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Jüdische Zeitung · 1908-12-25 · 52 (25.12.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
52 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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'■'< ile 4 7U jüdische <~zeitun& , j Nr. 52 Rundschau. Der ewige Gratulant. Der erheiterndste Typus, den das gesellschaftliche Leben hervorbringt ist der ewige Gratulant Der allbekannte Herr in gesetzteren Jahren, der in keiner Versammlung und bei keinem Tratsch fehlt. Hat ein Redner ausgesprochen, stürzt er auf ihn los, quetscht ihm die Hand und drückt ihm das „grenzenloseste Lob und Entzücken“ aus. Er ist es, welcher in .Vereinsversammlungen regelmässig dem scheidenden Ausschüsse den Dank für die „erspriessliche Tätigkeit" und der neuen Leitung das „vollste Vertrauen in ihre Opierwilligkeit“ verkündet. Er ist das Fettauge auf allen Feiertagssuppen Wo gedankt, gefeiert, getauft, eingeweiht, beschnitten, geheiratet und begraben wird, alleweil ist er dabei. Im übrigen ist er völlig harmlos, ja, in gewissem Sinne ist er pn nützliches Requisit; sein ewig reines Vorhemd; sein stets gebügelter Gehrock und sein immer: feierlich-komisches Gehaben sind kleine Notwendigkeiten des öffentlichen Lebens geworden, sie gehören hinein wie der Spucknapf ins Rauchzimmer. Nur darf man den Guten nicht auf den unrichtigen Platz stellen. Dann kann seine Unbeholfenheit Schaden stiften, zumindest peinlich und unangenehm werden. — Die Juden des Wiener Kaivierteis haben sich einer solchen Deplazierung schuldig gemacht, indem sie den Hofrat Kura n d a zu ihrem Reichsratsabgeordneten wählten. Einerseits zu unentschlossen, mit der berüchtigten deutschliberalen Politik endgültig zu brechen und einen gut Jüdisch fühlenden Mann ins Parlament zu entsenden, anderseits denn doch zu gewitzigt, um einen getauften Streber oder Paradearier zu wählen, glaubten sie gut zu tun, einen Farblosen aus den gutsituierten Schichten, einen Menschen von unbemakeltem privaten Vorleben und ohne jede politische Vergangenheit zu ihrem Repräsentanten zu machen, den ' besagten Hofrat Kuranda. Dem Herrn konnte keine grossere Unannehmlichkeit widerfahren, als über Nacht und hinterrücks zum Voiikstribunen gepresst zu werden. Seine Neigungen und Talente haben ihn gewiss nicht auf einen solchen Platz verwiesen. Dass er sich in seiner rührenden Unbeholfenheit zum deutsch-fortschrittlichen Programm bekannte, ist nicht verwunderlich. Gibt es doch kein anderes, welches bequemer wäre, welches massigere Ansprüche an die Klugheit, an das Selbstbewusstsein und den Charakter seiner Bekenner stellte. Dass er diesem Programme auch treu blieb, als ihm die Deutschfortschrittler die Türe gewiesen hatten, ist auch begreiflich. Hinausgewonen werden und ruhig weiter dienen, das ist ia bei den jüdischen Assimrianten heilige Tradition. Kuranda blieb also deutschnationaler Politiker. Durch kräftige „Heils“, radikalnationale Zwischenrufe, höchst energsche antislawische Anträgen und Interpellationen und gesinnungstreues Beklatschen der Raden aller deutschen Radauantisemiten hat er die Interessen seiner Wähler, der Kaijuden, in ganz unglaublichem Masse gefördert- Das.w’ar seine politische Arbeit. Aber von der Arbeit allein kann der Mensch nicht leben, er will aucii sein Vergnügen haben, und auch der Kuranda will sein Vergnügen haben. Tatsächlich hat er’s gefunden und ist in seinen Mussestunden der privilegierte Händedrücker und Gratulant des österreichischen Parlamentes geworden. Immer bietet sich dem Beschauer das gleiche Bild: Kaum hat ein Redner geendigt, so stürzt Kuranda auf dessen Pfoten los, drückt und herzt und quetscht sie und gratuliert. In solchen Momenten der echte Kuranda, der ewige Gratulant, der einem Naturtrieb gehorcht! Er schüttelt die Hände von Rechts’.ern und Linkslern, von Pfaffen und Bauern, von allem, was da im Parlamente kreucht und fleucht. Nun hat er sich unlängst etwas blamiert. Er hat den famosen Deutschfortschrittler Dr. P e r g e 11 zu einer Rede gratuliert, deren Hauptinhalt die Erklärung wrar. dass Herr Dr. Pergelt auf die Mithilfe der Juden, also auf Herrn Kuranda und Genossen, pfeift und sie mit Vergnügen dm Gegnern überliesse! Wie man sich irren kann! Herr Kuranda hat das Schweiferl eingezogen. Aber Herr Kuranda ist unverantwortlich, er ist einfach ein Opfer seiner harmlosen, vergewaltigten Gratulautennatur geworden und gegen die Natur kann man mchts tun. Die eigentlich Blamierten sind seine Wähler. Die deutschliberale Frechheit trifft einzig und allein sie. Verschenkt sind sie worden, wie das liebe Vieh! Zum Danke für ihre einfach wahnwitzige Hingebung an das deutsche Volk, für die unendlichen Mühen und Opfer, welche s:e dieser lenden’ahmen deutschen Fortschrittspartei durch Jahrzehnte dargebracht haben. Der Vorfall wird manchen jüdischen „Liberalen“ zur Raison bringen und vielleicht entsendet der Wiener Kai das nächste Mal statt des Gratulanten einen jüdischen Mann ins Parlament! Sonderbare Heilige. Den: Sammelpunkt und- .die Vereinigung aller streng- und rechtgläubigen Juden Wiens bildet die sogenannte „Schiifschül“. Insbesondere die Zionisten Wiens hatten zu wiederholten Malen Gelegenheit, den unerbittlichen Eifer der frommen Herren am eigenen Leibe zu verspüren. Sie wurden als Ketzer und Umstürzler, als Feinde des „wahren“ Judentums oft und ganz erbärmlich verdonnert, weil sie Sohweinefleischesser und Leute, die am Sabbat rauchen, in ihrer Mitte haben. Ein kleiner Vorfall der letzten Tage gibt eine Vorstellung davon, wie der Geist des einzigen, „unverfälschten“ Judentums in der „Scliiffschul“ gepflegt wird. Der Verein veranstaltete einen Kaiserjubiläumsgottesdienst und lud zu dieser echt jüdischen frommen Kundgebung den Bürgermeister Dr. Lueger ein. Dr- Lueger sandte als Vertreter einen getauften Be z i r k s v e r t r e t e r! Jetzt bleibt die Frage offen: Was ist „koscherer“? Schweinefleisch oder der blutige Oberantisemit, der Organisator der Judenverfolger in Oesterreich? Die Sabbatzigarre oder der getaufte Jude? Böswillige Leute behaupten, dass die pedantische Beobachtung der kleinlichsten und verzwicktesten rituellen Vorschrift, gepaart mit Demut vor den ärgsten Feinden des Judentums, ganz verflucht an heuchlerisches Muckertum erinnert. Aber wir sind nicht böswillig. So fromme und heiligen Wissens volle Herren können jedenfalls besser beurteilen, worin das „wahre“ Judentum besteht und wie sich „echte“ Juden zu benehmen haben. Galizischer Brief. (Von unserem Korrespondenten.) (Jubiläumsschmerzen. — Jubiläumssclrwindel. — Geständnisse einer schönen Seele.) Schmerzbewegt müssen wir es registrieren. Nicht alle knopflochkranken galizischen Moschkos sind geheilt worden. Der Jubiläumsordensregen ist heuer nicht nur spärlich gewesen, sondern ist auch ausschliesslich auf die „westlichen“ Israeliten niedergefallen. Alle Wahlmacher, Propinationspächter und Kultusvorstände sind sehr enttäuscht. Geduckt hatten sie sich und gebettelt und die Bezirkshauptleute versprachen, sie vorzuschlagen. In Stanislau zum Beispiel erwarteten 27 bangende Israeliten den 2. Dezember, schafften sich natürlich neue Röcke an (mit einem Ordensschlitz) und hatten — das Nachsehen. Denn keiner von ihnen bekam einen Orden, ja nicht einmal den Titel eines „kaiserlichen Ezesgebers“. Hingegen erinnerte sich die hohe Regierung an den verdienstvollen Rabbiner Horowitz und zeichnete ihn aus. Schade, dass besagter Rabbiner schon einige Jahre im Grabe ruht. Er hätte sich über die kaiserliche Auszeichnung gewiss gefreut. * *. * Anlässlich des kaiserlichen Jubiläums wurde in Galizien stark in Patriotismus gemacht. Doch bewegten sich ausnahmsweise die patriotischen Exzesse innerhalb vernünftiger Grenzen. Man ehrte den Willen unseres lebensweisen Kaisers und sammelte für das Kind. Natürlich spendete jeder, ohne Unterschied der Konfession. Ein Komitee war rasch zur Hand, organisierte unter frommen Augenaufschlagen „die wohltätigen für die armen Kinder aller Konfessionen bestimmte Sammlungen“ und macht eich ein starkes Vorherrschen des jüdischen Elementes sofort geltend. Und wenn uns dieses Treiben der Strasse noch an manche jüdische Stadt im „Golus“ gemahnen mag, so atmen doch die Menschen, obwohl gleichfalls erst gestern aus dem Golus gekommen, etwas von dem neuen Hauch des alten Landes. Ist es nur unsere Vorstellung, die auch diese wohl vertrauten Gestalten uns aufrechter, freier, in dieser Atmosphäre anders erscheinen lässt? Oder ist es diese Vor-' Stellung, die diese Palästinenser von gestern wirklich allmählich zu dem macht, was wir wünschen? Wer aber hat auch schon anderswo die palästinensischen Judengestalten gesehen, in voller Echtheit vielleicht auch nur vereinzelt, diese Einzelnen aber ganze, treue Zukunftstypen? In Jaffa kann man zuerst alle diese Typen beisammen sehen, auf der Strasse, die im Oriente lauter und lebhafter als anderswo, fast könnte man sagen: der normale Aufenthaltsort ist. oder in den überaus gastlichen Häusern. Da trifft man manche gute jüdische Familie, die, ohne viel Diskussion und Politik, einfach wirklich hierher gekommen ist. Auf der Strasse begegnet man einem Trupp jüdischer Arbeiter, die aus einer der Kolonien hierhergekommen, um mit ihren Freunden hier den Sabbat zu verbringen, oder einem sonnengebräunten Kolonisten, oder einer Gruppe junger Leute mit hellen Beduinentüchern, Jünglingen und Mädchen, die sich in leichtffiessendem Hebräisch unterhalten. Und man. hört ganz junge Kinder, die nicht mehr wissen, dass sie in einer „toten“ Sprache sprechen. Die alte Sprache klingt wieder, leicht, lebendig, alltäglich und doch auch dem Ernste des Lebens sich.verwebend. Und wer hier hebräisch sprechen gehört hat, zweifelt kaum mehr an der Fortentwicklung des Hebräischen. Das drängt sich alles in den ersten Minuten, Tagen und Wochen zusammen. Der Klang neuer Sprache, die Luft neuer Dinge umgibt einem. Und allmählich will man in die Fragen des Lebens eindringen, in die kleinen Anfangsfragen, aus denen sich doch die grossen Formen des Lebens aufbauen. Und auch hier lernt man die Vielfältigkeit der Interessen' kennen, doch durchdrungen von einer Spur gleichen Wollens, viele Wege, die doch nebeneinander gehen. Allerdings auch hier manches noch unbewusst, sogar verfehlt oder überflüssig. Doch die Kritik kann in diesen Tagen noch nicht reif sein, wenn der Gesamteindruck wahrer ist als die kleinen, einzelnen Wirklichkeiten. Und wenn sie auch hier zu diskutieren beginnen, manchmal einander missverstehen oder den Standpunkt der vorübergehenden Situation in bezug auf ganze Enlwicklungsfragen geltend machen, dann sucht man gerne noch die grossen Farben, die einem umgeben, die immer gleichen oder in gleichem Atem wiederkehren, den Erscheinungen der ungewohnten Natur: man wandert zu den prächtigen Örangengärten oder in die Nähe der stolzen Palmen, man geniesst die Pracht des nächtlichen Himmels, der hier so wunderbar herniedertaucht, oder man sucht den Strand des tausendfarbigen Meeres mit seiner ewigen Melodie. Allerlei. Die Juden in Dänemark haben in diesen Tagen den 250jährigen Gedenktag ihres Niederlassungsrechtes gefeiert. Christian IV., der zwei jüdische Leibärzte hatte, lud schon 1622 die Amsterdamer Juden nach Holstein e n, während im eigentlichen Dänemark Juden erst nach 1660 ersch.enen. Friedrich III., der erst nicht besonders freundlich gesinnt -war. gestattete aus Portuza! stammenden Juden schliesslich, im Lande umherzure sen und Handel zu. treiben. Cent:cl.cn Juden wurde dagegen noch unter Christ an V. die Einwanderung verwehrt, was vielleicht noch we terhii auf die geringe Vermehrung dänischer Juden Einfluss hatte, denn ihre Gesamtzahl beträgt nach ant semitischen Quellen heutigentags nur 2500 — set 250 Jahren! Und trotz d eser geringen Zahl haben sie auf das geistige und wirtschaftliche Leben Dänemarks einen grossen und it clit unvortelhaften Einfluss ausgeübt. Eine Namensstat stik. in Warschau gibt es nach dem „Haint" nicht wen ger als 5000 Juden, die Kohn Hessen, abgesehen von den 1600 Juden, dieauf den Namen Kahn hören. An zweite Stelle kommt Schapiro mit' 4500 Inhabern. Friedmann, Goldberg und Rosenberg haben je 3000 Träger. 2500 Mann heissen Bernstein, Silberberg und Rubnsteln, 2000 Goldstein, Levin, Sehne der-und Steinb.erg, l’

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