galizischen Juden ein straffer Zusammenschluß nötig ist, schlugen die Kahalhäupter die Gründung einer galizischen Organisation vor und enthüllten damit ihre geheimsten Wünsche: sie wollen Primgeige spielen und unumschränkte Herren bleiben, mag auch die Domäne klein und der Schaden, der durch die Zersplitterung der Kräfte entsteht, groß sein. Dieser Antrag fand nicht mehr einmütige Annahme. Die Vertreter der wenigen kleineren Gemeinden, vornehmlich Orthodoxe, die der Lemberger Kultuspräsident eingeladen hatte, führten dieselben Gründe gegen die galizische Organisation an, welche einige Minuten früher von den Vertretern Lembergs, Krakaus und Stanislaus gegen die allgemein österreichische vorgebracht wurden. Wer dem anderen eine Grube gräbt, fällt bekanntlich selbst hinein! Der Vorschlag wurde indes, da die kleineren Gemeinden in der Minorität waren, angenommen. Doch muß man zweifeln, ob er auch durchgeführt werden kann. Die kleinen Gemeinden in Galizien sind gelehrig, sie werden dasselbe tun, was die größeren galizischen Gemeinden gemacht haben: sich im 1 etzten Augenblick lossagen. Das verderbliche Beispiel der Desorganisation und Disziplinlosigkeit wird fortwirken und das Bestreben nach Einheit zunichte machen. Wir Zionisten waren bei den Gründungsversuchen der Organisation dabei, weil wir die Einigkeit wünschen. Doch haben sich unsere Befürchtungen leider bewahrheitet. Das Kehille-Ghetto- und Mauscheljudentum ist eben von Grund aus morsch und faul und alle seine Unternehmungen müssen scheitern. Eine österreichische Judenorganisation wird erst dann entstehen, wenn wir das Mauschel- und Moschkotum mit Stumpf und Stiel ausgerottet haben. * * * Am 10. d. fand in Lemberg der zionistische Distriktstag Ostg a Hzi ens und in Tamopol der podolische Distriktstag statt. An den Beratungen des ostgalizischen Distriktstages nahmen der Reichsratsabgeordnete Dr. Gabel und der Obmann des Zentralkomitees Dr. Markus Baude teil. Aus dem Berichte des abtretenden D.-K. geht hervor, daß der ostgalizische Distrikt nach der Schaffung des podolischen 26 politische Bezirke und 64 Städte umfaßt. Im Distrikte bestehen 50 Organisationen. Einige Organisationen wurden durch die Bezirkshauptleute, denen die zionistische Organisation ein Dorn im Auge ist, unter nichtigen Vorwänden aufgelöst. Im abgelaufenen Jahre wurden 136 Versammlungen abgehalten, Palästinakommissionen und Selbstbesteuerungsgruppen begründet. Für den Nationalfonds wurden K 777426 gesammelt. (Allgemeine Spenden K 3630, Büchsen K 1787, Selbstbesteuerung K 673, Sammelbogen K 882, Oelbäume K 1300.) Die Palästinapropaganda nahm einen erfreulichen Aufschwung. In Lemberg erscheinen die Zeitschriften „Palästina“ und „Z e r u b abe I“. In das neue Distriktskomitee wurden die Gg. Dr. Schreiber, Sal. Sc hi I ler, Dr. Hausmann, Dr. Hes c h e 1 e s, Meyer, Dr. R o s m a r i n, Dr. L ö wenherz, D. H. Tieger, A. Rotfeld, Tombak und Gerstmann gewählt. An den Beratungen des podolischen Distriktstages nahm Reichsratsabgeordneter Adolf St.and teil. Gg. Dr. Wald mann eröffnete den Distriktstag, Gg. Aron Schwarz (Czortköw) führte den Vorsitz. Den Bericht des abtretenden D. K. erstattete Gg. Dr. Landau. In 40 Orten des Distriktes bestanden Vereine. Im abgelaufenen Jahre wurden 7 neue Vereine ins Leben gerufen, 70 Versammlungen und 20 Makkabäerfeier veranstaltet. Das D.K. verschickte 1800 und erhielt 800 Briefe. Nationalfondskommissäre wurden ernannt und Selbstbesteuerungsgruppen

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