Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 der als zionistischer Parteigänger bekannt ist, sprach kürzlich bei diesem Amte vor. Ein russischjüdisches krankes Ehepaar, flüchtende Auswanderer, ist auf der Durchreise in Wien hilflos liegen geblieben, weil seine Mittel zu Ende waren. Der Herr erbat die Hilfe der Gemeinde für diese Armen, er wurde abgewiesen. Ob die kurze Abweisung berechtigt war oder nicht, sei hier weiter nicht erörtert. Aber die Motivierung des ablehnenden Bescheides ist der Pubtizierung auf alle Fälle wert. Der Beamte sagte dem Bittsteller ungefähr: Die russischen Juden mögen dcch schön bei den Zionisten bleiben und sich von diesen verköstigen und aushalten lassen und man möge die Kultusgemeinde nicht mit solchen Anliegen belästigen- Natürlich verbat sich der Herr ganz energisch einen derartigen Ton und ein solch absolut ungehöriges Betragen, was ihm aber nur eine Zurechtweisung seitens des selbstherrlchen Referenten eintrug. — Wir haben schon einige Male darauf hingewiesen, dass sich unter den Beamten der Kultusgemeinde einige befinden, deren Betragen viel zu wünschen übrig lässt., Von offizieller Seite wurde aber die Beschwerden dadurch erledigt, dass in irgend einer Form der Beamtenschaft ein Pauschallob erteilt wurde. Die Beamtenschaft selbst erging sich aber in Verwünschungen der „beamtenfeindHchen“ Zionisten. Wir benützen den vorliegenden Fall, um seitens des Kultuspräsidiums Untersuchung und Aufklärung des geschilderten Vorganges zu verlangen. Die steuerzahlende zionistische Bevölkerung braucht es sich nicht gefallen zu lassen, dass in ihren Aemtern Taktlosigkeiten begangen und politische Hetzereien betrieben werden. Was die Beamtenschaft selbst betrifft, sei nur daran erinnert, dass die Zionisten es sind, welche, bisher leider erfolglos, für die Beamten eine bessere und geregeltere Bezahlung und Unabhängigkeit durch Schaffung einer Dienstpragmatik fordern. Wenn über das ungehörige und parteiische Vorgehen einiger Beamten, wie insbesondere bei' den letzten Wahlen, von unserer Seite geklagt wird, so tun die Beamten sehr unklug daran, sich blindlings mit den Gerügten zu identifizieren und über die „Beanrtenfeindiichket“ der Zionisten zu klagen. Die wahren Freunde der Beamtenschaft werden wohl eher bei der demokratischen zionistischen Oeffentlichkeit als bei der verstockten und protzigen KultuscMque zu finden seün. Wenn wir strengste Unparteilichkeit in der Amtsgebarung verlangen, so handeln wir nicht nur im Interesse der Bevölkerung, sondern auch im Interesse der Beamtenschaft. Aus dem jüdischen Leben. Wie ein Jude adelig wird! Brünn. Ueber eine interessante Begebenheit berichtet der „V o 1 k s i r e u n d“, Organ der sozialdemokratischen Partei Mährens, in der Nr. 10 vom 15. Dezember: Der Tuchfabrikant Dr. Richard v. Kürschner hat dem Reichsratsabgeordneten Baron Praca-k -10.000 K versprochen, falls ihm dieser das Adelsdiplom verschaffen würde. Es wurden nun alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Ziel zu erreichen. Die mährische Statthalterei w-ar darüber entsetzt und legte Protest ein, der Statthalter selbst fuhr m der Angelegenheit nach Wien. Aber der Wechsel im Ministerium trat ein und Pracak, der sich in nationalen Fragen der neuen Regierung gefällig erwiesen hatte, wusste sehen Plan trotz des Widerstandes des Statthalters durchzusetzen. Und so wurde Kürschner, vordem ein stramm deutscher Assimilationsjude, als „tschechischer" Industrieller geadelt. Die noble Judenfamilie, welche sich b sher auf dem Gebiete der Wohltätigkeit sehr, sehr spärlich betätigt hatte, musste auf Betreiben Pracaks 200000 Kronen „für das K i n d“ spenden. Als waschechter Assimiiant spendete der nun geadelte Jude Kürschner auch dem „K a - tho Fisch-klerikalen St. Josef-Frauenverein“ 200 K! — Der „Volksfreund“ wirft unter anderem die Frage auf: „Wenn der Jude Kürschner schon jetzt klerikale Vereine unterstützt, wie lange wird, er noch zögern, in den Schoss der alleinseligmachenden Kirche zu flüchten? — Wir haben diesen Ausführungen nichts hlnzuzuiügen. Solche „ausgezeichnete" Judenexempire laufen ja heute schon zu Dutzenden herum. Ben Juda. * * * Wieder ein Raub im Namen Gottes. Slotwina. Ein gewisser Josef Gabrilowlcz aus Wietrzychowiec hat vor sechs Jahren seine Frau verloren. Da er nicht gesetzlich getraut war, übertrug ihm das Gericht die Vormundschaft über die hinterlassenen Kinder. Eines von ihnen erkrankte und der Vater brachte es in einem Krakauer Spital unter, wo an dem Kinde eine Operation vorgenommen wurde. Das Kind blieb bis zur vollständigen Genesung im Spital und der Vater reiste nach Hause. Im August wurde er verständigt, dass sein Kind für die Ferien nach Hause kommen werde. Am 17- August kam die Nachricht, dass das Kind nach Hause gereist sei. Einige Tage vergingen und das Kind kam nicht. Der geängstigte Vater begab sich nach Krakau, fand jedoch' das Kind1 weder im Spitale noch in allen Klöstern, in denen er, von bösen Ahnungen getrieben, Nachforschungen anstellte. Unverrichteter Dinge kehrte er heim. Am 20. September erhielt der Tarnower Rabbiner die Nachricht, dass sich in Nowosiö'.ka ein jüdisches Mädchen namens Adela Gabrilowicz aufhalte. Josef Gabrilowicz erhielt davon Kenntnis und nun begann ein Kampf um das Kind, wie er nur in Galizien möglich ist. Scherereäen beim Richter und Bezirkshauptmann, Vertröstungen, Wanderungen von Pontius zu Pilatus, Intervention von Advokaten. Eingaben und Rekurse und das Kind ist noch immer in den Klauen eines glaubenseifrigen Schlachzizen in Nowosiolka. Das Ende des Dramas liegt in weiter Ferne, denn wenn in Oesterreich die Macht des Staates vor der Klosterpforte aufhört, findet in Galizien die Gerechtigkeit bereits vor der Bezirkshauptmannschaft und der Kreisgerichte ihr Ende. Der gebrochene Vater harrt Indes auf die Rückkehr seines Kindes und hat sich in einem verzwenlungsvot’.en Schreiben an den Reichsratsabgeordneten Dr. Gabel um H:lfe gewendet. * * * Die städtischen Vclksparteiler und die Juden. Lemberg. Eine Gruppe städtischer Volksparteiler, unter denen sich auch die Juden Dr. Aschkenase, Dr. Schleicher und Ing. Schleyen befinden. s:nd mit der Politik ihres Führers Stapinski unzufrieden und gehen daran, eine neue Partei ins Leben zu rufen- In dem Aufrufe an ihre Parteigenossen heisst es bezüglich der Juden: „Wir unterscheiden unter den Juden einen Bruchteil, der sich mit der polnischen Nation solidarisch fühlt und sich von ilir nur durch das Bekenntrrs unterscheidet. Diesem Bruchteile gehören Personen verschiedener Ueberzeugung. man nig fache n moralischen Wertes an, aber in jedem Falle erstreckt sich die Judenfrage nicht auf sie. Diese umschliesst den Stamm, der gewöhnlich der deutschen Kultur zuneigt (!). sich der polnischen Gemeinschaft fremd erachtet und den wir auch als fremd ansehen. Wir wünschen im allgemeinen den Zionisten, dass sich der Hauptpunkt ihres Programmes, die Emigration nach Palästina, bald verwirkliche.“ Die Frivolität der in bezug auf die Juden Galiziens geäusserten Pläne sreht unerreicht da! Dass die Mitglieder des Bruchteiles, der sich mit der polnischen Nation solidarsch fühlt, in den meisten Fällen mannigfachen (will heissen in keinem Falle! Anm. d. Red.) moralischen Wert hesitzt, geben wir. in Anbetracht der gemachten Erfahrungen, zu. Ebenso ist es wahr, dass die Mehrzahl der galizischen Juden selbstständig national fühlt. Dies ist kein Verbrechen, sondern das Kennzeichen eigener Würda. Könnten die Polen soviel Objektivität aufbringen, um auch die Berechtigung anderer als politisch-chauvinistischer Interessen einzusehen, so müssten sic froh sein, dass durch den Zionismus der moralische Wert der galizischen Juden gehoben wurde! Sie nehmen sich aber keine Mühe, das Juüenproblem zu untersuchen. Die besten demokratischen Elemente unter ihnen tun die Juctenfrage mit einem Witz ab. Düs darf nicht wundernehmen. Demi auch die polnischen Sozialdemokraten, die Generalpächter des galiz'schen Freisinns, sind nicht besser, dafür aber — roher. Judenverfolgungen in Finnland. Heisingforsi. Zahlreiche Juden sind mit siebentägiger Frist aus Finnland ansgewiesen worden. D:e Notlage mitten im Winter ist eine ausserordentliche. Von dem wachsenden Antisemitismus des finnischen Senats zeugt auch die Tatsache, dass der Senat ein allgemeines Schächtverbot zu erlassen im Begriffe ist. Es verdient hervorgehobeu zu werden, dass Finnland gegen die russische Unterdrückung die Sympathien der zivilisierten Weit immer erneut angeruien hat und dass nunmehr die finnische Regierung genau nach russischem Vorbild in rücksichtslosester Weise zur Austreibung der wenigen Juden, die es in Finnland gibt, sei:reitet. Es gehört zu den Unbegreiflichkeiten. dass die Finnländer, die um ihre Freiheit zu kämpien haben, sich die Sympathien der human denkenden Weit durch solche Massregeln verscherzen. — Die „Nat.-Ztg." aus Helsingiors schreibt dazu: W:e ein Vermächtnis aus trübstem Mittelalter lastet bis auf den heutigen Tag ein grenzenloses strenges Ausnahnierecht über der Judenheit Finnlands. Vor kurzem hat Georg Brandes einige Proben dieses Elends zur Kenntnis der europäischen Oeffentlichkeit gebracht; aber in den letzten Tagen sind diese Mitteilungen duren weit schlimmere Vorgänge überboten worden. Augenblicklich werden 30 arme jüdische Familien mitten im Winter aus dem Lande ausgewiesen, und das gleiche Schicksal kann hier alle Juden treffen. Darf doch bis jetzt ein Jude nur in den drei Städten Helsingiors, Abo und Wiborg wohnen, und auch dieses Wohnrecht ist mit unglaublich entwürdigenden Bestimmungen verbunden. Obwohl die meisten Juden im Lande geboren und auferzogeu sind, muss trotzdem ein jeder von ihnen alle sechs Monate. einen Aufenthaltsschein erhalten, in dem angegeben wird, dass er nur mit Zigaretten, alten Kleidern und ähnlichem Kram handeln darf. Wenn ein Jude sich aber verheiratet, soll er sogar laut Gesetz des Landes verwiesen werden- Wo nun das verrostete Gesetz solche Barbare.en kennt, da bleibt die oberste russische Verwaltungsspitze erst recht nicht zurück und drängt gewöhnlich auf Innehaltung des gültigen Rechts. Eine Zeitiang schien auch im Schicksal der hiesigen Juden eine Wendung eintreten zu sollen. Denn als die russische Freiheitsbewegung auch nach Finnland hinübergriif und mannigfaltige Humaititätsgefiihle auslcste. trat zug'eich eine gewisse Strömung zugunsten der Veriolgtesten der Verfolgten hervor. Mit dem Vordringen der russischen Reaktion ist jedoch auch diese Frage von der Tagesordnung verschwunden und die hiesigen Juden leben nun in einer panikartigen Stimmung, stets voll Furcht vor Ausweisungsbefehlen. * * * Vom Hilfsverein der Deutschen Juden. Berlin. Am 20. Dezember fand unter dem Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des .geschäftsführenden Ausschusses des Hills- Vereines der Deutschen Juden statt. Der Vorsitzende gab Auskunft über die Schritte, die im Interesse der rumänischen Juden im Hinblick auf e:ne eventuelle Konferenz der Signatarmächte des Berliner Vertrages unternommen wurden. Der Ausschuss billigte einstimmig die bisherigen Massnahmen nach dieser Richtung. Dann machte Herr Dr. Nathan Mitteilungen über das Technikum in Haifa, Tür welches das Terrain bereits abgegrenzt ist und d:e Bauvnrbereitungeu schon getroifen sind. Mit grosser Befriedigung nahm der Ausschuss Kenntnis von dem Fortschreiten des ausserordentlich bedeutsamen Werkes für den Orient, dessen wirtschaftliches Aufblühen von der Einführung der technischen Fortschritte und der Erschliessung neuer Verkehrsmittel abhängig ist. Neben diesem gross angelegten Projekt, iiir das dem Hilfsverein fortdauernd die lebhaftesten Sympathiebeweise aus der gesamten Judenheit zugehen, soll nach den Beschlüssen des Ausschusses das sonstige Schuiwerk des Hilisvereines durch' Bereitstellung ausreichender Mittel in zweckentsprechender Weise weiter ausgebaut werden. Für die bestehenden Schulen des H'Itsvereins in der Türkei wurden erhebliche Bewilligungen vollzogen. Einen ferneren wichtigen Gegenstand der Beratungen bildete das Hilfswerk in Galizien; es wurde beschlossen, die in Oesterreich auf diesem Gebiete in die Wege ge-