Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 1 diseben Bevölkerung Russlands, unter den Lastträgern und anderen eine Agitation für die Auswanderung nach Palästina einzuleiten, um dadurch Elemente zuzuführen, die zufolge ihrer körperlichen Eigenschaften und ihren materiellen Ansprüchen geeignet wären, mit den Araber zu konkurrieren. Es hat sich jedoch niemand gefunden, der die Verantwortung für ein solches Experiment hätte übernehmen wollen. Und in der Tat würde eine solche künstliche Einwanderung der Ansiedlung wahrscheinlich bald grosse Schwierigken bereiten, indem dieses rauhe und mürrische Volk bald Gelegenheit nehmen würde, sich gegen diejenigen aufzulehnen, die es vom Fleischtopfe weggelockt haben. Auch einem Mosche-Rabbenu war eine derartige Mission zu schwer, dagegen wurde in letzter Zeit das Augenmerk mancher Faktoren auf die eingeborenen Juden, auf die Sephardim, Themanim und wie sie alle heissen, gerichtet Dieser Teil unseres Volkes hat vor den Neueingewanderten den Vorzug der bereits vollzogenen Akklimatisation; auch beherrschen sie die Landessprache vollständig. Die Hauptschwierigkeit dieses Element dienstbar zu machen, wird wohl darin liegen, dass es in den jüdischen Kolonien nicht unterzubringen ist Der eingeborene Jude mit seiner gewöhnlich zahlreichen Familie braucht eine grössere Wohnung (die natürlich billig sein muss) und grössere Wohnungen sind eben in den Kolonien vorläufig nicht erhältlich. Es haben sich auch Missstände herausgestellt, die einer gewissen Komik nicht entbehren. Während der eingeborene Jude in der Kolonie arbeitet beschäftigt sich seine Phantasie nach alter Gewohnheit damit, dass sie betteln geht was für die Kolonie natürlich eine Plage bedeutet Freitag legt womöglich auch der Familienvater die Arbeit nieder, um sich dieser ehrenhaften Beschäftigung zuzuwenden, nicht ab ob sie einträglicher wäre, sondern lediglich um Erew-Scbabbeth den Kindern Israels die Möglichkeit zu geben, eine „Mizwah“ zu tun. Im allgemeinen sind jedoch die eingeborenen Juden nicht arbeitsscheu und bei geschickter Organisation wird es wohl unschwer gelingen, sie zu guten Bauern zu erziehen. Wegen ihrer Anspruchlosigkeit in Bezug auf Lohn und Lebenhaltung, lassen sie sich auch in der Konkurrenz mit den Arabern ausspielen. Simon Einhorn, Leipzig. Oeffentliche Sitzung des Wiener Kultusvorstandes vom 27|X!I 1908.. Einen Monat später, als das Statut fordert, fand die Vorstandssitzung zur Festsetzung des Voranschlages für 1909 statt. Diese Statutenwidrigkeit ist hervorzuheben, weil de Herren, wenn es ihnen genehm ist — siehe den letzten Wahlrechtsraub — als famose Paragraphenreiter br 1lierten. Nach Verlesung des Einlaufes, in welchem s ch auch eine Spende des Herrn S. M. Rothschild per 5000 K für den Allgemeinen Israelitischen Bund befand, hielt Herr MaxFrank das Referat über den Voranschlag. Darnach betragen die Einnahmen 2,954.063 K. d e Auslagen 3,035.236 K, demnach das voraussichtliche Defizit 8 1.1 73 K. Bei Vergleich der einzelnen Posten mit jenen des Voranschlages für 1908 ergab sich mehrfach eine Steigerung der Auslagen durch Gehaltserhöhung bezw. Teuerungszulagen und Avancement der Beamten, sowie durch Einverleibung der Gemeinde Floridsdorf. Das Mehrerfordenis.de Versogungsanstalt escheint durch die Zinsen der 600.000 K-Stiftung der Frau Ernestine Thorsch gedeckt. Ihr leuchtendes Beispiel fand leider keine Nachahmung, da der Kultusgemeinde 1908 fast gar keine Stiftungen und Widmungen zufielen, auch der Appell für ein jüdisches Kinderspital ist ungehört verhallt. Der Referent stellt ferner fest, dass die, jüdische Armenpflege durch ihre Zersplitterung sehr im Argen liegt. Erste Pfl cht der Kultusgemeinde ist es, für die verlassenen Kinder zu sorgen, weil sie andernfalls nicht bloss vom Judentum abfallen, sondern ihm auch mangels jüdischer Erz ehung Schande bringen. Im. (Hinblick darauf, dass das im Voranschläge für 190S mit 196./<9 K angenommene Defizit tat- •sächl ch kleiner sein wird, lässt sich das gleiche für 1909 erhoffen. Aber ein Defizit wird bleiben. Es kommen neue Aufgaben, wie Sicherung eines neuen Friedhofes und eines würdigen Amtshauses mit Synagoge. * Diese Aufgaben können, da die neu zuzehenden Gemeindemitglieder eher Hilfe brauchen als Steuern bringen, nur mit Staats hälfe gelöst werden. Die Juden dürfen es nicht länger dulden, dass mit aus ihren Steuergeldern die Kulte aller anderen Konfessionen vom Staate dotiert werfen. Wir wollen Anerkennung unserer durch das Staatsgrundgesetz verbürgten gleichen Rechte nicht durch Worte, sondern durch Taten. (Wie aber will die Clique, die ein Grossteil der eigenen Volksgenossen durch Vorentbaltung des Wahlrechtes vergewaltigt, ihrem Willen nach aussen Nachdruck geben?!) Im Gegensätze zu Herrn Frank, welcher allen akuten, von der Opposition aufgeworfenen Fragen sorgsam auswich, hielt Dr. Markus Spitzer als einziger Redner zur Generaldebatte eine durch ihren Freimut sympathische Anspache. Diese Debatte darf, sagte er, nicht bloss dekorativen Charakter zeigen, sondern bietet vielmehr dem Vorstand Gelegenheit, die Gemeindemitglieder über die Verwertung der Steuergelder zu informieren. Mit der Gemeinde sind ihre Institutionen und deren Bedürfnisse rapid gewachsen. Wenn die Wohltätigkeitspflege in Wien statt nach jüdischem Gesetz 10 Prozent, 50 Prozent der Gesamtauslagen erfordert, so muss man sich damit trösten, dass wir immer mehr zur sozialen Fürsorge gegen den antisemitischen Boykott vorschreiten. Doch um die Bedürfnisse des Kultus und Unterrichtes zu befriedigen müssen wir Juden nicht nur vom Staat, sondern auch von Stadt und Land, d e uns allesamt systematisch ausbeuten, unser Recht fordern. Das Gedränge .in den Tempeln am Chanukafest bewies neuerlich, dass neue Tempel in der inneren und in der Leopoldstadt nöt:g sind, letzterer am besten in der Volkertgegend und nach altem strengen Ritus. So würde auch die peinliche Minjanimfrage beseitigt. Bei der Wahlbewegung zeigte sich erfreulicherweise das allseitige Interesse für den1 Religionsunterricht, der endlich auch in den M.ttelschulen reorganisiert werden muss. Auch die Steuerreform ist unausweichlich. Die Steuerbemessung muss auf G r u n d der Personaleinkommens,teuer erfolgen, was dem Gesetze nicht widerstreite, welches nur einen Zuschlag zur Personaleinkommensteuer verbietet, n.cht aber deren Benützung als Grundlage einer anderweitigen Besteuerung. Durch Herabsetzung der obligatorischen Mindeststeuer von K 20 auf K 10 würden in 3—4 Jahren mindestens 10.000 Steuerträger neugewonnen. Den Bezirkskommissionen muss endlich ein Inhalt gegeben werden. Ihre 'Beschwerden werden heute so b a - gatellisiert, dass sie nicht einmal zur Kenntnis aller Vorstandsmitglieder gelangen, geschweige denn erledigt werden. Das Vertreterkolleg ist laut Statut allmächtig. .-den übrigen Vorstehern bleibt trotz der Arbeitsfülle nichts übrig. Zumindest sollte jeder Sektion sbeschluss, der vom Vertreterkolleg geworlen wurde, noch vom Plenum überprüft werden. Auch das Wahlrecht muss demokratisiert werden, damit der Kampf und Unfrieden in unserer Gemeinde nicht verewigst wird. Auch die Wunsche der radikalen Richtung müssen ernstlich geprüft und sohin die Statuten gründlich geändert w e r d e n. Mit Recht unterstützte d e Gemeinde die auf allen Gebieten erspriesslich wirkenden Vereine, insbesondere die Tempelvereine Der Präsident Dr. S t e r n erklärt de Steuerreform für undurchführbar, da der Kultusvorstand zutolge des Gesetzes n'oht einmal in d e Steuerrollen der Personaleinkommensteuer Einsicht bekomme. Der neue Lehrplan für die Mittelschulen werde dem Vorstand binnen wenigen Wochen vorgelegt werden. .Eine Statuten-Revisionskommiss on mit dem Referenten Dr. Leopold Kohn bestehe bereits lange, ihr Elaborat lag dem verstärkten Vertreterkolleg und bezüglich einzelner Fragen auch chon im Plenum vor. (Warum nur diese ängstliche Geheimhaltung? Gesetz- und Statutenent würfe pflegen sonst der öffentlichen Diskussion bereitgestellt zu wer de n!) Auch die Spezialdebatte wurde ausschliess- 1 cb von Dr. Spitzer bestritten. Er stimmt wohl der Uebung des Kultusvorstandes zu, der Minjanim zu Geschäftszwecken nicht mehr duldet, verlangt aber die Subventionierung der Bethäuser nach e nem bestimmten Schlüssel, um. Konflikten künftig auszuweichen. 'Beim Kapitel „Unterricht“ sprach Dr. Max Steiner sein Bedauern aus, dass der neue Lehrplan für den Religionsunterricht in den Mittelschulen noch immer nicht fertig ist und erneuert sein Verlangen nach guten Schulbüchern, welchen Verlangens wegen er von Bloch, dem „o f f i z i ö s e n Organ des Kultusvorstandes“, schrecklich behandelt und niedergebügelt worden sei. Dr. Stern unterbricht nervös: „Das gehört nicht hierher!“, worauf Dr. Steiner aufs Wort verzichtet und Dr. Spitzer energisch gegen die Einschränkung der Redefreiheit protestiert. Dr. Spitzer verweist auf die Opferwilligkeit der Kultusgemeinde, -welche die Rel'.giönsklassen nicht erst bei 79 Schülern teilt, wie dies die Katholiken und Protestanten nach Landesgesetz vom Jahre 1894 tun, sondern schon bei 30 Schülern. Der Versuch, in der 1. und 2. Klasse von vorläufig 12 Volksschulen eine 2. Religionsstuiide wöchentlich fakultativ einzuführen, scheine zu gelingen. Beim Kapitel „Beerdigungsangelegenheiten“ urgiert Baurat Marmorek die Erwerbung von Terrains für den neuen Friedhof. Dr. Stern erklärt, dass erst Erhebungen gepflogen weden. S a 1 o Cohn hält es fü richtig, noch weiter zuzuwarten. Beim Kapitel „Finanzen“ berichtigt der Referent Frank den Kultuspräsidenten dahin, dass nur ein einziges Mal (1899) beim Finanzminister um Einsicht in die Steuerrolle angesucht wurde und dass die Abweisung nicht aui Grund des Gesetzes, sondern nur der Vollzugsvorschrift erfolgt ist Da überdies seither die Personaleinkommensteuer vom Staate selbst zur Grundlage der Militärtare benützt wurde, müsse der Kultusvorstand neuerlich einschreiten. Schramek hält diese Grundlage grundsätzlich für unbrauchbar, weil daun ein Millionär, der durch momentane Verluste kein Einkommen hat, von der Kultussteuer befreit wäre. (Na, daraufhin könnte man’s riskieren!) Damit fand zur Erleichterung des S a 1 o Cohns, der in seiner souveränen Volksverachtung wiederholt auf Schluss der Debatte gedrängt hatte, die öffentliche Sitzung ihren Abschluss. E. Z. Parteinachrichten. An die zion. akad. Vereinigungen in Oesterreichl Wir haben in Sachen eines während der Osterferien im April 1909 in Krakau zu veranstaltenden Palästinakurses an alle zion. akad- Vereinigungen in Oesterreich ein Rundschreiben ausgesandt. Da uns aber nicht alle Adressen bekannt sind, bitten wir diejenigen Vereine und Verbindungen, welche unser Schreiben nicht erhalten haben, um gef. umgehende Angabe hrer Adressen. I. A.: iur. Samuel Pilzer, lt. Obmann. * * w Kundmachung des Mähr.-schles. Distriktskomitees. Am Sonntag den 17- Jänner 1909, nachmittags halb 4 Uhr, findet in Olmütz der statutenmässlge ordentliche Distriktstag statt. (Das Lokal wird rechtzeitig bekanntgegeben.) Die Tagesordnung ist die folgende: 1. Tätigkeitsbericht a) des engeren Distriktskomitees, b) der Kreisobmänner; 2. Kassabericht; 3. Festsetzung des Budgets; 4- Neuwahlen; 5. Allfälliges. Die Kreisleitungen haben bis zum 6. Jänner dem e. D.-K. die Parteisteuer abzuliefern und die Ergebnisse der Delegiertenwahlen bekanntzugeben; die Vereine werden daher aufgefordert, die Parteisteuer für alle ihre Mitglieder den zuständigen Kreisobmännern rechtzeitig einzusenden, widrigenfalls sie auf dem Distriktstag nicht vertreten sein könnten. Für das Mähr.-schles. Distriktskomitee: Dr. R. Lichtwitz G- Finzi Obmann. Schriftführer. Hochschulkurse für Palästinakunde, veranstaltet vom Verein zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl“ in Wien. ln der Zeit vom 20- bis 24. Februar 1909 finden an der k. k. Exportakademie Hochschulkurse für Palästinakunde statt. Es sind bis heute folgende Vorträge von nachstehenden Herren zugesagt: Dr. Michael Berkowicz (Wien): „Palästina in der Volkskunde“. Dr. C. Chllaiditi-Stavro (Konstantinopel): „Türkisches Recht“. Regierungsrat Dr. Josef Grunzei (Professor an der k. k. Konsularakademie in Wien): „Die wirtschaftlichen Verhältnisse Palästinas“. Ingenieur Josef Lau (Oberkommissär der k. k. Staatsbahnen, Baden): „Die Wasserkräfte Palästinas und ähre Ausnützung“. Dr. Eugen Obertiummer (Prof, an der k. k. Universität Wien): „Geographie Palästinas“. Dr. K. Obermeyer (Prof, an der orientalischen Lehranstalt, Wien): „Die Kulturverhältnisse des Orients“. Dr. Daniel Pasmanik (Genf): „Das zionistische Palästinaprogramm“. V