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Jüdische Zeitung · 1908-12-25 · 52 (25.12.1908) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
52 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Säte 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 52 hat man diese Ausrede gebraucht und den Leuten nicht gleich gesagt dass man sie existenzlos machen und damit zum Weiterziehen zwingen \v:ll? « * Der Zionismus in Rumänien. Bukarest Die Ausdehnung der zionistischen Organisation in Rumänien leidet selbstverständlicn unter der traurigen Lage, in der sich die rumänischen Juden befinden. Immerhin können wir konstatieren, dass die; Föderation erfreulich arbeitet. Die Zionisten bilden jedenfalls im Leben der rumänischen Juden einen nationalen und (kulturellen Faktor von nicht zu unterschätzender Bedeutung, ln Galatz, dem Sitz der Föderation, wird sehr eifrig gearbeitet. In letzter Zeit haben sich sämtliche zionistischen Vereine dieser Stadt zu einem einzigen Verband vereinigt. Dank den Bemühungen des Herrn Leibowitz werden oft Vorträge gehalten und ist eine grosse zionistische Bibliothek eingerichtet worden, die bereits 2000 Bände umfasst. In Braila leitet die zionistische Arbeit das Mitglied des A.-C., Herr Dr. Moscowitz. In diesen Tagen wurde dort ein hebräischer Unterrichtskurs eröffnet. Die zionistische Propaganda-Abteilung ..Israel" gibt ein eigenes monatlich erscheinendes Blatt heraus- In Foscani entfaltet Herr Rabbiner Dr. Nacht, unterstützt von einigen jugendlichen Zionisten, eine bemerkenwerte Tätigkeit In Foscani sind in diesem Jahre über 3000 Francs für zionistische Zwecke gesammelt worden. Leider haben die Zionisten auch mit dem Widerstand der Pseudo-Kuftusgemeinden zu rechnen, die sich darin gefallen, ihnen Schwierigkeiten zn machen. In Jassy ist es der Verein „Dr. Max Nordau“. der eine grosse Propaganda leistet und auch ein eigenes Propagandablatt herausgibt. Die Herren Dr. Niemirower und Dr. Lippe geben sich grosse Mühe um die Förderung des praktischen Zionismus, d. h. die Pflege der hebräischen Sprache, Palästina-Arbeit usw'. Die Zionisten in Ploesti haben jüngst einen grossen Verlust erlitten durch das Hinscheiden das EhrwV Rabbiners Jehuda Ariel Breizis. der einer der Führer der gesetzestreuen rumänischen Zionisten war. Out arbeitende zionistische Vereine bestehen noch in Barlad, Pitesti und Roman, wo man jüngst eine Philateliesammelstelle für den Nationalfohds gegründet tJat. In Bukarest lässt leider die zionistische Tätigkeit viel zu wünschen übrig. („Welt“.) Der Gratulant. Der „israelitische“ Abgeordnete Hofrat Kuranda beglückwünscht seinen Kollegen und deutschen Kampfgenossen Pergelt zn einer Rede, m welcher P e r g e 11 die Juden gröblichst beleidigt hatte. Herr Hofrat, es wird besser sein, Nicht stets zu gratulieren, Sonst könnte Ihnen öfters ein Malheur dabei passieren. Desgleichen ist es wohlgetan, Man hört sich erst die Rede an, Bevor man wem beglückwünscht! Zum Beispiel, denken Sie den Scherz: Sie schlummern bei der Sitzung, Da spuckt ein deutsches Bruderherz In Ihre Augenschlitzung- Sie wachten auf, da ruft er „Heil* Rasch heben Sie den Hinterteil Und gratulieren herzlich. Beda Parlamentarische Bilanz. Die Hallen der Oesterreichischen Volksvertretung sind geschlossen, die Abgeordneten sind heimgekehrt zu ihren Penaten and es obliegt uns die Pflicht, sowohl vom jüdischvolklichen wie vom gesamtösterreichischen Standpunkte aus an die parlamentarische Bilanz zu schreiten. Unter äusserst traurigen Auspizien begann diesmal die Parlamentssession und in relativ fröhlicher Weihnachtsstimmung gingen die österreichischen Volksboten auseinander- Doch vor 2 bis 3 Wochen schwebte das Demokiesschwert des § 14 und die Parlamentsvertagung über ihren Häuptern und nun wurden die wichtigsten Vorlagen, die dringendsten Staatsnotwendigkeiten sogar mit Zweidrittelmajorität bewilligt. 0 quae mulatio rerum! Die blosse Furcht vor der eventuellen Pa r lamen tsa uflö sung hat Wunder gewirkt. Aber wer da glaubt, dass nun die chronische Parlamentskrise beseitigt ist, gibt sich einer argen Täuschung hin. Man vergesse nicht, dass die das Budget und die Annexion von Bosnien und Herzegowina betreffenden Vorlagen sowie das Ermächtigungsgesetz nur auf dem Wege eines Dringlich k ei tsantrages durchgebracht werden konnten und dass alle die ungelösten Streit-undZeitfragenstaatsrechtlich nationaler, konfessioneller, politischer und wirtschaftlicher Natur auch weiterhin offen bleiben, so dass die Bildung einer dauernden parlamentarischen Majorität, geschweige denn einer parlamentarischen Regierung auf den äussersten Widerstand stösst. Das Parlament hat also momentan funktioniert, aber zu Jubelhymnen ist vom gesamtösterreichischen Standpunkt aus kein Grund vorhanden und noch weniger vom jüdisch-volklichen Standpunkte. Trotzdem die wichtigsten Reichsfragen der parlamentarischen Erledigung harrten, trotzdem die verschiedenen Chauvinisten wieder mit allen Kräften den Nationalitätenhader schürten, des Antisemitismus wurde nicht vergessen, weder im deutschen noch im tschechischen Lager. Natürlich figurierten in erster Linie die deutschradikalen Stransky und Konsorten, welche das unerhörte Vorgehen ihrer studentischen Gesinnungsgenossen in der Mensafrage zu verteidigen suchten. Dass aber der A n t i s e m i t i s m u s bereits auch im d e u ts ch - „fo r t s ch r i 11 lic h en“ Lager stark Wurzel gefasst, bewiesen die Ausführungen des steten Ministerkandidaten Dr. Pergelt, die darin gipfelten,dass „die Deutschen auf die Unterstützung der Juden verzichten und sie den Tschechen schenken.“ Unmittelbar vor diesen Ausführungen, war der Abgeordnete des Quaiviertels H o f r a t Kuranda daran, dem Dr. Pergelt zu seiner gegen die- Tschechen gerichteten Rede zu gratulieren (!), wovon er aber nach seinen eigenen Erklärungen mit. Rücksicht auf die gegen die Juden gerichteten Passus des Dr. Pergelt absehen müsste. Und Hofrat Kuranda ist kein vereinzelter weisser Rabe, er hat im Geroeinderat Dr. Alfred Mittler einen wackeren „teutschen* Gesinnungsgenossen! In der Wiener Stadtvertretung mit christlichsozialer-antisemitischer Majorität gipfelt die Opposition Dr. Mittlers, des Vertreters einer jüdischen Wählerschaft darin, dass er die herrschende Partei als zu wenig „deutsch“ verurteilt, da sie den Tschechen zu viel Konzessionen macht! Auch in Prag und in Böhmen überhaupt ist diese Art von „Deutschen“ mosaischer Konfession noch stark vertreten. Und das Ergebnis: Antideutsche recte antisemitische Exzesse in Prag und — Standrecht sowie Reden von der Färbung des tschechischklerikalen Abgeordneten M y s - livec. Diese Säule der Christlichsozialen tschechischer Zunge erklärte das Deutschtum Prags als identisch mit dem Judentume und trat für einen deutsch-tschechischen Ausgleich auf christlichsozialer Grundlage nach Abstossung des jüdischen Fremdkörpers ein. Diese Verständigung auf christlichsozialer Grundlage bereitet sich aber nicht nur zwischen Deutschen und Tschechen, sondern auch zwischen Polen und Ruthenen, Italienern und Südslawen, Magyaren und Nichtmagyaren allmählich vor, In Ziswie in Transleithanien erstarkt bei allen Völkern der Monarchie der Antisemitismus in dem selben Masse, als die Juden dieses Reiches ohne 1 klare Ziele, ohne Organisation, ohne Einblick in die politischen Zusammenhänge der inneren und äusseren Politik statt einer grosszügigen jungjüdischen Volkspolitik und modernen grossösterreichischen Reichspolitik eine stete Bezirksmeierei treiben und sich immer von neuem in die bekannte Zwangslage drängen lassen, bei allen Wahlen „zwischen zwei Uebeln das kleinere zu wählen“. Allerdings ist dies unvermeidlich, wenn man die jüdische Politik nach dem Vorbilde uer andersnationalen Parteien, sowie der parlamentarischen Cliquen und Koterien kultiviert. Wenn die Kernfrage, die Mandats frage ist, und nicht die politische, ethische und national-soziale Erziehung sowie Organisation der jüdischen Volksmassen, ihre physische, geistige und ökonomische Regeneration den Hauptzweck bildet, dann freilich wären alle die Hoffnungen des jüdischen Volkes auf eine jüdischnationale Politik illusorisch sowie ja auch für die grossen Volksmassen aller anderen Nationen. Die bisherige Tätigkeit unserer Parlamentarier war äusserst unproduktiv. Soll der Parlamentarismus nicht noch mehr in Misskredit kommen, als dies ohnedies der Fall ist, soll das Interesse am politischen Leben nicnt vollständig schwinden, so muss die Politik aufhören, ausschliessliche Mandatspolitik und Machtpolitik zu sein, sie muss endlich Kultur- und Wirtschaftspolitik werden. Ist dies ein Erfordernis für alle Völker, so gilt dies besonders für das jüdische Minoritätsvolk. Unter diesem Gesichtspunkte schliesst auch die diesmalige Parlamentsbilanz mit einem Defizit, aber nicht nur für die Juden, sondern auch für Oesterreich, denn sie hat uns um k e i n e n Schritt unserem Ziele nähergebracht: Der Umgestaltung des Donaureiches in einen von versöhnten Völkern bewohnten modernen Kultur- und Wirtschaftsstaat Grossösterreich. Aus dem Parlamente. Interpellation des Abgeordneten Dr. Straucher und Genossen. Seit ungeiähr einem Jahre erscheint .n Czeruowitz das „Bukowinaer Volksblatt", welches eine bisher hierlands unerhörte brutale Verhetzung und Aufreizung gegen die jüdische Bevölkerung in Stadt und Land betreibt: diese zügellose Agitation und Hetze bildet aber eine flagrante Verletzung der Bestimmungen der Staatsgrundgesetze und des geltenden Strafgesetzes. Die meisten Nummern des genannten Blattes enthalten die grundlosesten Beschimpfungen und Anschuldigungen gegen Juden, jüdische Religion, jüdische Satzungen und Judentum, d e von Lügen und Denunziationen strotzen, und werden den Juden die hässlichsten und verächtlichsten Untugenden angedichtet, wodurch die niedersten Instinkte und Leidenschaften der Massen gegen die Juden aufgestachelt werden. Diese gewissenlose Hetze stellt sich als eine direkte ‘Gefahr für die öffentliche Ordnung und den Bürgerfrieden dar. Ungeachtet aller mündlichen und schriftlichen Vorstellungen bei den staatlichen und Gerichtsbehörden! geschieht von seiten der kompetenten Aemter und Organe, von der k. k. Poi.zeidirektion und der k. k. Staatsanwaltschaft in Czernowitz nichts, sie stehen diesen, die gesellschaftliche Ordnung bedrohenden, die Ruhe und den öffentlichen Frieden arg gefährdenden Aufreizungen teilnahmslos gegenüber und tun nichts, das gee.gnet wäre, die gewissenlosen Hetzer zur gesetzlichen Verantwortung für ihr strafwürdiges Vorgehen zu ziehen. Die Apathie der Behörden einem solchen Treiben gegenüber erscheint als eine Ermunterung, zum m.iKiesten als stillschweigende Zustimmung und Duldung und reizt deshalb zu gleichem Vorgehen auf, so dass böse Konsequenzen eintreten könnten. 'In seinem blindwütenden Hasse gegen die Juden versteigt sich das „Bukowinaer Volksblatt“ in seinen Aufreizungen dahin, de nackte Frage aufzuwerfen: „dass es gegen die Juden zu Blutvergiessen kommen müsse“. Es klingt fast unglaublich, dass einer solchen direkten Aufreizung gegenüber die berufenen staatlichen Behörden gleichgültig Zusehen! Der Ausschuss des „jüdischen Nationalvereines“ in Czernowitz, zu dessen statutarischen Rechten auch die Wahrung des Rechtsschutzes für Juden und Judentum gehört, sowie auch die Juden-, gemeinde Czernowitz haben d e staatlichen Behörden auf dieses den strafgesetzlichen Bestimmungen

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