Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438220-2438223--0966-2440523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr 3. mafischen Dienstes. Die Etablierung einer ‘i jüdischen Autonomie in Palästina kann wohl nur das Resultat einer Verständigung : des türkischen und jüdischen Volkes sein, ' aber eine Auseinandersetzung mit den Regierungen der anderen Völker wird gewiß V. auch in Frage kommen und zumindest auf die Raschheit des Verlaufes Einfluß haben. Es kann uns nicht gleicligiltig sein, ob freisinnige, weitblickende und warmherzige Männer oder aber -die von Bahr so trefflich kennzeichneten Puppen als Vertreter ihrer Regierungen mitsprechen werden. Der Zionismus, dessen Vorbedingung ein d e m o- - kratisches Judentum ist, hat -nur vöh demt)krätischen Trägern des Völkerrechtes Gutes zu erwarten! Die Fortdauer des jetzigen . Systems der protegierten Unfähigkeit und der damit verbundenen Unsicherheit der internationalen'Völkerbeziehungen kann eigentlich nur zwei Faktoren erwünscht sein. Vorerst den großen Spekulanten, den Hyänen der Konjunktur, die aus der Unsicherheit der Verhältnisse ihren Profit ziehen; die''einfach von der Bildfläche verschwinden müßten, wenn der Verkehr der Staaten untereinander ein ruhiger und geregelter würde. Dann der korrupten Tages- ‘jSresse, die einesteils im ‘Solde der Größ- 'spekülation steht, andernteils die feudale ' "Hintertreppen- und Boudöirpolitik der heutigen Diplomatie braucht, weil sie sonst ihre Spalten nicht' mit ungeheuerlichen- ‘„Sensationsberichten “ füllen könnte, mit abenteuerlichen Interwiews, Erklärungen, Dementis'etc. Wenn sich gegen das jetzige System eine Opposition erhebt, sollen wir Juden diese aufs tatkräftigste unterstützen, ja, wir sollen unser Möglichstes tun, sie zu wecken. Speziell in Oesterreich bietet sich die beste Gelegenheit Wir haben nationale, volkstümliche Vertreter im Parlamente. Wenn unsere Abgeordneten im Sinne des von ihnen vertretenen demokratischen Programmes diese Frage aufgreifen werden, können sie der Zustimmung und der Mithilfe des ganzen jüdischen Volkes gewiß sein. Sie werden damit nicht nur dem Judentunie, sondern allen Völkern Oesterreichs' den größten Dienst erweisen. —st. Hie Anstritte ans dem in Wien 1a flau Jahren 1905nnd 1906 sind in dem vor kurzem erschienenen ■ ^Statist. Jahrbuch der Stadt Wien j für das Jahr 1906 (24. Jahrg. 1908) bef handelt. Im Jahre 1905 traten 308 männliche : 4Und 269 weibliche,;zusammen 577 Personen j jin Jahre 3906 364 männliche und 279 weibj liehe, zusammen 643 Personen aus dem Judentum aus. Nachfolgende Tabelle gibt für das Jahr 1906 die Kirchen an, in welcher der Eintritt bei der Behörde angemeldet wurde, und zwar nach dem Geschlechte, Familienstand und Alter der jüdischen Konvertiten. in! £ ■OS' C ec «O .£>00 :s o JZ cs o ,Ü SJ : © I j ©© - . o ' £7; ©© © ©! Ö® © I i ©© ' IC ' --S“ ‘ 3= S- S li 7J £ |i M - M i w f ' ic" CM ’ 00 . ©* S . ST 5; © I < ©o -•CO — r CM . : : ~ "f i , ' cm cm i csf •co — , j , 00 .. r— " © 1? © © CM o c © C c ec Ä-Sö' ro CM cn t- CM CM © © CO * T i 10 co ~ CM' © CM "© ©; tesß©;• CJ «3 i to! 03 1 *1 % — CM' “C£T o ©! (tojBedaij3_J| '"TlTTT - *; i rnr~ CO OO CM JOD *5 ua usj34432 2 -stiy J3P! jtpaitpsaQ * •[itucm U3}l}J3AU0>} JSp IMBZIlUKSSn ”rÖ ~cm~ CM CM OC © 'CM tCi tri © CM TT t'- CM 00 «3» iCi ~ — © CM S <u to S -°2 M i_ o.2 e ff» rn S " ÜJ — O S CO S © 71 v* © SÜs . i! -£ . 5 . . fcß . O © C) w J" > o o O Oß — — JQ O , 5 O W K w i ß £ C 5, © *3 i i o S* 2 ~ -5 «1 < .ü re cs c — *; > ► O JE T_ m N C/3 ut Jj o 3 tß © o u. O a © CD CL C'I o ac -r: CM S © "* r- CM jn •T © C CO CJ co 5 t}* o _©_ CO o a. CJ •o >3 o Q Die Erscheinungen in der Taufbewegung des Jahres 1906 weisen beim Vergleich mit den vorhergehenden Jahren keine Aenderung auf. Die sich immer mehr steigernde Austrittsziffer hat im Jahre 1906 mit 643 Personen den bisher höchsten Stand erreicht. Wie in allen Jahren ist . das männliche Geschlecht stärker beteiligt als das weibliche, die Ledigen, mehr als dreimal so zahlreich als die Verheirateten. Die meisten Austritte werden im Alter yon 20—30 Jahren vollzogen. Die meisten Konvertiten treten zur katholischen Kirche über, auffallend viele aber auch zum Protestantismus. Aus allen diesen Umständen' zieht Dr. Jakob Thon in seinem Buche (Veröffentlichung 4 des Bureaus für Statistik der Juden, Berlin Hatertea, Preis 4 Kronen) „Die Juden in Oesterreich“ folgende,Schlüsse: Der wichtigste Grund für die Taufe ist die Heirat mit einem christlichen Ehegatten, in zweiter Linie die Aussicht auf ein besseres Avancement im Beruf. Die zahlreichen Uebertritte tum Protestantismus, dessen Anhänger nur 109 Perzent der österreichischen Bevölkerung ausmachen» erklären sich aus dem Rationalismus der der Tradition entfremdeten Juden. Nach der Beschäftigung gehörten unter den 364 austretenden Männern 68 freien Berufen an, 61 waren höhere Angestellte im Handel und Privatbeamte, 43 niedere Angestellte und Hilfsarbeiter in Gewerbe und Industrie, 40 Studenten und Schüler. N.W. Eine Judensommerfrische. ln wenigen Wochen wird es hinter den Spiegelscheiben der Quai- und Ringkaffeehäuser noch lebhafter zugehen. Zu den beliebten Gesprächsthemen des Winters wird sich ein neues gesellen: Die Badereise. Die Unerschöpflichkeit dieses Themas ist einfach fabelhaft. Nach demAufwande an Worten und Geberden, den cs immer und immer wieder entfesselt, zu schließen, scheint das Tratschen und Projektmachen notwendiger und wichtiger zu sein, als die Badereise selbst. Die Namen von Kurorten und Sommerfrischen, gellen wie Kriegsrufe über dem kaffeegesättigten Flor stammesgenössischer Damen. Am häufigsten wird das Wort „Bade n“ vernommen. Irgend eine mit Schlagobers und Gugelhupf reichlich gespeiste Sprechmaschine, die Frau X., wird zwar erklären, sie gehe ungern nach Baden weil zuviel „Juden!“ dort sind. Aber sie wird dennoch hingehen, Baden liegt so bequem — Frau X. hat Recht. Die Juden sollen^es_ sich~re1flich überlegen nach Baden zu gehen. Aber nicht der vielen Juden wegen: Wenn Frau. X und ihre Freundinnen sich nur entschließen könnten, etwas wenig pompösere Toiletten zu tragen, auf eine Krämerin und arbeitet rastlos mit Zirkel, Säge und Bohrer. „Hat da einer sich abgetan von der 'ganzen-Welt und mag sich um kein Haar mehr bekümmern“, klagt Beile, sein Weib. Er schaut sie unter der Hand an, als wollte er wissen, was sie da redet. Diese ganze klägliche Enge rings nm ihn existiert jetzt für Eisik einfach nicht. Das ältere Kind, die vierjährige Giteia, hat sich über den Teller mit Arsenik gemacht, der zur Vertreibung der Ratten unter dem Schranke stellt. Die A4utter springt schreiend auf und reißt dem Kinde das Gift aus der Hand. Eisik nimmt keine Notiz von dem Vorfälle. Am Sparherd, auf dem mehrere Familien gleichzeitig abkochen, gibt es fortwährend Zank um die bessere Feuerstelle. „Magst zusehn, einen Blick tun. Ich sage Dir, es ist Pflicht, einen Blick zu tun“, ruft Beile den Mann an. Doch er hört und sieht nicht und fügt verklärten Blicks Hebel und Räderchen aneinander. Aber allmählich erlahmt er. Goldin kommt und droht mit Entlassung, wenn er nicht zur Arbeit zurückkehrt; Orte, des Fabrikanten Sohn, setzt sich ihm aufs Genick, fährt ihm mit klobiger,, Hand in die Arbeit hinein und zerreißt ihm mit blöder Rede das feine Gedankengespinnst. Ueberdies hat sich die Krämerin eingestellt und mahnt eindringlich um das schuldige Geld. Da sinken seine Kräfte. Dazu schreit Beile immer heiserer und will, daß er endlich wieder verdienen gehe. Wie Peitschenschläge trifft ihn ihre giftige Rede. Er springt auf, preßt die Schläfen, verstopft die Ohren und möchte hastig vollenden. Es fehlt ja nur mehr ein Verbindungsstück, ein letztes Glied der ineinandergreifenden Bestandteile. Und er findet es nicht. Jetzt gerade nicht, wo ihn schon die Not der Familie angrinst und ihn das durch sein Schweigen gereizte Weib wie eine Hyäne anspringt. „Ich werd nehmen deine ganze Macherei und werd es zerbrechen auf ganz kleine Splitterchen. Ich werd dir zeigen, daß ich hab noch auch ein Stückerl Verstand. Ich werd dir nicht lassen tun, was du willst und wir sollen sterben von Hunger. (In höchsten Tönen:) Du hörst, was ich red zu dir oder nicht!? Ich werd . , Da wird er todesbleich, eine ungeheure Aufregung macht ihn rasend und mit aller Kraft schleudert er das Gestell gegen den Boden, daß die Räderchen nur so über die Diele kollern. Vernichtet ist sein Werk und der verrückte Pinie spielt lächelnd mit den zerbrochenen Stücken. Eisik geht wieder zur Arbeit. Aber er ist völlig gebrochen und von unsäglicher Traurigkeit erfüllt. Kein Wort kommt ihm über die Lippen. „Der Herr Inscheneer ist nicht zu sprechen“,, witzelt einer der Arbeiter und Selig, der Komödiant (eine köstliche Figur) seufzt humoristisch: „Och, die Maschin hat' sich nicht ausmaschint!“Zwei aber sind in. dieser Werkstatt,, die ihn verstehn: Leiwik, ein junger Mensch, der Maler werden wollte: „ . . . wie ich bin gewesen ein . klein Jiingel, hat sich mir stark gewollt . werden ein Maler ... wo ich pfleg’ kriegen ein Stückei Papier, pfleg ich malen: Menschen, Soldaten, Pferde. . . und jetzt noch, wenn ich seit einmal ein gut Bild, wird mir so traurig. Es sitzt etwas einer in mir und zieht und zieht. . .“ Und Baere versteht ihn, ein ernster Mann in den Fünfzigerjahren, der fühlt, daß Eisik ein großes Leid widerfahren sein muß. Er 6456