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Jüdische Zeitung · 1909-01-22 · 4 (22.1.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 4 seligen Stadt Reggio die Wiege der hebräischen Typographie stand. Im Jahre 1475 wurde dort die erste hebräische Buchdruckerei errichtet und das erste Buch in hebräischer Sprache gedruckt Es war das der Kommentar Raschis zum Pentateuch ohne Text. Der Pen*ateuch selbst wurde erst später gedruckt Von Reggio verbreitete sich der hebräische Buchdruck noch vor Schluß des 15. Jahrhunderts nach vielen Städten Italiens, so nach Pinna di Sacco, Bologna, Neapel, Mantua, Sonc i n o, von welchem Orte der Name der berühmten Druckerfamilie: die Sonciaten, die auch in Konstantinopel die hebräische Typographie begründete, herstammt. In Mitteleuropa wurde zuerst in Prag (1513) hebräisch gedruckt, von wo aus der hebräische Buchdruck nach Polen und Deutschland durch die „Gersoniden“ verbreitet wurde. * * * Neue Zeitschriften. Wien. Seit dem 1. Jänner 1909 erscheinen neue jüdische Zeitschriften. In New-York eine hebräische Zeitung unter dem Titel „Schew o 1 i m“ und in Krakau eine „Illustrierte jüdische Zeitung“. „Schewolim“ erscheint zweimal im Monate, die „Illustrierte jüdische Zeitung“ jede Woche. — Vom Jänner 1909 erscheint in Petersburg in russicher Sprache eine neue jüdische Monatsschrift „J ewreskij M i r“ (Jüdische Welt), an der eine Anzahl bekannter russisch-jüdischer Schriftsteller mitarbeiten werden, so z. B. A. Anski, Dubnow, Portugalow, Ratner, Sew u. a. Der „Jewreskij Mir“ betrachtet es als seine Aufgabe, die objektive Untersuchung der wissenschaftlichen, sozialen und politischen Fragen im Judentum zu fördern, künstlerische Darstellungen des Lebens zu geben’ und an der Entwicklung der nationalen Kulturwerte des Judentums mitzuarbeiten. * * * Die Eröffnung des jüdischen Nationalhauses in Czernowitz. Czernowitz. Sonntag den 27. v. M. fand die offizielle Eröffnung des jüdischen Nationalhauses statt. Alle jüdischen Kultusgemeinden des Landes waren durch Deputationen vertreten. In Vertretung des „Jüdischen Klubs“ war außer dem Kultuspräsidenten Reichsratsabgeordneten Dr. Straucher der Abgeordnete Dr. Mahler erschienen. Nach der Absingung eines hebräischen Einweihungsgesanges sprach Landesrabbiner Dr. Rosenfeld über die Bedeutung des jüdischen Nationalhauses und über den jüdischen Nationalismus. Hierauf sprach der orthodoxe Rabiner Herr Benjamin Weiß, welcher dem Wunsche Ausdruck verlieh, das jüdische Nationaihaus „möge ein Zentrum des nationalen Gedankens und echter Religiosität sein“. Nach weiteren Ansprachen der Vertreter aller Vereine hielt Dr. Straucher, dessen Initiative das Haus sein Entstehen verdankt, die Festrede, welche mit stürmischem Beifall aufgenommen wurde. Am Abend, fand ein Festkommers statt. * * * Jüdische Volksvorschußkasse In Czernowilz. Czernowitz. In Ausführung eines Beschlusses der zionistischen Partei in der Bukowina, die seit mehreren Jahren für die wirtschaftliche Stärkung der Juden propagiert, hat ein aus vielen Parteizionisten und sonstigen Bürgern bestehendes Komitee in Czernowitz eine jüdische Volksvorschußkasse begründet, die vor einigen Tagen eröffnet wurde. Die neue Volksvorschußkasse stellt das Zentralinstitut der jüdischen Vorschuß- und Raiffeisenkassen in der Bukowina dar. Die Gründung wird sich hauptsächlich mit der Gewährung eines billigen Kredites an jüdische Kleinhändler und Gewerbetreibende befassen. Wir wünschen dem neuen Unternehmen im Interesse der Bukowinaer Juden den besten Erfolg. * * * Die Juden im türkischen Parlamente. Konstantinopel. Das „Berliner Tageblatt“ bespricht an leitender Stelle die Parteibildung im türkischen Parlament, welches vom Korrespondenten des „B. T.“ als die „Vertretung eines Nationalitäten-, nicht eines nationalen Staates bezeichnet wird. „Die Abgeordneten“, heißt es im Artikel, „sind zunächst Türken, Griechen, Armenier, Araber, Juden und so fort und erst in zweiter Linie Ottomanen. Vorläufig umfaßt das türkische Parlament nur wenige Parteien. Die stärkste ist der „jungtürkische Block“ mit ungefähr 140 Mitgliedern — im ganzen sind 240 Abgeordnete — die nächstgrößere ist die griechisch-arabische Partei, die den autonomistischen Prinzipien des Prinzen Sabbahheddin huldigt“. Bezüglich der kleineren Nationalitäten heißt es: „Die Gruppierung der kleineren Nationalitäten steht noch nicht fest, doch werden diejuden jedenfalls als Angehörige des Komitees im besten Sinne des Wortes zu gelten haben.“ — Anderen Zeitungsmeldungen entnehmen wir, daß sich die jüdischen Abgeordneten großen Ansehens erfreuen. N a ß i m Mazliah, Deputierter von Smyrna, ist zum Mitgliede des Legitimationsausschusses und zum Schriftführer des Ausschusses für die Beantwortung der Thronrede gewählt worden. Auch C a r a s s o ist Mitglied eines parlamentarischen Ausschusses. * ' * * Der preußische Staat und der jüdische Religionsunterricht. Berlin. Behanntlich ist im preußischen Etat eine Summe zur Gewährung widerruflicher Beihilfen an leistungsschwache Synagogengemeinden zur Beschaffung des jüdischen Religionsunterrichtes ausgeworfen. Nach einer Verfügung des Kultusministers ist, wie die „Berl. Polit. Nachr.“ schreiben, der jüdische Religionsunterricht unter Gewährung einer Staatsbeihilfe nur da einzurichten, wo die Zahl der schulpflichtigen jüdischen Kinder dauernd zwölf beträgt. Dabei sind nur die die Volksschule besuchenden Kinder in Betracht zu ziehen. Werden in einer Synagogengemeinde mehrere Unterrichtsstationen eingerichtet und werden die schulpflichtigen jüdischen Kinder mehrerer Synagogengemeinden zu einer gemeinsamen Unterrichtsstation vereinigt, so ist mit einer Staatshilfe nur da einzutreten, wo die Gesamtzahl der an dem Unterricht in einer Station teilnehmenden jüdischen Kinder mindstens zwölf beträgt. Es genügt also nicht, wenn in der Synagogengemeinde zwölf oder mehr schulpflichtige jüdische Kinder vorhanden sind, sondern es müssen mindestens zwölf Kinder zu einer gemeinsamen Unterrichtsstation vereinigt werden. Sinkt in 'eihfem' Falle, in welchem der Religionsunterricht unter Gewährung einer Selbstbeihilfe eingerichtet ist, die Zahl der an dem Unterricht teilnehmenden Kinder dauernd unter zwölf, so ist die Beihilfe zurückzuziehen. * * * Jüdische Hochschuldozenten in Rußland. Petersburg. Daß ein Jude in Rußland eine Privatdozentur bekommt, ist von jeher eine große Seltenheit Seit der Thronbesteigung Alexanders III. vergingen Jahrzehnte, ohne daß ein solcher Fall eintrat. Nur unter der Bedingung des Religionswechsels durfte ein Jude zu dieser akademischen Laufbahn zugelassen werden. Da wehte mit dem Anbruch der Freiheitshoffnungen auch in dieses Gebiet ein anderer Wind hinein, und mehrere begabte jüdische Jünglinge wurden nicht nur von den Professorenkonseils zu Privatdozenten gewählt, sondern auch von der obersten Verwaltung tatsächlich bestätigt. Dieser Praxis hat nun der reaktionäre Kurs unter Schwarz neuerdings wiederum ein Ende gemacht. Bei der Versagung der Bestätigung für den vom Professorenrat des medizinischen Fraueninstituts zum Privatdozenten gewählten Doktor S c h a b a d wollte der Kurator des betreffenden Lehrbezirkes keine Motive angeben, er verwies aber auf „N e b e n g r ü n d e“ für seine Handlungsweise, die er nicht zu nennen brauche. Diese Antwort hat zwar darauf noch eine weitere diesbezügliche Interpellierung des Ministers durch den Rektor des Fraueninstituts S a 1 a s k i n zur Folge gehabt, aber man kennt schon im voraus das Verhalten des von allen bösen Geistern umschwärmten Unterrichtsminister Schwarz. * * * Auswanderung der russisch-jüdischen Kolonisten. Ekaterinosland. Unterden jüdischen Kolonisten Südrußlands hat die Emigrationsbewegung in starkem Maße um sich gegriffen. Aus den Kolonien des Chersoner Gouvernements sind in den letzten zwei Monaten 120 Familien ausgewandert. Aus der Kolonie Ingulec sind in der Zeit von Juli bis Anfang November 70 Familien (500 Personen), das sind 10 Prozent aller Ingulecer Kolonisten, ausgewandert Die Emigranten haben sich meistenteils nach Argentinien gewendet. Doch sind auch ziemlich viele nach Palästina gezogen. * * * „Izraelita“. Warschau. Die hier im 43. Jahrgang erscheinende jüdische Wochenschrift „Izraelita“, das Organ der polnisch-jüdischen Assimilation, hat mit dem 1. Jänner 1909 ihr Erscheinen eingestellt. Das Blatt konnte in den letzten Jahren mit der modernen Zeit nicht mehr recht Schritt halten und erschöpfte sich in einem fruchtlosen Kampfe gegen die neu erwachenden Strömungen im Judentum, die es früher immer totzuschweigen versucht hatte. Immerhin stand das Blatt jahrelang auf einer gewissen literarischen Höhe. * * * Der Antisemitismus der Oktobristen. Petersburg. Der ehemalige Deputierte der ersten Duma und Führer der Kadetten, Rechtsanwalt W i n a w e r, schilderte einem Mitarbeiter des hebräischen Tagblattes „Hed Hasman“ gegenüber die jetzige Lage der russischen Juden folgendermaßen: Die Ursache dafür, daß sich die Oktobristen in der letzten Zeit fester der Rechten anschlossen, ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß die Kadetten von ihnen,abschwenkten, um den.oppositionellen Charakter der Regierung gegenüber zu betonen. Die Juden selbst haben von der dritten Duma nicht das geringste zu erwarten. Die Oktobristen werden es nicht zulassen, daß die Lage der Juden verbessert werde, ebenso wie sie sich auch bezüglich der Reformen im Interesse der übrigen Bevölkerung ablehnend verhalten. Die Lage habe sich nur insofern geändert, als die Kadetten nunmehr entschlossen sind, energischer für die Juden einzutreten, falls die Rechte und Oktobristen antisemitische Feindseligkeiten eröffnen sollten. * * * Angriff auf die jüdischen Journalisten:- Petersburg. Zu der demnächst in Petersburg stattfindenden Zusammenkunft von Vertretern der reaktionären Presse hat Fürst Wolkonsky einen Vortrag vorbereitet unter dem Titel „Die Juden und die russische Presse“. In diesem Vortrage entwickelt Fürst Wolkonsky von neuem den schon früher einmal von reaktionärer Seite gemachten Vorschlag, die Juden sollten weder als Redakteure noch als Herausgeber von Zeitungen in russischer Sprache fungieren dürfen. * * * Russische Rekrutenaushebung. Petersburg. Bekanntlich wird in Rußland von den Eltern oder sonstigen auch noch so entfernten Anverwandten eines Juden, der sich nicht zum Militärdienst gestellt hat, eine Geldstrafe von 300 Rubeln erhoben. Da die Beamten also sehr daran interessiert sind, solche Deserteure ausfindig zu machen, so erklärt sich leicht die bisweilen verhältnismäßig hoch angegebene Ziffer jüdischer „Deserteure“. Mit wie großer Sorgfalt bei diesem Herumschnüffeln in den Familienangelegenheiten der Juden behufs besserer Bereicherung des Tschins verfahren wird, ergibt sich aus folgender tragikomischen Geschichte. In Kamenez-Podolsk erhielt ein Jude, namens Steinberg, plötzlich eine Aufforderung, eine Strafe von 300 Rubeln zu bezahlen, weil sein verstorbener Sohn, namens Henne Judith (!), der im Jahre 1906 das Alter von 21 Jahren erreichen sollte, sich nicht zum Militärdienst gemeldet hätte. Alle Beweise, die Herr Steinberg, seine Verwandten und Bekannten, den Behörden lieferten, daß Henne Judith erstens kein Sohn, sondern eine Tochter gewesen sei, was doch auch schon aus dem weiblichen Vornamen hervorginge und zweitens, daß die Tochter bereits vor Jahren gestorben sei, hatten keinen Erfolg. Und Herr Steinberg muß die 300 Rubeln bezahlen, entweder weil der zuständige Beamte wirklich nicht weiß, daß Judith ein weiblicher Vorname ist, oder weil er Herrn Steinberg gerade nicht wohl gesinnt ist, oder weil er — gerade sehr nötig 300 Rubel braucht.

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