Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr 4.? 'c*' ■i schlimmste, weil es eben nur Auswüchse sind. Aber dieses ewige Aneinandervorüberschleichen von Menschen, die einander nichts sein wollen, als im besten Falle Geschäftspartner, im schlechtesten der Gegenstand des Spottes, und die doch immer wieder in dieselbe Enge zusammengejagt werden, um dann hastig nach allen Richtungen auseinander zu krabbeln, hat es bewirkt, daß das westliche Judentum zur Fratze eines Volkstums wurde, wie sie verzerrter wohl niemals gesehen worden ist. Hier gibt es keinen Anknüpfungspunkt. Alle Fäden sind zerissen. Hier kann kein Pakt geschlossen werden, ohne alles wieder zu verwässern und zu verfälschen. Deshalb hat es ja Theodor H e r z 1 so kurz und scharf zurückgewiesen, als sich ihm „israelitische“ Blätter zur Propagierung seiner Idee anboten und ein eigenes Organ gegründet, deshalb hat er, der feine Kulturmensch,'dergewißallem unnützen Rebellieren abhold war., den Kampfruf zur Eroberung der Kultusgemeinden ausgegeben. , Noch ein zweites, für radikale Bewegungen charakteristisches Moment tritt im westlichen Zionismus scharf in Erscheinung: daß jedes Individuum bei sich selbst beginnen muß. Wir sind ja alle aus dem Milieu hervorgegangen,- das nun umgepflügt werden soll. Da hat jeder den Inhalt seines Wesens zu erforschen und erst an sich selbst gewissenhaft zu vollziehen, was er von den anderen verlangt. Das bringt dann jene so häufig mißdeuteten Folgen mit sich: Zurückgezogenheit und Verschlossenheit nach außen hin und Zurückdrängen derjenigen gleichstrebenden Elemente, die der Sache durch laues Kompromissein Abbruch tun. Natürlich darf man diese Art vernünftiger und durch Selbstzucht gezeugter Strenge nicht mit dem Philistertum derjenigen verwechseln, die stets einen Kodex von zionistischen Grundsätzen unter dem Arme mitschleppen und bei jedem Schritte, den sie oder andere tun, erst prüfen, ob auch alles genau so vor sich geht, wie es in dem Kodex steht, wobei sie natürlich nie verfehlen, eine falsche Seite aufzuschlagen. Der Gesinnungsgenosse, der beispielsweise aus lauter Ueberzeugungstreue einem jüdischen Bettler den Pfennig verweigert, weil er als politischer Zionist gegen die Almosenwirtschaft sein muß, wäre gewiß eine lächerliche Figur. Der Zionismus des Westens wird nicht immer radikal bleiben. Wenn die nächste Generation herangewachsen ist, in unserem Geiste erzogen, auf dem Boden der jüdischen Geschichte fußend und fähig, die Früchte des reichen Kulturlebens der östlichen Juden- Selkmann Sack, sein Ahnherr, innegehabt hätten, einen halben Drittel und einen 24. Seil. Damit war das Verhör beendet Es zeigt einmal, wie klein, verzwickt und verzettelt der Hausbesitz auch der reicheren Juden war. Aus der Tatsache aber, daß neben den Ratsherren Antoni Tetzel, Jakob Groland, Sebald Schürstab auch ein Willibald Pirckheimer als Ratsdeputierter in dieser Angelegenheit mitwirkt, ist wohl «licht ohne alle Berechtigung der Schluß zu ziehen, daß auch er, obgleich Humanist, sich ebensowenig zu einer höheren und menschlicheren Auffassung der Dinge hatte erheben können wie seine Ratsgenossen, daß er ebenso wie sie von der allgemeinen Seuche des blinden Judenhasses angesteckt war. Die Juden hätten schon im Jahre 1448 die Stadt verlassen sollen, aber es wurde ihnen die Frist für den Abzug erstreckt in das folgende Jahr, zunächst bis Lichtmeß und dann bis Mitfasten. Für den 20. Februar 1499 hatte der Rat wieder den Schultheißen Wolf von Parsberg in der Judenangelegenbeit zu einem Termin, und zwar in der alten Kanzlei des Rathauses eingeladen und von seiner Seite die Ratsherren Georg Holzschuher, Michel Behaim und Endres Geuder abgeordnet. Damit war der Rat tatsächlich in dem Besitz der Judenhäuser und er machte sie bald zu Geld. schaff in sich aufzunehmen und zu verarbeiten, dann haben wir eine starke Phalanx, Menschen gleichsam inkarniert mit jüdischmodernem Geiste, die überall werben, ohne sich selbst zu verlieren, wo immer sie postiert werden. Dann — aber erst dann — mag man ruhig den andern entgegenkommen und vergleichen. Dann wird jedes Kompromiß neue Zionisten bringen, während es im gegenwärtigen Stadium die Bewegung dezimieren muß, anstatt sie zu stärken. Dann haben wir einen Kern, der stetig wachsen wird und der Radikalismus verliert seine innere Berechtigung. Bis dahin haben die Radikalen recht, sofern sie sich Scharfmacherei und Pöbelhaftigkeit vom Halse halten. Bis dahin scheint uns ein schlichtes und starkes Festhalten, dieses ernste, männliche Weiterschreitenmüssen, dieses lutherische: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen“, den einzig wahren Weg in die Zukunft zu bedeuten. Es ist nicht jedermanns Sache, ein radikaler Mensch zu sein. Dazu gehört nicht nur Begeisterung, Liebe und volle Hingabe, sondern vor allem mannhafte Festigkeit und Charakterstärke Wo immer sich im westjüdischen Zionismus solche Kräfte regen, mögen sie verstanden und gepflegt sein. Wollen wir dem gesunden, ehrlichen Radikalismus nicht in den Arm fallen und immer daran denken, daß radikal sein treu sein heißt!_ Dr. O. A. Jüdischnationale Aufgaben im Parlamente. Die Kriegsgefahr, welche unser öffentliches Leben seit einigen Monaten vollständig beherrschte, scheint nunmehr beseitigt' und die Aufmerksamkeit wendet sich wieder der inneren Politik zu. Diese gibt uns wahrhaftig genug Stoff zum Nachdenken. Von Tag zu Tag macht sich bei uns ein neuer wichtiger Faktor in der Politik mehr bemerkbar. Und das ist das Eingreifen des Hofes. Die Art der Behandlung der bosnischen und orientalischen Frage soll von dieser Seite dem allzu dienstfertigen Aehrenthal diktiert worden sein. Das wäre allerdings für die Zukunft kein sehr glücklicher Anfang gewesen. Denn die gewaltsame Annektion von Bosnien ohne vorherige Verständigung mit der Türkei war wohl ein gewagter und gefährlicher, leicht vermeidlicher Streich. Darin ist die ganze zivilisierte Welt einig, natürlich mit Ausnahme unserer sogenannten Wiener Judenpresse. Diese Assimilanten- Der Stadtbaumeister Michael Behaim, Heinz Holzschuher und Endres Geuder erhielten den Auftrag vom Rat, sie zum höchsten Preise zu verkaufen. Sie führten die geschworenen Unterkäufel und die Werkleute in jedes Haus, um es zu besichtigen und zu schätzen, verzeichneten alle auf das genaueste mit dem Schreiber Fr. Salbert und verkauften sie an Peter Imhof und andere, wie ich schon früher ausgeführt habe. Der Ertrag der Häuser war 5539 fl. 27 Pfd. alt 9 H., so daß der Rat, der dem König hiefür 8000 fl. bezahlte, einen Verlust von über 2460 fl. zu verzeichnen hatte. Die Juden aber hatten vor Mitfasten 1499, also bis etwa zum 9. März,- die Stadt verlassen müssen, was diesmal allerdings ohne alle Gewalttätigkeit des Nürnberger Pöbels erfolgt war. Ein Teil fand dank der Menschenfreundlichkeit der Markgräfin Anna von Brandenburg in deren Witwensitz Neustadt a. H. eine Heimat, die sie aber nach ihrem Tode im Jahre 1515 auf Anordnung der Markgrafen Kasimir und Georg wieder verlassen mußten. Der größte Teil zog nach Frankfurt, wo er trotz des Einspruches des Pfarrers Konrad Hensel Aufnahme fand, ein geringerer Teil soll sich nach Prag gewendet haben. Vielleicht fanden auch einzelne in der Umgebung von Nürnberg, wie in Ottensoos, Schnaittach Hüttenbach und anderswo Unterkunft, schmöcke sind für alles feil, was ihnen von den offiziellen Preßbureaux suggeriert wird. In neuester Zeit sind namentlich in auswärtigen Zeitungen eine ganze Reihe von Artikeln erschienen, in welchen über das künftige Regime in Oesterreich ausführlich berichtet wird. Man darf annehmen, daß diese verschiedenen-Auslassungen den Beteiligten nicht unbekannt sind. In allen aber wird streng betont, daß der künftige Hof streng klerikal sein und diese Gesinnung zum Eckstein der Regierung machen wird. Besonders wurde hervorgehoben, daß die c h r i s 11 i c h s o z i a 1 e Partei sich schon jetzt der weitgehendsten Förderung gewiß fühlen kann. Was das für uns Juden in Oesterreich bedeutet, das braucht man wohl nicht näher auseinanderzusetzen. Aber wenn diese Zustände auch noch nicht aktuell sind, so erwächst vor allem die Pflicht, unser Verhalten darnach einzurichten, Wir meinen dabei natürlich nur die jüdischnationalen Kreise, denn mit unseren Assimilanten ist nicht zu rechnen. Sie sind blind und taub gegen alle Gefahren, welche das Judentum bedrohen und sind auch bereit, es jeden Augenblick zu verleugnen und zu verraten. Schließlich bleibt diesen Herren immer noch die Taufe als letzter Rettungsanker übrig. Anders für diejenigen, welchen, sei es aus religiöser Ueberzeugung, sei es. aus nationalen Gründen, das Judentum ans iHerz gewachsen ist. Sie dürfen nicht blind sein gegen die Gefahren, welche uns drohen, sondern müssen bei Zeiten daran denken, wie sie denselben begegnen und sich zum bevorstehenden Kampfe rüsten wollen. Und im Namen dieser Gruppe richten wir ein ernstes Wort an unsere nationalen Vertreter im jüdischen Klub. Es muß eine programmatische und weitsehende Politik betrieben werden. Beschwerden über Zurücksetzung jüdischer Staatsbürger und Klagerufe über Ungerechtigkeiten etc. allein genügen nicht. Man mußdiepolitische Macht, die man hat, gebrauchen. Zweimal fanden im Dezember im Reichsrate entscheidende Abstimmungen statt, bei welchen wenige Stimmen den Ausschlag gaben. Ein Aufschluß darüber, wie und ob die Situation ausgenützt wurde, fehlt noch. Solche Gelegenheiten werden nicht sobald wiederkommen. Zwei programmatische Aufgaben obliegen unseren Vertretern. Die erste ist die Erkämpfung der nationalen Autonomie. Die zweite ist die E rgreifung der Initiative für demokratische Forderungen aller Art, welche auch die anderen freisinnigen Parnur nicht in Fürth, wo Markgraf Georg der Fromme erst im Jahre 1528 einen Juden namens Bermann aufnahm. Allerlei. Der „weise“ Richter. In Georgia (Vereinigte Staaten) geriet unlängst ein Richter durch seine Bibeifestigkeit in eine recht peinliche Lage. Zwei Frauen kamen mit einem sechs Monate alten Kind zu ihm und jede behauptete, die Mutter dieses Kindes zu sein. Der Richter hatte nicht umsonst die Heilige Schrift studiert. Er ließ sich nach dem Beispiele des weisen Königs Salomo ein Messer bringen, legte das Kind auf den Tisch und wollte es entzwei schneiden, um jeder von den beiden Frauen eine Hälfte zu geben. Die Frauen aber riefen „wie ein Mann“: „Nein, nein, tun Sie das nicht, Herr Richter! Behalten Sie lieber das Kind!“ Sprache n’s und liefen davon. Der Richter aber hat das Kind bei sich aufnehmen müssen und sucht ihm jetzt eine dritte Mutter.