Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Galizischer Brief. Patrioten aus Interesse. In Galzien ist jetzt eine Erscheinung in Entwicklung begriffen, die das jüdische Leben des Westens seit Jahren vergiftet und die Juden zum Spielball in den Händen gewissenloser Macher erniedrigt hat. Die Polen mosaischer Konfession erobern langsam die Presse des Landes für ihre Zwecke und machen in polnischem Nationalismus. Löwen stein und Konsorten haben zuerst den „Wiek nowy“, dann den „Dziennik polski“ angekauft. Der „Wiek nowy“ ist ein Gegenstück der „Kronenzeitung“ und der „Dziennik polski“ soll niit der Zeit ein sogenanntes „Intelligenzblatt“, gleich der „Neuen Freien Presse“ werden, in Wirklichkeit aber den persönlichen Profitinteressen einer gewissenlosen Freibeuterclique dienen. Er soll bald Leibblatt aller Propinatoien und Kahalspräsidenten. werden,. in schmutzigen Kaffeehäusern Stanislaus und Przemysls den Bürgern alltäglich ihre geistige Nahrung liefern und ihre Ansichten über Politik und Judentum korrumpieren. Das heißt, um genauer zu sein, er könnte das alles werden und wirken, wenn die Juden nicht Erfahrungen mit der „Neuen Freien“ gemacht, wenn sie inzwischen nicht einigermaßen zur Raison gekommen wären. Da sie aber schon gewitzigt sind und die national-jüdische Presse dafür sorgen wird, daß Löwensteins Blätter den Horizont der jüdischen Politik nicht verdecken, wird der „Dziennik“ kein Intelligenzblatt werden und keine „demokratischen Massen“ um sich scharen. Ja, er wird nicht einmal die Fiktion erwecken können, daß er von den „besseren Elementen“ aller Konfessionen gewürdigt und gelesen werde, denn sein erstes Auftreten unter der neuen (Löwensteins’schen) Leitung war nachgerade nicht von dem besten Erfolge begleitet Seit zehn Jahren war der „Dziennik polski“ ein antisemitisches Blatt Unter der neuen Leitung mußte er natürlich seinen Kurs ändern. Diese Aenderung wurde im Programme der ersten Nummer, die unter selbständig genug, als daß Du es wegen Gans nicht wagen dürftest, und was mich betrifft, so brauchst Du Dich meiner gar nicht zu genieren. — —- Ich bin froh, der alte Friedländer und Bendavid sind alt und werden bald sterben, und diese haben wir dann sicher, und man kann unserer Zeit nicht den Vorwurf machen, daß sie keinen einzigen Untadelhaften aufzeigen könne.“ Alexander Weil schreibt in seinen Souvenirs intimes de Henri Heine darüber, wie der Dichter in den letzten Jahren seines Lebens über seine Taufe sprach und welche Gründe er anführte: „Eines Tages, als ich Heine fragte, warum er sich taufen ließ, sagte er mir: „Sie müssen wissen, daß ich nach meiner Rückkehr aus Italien und England, wo ich niemals üble Folgen meiner Religion verspürt habe, eine deutsche Revue herauszugeben versuchte, — deren Herausgeber ich von vornherein in meiner Eigenschaft als Jude nicht sein könnte. Börne ist ebenso zur Taufe gezwungen worden, um die Balance zu veröffentlichen, obwohl er nicht mehr Christ war als der König von Preußen und JÜDISCHE ZEITUNG. der Redaktion der Löwenstein’schen Journalisten erschien, angekündigt. Der „Dziennik“ soll fortan polnisch-demokratisch sein. Er wird für die Versöhnung der Polen und Ruthenen kämpfen und mit Rücksicht auf die jüdiscen Abonnenten, auf die in erster Linie spekuliert wird, wird versprochen, daß man für die volle Gleichberechtigung der Juden in Galizien eintreten werde. Diese Forderungen sind berechtigt. Doch werden sie als Forderungen der Juden, das heißt nach Löwensteinscher Auslegung, als die der Polen mosaischer Konfession aufgestellt. Da haben wir sie wieder, die alte Assimilationslüge! Herr Löwenstein spricht im Namen der jüdischen Polen! Wer sind die jüdischen Polen? Warum täuscht er der polnischen Gesellschaft die Existenz von Zwitterdingen, halb Jude und halb Pole, vor. Geschöpfe, die höchstens in den Köpfen des Herrn Löwenstein und Konsorten existieren? Wer berechtigt den Herrn im Namen des ganzen jüdischen Volkes zu sprechen, dessen Zustimmung er nie eingeholt hat? Wer gab ihm die Berechtigung, sich in den Streit der Polen mit den Ruthenen zu mengen? Warum betrügt der „Dziennik“ die Juden, indem er vorgibt, ein jüdisches Organ zu sein und die Polen, indem er sich als polnisches Organ bezeichnet? Warum erschwert er durch diese künstliche Verwirrung der Begriffe und Verschleierung der Tatsachen, das Zusammenleben des jüdischen Volkes mit den anderen, das Land bewohnenden Nationen? Die Ratschläge und Programmforderungen des „Dziennik“ wurden von den Allpolen, der mächtigsten Partei des Landes, nicht allzu freundlich aufgenommen. Die — übrigens unechte jüdische Note im Programm des Herrn Löwenstein, machte bei ihnen böses Blut und in einem Artikel des allpolnischen „Slowo polskie“ wird über den „Dziennik“ und seine Hintermänner die volle Schale unverfälschten Schlachzizenzornes ausgeschüttet. Das „Slowo“ verwahrt sich vorerst gegen jeden Ratschlag betreffend die Aussöhnung mit den Ruthenen. Dann'analysiert es die seeich. Einen Augenblick hatte ich mit meinem Freunde, dem Dr. Gans, verbunden, um die geistige und gesellschaftliche Lage der Juden zu bessern. Kaum hatte ich das Werk unternommen, da fragte ich mich: Was ist dein Ziel und was deine Absicht? Du willst offenbar, daß alle-Juden so vorgeschritten seien wie du und dein Freund Gans. Worin besteht diese Aufklärung und dieser Fortschritt? In dem Verwerfen der Wunder der Bibel und in der Verachtung aller scholastischen Vorschriften des Talmud und der Rabbinnen. Wenn alles dies geschehen sein wird, wenn alle meine Glaubensgenossen den alten Menschen des Moses und des Rabbi Jehuda Hanasi abgelegt haben werden, was wird ihnen bleiben? Die einen werden Anhänger Hegels werden, die anderen Schellings, die dritten Spinozas, andere nichts. Was werden sie gewonnen haben? Werden sie emanzipiert sein, weil sie zu Hegel schwören werden, anstatt zu Moses? Keineswegs! Sie müßten zu Jesus schwören! Sie werden einen falschen Eid leisten, denn niemals wird eine Jude an die Göttlichkeit eines Juden glauben, nicht einmal Neajider und Stahl, wie sehr sie sich Nr. 2! lische Struktur der mosaischen Polen und entdeckt, daß sie Zwitter, das heißt weder Polen noch Juden sind! „Wenn ihr Polen seid,“ fragt das „Slowo“, woher kommt es, daß ihr euch mit den Juden solidarisch fühlet? Entweder ihr seid Polen, dann darf es für euch keinenjudenpunkt geben oder Juden, dann müßt ihr in polnischen Angelegenheiten das Maul halten.“ Fortfahrend anerkennt das „Slowo“ die Konsequenz der den Polen „feindlichen Zionisten“, die selbstständig naltional fühlen und unumwunden zugeben, daß sie keine polnischen Patrioten sind. Was aber sind die patriotischen Polen mosaischer Konfession? Das „Slowo“ hat für sie eine Etikette gefunden und nennt sie „Patrioten aus Interesse, deren Patriotismus-keinen roten Heller wert sei“ und „die kein Recht haben, in polnischnationalen Angelegenheiten dreinzureden“. Der Artikel des „Slowo“ ist perfid. Das stimmt. Wir können ihn aber mit Genugtuung begrüßen. Denn erstens beweist er, wie berechtigt unsere selbständigen politischen Forderungen sind, wie gesund unser Empfinden ist, das verbietet, uns den Polen mit Haut und Haaren zu verschreiben. Weiters deckt er die ganze Armselig- und Würdelosigkeit der Polen mosaischer Konfessionauf. Unzweideutig beweist er, daß Lakeiensinn und Mauschelarroganz nicht die rechten Mittel sind, um ein Volk zu befreien. Er nennt die Herren, die die zionistischen Bestrebungen verläumden und zu verspotten versuchen, mit dem richtigen Namen „Interesse-Patriot e n“. Patrioten um der Petroleumgruben, Domänen und Staatsforste willen. Patrioten, die, um Geschäfte zu machen, um Orden zu kriegen, bald lügen, bald sich ducken, in Lemberg „polnisch“, in Wien „liberal“, ln Berlin „freisinnig“ tun und denen Ehre, persönliche Anständigkeit und ihr Volk feil sind, um ein paar Prozente. Aus dem jüdischen Leben. Die Emigration wird teurer. Hamburg. Die Hamburg-Amerika-Linie verständigte die1 jüdischen Hilfsorganisationen, daß sie auch dagegen sträuben Nur durch diese Lügen werden sie und ihre Kinder all ihre natürlichen Rechte genießen, die die Christen den Juden vorenthalten? Warum? Ich weiß nichts davon! Vielleicht um sich an ihnen zu rächen, weil sie ihnen das Christentum gegeben haben, die unwahrste, .unvernünftigste Religion, die es gab, eine Religion der Liebe, die nichts als den Haß kennt, eine Religion der Freiheit, die nichts kennt als den Despotismus, eine Religion der Humanität, die stets nur die grausamste Barbarei., ausgeübt hat. Die Christen sind erst menschlich geworden, seitdem sie an ihre Religion nicht mehr glauben, seit der Renaissance und der Reformation. Ein Protestant ist ein Katholik, der den Aberglauben der Dreieinigkeit verläßt, um dem jüdischen Monotheismus entgegen zu gehe n. Der Jude einerseits muß die andere Hälfte des Weges machen. Ich bin in die Festung eingetreten, um sie besser zerstören zu können.' Aber ich zerstöre zur selben Zeit die jüdischen Bollwerke, damit beide sich vereinigen auf dem gemeinsamen Felde der Freiheit.“ \