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Jüdische Zeitung · 1909-01-08 · 2 (8.1.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr 2. im Judenfressen ergrauten Parteiveteranen an Eifer und Geschick übertreffen werden, ist mehr als wahrscheinlich. Dafür bürgen ihre Eigenschaften als Rumänen und politische Abenteurer. Rumänien ist das Land des gefährlichsten und wirksamsten Judenhasses. Er ist dort weit schrecklicher als in Rußland. Er arbeitet weniger eruptiv, aber stetig, überlegend und raffiniert Er überläßt die Arbeit nicht allein den groben Fäusten des Henkers und des trunkenen Pöbels, er bedient sich bei seinem Zerstörungswerke des Richters, Gelehrten und Staatsmannes, in Rumänien erdrosselt das Gesetz den Juden. Die Rumänen brauchen sich nur an die Stammestradition zu halten und sind im Antisemitismus Fachleute ersten Ranges. Die persönlichen Eigenschaften der Neubekehrten sind auch vielversprechend, sie werden sich in das Ensemble der Wiener Streber, Profitmacher und politischen Beutelschneider harmonisch fügen. Von ihrem geistigen Oberhaupte, Herrn Onciul, viel und lang zu reden, ist unnötig. In den Gerichtssälen fast sämtlicher Kronländer wurde über die moralische Qualifikation dieses Mannes eifrig und oft verhandelt, die Skandalchronik des österreichischen Parlaments enthält alles Wissenswerte. Ein -treffliches Exemplar ist auch Seine Erlaucht Graf Be 11 e gar de, ein Beispiel seltener Wandlungsfähigkeit. Er ist in Ischl geboren, also etwas weitab von Rumänien. Seine Familie hat dieses Land nie gesehen. Sein Vater ist von erbgesessenem deutschösterreichischem Adel, hoher Funktionär des kaiserlichen Hofstaates, Oberküchenmeister. Der Sohn wurde auf einen hohen Verwaltungsposten in der Bukowina gestellt Feudale Abneigung gegen jegliche Arbeit und vornehme Langsamkeit jm Denken veranlaßten seine Versetzung in den parlamentarischen Stand. Da es die Gelegenheit erforderte, deklarierte er sich eines schönen Tages als „echter“ Rumäne! Was die übrigen Mitglieder des Rumänenklubs betrifft, so tragen sie ähnliche Marke und fügen sich mit der nämlichen erstaunlichen Fertigkeit in neue Verhältnisse. Solche Männer werden, da es doch ihrem Finger, die die Augen berührt, die das Grab des Königs geschaut Ich habe nie so ergreifende Trauer gesehen. Das war keine Trauer um einen Volkshelden, der seit dreitausend Jahren tot und begraben ist — es war wie Trauer um einen königlichen Vater oder um einen königlichen Sohn, der eben erst gestorben ist. Am Ausgang des Vorsaales sah ich die Frau noch einmal. Beim Uebertreten der Schwelle wandte sie sich nochmals, um hoch einmal die Hände zu erheben und sie an ihre Augen und an ihre Lippen zu führen. Sie hatte keinen Blick für den Weg und die Volksmenge, die zwischen ihr und dem Grabe waren — ebensowenig wie für die Jahrtausende, die sie von dem Gegenstand ihrer Trauer trennten. Ich habe oft an diese Szene denken müssen. Sie erinnert mich an den Zeit und Raum überwindenden Zusammenhang unseres Volkes mit seinen versprengtesten Gliedern, mit seiner fernsten Geschichte. — Und vielleicht ist noch eine andere Erklärung für die Trauer der Frau erlaubt: Sie beweinte nicht den toten König, sondern weinte über sich selbst und ihre Kinder — Wesen entspricht und politisch rentabel ist, bei der Verfolgung der Juden Vollwertiges leisten, denn Gerechtigkeitsgefühl, Menschenliebe und ähnlicher überflüssiger Gefühlsballast hat Freibeuterseelen nie bedrückt. Die große liberale Presse hat diesen gewaltigen Schritt zur Kosolidierung aller reaktionären antisemitischen Elemente in Oesterreich im allerknappsten Telegrammstil notifiziert und — schweigt. Warum? Am Raummangel kann es nicht liegen, denn der Beschreibung eines Wäschekastens, eines Tenors oder des Badezimmers einer Soubrette widmet sie bereitwilligst eine Flucht von Spalten. Um untergeordnete Elemente, deren Treiben der Besprechung in einem „vornehmen“ bürgerlichen Blatte nicht wert ist, handelt' es sich auch nicht. Nicht Kerzlweiber, Vor-, siadtgreisler und Fiakerkutscher, sondern höchste richterliche Funktionäre, Verwaltungsbeamte, Hochadelige und Großgrundbesitzer sind die handelnden Personen. Hätte eine von ihnen nur eine konziliante, liberal zu deutende Phrase zum Besten gegeben, Ströme von Druckerschwärze hätte man darüber vergossen, so aber wird geschwiegen. Das alte, auf Spekulation berechnete verlogene „liberale“ Schweigen 1 Die vielen dummen jüdischen und die vereinzelten arischen Leserschäfchen sollen mit solchem Zeugs nicht belästigt werden. Hiebei wird weniger auf ihre zarten Nerven, vielmehr auf Fernhaltung aller Störungen ihrer Lust am Kaufen- und Bezahlen „liberaler“ Preßprodukte Bedacht genommen. Es ist nicht gut, wenn der süße Lesepöbel erfährt, daß trotz des großen Gehabens und allezeit vollen Ma'u'les seiner freisinnigen Leibpresse die Reaktion in Oesterreich wächst uudwächst, daß die von ihm so teuer bezahlte Kunst liberaler Politker und Leitartikler seinen Beutel wohl um manchen Gulden ärmer, die dezimierten Reihen der freisinnigen Parteien aber nicht um einen Mann reicher macht. Der Glaube an diese Kunst darf nicht erschüttert werden, also wird geschwiegen. Später, wenn etwas Gras in der Erinnerung an den Glanz und die Herrlichkeit, die der Name unseres Königs David erweckt. Heinrich Heine über die Taufe. Unter dem Titel „Heinrich Heines Memoiren“ erscheint ein Werk, das aus Aufzeichnungen, Briefen und Gesprächen Heines von Gustav Karpeles zusammengestellt ist. Mit Bezug auf seine Taufe schreibt der Dichter in einem „Hamburg, 9. Januar 1826“ datierten Briefe an Moses Moser: „Ich lebe ganz isoliert, lese den Livius, revidiere meine alten Ideen, ergrübele einige neue Ideen und schreibe unbedeutendes schlechtes Zeug. Ueber meine äußeren Angelegenheiten kann ich und will ich heute wenig sprechen; soviel kann ich Dir vertrauen: es steht mit mir besser als ich selber weiß. Wer mich am meisten quält, das bin ich immer selbst. Im Grunde bin ich jetzt auch innerlich so bewegt, daß ich an nichts Aeußeres denken kann. — Mein über die Geschichte gewachsen ist, kann man schon einige Bemerkungen darüber riskieren. Das Ereignis; dessen Eintreffen der „Einfluß“ der „Neuen Freien Presse“ und des „Neuen Wiener Tagblattes“ nicht hindern konnte, wird dann als „alte, nebensächliche“ reaktionäre Erinnerung behandelt, die „schwinden wird und muß“, sobald es den Herren Benedikt und Singer nur gefällt. Für uns Juden ist dieser Vorstoß des reaktionären Antisemitismus ein harter Schlag. Er wird das judenfeindliche Renime in Oesterreich nur festigen," d e r neue rumänische Einschlag wird die gegen uns betriebene Hetze nur wilder machen. Die vielbelachten Rumänen empfingen Lueger, seine bespöttelten Reisen nach Bukarest haben Früchte gebracht. Immer mehr und mehr wird die christlichsoziale Partei zur Reichspartei. Bis in die Bukowina, dem vielberühmten Paradiese der Juden, reicht schon die Macht der Geßmann und Schneider. Man mag über die Qualität der neuen Christlichsozialen die geringschätzigste Meinung haben. Als die einzigen und ausschließlichen Vertreter eines ganzen Volksstammes repräsentieren sie eine furchtbare Macht. Den Erfolg unserer Gegner gewaltsam reklamieren zu wollen, ist kindisch und gefährlich. Wir dürfen vor der Erkenntnis nicht zurückschrecken. Die wachsende Gefahr lehrt uns, daß es für die Juden hoch an der Zeit ist, sich zu sammeln, alle falschen Freunde zum Teufel zu jagen, den fremden Dienst zu verlassen und alle Kräfte der eigenen Nation zur Verfügung zu stellen. illpolucier nnd pamauarnler ÄltiSfiltiSMS. Von Dr. K. Während sich in den letzten Monaten die allgemeine Aufmerksamkeit den deutschtschechischen Streitigkeiten der südslawischen Frage, dem Balkanproblem etc. zuwandte, haben die polnische und magyeinziger Umgang ist hier im Hause meiner Schwester, meines Oheims, des Syndikus Sieveking, und des Kandidaten Wohlwill. Mein Oheim zeigt sich mir sehr gnädig, sehr gnädig . . .. welches um so verdienstvoller ist, da letzterer mit lauter Menschen verkehrt, die mir feindselig sind. Ich bin jetzt bei Christ undJude verhaßt. Ich bereue sehr, daß ich mich getauft hab’; ich sehe gar nicht ein, daß es mir seitdem besser gegangen sei; im Gegenteil ich habe seitdem nichts als Unglück. — Ist es nicht närrisch? Kaum bin ich getauft, so werde ich als Jude verschrien. Aber ich sage Dir nichts als Wider- Wertigkeiten seitdem.“ Am 27. November 1823 schreibt er an Moser: „Wie Du denken kannst — kommt hier (im Elternhause) die Taufe zur Sprache. Keiner von meiner Familie ist dagegen, außer ich. Und dieser ist sehr eigensinniger Natur. Aus meiner Denkungsart kannst du mir es wohl abstrahieren, daß mir die Taufe ein gleichgiltiger Akt ist, daß ich ihn auch symbolisch nicht wichtig achte, und daß er in den Verhältnissen und auf die ■B rciiurv». .Luxuuraur: juexairaer ueiieir—' JDruefcereä' ,,1 nünstxre“,c-:Wieu,~IX,

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