Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 Stück ist lebenswahr und natürlich , und wurde gut gespielt. Viel besser als Pinskis Einakter „Der ewige Jude“, der viel zu viel szenischen Aufwand und Prachtentfaltung erfordert, um entsprechend zu wirken und über die inneren Mängel hinwegzutäuschen. Alles in allem: wenn die Arrangeure routinierter sein werden, wenn man einen entsprechenden Saal finden und wenn das Publikum dem Komitee in seiner Arbeit mit Rat und Tat an die Hand gehen wird, so könnten die jüdischen Theaterabende zu einer ständigen, nutzbringenden Institution im Wiener jüdischen Leben werden. Der erste Versuch ist trotz mancher szenischer und schauspielerischer Mängel von jedem ehrlich und objektiv Urteilenden als gelungen zu betrachten. Das rührige Komitee, allen voran Herr Egon Brecher, sowie die Schauspieler Sonnenthal, Lunczer und von den Damen besonders Frl. Rossi, Frl. Heller und Gronau verdienen für ihre Mühe und Leistungen aufrichtigen Dank. ' W. Die jüdische Arbeiterschaft in den neuen jüdischen Kolonien Palästinas. Die Frage des jüdischen Arbeiters wird ohne Zweifel in nächster Zukunft zur Kardinalfrage unserer Kolonisation Palästinas. Schon der flüchtige Blick des Touristen erkennt, dass die gegenwärtigen Zustände unhaltbar sind, dass sie mindestens unseren nationalen Bestrebungen nicht entsprechen. Einige krasse Beispiele: Pethach-Tikwah, die grösste und und reichste jüdische Kolonie, beschäftigt in ihren Orangegärten ungefähr 1000 Lohnarbeiter, darunter bloss 120 bis 150 Juden; wenn man in Roscn-Pinah den Berg heraufwandert, kommt man unmittelbar aus der jüdiscnen Kolonie in ein arabisches Dorf, das der Kolonie buchstäblich auf dem Nacken sitzt und ihre Arbeitslöhne fast gänzlich konsumiert; von Sichron-Jakob behaupten böse Zungen, seine jüdische Bevölkerung betrage bereits 43 Prozent — obwohl ich persönlich nicht den Eindruck eines derartigen Ueberwiegens der Araber in dieser schönen Kolonie erhalten habe. Alle jüdischen Kolonien waren arabischen Wächtern ausgeliefert, nur in allerletzter Zeit beginnt sich ein Umschwung in dieser Beziehung bemerkbar zu machen. Weshalb konnte der jüdische Lohnarbeiter in unseren palästinensischen Kolonien keinen festen Fuss fassen? Zunächst einige wenige geschichtliche Reminiszenzen: Abgesehen von ganz wenigen sporadischen Fällen, beginnt der eigentliche Zufluss von jüdischen Arbeiterelementen nach Palästina ungefähr mit dem Jahre 1905. Ich glaube nicht, wie man so oft zu hören bekommt, dass die russische Revolution als solche und ihre Misserfolge dazu beigetragen haben, den jüdischen Arbeiterstrom nach dem Lande der Väter abzuleiten; vielmehr wird der gesteigerte Zufluss von jungen opferwilligen Kräften nach Palästina sich durch die damals deutlicher ins Bewus'- sein getretene Notwendigkeit der «realen Arbeit“ erklären lassen. Doch hat die russische Revolution auf die einwandernden jungen Leute (sie kamen ja damals alle ausschliesslich aus Russland) insofern rückgewirkt, als sie völlig von den Ideen durchsetzt waren, die damals auch die ganze russische Jugend beherrschten. Nach damaliger russischer Mode hielten sie es für angebracht, auch in Palästina den Mund möglichst weit aufzutun und sprachen von Enteignung des Bodens, von Revolution und Blut, das in den Gassen strömen muss. Die jüdischen Kolonisten aus der guten alten Zeit erschracken förmlich vor diesem an die Wand gemalten Teufel und begegneten dem jüdischen Arbeiter mit leicht erklärlichem Misstrauen und Unbehagen. Anderseits führte speziell in Pethach- Tikwah der religiöse Freisinn der neu einwandernden Jugend zu Reibereien mit den strenggläubigen älteren Kolonisten, dass eine tiefgehende beiderseitige Erbitterung noch lange nicht geschwunden ist. Im allgemeinen haben sich jedoch diese Zustände jetzt wesentlich gebessert: die Kolonisten haben allmählich eingesehen, dass sich hinter dem blutrünstigen revolutionären Wortschwall ein opferfreudiger und im Grunde genommen recht zahmer jüdischer Jüngling verbirgt, der eigentlich gekommen ist, um jüdische Arbeit auf jüdischem Boden zu leisten — und was die Glaubenssachen anbetrifft, so haben sich, wie es scheint, beide Parteien gegenseitig ein bisschen Toleranz beigebracht — so dass heute kaum noch jemand die Behauptung wagen dürfte, der jüdische Arbeiter fände aus erwähnten Gründen in Palästina keine Arbeit. Um so gewichtigere Momente stellten sich von anderer Seite her dem jüdischen Arbeiter störend in den Weg. Zunächst seine körperlichen Eigenschaften. Es muss heute ruhig zugegeben werden, dass diejenigen Kolonisationselemente, die sich bis jetzt der einfachen schweren Arbeit widmen wollten, sich zum allergrösstenTeil als fast unbrauchbar erwiesen haben. In der Tat: die neugebackenen jüdischen Arbeiter hatten noch gestern oder vorgestern in Russland einen intelligenten oder einen sogenannten halbintelligenten Beruf, waren Lehrer, Photographen, Buchhalter, Apothekerlehrlinge, zum Teil Studenten oder Mittelschüler — wo hatten sie Gelegenheit, ihren Körper für eine erschöpfende Agrararbeit zu stählen? Und in der Tat sehen wir, dass sie sich einerseits im Vergleich zu den Eingeborenen als weniger leistungsfähig erweisen, anderseits aber wegen der ungewohnten Lebensverhältnisse und der anstrengenden Arbeit den lokalen Erkrankungen bald zum Opfer fallen. Ich will übrigens ganz ausdrücklich bemerken, dass das Gesagte bloss für die überwiegende Majorität gilt; Einzelne habe ich gesehen, die kraft ihrer besonderen körperlichen Verhältnisse oder vielleicht auch kraft ihrer Willensstärke es so soweit gebracht haben, dass sie sich vollständig akklimatisiert haben und echte, tüchtige Landarbeiter geworden sind. Im allgemeinen aber, wenn man eipem Juden vorhält, weshalb er keinen jüdischen Arbeiter beschäftigt, erhält man die berechtigte Antwort: «Gebet mir einen jüdischen Arbeiter; ich habe keinen tüchtigen gefunden.“ Und in der Tat scheint es, als ob die Kolonisten in ihren Wirtschaften jetzt sehr gern Juden beschäftigen möchten, denn sie haben allmählich die Eigenschaften des jüdischen Arbeiters zu schätzen gelernt — das sind Ehrlichkeit,Treueundlntelligenz. Während man auf den Dorfaraber fortwährend aufpassen muss, dass er erstens nicht faulenze (gezahlt wird in Palästina fast durchwegs pro Tag, nicht nach geleisteter Arbeit) und zweitens nicht stehle — kann sich der Arbeitgeber bei einem jüdischen Angestellten ruhig verlassen, dass alles, was in dessen Kräften steht, gemacht und dass auch nicht ein Faden wsgkommen wird. Dass der jüdische Arbeiter mit der geschilderten Vergangenheit den rückständigen Dorfaraber an Intelligenz weit überragt, versteht sich fast von selbst, obwohl die Araber an sich ein sehr gescheiter Stamm sind. Die genannten Eigenschaften machen es dem Arbeitgeber möglich, den Juden einem Araber vorzuziehen und ihm sogar einen höheren Lohn zu zahlen, wenn es sich weniger um die intensive Arbeit, als um einen Vertrauensposten handelt, der noch dazu einen gewissen Grad von Intelligenz voraussetzt. So werden Juden gern als Bojardschis (Wächter, sogar zum Teil Verwalter in den Orangegärten), als Motorführer, in letzterer Zeit auch als Koloniewächter angestellt. Auch auf anderen Gebieten könnten Juden in den jüdischen Kolonien die Araber verdrängen, zum Beispiel könnten viele Juden als Kutscher Anstellung Anden, wenn sie mit Pferden umzugehen verstehen. Der wichtigste Grund, der die Existenz des jüdischen Arbeiters in Palästina untergräbt, ist jedoch der unerhört geringe Lohn, durch den der Araber jede Konkurrenz von vornhinein ausschliesst. Der höchste Lohn, den ein jüdischer Arbeiter bezieht, wird in Pethach-Thikwah gezahlt und beträgt 12 Piaster (— zirka 2 Frcz.) pro Tag, in anderen Kolonien wird noch weniger gezahlt, da herrschen Lohnsätze von 8—10 Piaster. Der Araber bekommt noch weniger und doch hat er bei seinen einfachen Lebensverhältnissen sein gutes Auskommen. Bei einem jüdischen Arbeiter ist es ganz undenkbar : er muss besser essen als der Araber, er sucht eine anständige Wohnung, er gehört irgend einer Partei an, muss also Parteibeiträge zahlen, er schafft sich auch ein Buch an, abonniert auch eine Zeitung. Das sind alles Bedürfnisse, gegen die niemand was einwenden kann. Nun fragt es sich, wie soll ein jüdischer Arbeiter bei den oben genannten Löhnen auskommen, wenn die Hälfte der Tage im Jahr wegen der Feiertage oder zufolge der Krankheiten (dass die nicht akklimatisierten neu Eingewanderten besonders viel unter den örtlichen Krankheiten zu leiden haben, versteht sich von selbst) überhaupt keine Arbeitstage sind und wenn der kümmerlichste Lebenshalt in Pethach-Thikwa, wie wir dort die Arbeiter angaben, sich mindestens auf zirka 90 Centimes beläuft? Und das, was der Araber für diesen Lohn leistet, steht in gar keinem Verhältnis zu dem, was der Jude leisten könnte. In folgenden Wochen, erzählte mir ein Katraer jüdischer Kolonist von seinem arabischen Arbeiter, dem er fünf Piaster pro Tag bezahlt: „Wenn ich ihn für drei Uhr nachts bestelle, kommt er um drei Uhr nachts. An den Tagen, wo es keine Arbeit im Felde gibt, reinigt er mir den Stall oder fährt mich nach Jaffa und bekommt dafür gai keinen Lohn.“ Welcher jüdischer Arbeiter würde sich so etwas bieten lassen? Gegen diese Verhältnisse, die dem jüdischen Arbeiter von vornherein sein Fortbestehen in Palästina unmöglich machen und unseren jungen Kolonisten einen zahlreichen und wertvollen Bestandteil entziehen, wurde jetzt der Kampf auf der ganzen Linie eröffnet, und erfreulicherweise beteiligen sich daran nicht nur die Arbeiter allein, sondern alle Schichten der Bevölkerung unserer Ansiedlung. Die rührige Arbeiterorganisation „Hapo el-Haz air“ hat eine energische Agitation für den jüdischen Arbeiter eingeleitet, welche, wie ich mich überzeugen konnte, bereits ihre Früchte getragen hat: eine jüdische Kolonie nach der andern eriiess, einen Ruf nach jüdischen Arbeitskräften, so dass die bereits im Lande wohnenden jüdischen Arbeiter kaum mehr über Arbeitsmangel zu klagen haben. Um die wirtschaftliche Lage der Arbeiter zu festigen, wurden alle Pläne von Arbeiterheimen und Konsumvereinen wieder in Angriff genommen. Diese Ideen wurden in Palästina zuerst von der Arbeiterschaft selbst propagiert, ihre Ausführung wurde jedoch aus Mangel an Geldmitteln entweder unterlassen, oder sie misslang; jetzt sollen sich plötzlich ausgiebigere Quellen gefunden haben. Doch der bedeutendste und weitangelegteste Versuch die palästinensische Arbeiterfrage zu lösen, ist sicher die von den Chowewe-Zion gegründete Arbeiteransiedlung En - Gannim bei Pethach-Thikwah. Die Einwohner von En- Gannim sind hauptsächlich als Arbeiter in der nahen jüdischen Kolonie gedacht; sie erhalten in ihrer Ansiedlung ein Haus und ungefähr ein Hektar Boden, wo sie sich einen Gemüsegarten anlegen können, den ihre Familienangehörige oder sie selbst an arbeitsfreien Tagen bearbeiten und der ihnen somit eine Stütze im Haushalte gewährt. Sollte dieser Versuch einen neuen Typus des Halbarbeiters und Halbeigentümers herausbilden, so kann er für unsere Kolonisation eine grössere Bedeutung erlangen. Es wurde auch der Gedanke aufgeworfen, in den tiefsten Schichten der jü-