Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Säte 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 1 zweimal so viel arbeiten muss, sich zweimal so viel anstrengen muss,um einen zweimal so.grossenGewinn zu ernten, wenn er mit den Christen Schritt halten will. Die Frage gestaltet sich für die Juden um so schlimmer, wenn wir bedenken, dass die Erwerbsverhältnisse für sie schwieriger sind, und dass sie schon deshalb grössere Ausgaben haben, weil sie meistenteils in Städten wohnen. Die Hauptursache dieses gewaltigen Unterschiedes betreffs der Aushaltungslast müssen wir des ferneren in dem Umstande suchen, dass, während auf 100 Juden nur 17 mit der Landwirtschaft sich beschäftigen, auf 100 Christen 86 diesem Berufe sich widmen, bei welchem alle Familienmitglieder fast seit ihrer Kindheit arbeiten, und nicht nur die Kosten ihres sehr bescheidenen Unterhaltes tragen, sondern ausserdem zur Aushaltung kleiner Kinder und arbeitsunfähiger Kreise beitragen. Vor Jahren war es den Juden verboten, Grund und Boden au dem flachen Lande zu erwerben: zwar ist dieses Verbot aufgehoben, jedoch ist einerseits Land zu erwerben sehr schwierig, weil der Slawe zu sehr an der Scholle haftet, anderseits erscheint dem bis jetzt vom Ackerbau femgehaltenen Juden der Grundankauf in normalen Verhältnissen als ein viel zu wenig lukratives Geschäft. Alle diese Umstände trieben die Juden zum Handel. Auf 100 Christen beschäftigen sich nur 5 mit Handel und Industrie, während auf 100 Juden sich 55 diesen Berufen widmen. Mit anderen Worten: "die Mehrheit der galizischen Juden arbeitet in Handel und Industrie. Es darf nicht ausser acht gelassen werden, dass hier keine Rede sein kann von Grossbandel und Grossindustrie, denn die Juden sind mit belanglosen Ausnahmen — Trödler, Krämer und kleine Handwerker, welche alle zusammengenommen lediglich in engen Rahmen für den Lokalbedar arbeiten; denn weder die in kleinen Quantitäten angekaufte Ware noch die Erzeugnisse des Handwerks vertragen Transportkosten, welche übrigens für das winzige Betriebskapital unserer jüdischen Industriellen und Handelstreibenden unerschwinglich sind. Infolgedessen wird in jeder Stadt eine schrankenlose Konkurrenz gezüchtet, bei welcher einer dem anderen direkt den Bissen Brot vom Munde raubt, und welche mit Naturnotwendigkeit in ihren Mitteln immer weniger wählerisch ist“ Das sind erschreckende Zahlen, und das Traurige daran ist, dass die einzelnen Hilfsorganisationen den an sie gestellten Anforderungen nicht gewachsen sind. Diese traurige Tatsache bestätigt nur unsere Ueberzeugung, dass die Not der Juden im Golus nicht gelöst werden kann. Der Beifall aller. Er war gescheitelt und Kommis, Betrieb geheime Poesie, Hiess Siegfried recte Simche Storch Und war ein Deutscher dorch und doreh. Und diesem schlichten jungen Mann Gelang, was selten einer kann: (Selbst Bienerth will es nicht gelingen.) Den Beifall aller zu erringen! koste!! Wie viele von diesen teuren Kostkindeni noch Im Schosse der alleinseligmachenden Kirche gebliehen sind, wie viele aber, nachdem sie die Mission gehörig ausgebeutet, wieder den Weg ink Freie gesucht haben, darüber fehlt es leider an statistischen Angaben- Wie es anderwärts darum bestellt ist. schildert in drastischer Weise Walter Freiherr von Rumei in einem Artikel der „Münch. Neuesten Nachrichten“. Er schreibt u. a.: „Da kann es leicht so kommen, wie es in einer unserer afrikanischen Kolonien gegangen ist. Dort hatten sich auch Missionäre verschiedenster Bekenntnisse und Richtungen an demselben Orte angesiedelt und alle suchten sie möglichst viele Seelen zu gewinnen. D'e gar nicht so unschlauen Neger halfen ihnen dabei nach besten Kräften. Am ersten Sonntag nach seiner Geburt wurde so ein kleiner Negersprössling zur katholischen Kirche getragen und dort feierlichst getauft. Am zweiten Sonntag ging es. da keine zweite katholische Mission in der Nabe war, ebenso laut und feierlich in die evangelische Kirche, und dann ebenso fromm und gläubig an jedem nächsten Sonntag zu einer anderen neuen Mission, so lange noch eine da war. —Und wäre auch noch ein Rabbiner vorhanden gewesen, so wäre am sechsten Sonntag das hoffnungsvolle, bereits vier oder fünf Konfessionen angehöremde Negerkindleiu auch ihm präsentiert werden. — Die glücklichen Eltern aber waren von Stolz und Freude geschwellt, denn bei jeder Mission waren sie reichlich bewirtet und mit einem Korb vol Tauf- und Festgeschenken bedacht worden.“ — Bekanntlich trit jetzt auf Grund obiger Berechnung die englische Presse, auch die streng kirchlich gesinnte, dafür ein. dass die Judenmission ihre Tätigkeit als vollständg zweck- und aussichtslos gänzlich einstelle. Und das kam so: Es waren Zeiten Der Nationalitätlichkeiten In Wien und Prag, Triest und Graz, In Aussig, Reichenberg und Saaz — Man schrie und schlug, man schoss und stahl Für Ehre, Volk nnd Ideal Und an der Glut gewollter Brände Erwärmten sich die Pfaffenhände. Auch in der Stadt, da Storch geboren, Begann’s gewaltig zu rumoren, Zumal der Mann, der sie vertrat, Landsmannministerkandidat. Man sah die Massen in den Gassen In krassen Rassenhassen prassen, Man gröhite, schlug die Fenster ein Und sang zum Schluss „Die Wacht am Rhein“. Und wenn vorüber das Geschrei Erschien präzis die Polizei. Das war für Siegfied Storchs Gefühle Das Wasser auf die Klappermühle. Hier konnte er, wie nirgendwärts, Enthüllen sein treudeutsches Herz. Und wo man schrie und wo man schlug Erschien auch Siegfrieds Nasenbug, Bis dass er, wie man später las, Drei Löcher in dem Kopf besass; Desgleichen soll sein Nasenbein Dabei verbogen worden sein, Da jemand ihm daraufgestiegen; Er ging zu Bett und musste liegen. Was nun geschah, ist abgrundtief, Belehrend sowie instruktiv: Die treuen deutschen Kampfgenossen Geberdeten sich unverdrossen; Der Turnwart des Vereines „Jahn“, Dem Sigi äusserst zugetan, Sprach gütig und gemanisch-edel: „Zu wenig für den Judenschädel!“ Doch noch vandalischer und rüder Benahmen sich die „Gläubensbruder“, Bei denen Sommer, Gross und Pergelt Die teutsche Seele ausgemergelt. Sie sagten nur im Idiome: „Auf Ehr’, ich hab’ eine Nekome!“ Am meisten aber unter allen Hat es den Tschechen Wohlgefallen; Sie machten Bilder und Gedichte Auf die betrübliche Geschichte, Denn selten trifft es sich so gut; Ein Deutscher und dazu ein Jud! Du siebst, verehrtes Publikum, Ein allgemeines Gaudium! Herr Siegfried Storch lag unterdessen In Jodoformgaze und Kompressen Und träumte so die ganze Zeit Von Bismarck und Unsterblichkeit. Beda. Noble Gegner. Die Gründung der zionistischen Partei löste einen Sturm der Entrüstung aus. Wohin man blickte, Gegner und absolut nicht rücksichtsvolle Gegner, mit schreienden Gegenargumenten und Verdächtigungen haben sie nicht gespart. Aber eine Stimme war es, die den allgemeinen Lärm hässlich gellend fibertönt hat, die geistliche Stimme, die Stimmen der Protestrabbiner. Es bleibt das ewige Verdienst dieser frommen Streiter wider den jüdischen Nationalgedanken, die beiden giftigsten und niederträchrigsten Verleumdungen ersonnen zu haben: die Verdächtigung der Zionisten als Hoch und Vaterlandsvcrräter und die Lügenmär vom Bündnis zwischen Zionisten und Antisemiten! — Die Zeiten haben sich wesentlich geändert. Die zionistische Idee hat wohl noch lange nicht alle Juden unter einen Hut gebracht, aber die gesamte Judentieit steht dennoch in ihrem Banne. Es bestehen noch] Zweifel, die Organisation und die Taktik der zionistischen Partei erregt noch vielfach Unlust und Misstrauen, aber gegen die zionistische Idee als solche ziehen wenige mehr zu Felde, die schreienden Lügen von anno dazumal finden iin normalen Zeiten wenig beifallshrstige Zuhörer. In normalen Zeiten. Freilich, zu Zeiten erbitterter Interessenkämpfe und erregter Gemüter gelingt es geschickten Gelegenheitsmachern noch immer, die plumpsten Lügen zu verwerten und mit den schmutzigsten und rostigsten Waffen nicht Ohne Erfolg zu operieren. Und so war es auch anlässlich der letzten Kultuswahlen. Im letzten Momente haben d:e um ihre Position besorgten Machthaber das Gerücht 'ausgestreut: Die Zionisten stehen mit den Christ lichsozia len Machthabern im Bunde! Sie bessen Gewährsmänner aufmarschieren und den Stoff in bezahlten Pressorganen behandeln und, wie erwähnt, nicht ohne Erfolg. Besonders liebevoll und weitläufig hat die „O est e r r ei ch ische Wodienschrif t“ das Organ des bekannten Dr. Bloch, die alte Pfafienlüge verarbe:tet und hierbei einen Gewährsmann, einen lebendigen und wahrhaftigen Gewährsmann, einen Herrn Redakteur Herrenf e Id ins Treffen geführt. Dieser Mann wurde der Opposition vorgehalten. Er war es, so schrieb die „Oesterr. Wochenschrift“, der in öffentlicher Versammlung den Zionisten Vorwürfe gemacht und sie des Zusammengehens mit den Christlichsozialen durch Beweise überführt habe. Mit dem Namen dieses Herrn Her.renfeld wurde überhaupt stark gearbeitet. Nun die Wahlen vorüber sind, die Lüge ihren Zweck erreicht hat, kommt es an den Tag, wie vornehm und ehrlich die „Oesterr. Wochenschrift“ operiert hat. Dieser Herr Herrenfeld ist von den Machern der „Wochenschrift“ einfach zum Blutzeugen gepresst worden! In welcher Weise, soll folgender, wörtlich wiedergegebener Brief, der uns zur Verfügung gestellt wurde, erhellen: „Wien, am 22. Dezember 1908. An den Herausgeber .der „Oesterreich!- sehen Wochenscbrif t“. Sie haben zu meinem Verdruss« es für gut befunden, in der Nummer Ihres geschätzten Blattes vom 18. XIIv. J. sich unter anderem mit meiner Person zu beschäftigen. Sie haben die Ausführungen, die von mir in der Kultuswählerversammlung bei der „Schönen Schäferin“ über die Beziehungen eines Anhängers der Opposition zu einem antisemirischen Blatte vorgebracht wurden, abermals reproduziert. In der Wiedergabe dieser meiner Ausführungen fehlt jedoch, ebenso wie dem seinerzeit von Ihnen veröffentlichten Berichte über die Versammlung, dass von mir in dieser Versammlung mit besonderem Nachdrucke hervorgehoben wurde, dass der bezeichnete Anhänger der Opposition der Partei der Zionisten nicht angehört. Ich ersuche Sie nun. diese Tatsache in der nächsten Nummer Ihres gesch. Blattes um so bestimmter festzustelien, als ich sonst zu meinem aufrichtigen Bedauern mich genötigt sehen würde, diese von mir erbetene Berichtigung durch die Anwendung des § 19 zu erwirken. Acht. Redakteur Herrenfeld.“ Das ist also des Pudels Kern. Aus einer Bemerkung über private Machinationen irgend eines Menschen aus der Menge der nach Tausenden zählenden Opposition wurde durch Unterschlagungen und Entstellungen herausgebracht, dass die Leitung der Opposition und im engeren Sinne die zionistischen -Ffft-rer mt '’.’r. Christlichsozialen Im Bunde stehen! Ein schmutziger Journalistenstreich, welcher der glorreichen Vergangenheit der „Oesterr. Wochenschrift“ ganz entspricht! Und auf so was sind Wiener Kultuswähler hineingeiallen! Eines solchen. Organes bedienten sich die Wiener Kultusgewaltigen und mit ihnen viele grosse jiid:sche Korporationen! Etwas mehr Vorsicht und Reinlichkeit könnte wirklich nicht schaden. Wenn es sich um die Rettung hungriger, von der Scholle vertriebener Armer handelt, soll man politische Feindseligkeiten ruhen lassen- Im Armenreferate der Wiener Kultusgemernde scheint aber eine andere Ansicht zu herrschen. E:n Herr,