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Jüdische Zeitung · 1909-01-22 · 4 (22.1.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 teien zwingen, Stellung zu nehmen, und zwar hauptsächlich im Sinne einer Reform unserer Verwaltung. Unsere Staatsverwaltung ist noch ganz absolutistisch. Hier liegt der Angriffspunkt für volksbefreiende Tätigkeit. In taktischer Beziehung ist es notwendig, daß unsere Vertreter Bundesgenossen suchen. Namentlich die Stellung zu den Ruthenen muß geklärt werden. Umsomehr, als diese die einzige Partei bilden, welche den Jüdischnationalen bei den Wahlen und später zu vielen Erfolgen verholfen hat und vorläufig die einzige, deren Bestrebungen mit den unseren identisch sind. Auf Giund vernünftiger, demokratischer selbständiger Anträge und eines bestimmten taktischen Programmes sollen die demokratischen Elemente unseres Reichsrates geeint werden, dann wird es nicht unmöglich sein, eine Parteikonstellation herbeizuführen, in welcher die Stimmen der jüdischen Wähler schwer ins Gewicht fallen müssen. Wer klein ist und schwach, muß Bundesgenossen suchen, und Bundesgenossen kann nur der finden, auf dessen Treue man sich verlassen kann. Die im Parlamente übliche Politik der kleinen Mittel und des politischen Kleinkrams führt zur Zersetzung aller Parteien. Nur wer konsequent nach großen Zielen strebt, kann Erfolg haben. Das sind die Wünsche, welche wir dem Jüdischen Klub bei Eröffnung des Reichsrates auf den Weg geben. Vor allem aber müssen unsere Vertreter fortwährend in innigem Kontakte mit den Gesinnungsgenossen bleiben und wichtige Fragen mit denselben besprechen. Das ist unbedingte Voraussetzung für eine gedeihliche Tätigkeit. Sie müssen daran festhalten, daß ein Mandat ausschließlich eine Vollmacht zur Vertretung der Interessen und Prinzipien ist, auf Grund welcher die jüdischnationale zionistische Wählerschaft ihre"''Vertreter "in"das Parlament entsendet hat. _ Der Kampf der Juden und Griechen in der Türkei. Ueber die große Rolle, welche die Juden (Spaniolen) im Balkanhandel spielen, wird seitens der großen reichsdeutschen Blätter, insbesondere der „Kölnischen Zeitung“, mit Bezug auf die türkische Boykottbewegung ausführlich berichtet. Als vor einigen Tagen das türkische Boykottkomitee auch die Sperre über den griechischen Handel verhängen wollte, kam man in maßgebenden Kreisen gar bald zu der Ueberzeugung, daß dieses Vorhaben auf recht ernste Schwierigkeiten stoßen müsse. Neben dem Umstande, daß die Seestädte der Türkei, besonders Salonik, Smyrna, Cavalla, Konstantinopel usw. eine starke griechische Bevölkerung besitzen, die entschieden für die griechische Sache Stellung genommen hätte, war bei den Vorberatungen für die Einführung des Boykotts in erster Linie die Haltung der Lastträger, Aus 1 ader, Boots 1 eute und Fuhrmänner entscheidend, die, wie man •weiß, in Salonik fast ausschließlich Juden (S e p h a r d i m) sind. Die Haltung dieser Arbeiter im Boykott gegen Oesterreich-Ungarn hat hier den Türken erlaubt, die Sperre mit aller Strenge aufrecht zu erhalten, sie haben sich trotz alles entgangenen Verdienstes als Patrioten gezeigt und wurden zu einem Faktor, mit dem heute selbst die fremden Regierungsvertreter rechnen müssen. Hätten die Spaniolen dem Boykottkomitee rund heraus erklärt, auf seine Weisungen nicht einzugehen, so hätten die Türken bei der Minderzahl, in der sie sich hier befinden, gar nichts dagegen tun können. Da man jetzt wieder an sie herantrat, um sie zu bewegen, den Boykott gegen Griechenland zu ermöglichen, waren die Arbeiter wohl damit einverstanden, sie forderten nur eine entsprechende Entschädigung für den daraus erwachsenen Verlust, da der andauernde Verdienstentgang unerträglich wurde. Die Verhandlungen zerschlugen sich und wurde beschlossen, die Bestrebungen des türkischen Sperrkomitees in keiner Weise zu unterstützen. Es ist nicht uninteressant, bei dieser Gelegenheit einen Blick auf die Fortschritte zu werfen, welche die Griechen in den letzten drei Jahren in Salonik und in Mazedonien auf wirtschaftlichem Gebiete zum Nachteile der Juden errungen haben, ein Umstand, der in den Verhältnissen und in der Haltung zwischen Griechen und Juden eine immer größere Rolle spielt. Die Spaniolen hielten noch bis vor kurzem den gesamten Handel in den Händen, obgleich das Hinterland von Salonik doch eine sehr starke christliche Bevölkerung aufzuweisen hat. Die Griechen konnten früher nur schwer Fuß fassen, man brachte ihrer Geschäftsgebarung wenig Vertrauen entgegen, es fehlte ihnen an Kredit, und infolgedessen blieb die Anzahl der griechischen Firmen immer recht gering. Seit der Entfaltung der griechischen Propaganda in Mazedonien haben sich aber die Dinge anders gestaltet, man ist planmäßig vorgegangen unter Berücksichtigung aller Umstände. Zunächst mußte dem griechischen Kapital in Mazedonien Geltung verschafft werden; dies gelang vollständig durch die Errichtung einiger Bankniederlassungen in Saloniki und anderen größeren Plätzen des Inlandes, wie Monastir, Cavalla u. a. m. Die Banque d’Athenes, die Banque d’Orient sind Anstalten, die es sich zur besonderen Aufgabe gemacht haben, den griechischen Handel zu heben und die griechischen Kaufleute von der bisher durch die bestehenden Banken befolgten Monopolisierung des Kredits zugunsten der Spaniolen zu befreien und sie unabhängiger zu machen. Dies ist nun gelungen, und die Folgen sind in der Errichtung zahlreicher griechischer Handlungshäuser zu bemerken, die immer wachsend an Zahl und Umfang, den jüdischen Geschäftsleuten einen recht empfindlichen Wettbewerb machen und eifrig bestrebt bleiben, das Inlandgeschäft mehr und mehr an sich zu reißen. Die aus dem Inlande zum Einkäufe hier eintreffenden Händler werden immer mehr beeinflußt, ihre Geschäfte durch die Vermittlung griechischer Zwischenhändler abzuwickeln, und die Spaniolen sehen recht gut ein, daß sie sich ihrer Haut wehren müssen. Sie hielten darum sehr zu den Türken, um sich ihnen als Patrioten und ergebene Freunde zu zeigen, da sie recht wohl begreifen, daß sie besonders unter den neuen Verhältnissen die Christen recht bald zu Feinden haben würden. Trotzdem konnten sie bei der Verhängung des Boykottes über die Griechen den Türken nicht zu Willen sein. Es ist ein Zeugnis für die loyale Denkart der Türken, daß das Boykottkomitee schließlich die Berechtigung des Verhaltens der Juden anerkannt hat. Die Stützen des Kultusvorstandes. Während andere Volksvertretungen ihren Ehrgeiz darein setzen, von der breiten Masse gewählt zu werden, sieht der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien bekanntlich sein einziges Heil in einem möglichst reaktionären Wahlrecht und in der gelegentlichen Drohung mit dem Polizeisäbel, um jedes Gelüste der Auflehnung niederzuhalten. Auch bei den letzten Kultuswahlen waren vor allen Wahllokalen Wachleute postiert, die indes durch die ruhige Haltung der Opposition keine Arbeit bekamen. Nur vor dem Amtshause Seitenstettengasse 4 empfand einer der Wachleute, dessen Namen schonend verschwiegen bleibe, den Ehrgeiz zu zeigen, daß er die Intentionen des Kultusvorstandes, der ihn gemietet hatte, sich vollständig zu eigen gemacht hat. Er ging auf das Mitglied des Vereines der jüdischen jugendlichen Arbeiter Ascher Sc hör, we'cher mit anderen Genossen ruhig in der Seitenstettengasse promenierte, um das Ergebnis des Skrutr.iums abzuwarten, zu und schnauzte ihn an: „Sie Schnorrer, schauen Sie, daß Sie weiterkommen. Heute schrei’n Sie und morgen kommen Sie her, um Speisekarten schnorren.“ Heir Schor aber ließ sich nicht einschüchtem, stellte die Nummer des eifrigen Wachmannes sofort fest und erhob die Anklage wegen Ehrenbeleidigung beim Bezirksgerichte Josefstadt. Be der am 11. d. M. stattgehabten Verhandlung trat Herr Schor von der Anklage zurück, da der Wachmann ihn für die grundlose Beleidigung protokollarisch um Entschuldigung bat, den Dank für den Verzicht auf gerichtliche Bestrafung aussprach und die Klagekosten samt einer Buße von K 10.— für den Verein der „Jüdischen jugendlichen Arbeiter“ bezahlte. Hoffentlich war diese Nachsicht seitens des Herrn Schor nicht übel angebracht und wird dieser Fall genügen, den Herren Wachleuten einzuschärfen, daß sie den löblichen Kultusvorstand künftig allein seine Sache verteidigen lassen. _ Dr. E. Z. Aus dem jüdischen Leben. Dr. Franz Oppenheimer in Wien. Wien. Montag den U.d. sprach unser Gesinnungsgenosse Dr. Franz Oppenheimer aus Berlin in der „Soziologischen Gesellschaft“ über den „Staat“. Dr. Oppenheimer, bekanntlich ein Vertreter derGumplowicz-Schule, entwickelte in einem fast zweistündigen Vortrage die Grundgedanken über das Wesen, die Entwicklung und die Zukunft des Staates. Zwei Methoden gibt es, sagte Dr. Oppenheimer, um die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen: Arbeiten und Rauben. Die Organisation der Arbeit ist das ökonomische Mittel: die Gesellschaft. Die Organisation des Raubes, das politische Mittel oder der Staat. Oppenheimer wiederlegte das Malthusianische „Geschwätz“, wies auf die verheerende Wirkung der Grundrente, der Ursache alles Uebels hin und schloß seinen Vortrag mit einem Ausblick in die Zukunft, welche der Menschheit die einzig vernünftige Staatsform, den demokratischen Freibürgerstaat, ohne Großgrundbesitz und ohne Ausbeutung einer Klasse durch eine andere, bringen wird. * * ♦ Jüdische Hilfe für die vom Erdbeben betroffenen Italiener. Wien. Das Warschauer Tagblatt „Unser Leben“ veröffentlicht einen Artikel, in welchem es die Juden auffordert, für die in Italien vom Erdbeben Betroffenen Geld zu spenden. „Unser Leben“ weist darauf hin, daß das italienische Volk judenfreundlich ist, was am besten daraus hervorgeht, daß im italienischen Parlament 40 jüdische Deputierte und im Ministerrat mehrere jüdische Minister sitzen. Weiters erinnert „Unser Leben“ daran, daß der italienische König für den Zionismus großes Interesse bekunde und für unseren toten Führer Dr. Herzl aufrichtige Verehrung empfindet, der er vor einigen Monaten gegenüber dem Dr. M a r g u 1 i e s aus Florenz und der jüdischen Gemeindedeputation von Pisa Ausdruck gegeben hat. Ueberdies wird im Artikel darauf hingewiesen, daß der Bürgermeister der ewigen Stadt ein Jude ist. „Unser Leben“ plaidiert ein gutes Werk; infolgedessen ist die weitschweifige Begründung ziemlich überflüssig. Außerdem kommt „Unser Leben“ mit seinem Aufrufe, der dem Blatte alle Ehre macht, doch zu spät. Man lese nur die Namen der Spender für die vom Unglück Heimgesuchten! Es sind sehr viele Juden darunter, die ohne lange Ueberlegung ihr Scherflein beitrugen. Diese Tatsache ehrt die Juden, und der aus diesem Anlasse bekundete Wohltätigkeitssinn wird von uns Zionisten umso freudiger empfunden, als das freiheitsliebende und freiheitsgewährende italienische Volk in Frage kommt und nicht irgend eine Kirche oder ein fremdnationales Institut. * * * Das zerstörte Reggio — die Mutterstadt des hebräischen Buchdruckes. Wien. Es dürfte gewiß interessieren, zu erfahren, daß in der jetzt so viel genannten Unglück-

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