Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 2. den Tarif für Amerikareiseu erhöht .fiat. Diese Neuerung trat am 18. Dezember in Kraft. Außerdem mus fortan jeder Emigrant außer den Reisekosten 17 Mark Fahrbilletttsteuer entrichten. Es »st wahrlich erbärmlich, daß die Hamburg-Amerika- Linie ihren schlechten Geschäftsgang dadurch zu verbessern sucht, daß sie die Fahrpreise für die Emigranten erhöht. Geradezu empörend ist es> daß von den Emigranten, die Ausländer sind, Steuern für den deutschen Staatssäckel eingehoben werden. Die armen russischen und galizischen Juden unternehmen doch keine Luxusoeer Vergnügungsreisen! Es gibt keine Entschuldigung für diese gewissenlose Ausbeutung der wehrlosen Auswanderer. * * * Der Negus und die Falaschas. Berlin. Der Vorsitzende des Pro-Falaschas- Koinitees, Oberrabiner Dr. Margulies in Florenz, erhielt am 1. Dezember ein Telegramm von Doktor Faitlowitsch aus Adis Abeba, worin dieser ihm mit*eilt, daß er vom Negus von Abessinien in Audienz empfangen wurde und daß dieser die ihm überbrachten Geschenke entgegennahm. Der Negus versicherte Herrn Faitlowitsch, daß er für die Besserung der Lage der Falaschas Sorge tragen wolle. * * * Die Juden in Südafrika. Berlin. Die „Deutsche K o 1 o n.- Z e i t g.„ schreibt: „Auch die Einwanderung der Juden hat große Gegner, da bisher in Südafrika der Ladenbetriöb als standesgemäße ' Beschäftigung . des Weißen galt, aus der er sich nun in weiten Gebieten verdrängt sieht. Die Westgrenze des Verbreitungsgebietes des indischen Händlers fällt zusammen mit der Ostgrenze dessen der russischen und rumänischen Juden, die in den letzten Jahren in großer Zahl in Südafrika einwanderten. Bisher wurden die Juden des flachen Landes in glicht geringer Zahl von der Burenschaft absorbiert, da Antisemitsmus dem Buren fremd war. Ob diese Verhältnisse sich ändern werden, ist eine Frage der Zukunft. Diese Juden verstehen fast durchweg Schriftdeutsch, wenn sie auch unter sich im Dialekt sprechen. Anerkennenswert ist es, daß auch, wenn sie mehrere Generationen hindurch in englischen Kolonien, ja in London selbst, gelebt haben, deutsch nicht vergaßen. Ist es, weil ihnen ein gesunder Instinkt sagt, daß deutsch die Weltsprache der Zukunft ist? Die Masseneinwanderung der Juden hatte die Wirkung, daß für englische Einwanderung südlich von Limpopo kaum noch Platz ist. Denn die Juden monpolisiaren den Handel und vielfach auch das Gastwirtegewerbe und manche Handwerke wie besonders das des Schneiders.“ ■ * * * Abraham Mapus hundertjähriges Jubiläum. Kowno. Am 15. v. M. wurde in Kowno, der Geburtsstadt des ersten neuhebräischen Schriftstellers Abraham M a p u, die hundertste Wiederkehr dessen Geburtstages gefeiert. Ein Komitee, an dessen Spitze Dr. Feiiiberg stand, veranstaltete einen literarischen Abend. Die Eröfffnung einer Lesehalle und einer Bibliothek, die den Namen Mapus führen werden, steht bevor. Von allen Seiten trafen in Kowno Begrüßungsdepeschen ein. * * * Eine Massenauswanderung rumänischer Juden in Sicht. New-York. Unlängst fand in New-York eine Beratung des „Central Romania-Comitee“, einer Körperschaft statt, die vor zwei Jahren aus Delegierten aller in Amerika bestehenden rumänischen JÜDISCHE ZEITUNG. Landsmannschaften und Synagngengemeinden zu dem Zwecke ins Leben gerufen wurde, um ihren unglücklichen, in Rumänien lebenden Stammesgenossen behilflich zu sein. Die Beratung galt in erster Linie der Entgegennahme des Berichtes des Präsidenten P. Siegelstein, der während des letzten Sommers als Abgesandter des Komitees in Rumänien, Oesterreich und Deutschland geweilt hat. Sowohl aus seinem umfangreichen Berichte, als auch aus einem von dem rumänischen Komitee ia Jassy eingelangten Briefe ist zu ersehen, daß im kommenden Frühjahre eine Massenauswanderung von Juden aus Rumänien zu erwarten ist, da diese Unglücklichen ihr bitteres Los in ihrer Heimat nicht länger ertragen können. Auf Grund dieser Berichte wurde sofort ein Subkomitee eingesetzt, welches die notwendigen Vorbereitungen zu treffen haben wird. * * * Die russische Regierung gegen jüdische Ackerbauer. Jekaterinoslaw. Die Gouvernementsverwaltung hat sich dafür entschieden, die jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien zu vernichten. Deswegen kommandierte sie vorerst den Verwaltungsrat Grigorosulo dorthin. Auf seinen Bericht angeblich sich stützend, hat nun die Verwaltung beschlossen: Zur Kenntnis der Landesabteilung des Ministeriums des Innern zu bringen, daß die landwirtschaftliche Entwicklung und der materielle Wohlstand der jüdischen Kolonien trotz der langjährigen Bemühungen und materiellen Opfer der Regierung nur sehr langsam und wenig gedeihen, und es bestehe keine Hoffnung, daß sich die Lage in naher Zukunft bessern könnte.“ Nun stellt sich aber heraus, daß der Bericht zu den erwähnten Schlußfolgerungen nicht den geringsten Anlaß gibt. Auf die Frage, ob die Kolonisten ihre Aecker vernachlässigen, beziehungsweise sie nicht mehr bebauen, antwortet Grigorosulo mit einem klaren „Nein“, es seieü zwar manche Kolonisten nicht anwesend, aber 302 Wirte treiben persönlich Ackerbau, 297 Wirte bebauen ihre Aecker persönlich unter Hinzuziehung von Lohnarbeitern und nur 88 Kolonisten hätten ihre Parzellen verpachtet, obwohl sie in den Kolonien wohnen geblieben seien. Auch über die Qualität der Wirtschaft spricht sich der Berichterstatter nicht verneinend aus. So gibt es laut Grigorosulo in den Kolonien viele wohleingerichtete Wirtschaften mit vollständigem landwirtschaftlichen Inventar, so daß allein in 17 Kolonien 3244 Pferde, 5087 Kühe usw. vorhanden seien. („Russ. Korresp.“) * * * Die Christlichsozialen in München. München. Bei den hiesigen Gemeinderatswahlen, die am 23. v. M. stattfanden, gingen die Christlichsozialen, die sich „unbeirrt“ durch ihre bisherigen ständigen Mißerfolge mit einem großen Geschrei über die Korruption und Unfähigkeit aller anderen Parteien in den Wahlkampf gestürzt hatten, wiederum vollkommen leer aus. Es werden die ausscheidenden 20 Mitglieder ersetzt werden durch 7 Liberale, 6 Sozialdemokraten, 6 Zentrum und 1 Mitglied der Hausbesitzergruppe, das zum großen Schmerz der Antisemiten Jude ist. Mit der Niederwerfung der bisherigen liberalen Rathausmajorität nach Wiener Muster, die sich die Christlichsozialen in ihrem Flugblatt prophezeiten, war es also wieder einmal nichts. Den exzessiven antisemitischen Hoffnungen ist eine grausame Enttäuschung gefolgt. Dabei haben es die Christlichsozialen an Aufreizungen demagogischer Art wahrlich nicht fehlen lassen. Seite 5. Schneiders Junger. Dieser liebe Kaspar Bär Ist ein Mann von guten Formen, Nur die roten und abnormen Hände wirken ordinär; Auch behaupten oft die Schroffen, Daß er allzusehr versoffen. Dieser liebe Kaspar Bär, Ist auch theoretisch tüchtig, Wissensdürstig, bildungssüchtig, Nur das Schreiben fällt ihm schwer; Doch auch das hätt’ er getroffen, Wär’ er nicht so oft besoffen! Dieser liebe Kaspar Bär, Steht sich gut, das will ich meinen! Wirkt er doch bei drei Vereinen Als Kassier und Sekretär; Einmal ist er fortgeloffen Mit der Kassa, schwer besoffen. Dieser liebe Kaspar Bär, Ist auch Armenrat der Schneider Und erquickt, die Hungerleider Durch Versendung von.. Likör; Manches Amt noch stünd’ ihm offen, Wäri er nicht so oft besoffen! Dieser liebe Kaspar Bär Haßt die Juden unbeschreiblich. Ihr Ruin ist unausbleiblich Wenn er Bürgermeister wär’; Leider ist das nicht zu hoffen, Denn er ist z u oft besoffen! Beda. Aufruf. In einer Schrift Gottfried Kellers findet sich die Stelle: „Alle Männer, die es zu irgend einem Erfolge gebracht und in diesem Augenblicke Hunderte von Meilen entfernt, vielleicht schon den Schlaf der Gerechten schliefen, wurden auf das Gründlichste demoliert; jeder wollte die genauesten Nachrichten von ihren Tun und Lassen haben, keine Schandtat gab es, die ihnen nicht zugeschrieben wurde und der Refrain bei jedem war schließlich ein trocken sein sollendes: Er ist übrigens Jude! Worauf es im Chore ebenso trocken hieß; Ja er soll Jude sein!“ Diese Schilderung des großen Schweizers trifft heute mehr denn je und nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Kunst, in der Wissenschaft, in der Politik und in öffentlichen Leben zu. In der Zeit, da ein H. St. Chamberlain seine wahnsinnige Methode oder seinen methodischen Wahnsinn treibt, ist diese Betrachtung gewiß keine unzeitgemäße. Aber „ebensowenig die Taten der Juden, wie ihr eigentliches Wesen sind der Welt bekannt. Man glaubt sie zu kennen, weil mar ihre Bärte gesehen, mehr kam von ihnen nie zum Vorschein und wie im Mittelalter sind sie auch in der modernen Welt e i n wanderndes Geheimnis“ (Heine). Juden! Es soll eine Enzyklopädie des jüdischen Geistes geschaffen werden. In einer Sammlungvon großen Monographien soll gezeigt werden, daß die Juden eine geistige Elite bilden, es soil zum erstenmal umfassend bewiesen werden, daß wir die Gastfreundschaft, deren zweifelhaften Genuß man uns fortwährend vorwirft, mit tausendfachen Zinsen bezahlt haben. Daß das Judentum als ein Ferment der menschlichen Kultur der Welt nicht nur einen Gott und