Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-12-25 · 52 (25.12.1908) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
52 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438219--0929-2440484
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 52 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 machte gute Geschäfte. Natürlich wurde vereinbart, dass das Reinerträgnis zu gleichen Teilen an jüdische und katholische Institutionen verteilt werde. So kam es, dass mindestens zwei Dritteile aller Spenden von Juden gegeben wurden. Solange die Sammeltätigkeit dauerte, war alles in schönster Ordnung: die Juden zahlten und das Komitee lächelte verbiudlich. Als es aber zur Verteilung kam, lächelte das Komitee um 18 Grade verb ndlicher und überwies den Juden, sage und schreibe Vis (sin Achtzehntel) des Ertrages. Nicht umsonst hat es um 18 Grade verbindlicher gelächelt: das Lächeln und der Händedruck eines echten Polen (röm.-katb. Glaubens) kostet viel. * * * Wir haben schon über die Haltung der Allpolen in der Selbstverwaltung im Königreiche Polen geschrieben. Nun liegt ein authentisches Geständnis eines polnischen „fortschrittlichen“ Publizisten vor. Es ist niedergelegt * im „Rigaer Tagblatt“ und lautet: „Wir Polen befinden uns in einer so aussergewöhnüchen Lage, dass wir in dieser Beziehung nicht so krasse Liberale sein dürfen, und zwar deshalb, weil es in unserem eigenen Lande, in Städten, die mit unserem Blute durchtränkt sind, viele Ortschaften gibt, in denen wir uns in Minderheit befinden und bei gleichem Wahlrechte aufhören würden, in der Verwaltung zu stehen. Nehmen Sie zum Beispiel Lublin, eine alte polnische Stadt. Sie nimmt im Königreiche Polen die dritte Stelle ein und ist mit der Geschichte des polnischen Volkes eng verknüpft. Hier befinden sich die Juden in der Mehrzahl. Bei gleichen Rechten würde man zu Stadträten nur Juden wählen, ja auch der Stadtpräsident würde ein Jude sein. Als Verwalter der Stadt hätten nicht wir, sondern die Juden das Vorrecht. Dasselbe wie in Lublin würde auch in Kielce, Siedlce und anderen polnischen Städten der Fall sein. Das wichtigste jedoch ist das, dass ein solcher jüdischer Sieg auch in Czens t o c h a u möglich wäre. Und. Czenchochau ist das grösste Heiligtum des polnischen Volkes. Tausende Wahlfahrer aus ganz Polen und aus anderen katholischen Ländern pilgern nach Gzenstochau. Stellen Sie sich nun* vor, wie viel Ueberwindung dazu gehört, um für das Prinzip der Gleichberechtigung der Juden hier zu stimmen. Merkt’s Euch, Ihr Herren Polen mosaischer Konfession! Auch der „fortschrittliche“ Pole, der Allpole, der Euere bedingungslose Assimilation wünscht, kann nicht die nötige „Ueberwindung“ aufbringen, um für das Prinzip der jüdischen Gleichberechtigung zu stimmen! R—oj—. Aus dem jüdischen Leben. Aus der „guten“ jüdischen Gesellschaft. Prag. Die Prager „Selbstwehr“ schreibt: Das sozialdemokratische Organ „Plameny“ berichtet: „Der Abt des Prager Klosters „Emaus“ und Begründer der klerikalen Kampfblättchen „Sv. Vojtech“ und „St. Bonifazius“ erhielt als Geschenk von dem Fabrikanten Q r a b aus Lieben ein prachtvolles Automobil, in welchem er in den Prager Gassen paradiert. Jener Jude Grab hat auch vor einiger Zeit dem Bonifaziusvereme ganz umsonst ein Grundstück zum Bau einer katholischen Kirche überwiesen. Hieraus ist zu ersehen, dass der wütige katholische Antisemitismus sich vor dem jüdischen Geldbeutel ganz artig und liebenswürdig zu benehmen weiss.“ Das nationalsozialistische Wochenblatt „Lid“ vom 3. d. M. schreibt: „Der Arbeiter ist seines Lohnes wert- In unserer letzten Nummer berichteten wir, dass der bekannte Pater Alban Schachleitner vom Juden Grab ein Automobil als Präsent erhielt. Damit wir dem Pater Alban kein Unrecht zuiügen, berichtigen wir auf Grund weiterer Informationen unseren Bericht, dass P- Alban das Automobil nicht als „Präsent“ empiing, sondern, wie der Arbeiter seinen Lohn. Der Jude Grab besuchte nämlich seit einigen Wochen den Pater Alban, welcher ihn in den unfehlbaren Wahrheiten und Dogmen der Kirche unterricntete uml ihn schliesslich zu einem überzeugte) , g'aubenstreuen Katholiken umtauite. Und für diese seine „Arbeit" ist Pater Alban auch eines Lohnes wert — des Automobils. Alban empiing daher das Automobil nicht von einem Juden, sondern von einem bereits getauften Juden.“ — Soweit das natonalsoziaiistische Blatt Wir bemerken, dass wir über die Bekehrung des Herrn Emanuel Grab noch keine Verständigung besitzen.“ * * * Antisemitisches aus Böhmen. Prag. Vergangene Woche wurden in Schlan nach einer Versammlung der tschechischnationalen Sozialisten den jüdischen Kauileuten Fensterscheiben eingeschlagen. D i e Exzesse waren vorher angedroht worden. Gleichwohl haben die Beamten der Bezirkshauptmannschaft alle Massnahmen unterlassen und auch die bekannten Anstifter der Exzesse nicht verfolgt * jjj * Galizlsches Judenelend. Krakau. Der Bericht des „H i 1 f s v e r - eins für g a 1 i z i s c h e Juden" enthält sehr eingehende Ausführungen Dr. H. N. Landaus, des Präsidenten dieser Organisation, über das Elend der Juden Galizens. Von den 800.000 Juden Galiziens verdient nur ein Drittel faktisch seinen Unterhalt, die anderen zwei Drittel werden von diesem einen Drittel ausgehaiten, während von den sechseinhalb Millionen Christen Galiziens mehr als dreieinhalb Millionen erwerben. Dieses Verhältnis beweise die wirtschaftlich trostlose Lage der Juden Galiziens; besser könne es nur werden, wenn es zu ermöglichen wäre, dass ein Teil der Juden zur Landwirtschaft übergeführt wird. Heute kommen in Ostgalizien auf 1000 Bettler 300 Juden, während es nach dem Prozentsatz der übrigen Bevölkerung 100 sein dürfen, und auf 1000 Beruflose -150 Juden statt 100. — Interessant ist die Konstatierung der Tatsache, dass die Assimilationsbestrebungen in Galizien nichts helfen, da seihst die gebildeten jüdischen Kreise von er nichtjüdischen Bevölkerung des Landes gesellschaftlich boykottiert werden. ♦ # Ein vorsichtiger Volkstribun. Stanislau. Endlich hat es der Tarnopoler Abgeordnete für den Reichsrat Herr G a 11 nötig gefunden, über seine „Tätigkeit“ im Parlamente Bericht zu erstatten — aber schriftlich! ln diesem Berichte, welcher als Beilage zu einem in Tarnopol erscheinenden antisemitisch gefärbten Blatte erschien, erzählt Herr Gail gar wundersame Geschichten von seiner „Tätigkeit“ und vergisst dabei nicht, Erfolge lokaler Natur für sich zu reklamieren, obzwar sie einzig und allein den Bemühungen des Tarnopoler Gemeinderates zuzuschreiben sind. - Natürlich wird auch der anstrengenden (!) Intervention zugunsten der Befreiung der jüdischen Soldaten anlässlich der hohen Feiertage — bekannt durch ihre Wertlosigkeit — Erwähnung getan.- Für all diese Bemühungen und Leistungen erntete Herr Gail eine — geharnischte Antwort. Ach, diese undankbaren Wähler! Anstatt Worte des Dankes und Lobsprüche für die selbstlose Arbeit ihres Vertreters zu suchen und zu finden, bedienen sie sich eines rüden Tones und schleudern ihm die Wohltat ins Gesicht zurück . . . Herr Gail sah wohl was Aehnliches voraus, sonst hätte er nicht den etwas ungewöhnlichen Modus der schriftlichen Berichterstattung gewählt. Spectator. * * * Wiedererschemen des „Fraind“. Petersburg. Der „Fraind“, die bekannte jüdische Tageszeitung, die vor kurzer Zeit gezwungen war, ihr Erscheinen emzustellen, wird seit einigen Tagen wieder ausgegeben. * 4e * Bauernlogik. Petersburg. Der Urheber der in den letzten Tagen viel besprochenen Duma-Interpeilation über das Wohnrecht der Juden, die in einer der letzten S:tzungen eingebracht wurde, war der Bauern- Abgeordnete Andrejtschuk aus dem Gouvernement Wolhynien. Um sich über die Stimmung der Duma zu vergewissern, liess er einen Aufruf zirkulieren. in welchem er ausführt, die lntcrpell.it an sei nicht aus nationalem Hass zustande gekommen, sondern habe rein ökonomische Ursachen. AnJrejtschuk kam nun mit seinem Aufruf und der Bitte um Unterze:chnung der Interpellation auch zu einem anderen Bauern-Abgeordneten namens Kr.opotow aus dem Gouvernement Wjatka (Nor.lc.st- Russland). Zwischen den beiden entspann sich folgendes Gespräch: „Worum handelt es sich bei der Interpellation?“ fragte Kropotow. — „Die Juden sollen sich nicht ausserhalb des Ansiedlungsrayons niederlassen dürfen.“ — „Woher seid Ihr denn?“ — „Aus dem Gouvernement Wohyr.ien.“ — „In eurer Gegend dürfen doch, aber jetzt schon die Juden wohnen?" — „Jawohl.“ — „Nun also, warum beunruhigt ihr euch?“ fragte Kropotow weiter. „Wenn die Juden von euch Weggehen und zu uns kommen, so müsset ihr doch Gott danken, wenn ihr sie los werdet! Lasst sie also gehen und freut euch! Ihr schre:t immeriort. dass die Juden schlecht sind, und jetzt kommt ihr zu uns und bittet uns, man solle sie ja bei euch lassen. Tragt ihr vielleicht Sorge um unser Wohl? Dann seid nur unbekümmert, denn wir haben unsere eigenen „orthodoxen“ Sorgen, die vielleicht viel schlimmer sind als eure „jüdischen“ . . . .“ — Darauf blieb das Wol'rynische Bäuerlein die Antwort schuldig- * * * Jüdische Studentenvereine in England. London. Drei jüdische Studentenvereine an den Universitäten Oxford, Cambridge und Leeds, von denen zwei zionistisch und einer nationaljüdisch ist, erlassen einen Aufruf, der zur Bildung ähnlicher Vereine an den übrigen Universitäten Englands, Irlands und der Kolonien aufiordert. In dem Aufruf heisst es, dass wenig daran liege, mit weicher Tendenz die Vereine begründet würden, sofern sie nur gut jüdisch seien und der verderblichen Assimilationssucht den Kampf erklärten. — Das ist ein erfreuliches Zeichen des Erwachens der englisch-jüdischen Studentenschaft, das unter den jüdischen Studenten der anderen Länder jedenfalls den lebhaftesten Beifall finden wird. * * * „Ha’olam“. Köln. Die bisher in Köln a. Rh. erscheinende hebräische Wochenschrift ..Ha’olam“, die zugleich das hebräische Zentralorgan der zionistischen Bewegung ist, erschemt vom 1. Jänner 1909 ab in Wilna, dem Zentrum der russischen Judenheit. * * * Der Antisemitismus preussischer Behörden. Magdeburg. Ein harter Schlag hat die zahlreichen hier ansässigen g a I i zischen Juden getroffen. Zum grössten Teile verdienen sie mühsam durch Hausieren in der Stadt ihr Brot- Mit einem schweren Kasten auf dem Rücken gehen sie Trepp auf. Trepp ab oder auch von Restaurant zu Restaurant, um einen dürftigen Unterhalt zu gewinnen. Nicht der Mühe und der schlechten Witze oder der barschen Abweisung, die der Jude hören muss, achtend, waren sie zufrieden, wenn sie nur einigermassen sich ernähren konnten. Jetzt hat man ihnen diese einzige Nahrungsquelle genommen. Vor etwa 2—3 Monaten erschien eine Bekanntmachung, dass Ausländer, die in hiesiger Stadt hausieren gehen wollen, einen Wandergewerbeschein haben müssten. Als sie nun darum einkamen, wurde allen dieser Schein verweigert, und zwar mit der Begründung, es liege „kein Bedürfnis zur Zulassung dieses Gewerbebetriebes im diesseitigen Regierungsbezirke“ vor. Manche der Leute sind schon mehr als zehn Jahre hier ansässig: sie sind mtn zum grössten Teile gezwungen, sich nach einer neuen Streiheimat umzusehen. Das Vorgeheln der Behörde ist nicht verständlich: Erst einen Wandergewerbeschein verlangen — und dann keinen Wandergewerbeschein aushändigen! . . . Warum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.