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Jüdische Zeitung · 1909-01-01 · 1 (1.1.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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T Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 1 leiteten verschiedenen Hilfsaktionen wie bisher mit Geldmitteln zu unterstützen. Zum Schlüsse wurde über die Tätigkeit des Hiifsvereius auf dem Gebiete des Auswanderuiigswesens berichtet, und es wurden die Modalitäten festgesetzt, nach denen die Arbeit für die jüdische Auswanderung fortzusetzen ist. * . * * Männerkauf. Astrachan. Bekannt ist die von den Moskauer jüdischen Studentinnen, welche kein Wohnrecht in Moskau besassen, geübte Praxis, sich in die Prostituiertenliste eintragen und sich eine sogenannte „gelbe Karte“ ausfoigen zu lassen, die ihnen den Aufenthalt in Moskau ermöglichte! Die Astrachaner jüdischen Mädchen sind nun aui einen sonderbaren Einfall gekommen: sie kaufen sich Männer, welche das Wohnrecht besitzen. Ein junges Mädchen wollte sich den Totengräber, einen siebzigjährigen, halbblinden Greis, zum Manne kaufen. Doch scheiterte vorläufig das Geschäft an deii exorbitanten Forderungen des „Bräutigams“. Er verlangte 200 Rubel, das Mädchen will aber nur 100 Rubel zahlen. — Diese kleine Tragikomödie ist für die Lage der russischen Juden kennzeichnender als ellenlange Berichte. Wie sinnlos, barnarisch und empörend sind die russischen Ausnahmsgesetze, wenn Menschen auf solche Schleichwege und listige Praktiken verfallen müssen, um nicht wie ein Wild gehetzt zu werden! * * * ’ Die jüdischen Deputierten im türkischen Parlamente. Konstantinopel. Wir werden also doch vier Vertreter im türkischen Reichstag haben. Zu den Abgeordneten von Konstantinopel, von Saloniki und von Smyrna kommt nun noch der von Bagdad. Die dortige Wahl ist für uns ein besonderes Ehrenzeichen. Schon im alten, dem ersten, dem eingeschlafenen ottomanischen Parlament für das, wie die Thronrede mitterlt, das Volk dazumal nicht Teil war, war ein Jude Vertreter dieser Stadt. Und mehr: es war der Vater des jetzigen Deputierten Sassoon. Der Alte, der noch am Lehen ist kann mit besonderer Genugtuung die Fortsetzung der Arbeit für das Volk, die ihm einst anvertraut worden, nun in die Hände eines Sohnes gelegt sehen, der für seine Fähigkeiten, seine Bildung und seinen freien Geist heute ausserordentlichen Ruf geuiesst. Mit Ausnahme des Bagdader Deputierten sind d:e jüdischen Vertreter bereits in der Stadt Ueberall kommt ihnen der Jubel und das Vertrauen der Bevölkerung entgegen. Im Saale des „Hospital national Or Hachajim“ in Balat wird sie demnächst ein Bankett gebührend feiern. Von einem Zusammenschluss der jüdischen Abgeordneten zu einem Klub, wie etwa der Jüdische Klub im österreichischen Reichsrat ist vorläufig nicht die Rede. Zweifellos jedoch werden sie in enge Verbindung zueinander und dem Grossrabbinat treten, um in jüdischen Dingen eine einheitliche Meinung zu repräsentieren. Welche diese Meinung sein wird, ruht noch einstweilen im Dunkel der Zeiten- Noch immer ist kein jüdisches Programm, nicht einmal ein jüdisches Schlagwort ans Licht getreten. („Welt“.) * - * Die Emigration nach den Vereinigten Staaten. New York. Der Handelsminister der Vereinigten Staaten. Oskar St rauss, beschäftigt sich intensiv mit der Immigrationsfrage. Er ist für das Prinzip der „offenen Tür“. Er hat daher die Einwandenmgsvorschriiten gemildert So darf jetzt kein Emigrant abgewiesen werden, der schon einmal in Amerika gewohnt hat. Oskar Strauss seht jedoch in der Konzentration der Einwanderer in einzelnen Städten, wie in New York, eine grosse Gefahr für das Land, eine moralisctie Schädigung der Einwanderer und Gressstädte und eine Verringerung der Fähigkeit Arbeitskräfte aufzunehmen. Er plädiert in einer in den letzten Tagen veröffentlichten Broschüre für die Verteilung der Emigranten und fordert für die „Removal-Organisationen“ staatliche Unterstützung. Die Ausführungen des jüdischen Ministers beziehen sich zumeist auf die Juden, denn nur diese bekunden einen ausgesprochenen Konzentrationstrieb, der nichts anderes als ein Ausdruck starken nationalen Empfindens ist- Budapester Brief. Von unserem Korrespondenten. . Am 20. d. M. fand in Budapest die Einweihung des von weil. Ritter v. Wechselmann gegründeten Blindeninstitutes statt. Zahlreiches Publikum fand sich ein, natürlich fast ausschliesslich jüdisches, trotz der Bestimmung des Gründers, dass die Zöglinge nur zur Hälfte der israelitischen Konfession angehören dürfen. Besonders fiel jedoch auf, dass wohl die Hauptstadt durch den Oberbürgermeister vertreten war, die Regierung aber, die liberale und für den konfessionellen Frieden schwärmende Regierung es nicht der Mühe wert fand, die Einweihungsfeier zu beschicken. Und dies tat eine Regierung, welche sich bei jeder im winzigsten Dorfe veranstalteten patriotischen Fahnenweihe beteiligt. Wieder könnten die Kahalsgrössen der Pester israelitischen Kultusgemeinde etwas lernen, sie scheinen jedoch ihre Wiener Kollegen zu Lehrmeistern gewählt zu haben und sind durch die vielen erhaltenen derben Faustschlägen unempfindlich geworden. „Und all diese Schande*, so jammert ein Assimilantenblatt, obwohl das Institutsgebäude in ungarischem Stile ausgeführt ist und die armen Blinden sich an Aranys und Petö fi s Gedichten begeistern werden. Die armen Assimi- Ianten sind eigentlich zu bedauern. So viel Mühe und Hingebung ... und alles vergebens. Sie prostituieren sich und die ihnen an vertrauten Unglücklichen, jedochdie Anerkennung seitens der grossen, nationalen, vielgeliebten Regierung bleibt aus! * * * Vorige Woche wurde in der ungarischen Hauptstadt Stefan Verböczys Denkmal, ein Werk des jüdischen Bildhauers Julius Donath, enthüllt. Verböczy, der im XVI. Jahrhundert lebte, war einer der bedeutendsten ungarischen Rechtsgeiehrten und Kodifikator des Corpus Juris, zugleich aber ein wütender Judenfresser, der am famosen Landtage 'zu Szekesfejervär;den - Antrag stellte, dass alle Juden aus Ungarn vertrieben werden sollen. Armer Verböczy, wie hart wird er nun bestraft! Durch die Kunst und Arbeit eines Juden, vielleicht des Urenkels eines jener Juden, die er verjagen wollte, wird er nun geehrt und gefeiert. Die Ironie des Schicksals! •J* jj» Der Pester israelitische Frauenverein — wie es einem jüdischen Vereine ziemt — veranstaltet am christlichen Neujahrstage einen Teeabend zu wohltätigem Zwecke. Dass das Neujahr diesmal auf Freitag fällt und somit am Sabbattage, von dem im Zeichen der Religion stehenden Vereine Gelder einkassiert werden, alteriert weiter nicht. Wie verlautet, sollen beim genannten Frauenvereine zwei hiesige zionistische Vereine, die „Makkabäa* und die „Judäa“ Protest erhoben und die Verschiebung des Teeabends verlangt haben. Es vviid sich nun zeigen, ob sich die „israelitischen* Frauen, ihrer Pflicht eingedenk, dem Wunsche der Zionisten nachgeben werden. Die Veranstaltung von Weihnachts-, Silvester- und Neujahrsfeste scheint überhaupt das Hauptvergnügen der Budapester jüdischen Schönen zu sein. Vor einigen Jahren bildete sich der „Budapester Mädchenveiein*, der sich getrost jüdisch nennen könnte, da es ihm trotz der aufgebotenen Mühe nicht gelungen ist, sei es auch nur einer „Paradegojte“ habhaft zu werden. Der einzige Zweck des Vereines bestehtin Linderung der herrschenden Not durch Veranstaltung eines jährlichen Weihnachtsbazars. Zuerst hatihn die israelitische Gemeinde in ihren Sälen beherbergt und nur als ihr die Geschichte zu bunt geworden, hat sie den im Zeichen des Christkindls wirkenden jungen Israelitinnen die Tür gewiesen. Seitdem logieren die Damen anderswo, die Reklame wird von Jahr zu Jahr grösser, nur sind es immer dieselben Jüdinnen, die anlässlich des „Festes der Liebe* für die Armen sammeln. Unlängst erlaubten sich zwei junge Zionisten den Spass, in diesem Weihnachtsbazar Chanukahkerzchen zu verlangen. Die rührigen Mädchen durchstöberten den ganzen Weihnachtsmarkt, doch, vergebens... Solch ein Zeug war nirgens zu finden. Wie konnte es auch nur den jungen Leuten einfallen, von den Töchtern der Kahalsgrössen Chanukahkerzen zu verlangen? Unsinn! „Fröhliche Weihnachten“ hätten sie ihnen wünschen müssen.... B. . Ein jüdischer Theaterabend. Im Saale des Hotel Continental fand Sonntag den 27. v. M. der. erste jüdische Theaterabend statt. Es sollte ein Versuch sein, ob in Wien die Veranstaltung jüdischer Theaterabende Anklang finden und das jüdische Publikum heranlocken werde. Dieser Versuch ist als gelungen zu bezeichnen, wenn auch der erste Theaterabend manches zu wünschen übrig liess. Zur Aufführung gelangten drei Einakter: „R o t e r Schnee“ von A. C o r a t n i k, „D i e Schwestern“ von L. P e r e z und „D e r ewige Jude“ von D. P i n s k i. „Roter Sehne e“ soll den Kampf, des jungen russischen Judentums gegen die jüdische Ghettovergangenheit und gegen die traurige russische Wirklichkeit darstellen. Der Träger dieses Kampfes ist Leo, der auf der Flucht aus Sibirien, wo er zwanzig Jahre in einer Schneehütte an der Lena verbannt lebte und in der traurigen Einsamkeit den Glauben an sein Ideal — das leider nicht näher bestimmt ist — verlor, in sein Vaterhaus einkehrt und dort einen verspiesserteu Alltagsmenschen, der sein Bruder ist, eine verzückte, s:ch krankhaft nach dem Ideal (auch unbestimmt) sehnende Schwester rindet. Auch ein Grossvater ist da, der während der zwanzigjährigen Abwesenheit seines Enkels eingesehen hat, dass das Leben nichts wert ist und leider zu ernst genommen wird. Den ersten Abend im Vaterhause verwendet er zu tiefsinnigen Betrachtungen über Ideale und Kampf und predigt einen Weg ins Freie, den er in der Auflösung sieht. Seine tiefsinnigen Philosophien werden-allgemein missverstanden und zurückgewiesen. Nur die Schwester, die sie auch nicht versteht, lauscht entzückt und gerührt. Man erkennt: sie wird die Erbin des „Kampfes für das unbestimmte Ideal“ sein, wenn der Bruder gestorben ist. Leo wird in derselben Nacht, in der er beimkehrt, von den Schergen der russischen Gewalthaber ergriffen und erschiesst sich. Sein Blut färbt den Schnee rot. — Der Einakter hat schöne und tiefe Gedanken, stellenweise ist der Dialog ergreifend, aber es fehlt dem Ganzen — Handlung. Und Handlung ist im Schauspiel ebenso notwendig wie Geld im Kriege. „Die Schwester n“ von Perez führen in ein arme Leute-Milieu. Drei arme Schwestern, die älteste, Mirl, eine arme Schächterswitwe, deren einzige Freude ein begabtes, Thora lernendes Kind ist, die zweite, Lea, eine arme verführte Magd, deren Herz sich nach Liebe sehnt, die jüngste, Nechome, ein lustiges, immer freudiges, leichtsinniges Mädchen, treffen sich am Abend im Scheine einer Strassenlateme auf einer Holzbank. Es ist der Vortag der „Jahrzeit“ nach ihrem Vater. Die Witwe, von ihrem Knaben auf den leichtsinnigen Lebenswandel ihrer Schwester aufmerksam gemacht, ergeht sich in Vorwürfen über Lea und verbietet ihr, das Grab des Vaters zu besuchen. Lea nimmt sich d:ese Vorwürfe zu Herzen und da sie aus dem Munde ihres Verehrers vernimmt, dass er sie nicht heiraten werde, „weil zwei Tote nicht tanzen können“, beschliesst sie wahrscheinlich zu sterben. Mittlerweile redet sie ihrer jüngeren leichtsinnigen Schwester ins Gewissen, Ohne Erfolg. Sie appelliert ah den Verehrer Nechomes, namens Sorach- Dieser, ein lockerer Zeisig, macht sich über die Zukunft keine Gedanken, hingegen seiner Schwägerin Liebesanträge. Lea fleht, von ihrer Schwester zu lassen und bietet sich in einem heldenmütigen Entschluss ihrem Schwager an. um ihre Schwester rein zu bewahren. — „Die Schwestern“ fanden eine günstige Aufnahme. Der einfache Ton; das Menschliche. Allzufnenschllche im Schicksale der Schwestern rührte tief. Das I

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