Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 1 Zukunft Palästinas einerseits und des Balkans andererseits. An dem Balkanproblem aber sind gerade wir Oesterreicher in unserer Gesamtheit und daher auch wir österreichische Juden ganz besonders interessiert. Seit der Annexion von Bosnien-Herzegowina wird es wohl auch dem blödesten Auge sichtbar, dass nicht nur die ganze äussere, sondern auch die gesamte innere Politik des österreichischen Kaiserstaales von den Balkanproblemen und der Stellung zu derselben beherrscht wird. Die G hr is tlich s o zialen haben dies sofort erfasst, die Juden dagegen zeigen wieder einmal eine bemitleidenswerte politische Unreife, indem sie die bedeutsame Rede des Landmarsch alls vonNiederösterreicb, des Fürsten L i e chtenstein anlässlich der Debatte über die Annexion von Bosnien-Herzegowina, vollständig übersehen. Eine Rede, zufolge welcher die Christlichsozialen nun auch über die Südslawen ihre Machtsphäre ausdehnen. Prinz Liechtenstein hat für die Vereinigung und die nationale Autonomie sämtlicher Südslawen unter dem Szepter der Habsburger eine äusserst bedeutsame Rede gehalten und die erste Konsequenz dieser Rede — wohlgemerkt n'u r die erste — ist ein äusserst sympathischer Artikel in dem von Juden geschriebenen „A gramer Tagblatt“, betitelt: „Heil Liechtenstein“. Sowie früher in den deutsch-tschechischen Streitfragen und später in den ungarischen Angelegenheiten, so hat man auf „freiheitlicher“ Seite nun auch in der südslawischen Frage es den Christlichsozialen überlassen,« sich als Vertreter der wirklichen Freiheit, der nationalen Autonomie der Südslawen und der österreichischen Reichsinteressen aufzuspielen und billige Triumphe zu feiern. Begreifen denn die Juden des Donaureiches durchaus nicht, -welche Konsequenzen es gerade für sie haben muss, wenn zur selben Zeit, wo die Wiener und Budapester „Juden*presse mit einigen Phrasen überdas südslawische Problem zur Tagesordnung übergeht, der Antisemit Prinz Liechtenstein als Vorkämpfer für die Einigung und nationale Autonomie aller Südslawen im Rahmen der Habsburgermonarchie eintritt!? Oder berührt aas die Juden nicht P Wahrlich, der Gesichtskreis nur allzuvieler j üd i s c her Politiker ist äusserst b es ehr änkt, darum sind sie direkt oder indirekt Förderer des — Antisemitismus. Die Aufgaben unserer jüdischen Politik sind so grosszügige, dass es keine Frage im öffentlichen Leben, insbesondere aber am 3 a 1 k a n und im Oriente gibt, zu denen nicht vom jungjüdischen Standpunkte aus Stellung genommen werden muss. Am allerwenigsten aber darf in Fragen, wo es sich um Probleme der S e 1 b s t b es t i m mu n g und Freiheit von österreichischen Völkern handelt von unserer Seite geschwiegen werden und unser eigenes national - autonomistisehes Programm den Antisemiten überlassen werden, damit sie daraus neue Waffen gegen die Juden schmieden! Wollen wir vorwärts schreiten und ein Machtfaktor werden, dann müssen die jüdischen und auch die arischen Volksmassen über die Ziele der Jungjuden, durch Stellungnahme zu allen Zeitfragen aufgeklärt werden. Es ist dies weit wichtiger für das jüdische Volk als manches andere — „Wichtige“. Ueber die Militärtauglichkeit der Juden. Von Dr. Elias Auerbach, Berlin. Die Frage der Brauchbai keit für den Heeresdienst ist eine der wichtigsten für die jüdischen Organisationen, die sich eine körperliche Hebung der Juden zur Aufgabe machen. Denn die Militärtauglichkeit ist in den Ländern der allgemeinen Wehrpflicht — also in fast allen europäischen Staaten — die grossartigste Uebersicht über die körperliche Beschaffenheit der. Bevölkerung, und infolge der gewaltigen Zahlen, die hier auftreten, ein feines Barometer für die fördernden oder hemmenden Einwirkungen der sozialen Umstände auf das körperliche Wohl. Fassen wir zunächst die deutschen Verhältnisse ins Auge, so bleiben hier die Juden erheblich hinter den Nichtjuden in der Militärtauglichkeit zurück. Freilich nicht soviel wie judenfeindliche Autoren uns glauben machen wollen. Im Jahre 1895 kamen angeblich auf lOUO Christen 11,61 Soldaten, auf 1000 Juden aber nur 4,92! Diese Zahlen sind jedoch mit einem grossen Fehler behaftet, da die Einjährig-Freiwilligen nicht mitberücksichtigt sind, ihre Zahl ist aber bekanntlich gerade bei den deutschen Juden sehr beträchtlich. R u p p i n schätzt nach der allgemeinen Schulbildung bei den Christen die Zahl der Einjährigen auf nur 5% aller Soldaten, bei den Juden dagegen auf etwa 45% der jüdischen Soldaten. Nach Einführung dieser Korrektur gibt Ruppin als Tauglichkeitsziffer für die Niehljuden 10,66 auf 1000 Einwohner, für die Juden 7,76 auf 1000 jüdische Einwohner Deutschlands. Wenn also auch die D'fferenz zwischen Juden und Christen erheblich geringer geworden ist, so bleibt doch die Tatsache bestehen, dass die deutschen Juden um ein Bedeutendes in der Militärtaugliclikeit hinter der übrigen Bevölkerung Zurückbleiben. Welches sind nun die Ursachen dieser Erscheinung? Wir müssen uns zunächst über die Gründe der Untaugiichkeit zum Heeresdienste klar werden, denn diese können sehr verschiedener Natur sein. Es kommen zunächst die körperlichen Gebrechen in Frage, die mit einiger Wahrscheinlichkeit bei Juden nicht wesentlich häufiger Ursache der Untauglichkeit sein werden als bei den Nichtjuden. Obwohl keine genauen Zahlen darüber vorliegen, können wir vielleicht nur die Anzahl der stark Kurzsichtigen bei den Juden etwas höher annehmen. Jedenfalls aber fällt die Zahl kaum ins Gewicht. Ebensowenig werden beträchtliche Unterschiede in der zweiten Klasse der Ursachen für die Untauglichkeit zum Heeresdienste vorliegen, bei den chronischen Krankheiten. Die wichtigsten der Zahl nach sind hier die Herzfehler, die Lungentuberkulose und die Geisteskrankheiten; und wenn auch die Juden vielleicht eine etwas grössere Zahl von jugendlichen Geisteskranken haben, so sind sie andrerseits in der Lungentuberkulose sicherlich begünstigt, da bekanntermassen die Juden unter dieser Krankheit viel weniger leiden. Die weitaus wichtigste Ursache für die „Zurückstellung“ vom Militärdienst ist bekanntlich die „allgemeine Körperschwäche“. Hierunter ist nicht eine bestimmte Krankheit zu verstehen, sondern die Ueberzeugung der untersuchenden Militärärzte, dass der betreffende junge Mann infolge einer gewissen Schwächlichkeit nicht imstande sein würde, die grossen Strapazen des Heeresdienstes ohne Schaden zu ertragen. Diese Annahme ist nun nicht einfach dem Gutdünken der Militärärzte überlassen, sondern findet ihren greifbaren Ausdruck in der Messung des Brustumfanges. Es wird angenommen, dass bei kräftiger Entwicklung des Körpers der Brustumfang mindestens die Hälfte der Körperlänge betragen muss. Da nun Deutschland über eine so ausreichende Menschenzabl verfügt, dass auch völlig körperlich taugliche junge Leute als „Ueberzählige“ zurückgestellt werden, so kann diese Forderung im vollem Umfange durchgeführt werden. Diese Bestimmung trifft nun die Juden in ganz besonderem Masse, weil allle, die körperliche Untersuchungen an Juden vorgenommen haben, darin übereinstimmen, göttlicl en Sprache femgehallen werden. Die hebräische Sprache blieb auf die Synagoge beschränkt, soweit sie nicht auch von da schonungslos verbannt wurde, alle übrigen geistigen Bedürfnisse, alles was mit weltlicher aber auch mit nationaler Kultur zusammenhing, suchte und fand man in den Landessprachen. Ausdrücklich forderte Wessely, der Nestor der hebräischen Dichtkunst jener Zeit, die Herausgeber des „Meassef“ auf, Liebe und Erotik von ihrer Zeitschrift fernzuhalten und alles „unsittliche“ auszuschalten. Als ob die Liebe unsittlich wäre, fürchteten die Begründer unserer Aufklärungsüteralur, die sonst lautesten Anbeter von Schiller und Goethe waren, es könnte ein Roman, in hebräischer Sprache geschrieben, diese entweihen und ihrer historischen Heiligkeit entkleiden. Die Erben und Erhalter der Sprache, in welcher vor Jahrtausenden das Hohelied von der Liebe eines Königssohnes zu einer Schäferin erklungen ist, vermeinten sich gegen den Geist, gegen die überlieferte Wertschätzung dieser Sprache zu versündigen, wenn man sie in den Dienst des ausserhalb des Religionskreises lallenden weltlichen und nationalen Lebens, der innersten Regungen des menschlichen Seelenlebens stellte. Während nun die gebildete Jugend des Westens nach dem Rezepte des „Haskda“, dem Strome der Zeit folgend, sich aus diesem Zwiespalte damit half, dass sie ganz in den fremden Literaturen aufging, ihre Innen- und Gefühlswelt von fremden Dichtern und Meistern restlosbeherrschen liess und an die Existenz jener göttlichen, schönen Prophetensprache vergessen hatte, war die Jugend des Ostens auf diese allein angewiesen und im Geheimen und Verborgenen ergötzte sie sich an schlechten und misslungenen Uebertragungen deutscher und französischer Dichterwerke, wenn sie ihren ästhetischen Heisshunger befriedigen wollte. Die leider geringe Zahl der Gedichte des im Alter von 24 Jahren verstorbenen Lebensohn reichten lange nicht aus, um eine dem Bedürfnisse von vielen Tausenden entsprechende Literatur darzustellen und Schulmanns Uebersetzung von Eugen Sue’s „Geheimnisse von Paris“ wäre sicherlich nicht in der Lage gewesen, die noch national fühlende und mit allen Fasern ihres Herzens an den .nationalen Ueberlieferungen hängende Jugend für die Dauer an die hebräische Sprache zu fesseln. Es mussten nationale Originaldichtungen entstehen, die in die düstere, müde Alltagswelt der Talmudjugend mit Fackeln hineinleuchte, die ihre Sehnsucht befriedigen, ihren Sinn für das Schöne und Erhabene, zugleich aber für das Ureigene, nicht von aussen gebrachte Fremde erwärmen sollte. Da erschien Abraham M a p u mit seinem Romane „Ahawath Zion“, und riss die-Jugend zur Begeisterung hin, zur Begeisterung für die Vergangenheit des Volkes, die er in die Form eines modernen Romanes gegossen, zur Begeisterung für die alte Prophetensprache, die in anmutiger Weise die innere Welt der Liebe der jüdischen Jugend eröffnete. Eine neue, jedoch uralte Welt tat sich ihnen auf, denn in den schmutzigen engen luftarmen und lichtlosen Gassen schmachtenden Nachkommen eines uralten Volkes, das einst ein reiches Leben an den Ufern des Jordaus, in den Gefilden Sarons und Karmels geführt, den fruchtbaren Boden bearbeitet und rauschende Ernte- und Weinlesefeste gefeiert, ohne auf das elende Krämerleben angewiesen zu sein. Mapu selbst, ein weltfremder in sich geschlossener Dichter von hoher poetischer Begabung, hatte mit der Drucklegung dieses Romanes Jahre hindurch gezögert, er ahnte vielleicht nicht den hohen Beruf, den dieses sein Erstlingswerk z-i erfüllen hatte, aber es dürfte diesem Zögern die innere Ganzheit und Reife zu verdanken sein, die es vor den späteren Romanen „Aschmath Schomron“ und „Ait zebua“ voraus hat. Entstand es doch in seinen grössten und schönsten Partien in der freien Natur, auf einem Berge des reizenden Niemengebietes, wo Mapu gleich dem polnischen Dichter Mickiewicz Poesie und Begeisterung aus der lebendigen Natur schöpfte. Dort sass er stundenlag mit verklärten Dichteraugen und versinnbildlichte sich die Natursebönheit und die Herrlichkeit Zions, die er aus den prophetischen Schriften verständnisinnig herauslas und in jener reizenden Gegend pflegte und hätschelte er sein erstes Musenkind, ergötzte er sich an dessen Wachstum und Gedeihen, bis er es für vollständig reif hielt, vor diejenigen binzutreten, für die es geschrieben war. „Ahawath Zion“ ist eine romantische Erzählung aus der Zeit des Bestandes des ersten