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Jüdische Zeitung · 1909-01-15 · 3 (15.1.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3. JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3. Unterhaltung über sieben Tische zu verzichten, die Unterhandlungen mit dem Speisenträger abzukürzen und die Begrüßung von Tanten und Kousinen weniger explosiv zu gestalten, ließe es sich unter den „vielen“ Juden prächtig leben. Nicht die Gäste, die Hausherren flößen Bedenken ein. Dieses Baden, das von jüdischen Kurgästen lebt, ist erzantisemitisch. Die Majorität im Gemeinderate ist christlichsozial. Juden wird das Bürgerrecht einfach verweigert. Erst kürzlich wurde das Ansuchen eines jahrzehntelang ansäßigen jüdischen Beamten, welcher die Aufnahme in den Gemeindeverband anstrebte, rundweg abgewiesen. Der -nämliche Spießer, welcher, -vom ‘ Judengelde lebt, gebärdet sich im Gemeinderate als Judenfresser. Man sollte den Herren den Brotkorb höher hängen. Es gibt noch andere Sommerfrischen. Das Judentum stellt an seine Armen und Aermsten gewaltige Anforderungen, und legt . ihnen große Opfer auf. Es ist also nicht unbescheiden, wenn man den Gutsituierten, die sich Badereisen leisten können, im Interesse des Judentums kleine Unbequemlichkeiten zumutet. Vor die Wahl gestellt, soll ein Jude lieber etwas weiterund strapaziöser reisen,als die'ärgsten Feinde'zu 'füttern, antisemitische Orte zur Blüte zu bringen, nur weils „bequemer“ ist. Die jüdische Kunstgewerbeschule „Bezalel“ in Jerusalem. Eine der hervorragendsten Schöpfungen des Zionismus, epochemachend im Judentum der Diaspora, bildet die vom Vereine „Bezalel“ begründete und mit tatkräftiger Hilfe des „Jüdischen Nätionalfonds“ erhaltene Kunstgewerbeschule in Jerusalem. In einem Milieu, das noch vor wenigen Jahren die ausschließliche Domäne spekulativer Nichtstuerei und die heiligen Gefühle schamlos ausbeutender Berufsbettelei war, hat der jüdische Nationalgedanke ein Institut erstehen lassen,-welches berufen ist, dem gesamten Judentume belebende Kraft zuzuführen, eine neue nationale jüdische K u n s t zu schaffen, aus verlassenen, bisnun dem Untergange preisgegebenen Elementen, eine Schar tüchtiger Künstler und durchgebildeter Kunsthandwerker zu gestalten, das j üd is ch e Ta 1 e n t dem jüdischen Volke zu erhalten. Wir bringen aus dem Inhalte des 3. Jahresberichtes des „Bezalel“ nachstehenden Auszug: Ein wichtiges, unsere Schule betreffendes Ereignis, über das wir in unserem diesmaligen Bericht zu referieren haben,' bildete der Umzug der Schule in ein neues Heim. Aus den Mitteln des Jüdischen Nationalfonds wurden in Jerusalem zwei Häuser erworben, welche man unserer Schule mietweise überließ Im Februar konnte der Bezalel von seinem neuen prächtigen Heim Besitzergreifen. Auch unterstützte uns der Jüdische Nationalfonds, indem er 5000 Fr. zu den Bau- und; Reparaturkosten beisteuerte. ' Der Einweihungsfeier des neuen Heimes schloß I sich eine Ausstellung im Bezalel an, in 1 der die verschiedenen Erzeugnisse der Schule vor-; geführt wurden. Zur Eröffnung hatten sich der ■ deutsche, der ameikanische, der englische und der russische Konsul eingefunden, ferner der Bürgermeister der Stadtjerusalem, ein Vertreter des Paschas und andere hohe Beamte. Die jüdische Bevölkerung, die die Ausstellung fleißig besuchte, bezeugte großes Interesse für dieselbe. Während der letzten Feiertage wurde in Jaffa gleichfalls eine Bezalel-Ausstellung veranstaltet, die sich ebenfalls einer sehr großen Frequenz erfreute. Der Bezalel umfaßte im verflossenen Jahre neben einem Vorbereitungskurs und einer höheren Kunstabteilung folgende Ateliers: I. Teppichabteilung und Färberei. Die Ausgestaltung dieser Abteilung beansprucht ganz besondere Fürsorge. Für die Vervollkommnung in der Herstellung der Teppiche war die Einrichtung einer sachgemäßen Färberei Grundbedingung. Die Errichtung der jetzt tadellos funktionierenden Färberei ist in erster Linie dem liebenswürdigen Entgegenkommen der bulgarischen Regierung zu verdanken. Das Kultus- und Unterrichtsministerium in Sofia hatte die Güte, uns auf Ansuciten des Direktors unserer Schule, Professor Schatz, der fiüher an der Fürstlichen Kunstschule in Sofia als Lehrer angestellt war, einen im Dienste der bulgarischen Regierung stehenden Färber auf einige Monate zu überlassen. Jetzt werden in der Färberei mehr als sechzig Arten von echten Pflanzenfarben hergestellt; dadurch wurde es ermöglicht, in den letzte.’. Monaten bedeutend mehr Teppiche zu fabrizieren als in den vorangegangenen Semestern. Sowohl in der Farbenzusammenstellung als auch in den Entwürfen der Muster und in der Technik des Knüpfens "waren bedeutende Fortschritte r.ufzuweisen. ln der Färberei fanden zwei Arbeiter Beschäftigung; in der Teppichabteilung wurden 31 Mädchen beschäftigt. Viele von den Mädchen haben sich inzwischen zu sehr geschickten Arbeiterinnen entwickelt, und wir hoffen, daß wir im nächsten Winter damit beginnen können, einige derselben für den Bezalel zu Hause arbeiten zu lassen. Um die Arbeiterinnen des Teppichateliers mit allen Einzelheiten der seit Jahrhunderten in Persien eingebürgerten Teppichindustrie vertraut ' zu machen, beabsichtigen wir im nächsten Semester einen aus einem der Zentren der Teppichindustrie stammenden tüchtigen und geübten Werkmeister anzustelien. Herr Professor Schatz wird zu diesem Zwecke die in Betracht kommenden Städten bereisen, um persönlich eine geübte Kraft zu gewinnen. Abteilung für Holzschnitzerei. ln dieser Abteilung, die mit einer Tischlereiwerkstatt verbundeu ist. wurden Dekorativmöbel für den palästinensischen Markt und Reliefbilder in Holz hergestellt. Zwei Arbeiter, die zugleich Schüler der Kunstabteilung sind, bekommen ein Stipendium von je 30 Frcs. monatlich. Rahmenabteilung. Dieselbe ist aus einer Werkstatt hevorgegangen, die vorher in Jaffa bestand und vom Bezalel übernommen wurde, ln derselben wurden Rahmen aus verschiedenen Holzarten hergestellt, die einen absatzfähigen Souvenirartikel zum Verkauf an die Palästina besuchenden Fremden bilden und vielleicht auch als Exportartikel geeignet sind, tn der Rahmenabteilung arbeiteten 10 Arbeiter. Abteilung für Filigranarbeiten. ’ Die Errichtung dieses Ateliers wurde durch den von Herrn Pollak aus Moskau in hochherzige^ Weise auf fünf Jahre bewilligten Betrag von je 600 Frcs. ermöglicht. .Wie in der Rahmenabteilung, sind auch die Arbeitendieses Ateliers Souvenir artikel und im wesentlichen für den Export bestimmt. Das Atelier wurde Ende April--diesesJahres eröffnet und hat sich in der kurzen Zeit seines Bestehens bewährt; seinen Erzeugnissen scheint ein guter Absatz in Aussicht zu stehen. In der Filigranabteilung fanden Beschäftigung 1 Meister und 4 Arbeiter. Abteilung für Steinhauerarbeiten. Tn derselben wurden in einem dreimonatlichen Kursus 29 Arbeiter ausgebildet, darunter 23 mittellose. Im August dieses Jahres mußte infolge des durch Wassermangel im Baugewerbe eingetretenen Stillstandes in der Abteilung zeitweilig gefeiert werden, da die meisten Arbeiter gezwungen waren, Jerusalem zu verlassen. Sie fanden indes in Jaffa, Haifa und anderen Orten Galiläas anderweitig. Beschäftigung. Auch in diesem Jahre fanden in Bezalel Abendk urse statt. In denselben wurde während des Winters älteren Leuten aus der Jerusalemer Bevölkerung Zeichenunterricht erteilt. Ein besonderer Kursus war für Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen eingerichtet, an dem 20 Damen teilnahmen. I. Kunstabteilung. ln der höheren Klasse der Kunstabteilung fand mit Schluß des Geschäftsjahres der erste dreijährige Kursus sein Ende. Infolgedessen haben sich vier der künstlerisch begabtesten Schüler zur Fortsetzung ihrer Studien nach europäischen Kunstakademien begeben. Zwei andere begaben sich in ihre Heimat, um ihrer Militärpflicht zu genügen. Von den älteren Schülern sind zwei als Musterzeidiner und Werkmeister in der Teppichabteilung, einer als Werkmeister im Filigranatelier angestellt. Zwei ehemalige Schüler sind in Jerusalem als Fedetzeichner tätig. setzt sich zu ihm hin, redet ihm zu, das „Warme“ zu essen, das ihm Beile bringt, holt — als alle ftlühe vergeblich ist — den letzten Rubel hervor und läßt ein Fläschchen Branntwein bringen. „Na, wirst nehmen ein bissei Schnaps und wirst essen, wirst du werden gar ein neuer Mensch, ganz der einstige Eisik. Na nu, mach den Segensspruch und trink!“ Und Eisik trinkt hastig auf einen Zug die ganze Flasche aus, wirft sich nin und weint. Sein ganzer Körper bebt vor stillem Weinen und ringsum stocken alle Stimmen vor tiefer Ergriffenheit. Aber Goldin, der Fabrikant ist nicht dazu da, Gefühlsausbrüche zu analysieren und Eisiks Schmerz zu verstehen. Er sieht den Mann am Boden liegen, neben ihm die leere Schnapsflasche und jagt den „Besoffenen“ davon. Eisik geht. Vorerst aber nimmt er die Presse, wirft sie wuchtig auf die Litzenmaschine und stampft beide in Trümmer. Seine Maschinen sollen nicht verwaist Zurückbleiben. Mitnehmen darf er sie nicht. So muß er sie vernichten. Denn für Goldin Geld machen, dürfen sie nur so lange er in ihrer Nähe sein kann. Eisik eilt in die Natur hinaus, in den großen freien Wald, flüchtet dann zum Alkohol und schleicht schließlich in seine j Wohnung zurück, fremd und scheu, wie : ein Mörder. „Ich hab etwas gewollt hinaus- \ schreien aus mir. Vor den Augen sind mir gestanden die Presse und die Litzenmaschine, zerbrochen, zerschüttet, zer . . ., i zer . . . Meine Presse und mein Maschinellen! .. Und wie ich bin herein in den Wald, hab ich genommen schlagen die Bäume, beißen sie, reißen sie, gestoßen sie mit dem Kopf, mit den Händen, mit den Füßen. Und ist mir nicht um ein Haar leichter geworden“, sagt er zu Leiwik, der treu auf ihn zu Hause bis in die Nacht wartete, nachdem man ihn überall vergeblich gesucht hat. „Dann hat sich mir gewollt trinken, trinken . . . Das Trinken hat mich nicht befreit. Es nagt und nagt in mir. Verstehst, ich halt mich kaum auf den Füßen und der Kopf ist mir klar.“ Da sinkt er nieder und preßt die Stirne gegen den kalten Boden. Aile diese müden Arbeitsmenschen schlafen jetzt. Nur der biöde Pinie sagt seine abgerissenen Worte, die! gleich, wie immer, seitdem sein Gemüt verdunkelt ist, und die man, wenn man will in diesem Stücke als ein Sinnbild nehmen j kann: „Gestorben. Tot alles. Gott ist gei storben. Der Himmel ist gestorben. Die | Erde ist gestorben. Tod. Finster. Kalt. . .“ Eisik aber greift, wie von einer Macht gezwungen, nach dem Arsenik: „Beile, ich i hab aufgegessen den Arsenik! Beile, schnell. . . ich hab es nicht gewollt! Beile, ich will es nicht! Beile, schnell!! . . . Eisik muß sterben, denn seine Maschinen sind tot. Das Schicksal will es nicht, daß er mit ihnen lebt. Ohne sie kann er auch nicht leben. Andere, wie Leiwik, treffen es: „Du weißt doch, wie mir sich hat gewollt sein ein Maler. Aber ich sag mir: No, nicht ist nicht! Kannst nicht drüber weg, mußt du drunter weg.“ Eisik kann nicht drunter weg. „Ich bin ein anderer. Mich rettet kein Branntwein nicht und mich rettet der Schlaf nicht . . . Siehst, ich halt mich kaum auf den Füßen, siehst? Und im Herzen nagt und nagt es und der Kopf hat gar nichts vergessen...“ Man sieht, dieses Arbeiterstück geht seine eigenen Wege und unterscheidet sich

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