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Jüdische Zeitung · 1908-12-18 · 51 (18.12.1908) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 51 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 meine ich, klar und deutlich gezeigt. Wenn man einmal mit.dem Bedrängen, mit der Drangsalierung der Minoritäten bei den Juden angefangen hat, dann hört man bei den Juden nicht auf. Ich habe von' den Vergewaltigungen gesprochen- und sage, dass, wenn man erst einmal bei den Juden angerangen hat, man bei ihnen nicht aufhört. Als einzelne Studenten, d e aus den Vorlesungen kariien, überfallen und geschlagen wurden, als man in'wirklich'unwürdiger Weise den akademischen Boden entweihte . . . (Abgeordneter Eduard v. Straiisky: Die Juden haben überfallen!) Nein, die Herren sitzen ja im Lahdesgericht! "(Abgeordneter Eduard v. S t r a n s k y: Die frechen 'Juden!) Schämen Sie sich doch, so der Wahrheit ins Gesicht zu schlagen. (Abgeordneter Eduard v. St raus ky: Im Cafe „Marieuhriicke" haben die jüdischeil Studenten überfallen!) Ich werde später Gelegenhe t haben. Ihnen darauf zu antworten. Herr v. Stransky. (Abgeordneter Eduard von Stransky: Wir können das jeden Augenblick 'beweisen!) Ich kann -es Ihnen beweisen mit den Herren Ihrer Partei, die im Landesgericht sitzen, damit kann ich Ihnen beweisen, wer überfallen hat. Da hat man s'cli hinter dem Schlagwort verschanzt — als ob es für ein derartiges Vorgehen überhaupt eine Rechtfertigung geben könnte —, man sei gezwungen, den deutschen Charakter der Wiener Universität zu wahren. Meine Herren! Gestatten Sie mir, dass ich auf dieses Problem, das doch von e'ner solchen Wichtigkeit ist und so viel Aufregung hervorgerufen hat, ein wenig eingehe. Der deutsche Charakter der Wiener Universität! Das kann -- und ich glaube, darin werden S.e mir alle zusthnmen — unmöglich bedeuten, dass die Universität Alleinbesitz irgendeiner politischen Partei sei, die zufällig erklärt, sie habe einzig und allein das Deutschtum gepachtet. Denn dann werden die Herren heute erklären, an der Wiener Universität dürfe als Lehrer und Hörer nur derjen ge sein, der etwa bis ins sechste Glied seine deutscharische Abstammung nachweisen kann, morgen werden die Herren erklären, an der Universität sei nur derjenige existenzberechtigt, der auf dem Boden der Waidhofener Beschlüsse steht und so cum Gracie in ' nfinitum. Ich glaube, das ist von vornherein eine Absurdität. Eine Universität ist ihrem ganzen Wesen nach nicht politischer, sondern kultureller ßestz und die Kriterien ihres Wesens können einzig und allein in kulturellen Momenten gefunden werden. Wenn man sich also auf den Standpunkt stellt, deutscher Charakter der Wiener- Universität, so kann das nur soviel bedeuten, dass die Universität eine Hochschule in t deutscher Unterrichtssprache, ein Besitztum der deutschen Kultur sei. an welcher die Wissenschaft in der bei der Allgemeinheit der deutschen Gelehrten üblichen Weise vorgetragen und tradiert wird. Und nun trage ich Sie, meine Herren: Ja, um Gotteswillen, wer hat denn das jemals in Frage gestellt? Ueberlegen Sie sich doch, wenn man erst diese Definition anerkennt, ist die naturgemässe Konsequenz, dass der Charakter einer Hochschule im wesentlichen nicht von der Hörerschaft abhängig ist. Ich glaube, man muss im Gegenteil sagen, dass derjenige, dem es wirklich und ernsthaft um d e Ausbreitung der deutschen Kultur zu tun ist, danach streben muss, dass recht viele nichtdeutsche Hörer diese Hochschule besuchen, weil sie ja dann in den Bannkreis der deutschen Kultur kommen und das deutsche Wesen weitertragen. Wer das tut, würde damit für das Deutschtum viel mehr leisten, als wenn er 12 Glas Bier trinkt, ein paar Juden und Italienern den Schädel evnschlägt und dazu die „Wacht am Rhein“ singt. Das, meine Herren, hat man hier getan. Man hat die nichtdeutschen Studenten überfallen und brutalisert, man hat uns erklärt, wir seien Fremdlinge an dieser Universität. Nen und tausendmal nein, wir sind keine Fremdlinge an dieser Universität! Wir sind hier ebenso vollberechtigt wie alle anderen. Aber selbst wenn —• ich lehne es ausdrücklich ab — man sich auf den Standpunkt stellen würde, wir seien Fremdlinge, haben Sie denn vergessen, dass mit diesem Ue-berfall das grösste Verbrechen begangen wurde, für das die Antike gar keine Sühne kennt, dass in Wien das Gastrecht in der niederträchtigsten Weise verletzt und beleidigt wurde. loh lehne es, wie gesagt, ab, mich auf diesen Standpunkt zu stellen. Die Wiener Universität ist noch eine österreichische Hochschule, sie ist Allgemeinbesitz der Völker Oesterreichs und alles das, was die grossen Geister, die besten der Völker für diese Hochschule geleistet haben, was ein Jagic. Mussaffia, Stricker. Neusser, Rokytanski, Albert, Skoda getan haben, das hat uns alien nichtdeutschen Völkern das Bürgierrecht an der Wiener Universität verliehen. Durch gemeinsame Arbeit ist sie das geworden, was sie heute ist. Sie können das heute nicht mehr auslöschen und Sie mögen vom Fnemdlingtum sprechen so viel Sie immer wollen, die geistige Arbeit, die wir geschaffen und geleistet haben, gibt uns das Bürgerrecht und gegen diese geistige Kraft werden noch so gewaltige und noch so rohe Fäuste nichts auszurichten vermögen. Wir schätzen das Wesen der Wissenschaft und Kultur viel zu hoch als dass wir um irgendwelchen Brutalitäten willen das Anrecht aut Kultur und Wissen preisgeben würden. (Zwischenrufe.) Von diesem akademischen Soden werden wir uns durch keine Brutalitäten und durch keine noch so famosen Waidhofner Beschlüsse vertreiben lassen. (Abgeordneter v. Stransky: Die Waidhofner Beschlüsse bleiben aufrecht!) Ich werde gleich darüber sprechen. Es ist Ihnen ja bekannt, dass durch diese Waidhofner Beschlüsse uns Juden einfach in Bausch und Bogen die Ehre abgesprochen wird. Wir werden einfach für ehrlos erklärt. Iclv möchte Sie nicht darüber in Zweifel lassen,' dass ich mich über den Begriff der Ehre, die uns durch,die-Waidhofner Beschlüsse abgesprochen wird,; gar keinen Illusionen hingeben, dass ich ihren Wert Vollständig einzuschätzen we ss und mich dabei auf den Boden Schopenhauers stelle. Danach besteht-das; Wesen dieser Ehre, die uns diese-Waidhofner.,’Herren absprechen. nicht darin, was ein anderer von denv einen denkt, sondern nur darin, was er von ihm’ sagt. Es kann also einer den anderen ' für den grössten Lumpen und Gauner halten, es kann djes de allgemeine Meinung, die communis.opinio sein, solange er es nicht sagt, solange ist der betreffende ein Ehrenmann. Zweitens besteht das Wesen dieser Ehre nicht darin, was einer tut. sonderm darin, was einer leidet. Es ist also nach dem Begriff der-Ehre, die uns die Waidhofner Herren absprechen, ganz gleichgültig, ob einer als Wohltäter der Menschheit das Diphtherieserum ermüden hat, oder' ob er. silberne Löffel stiehlt, ‘das istganzegal.--'aber \veim ein anderer sich besäuft und in der Besofienheit den Wohltäter der Menschhe t schlägt., dann 7hat dieser Wohltäter der Menschheit die Ehre verlören. Drittens besteht das -Wesen dieser Ehre,; die Uns Herr v. Stransky abspricht, -darin-, dass einer schimpft. Denn wir im bürgerlichen lieben glauben allerd ngs. dass einer, der sclnmpftn und randaliert, ein ordinärer Mensch ist. Nach diesem Ehrbegriff, der uns abgesprochen wird,- wäre der, der schimpft und randaliert der Ehrenmann. Ein viertes Kriterium liat d ese Ehre, die-uns Herr von Stransky abspricht: sse kann jederzeit repariert, auf deii Glanz neu hergerichtet werdeneinfach durch das Blut, durch das Duell. Wenn also einer den anderen, der. sagen wir, ein Wohltäter der- Menschheit ist, in der Besofienheit beschimpft, wenn er ihn schlägt und wenn er ihm dafür dann noch ein paar Zoll Eisen in den Leib stösst oder eine blaue Bohne auis Fell brennt, wenn der be-, treffende dann stirbt, dann ist die Ehre des Toten wieder hergestellt. Also, meine Herren, ich gestehe Ihnen ganz offen: Wir sind viel zu stolz, als dass wir-glauben würden, unsere Ehre balanciere aui der Spitze eines Schwertes. Darüber sind wir uns vollständig klar! Aber was uns an der Sache so tief verletzt, was' wir so n edrig und niederträchtig linden, ist der darin gelegene anur.us injuriandi, das Verlangen — mit einem Worte — ein ganzes Volk zu beschimpfen und zu verhöhnen, und zwar nur aus dem einzigen Grunde, um die eigene Feigheit damit zu decken, weil man es rfcht wagt, sich vor die jüdische Klinge zu stellen. (Gelächter.) Ja, meine Herren, solange die Juden nicht fechten konnten, gab es keine Waidhofner Beschlüsse. Mit dem Momente, wo wir Juden den Säbel geführt haben, da wir ihnen über den ungewaschenen Mund gefahren sind, da haben sie auf einmal entdeckt, dass d-'e Juden ehrlos seien. Und doch, wahrhaftig! Es gehört kein so besonderer Mut dazu, sich vor eine Klinge zu stellen! Denn schliesslich und endlich! Was ist das schlimmste — ich b n genügend oft selbst mit dem Säbel in der Hand da gestanden — was passieren kann? — Ein paar Schmisse ins Gesicht! Und daran stirbt man nicht! Aber, meine Herren, wir Juden dürfen uns leider den Luxus nicht erlauben, uns auf diesen Standpunkt zu steilen. Wir mögen das Duell noch so sehr verdammen und ablehuen, wenn der Jude es wagt, aus wirklich tiefster Ueberzeugung sich gegen das Duell zu erklären, dann wird ihm ja sofort vorgeworfen, er sei feige. Darum können wir nur die letzten sein, die gegen das Duell auftreten. Wie gesagt, es gehört gar kein besonderer Mut dazu, sich vor die Klinge zu stellen, viel mehr Mut gehört dazu, sich hier in W en als armer Student, als Jude oder überhaupt als Nichtdeutscher zu deklarieren. Denn, sehen Sie. meine Herren, auf dieses Bekenntnis haben die allmächtigen Herren der Universität, die sich so stolz auf die Kulturträger hinausspielen. die Hungerstraie gestellt. Da gbt es in Wien eine Institution, die mensa academica. Zu dieser mensa academica tragen, wie wir statistisch nachgewiesen haben, die Juden über 50 Prozent sämtlicher Beiträge bei. Und da kommt der arme Student nach Wien. Seine Angehörigen, seine Eltern, für die er die letzte Hoffnung ist. denen er das bisschen Lieht und Freude in ihr Leben bringen soll, das sie ihr ganzes Leben lang entbehrt haben, sparen sich vielleicht die letzten Bissen vom Munde ab. um dem Sohne das Studium in der Hauptstadt möglich zu machen. Er wird ihnen ja einstmals, wenn er zu Rang und Ehren emporgestiegen, das alles vergelten! Nun kommt er her und nun wird ängstlich Heller zu Heller gelegt, um diese 24 kr. liir ein Mittagmahl zusammenzubringen! (Zwischenrufe.) Aber, meine Herren, so glücklich sind nicht alle: es gibt so und so viele, die sich nur mit einer Suppe und einem Gemüse begnügen müssen. Aber was tut’s? Es ist doch wenigstens ein warmer Bissen, die einzige warme Mahlzeit vielleicht, die der Arme im Tag hat. Und so eilt er in Frost und Kälte, im dünnen Röcklein. mit der Mensamarke hin unter die Arkaden. Er kommt hin und findet die Laden heruntergelassen. Die Herren Kulturträger stehen davor und lassen niemand ein (Zwischenrufe) und erklären: Du musst hungern und wärest du auch zum Verhungern 1 Meine Herren 1.-Ich schäme mich, dass so etwas im XX. Jahrhundert möglich ist. Es ist beschämend für uns und unsere Kultur. (Zwischenrufe) und ich erschrecke hei dem Gedanken, dass vielleicht einmal eine zukiinit.ge Zeit unsere heutige Epoche nach derartigen-barbarischen Aeusserungen beurteilen - könnte. (Lebhafter Beifall und' Händeklatschen,)' Wenn man erst einmal so weit gekommen ist, wenn man den Menschen, den hungernden. frierenden Menschen, vom gedeckten Tische davonjagt, dann st an Ihnen das Wort Grillparzers zur Wahrheit geworden: Durch Natonalität zur Bestialität! (Zustimmung.) Und hier spreche ich nicht mehr im Namen der Juden, ich habe dazu keinen Auitrag, da. hört sich jeder Unterschied auf. denn wenn es etwas gibt, was international ist. so ist es der Hunger. Ja. die Herren, die mit gefülltem Bauch dastehen.-, haben es leicht, die Armen davon zu jagen. Was wissen Sie! (Zwschenruie des Abgeordneten v. Stransky.) Schämen Sie sich! Das eine sage ich Ihnen, Herr v. Stransky: Wenn es jemals e:ne jüdische Mensa geben wird, diese Barbarei wird bei uns nicht Vorkommen, dass wir eihen Hungernden davonjagen (Beifall); dessen sind nur Sie fähig. Verzeihen Sie. meine Herren, meine Erregung. Facit indignatio versum! Wer über gewisse Erscheinungen der Barbarei sieh nicht auiregen kann, hat das Recht, sich einen Kulturmenschen nennen zu dürren. überhaupt verwirkt. Und oft. meine Herren, steigen Zweifel in mir auf, ob diese vielgepriesene Kultur, der so hochgeieierte Fortschritt, aut den wir so stolz sind, wirklich einen so grossen Realwert hat und oh angesichts solcher Erscheinungen! nicht vielleicht jener geistreiche Franzose recht behält, der da sagt: „Nicht die Formen der Kultur, sondern nur die Formen der Unkultur wechseln, sie selbst bleibt aber immer die gleiche.“ Und doch auf der anderen Seite, me ne Herren, müssen wir angesichts der Tatsache, dass die Herren mit ihren Anschauungen vereinsamt geblieben sind, wieder Zutrauen lassen. Noch gibt es auf allen Bänken dieses Hauses Männer, die in gleicher Weise für Kultur und Fortschritt eintreten und die Barbarei verdammen. Die Auigahe ist nur — diese Männer zu finden oder vielte cht besser gesagt: die Aufgabe ist es. dass sich diese Männer finden, dass sie über alle trennenden Grenzen der Nation. Rasse und Konfession hinweg sich die Hände reichen zur gemeinsamen Arbeit damit dieses Haus werde, was es in Wirklichkeit sein soll, nicht bloss ein Haus der Völker Oesterreichs. Ich habe gesprochen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) * * . * Abgeordneter Stand interpellierte am 10. Dezember den Ministerpräsidenten in Angelegenheit der unsittlichen Zustände in der Spitalgasse in Lemberg- Trotzdem sich in -dieser Strasse drei jüdische Bethäuser, eine jüdische Mädchenschule, ein jüdisches Spital und der alte jüdische Friedhof befinden und ausserdem alle jüdischen Leiehenzüge diese Gasse passieren, duldet dort die Lemberger Polizei Freudenhäuser wie auch die Prostituiertenpromenade. Auch Vorstellungen bei den galizischen Behörden sind bis nun erfolglos geblieben. * * * Wien. Der Reichsratsabgeordnete Adoli Stand sprach am Samstag den 12. ds. in einer grossen Versammlung n B r ii n n. Am 22. d. wird er anlässlich einer Makkabüerteier in Jaroslau sprechen. Ende Dezember wird er in seinem Wahlkreise Brody den Rechenschaftsbericht Uber seine parlamentarische Tätigkeit erstatten. Am 7. Jänner wird er an einem Abend in Tarnopol teilnehmen. Hernach wird er sich nach Czernowitz begeben, um bei der Einweihung des jüdischen Nationalhauses anwesend zu sein. Jüdische Bauern in Russland. (Von einem Christen.) Was die Juden vor den meisten anderen Völkern auszeichnet und ihnen ein gewisses Uebergewicht über ihre Wirtsvölker verleiht, das ist neben ihrer intellektuellen Begabung ihr Fleiss, ihre vielseitige Anpassungsfähigkeit und ihre Elastizität in Wechselfällen. Der Jude lässt nicht gleich den Mut sinken, wenn er mit einer Unternehmung Schiffbruch leidet; er beginnt unverzagt und ungebrochen von neuem. Glückt es ihm jedoch in einem Beruf durchaus nicht, so ist er schnell bereit, einen anderen Beruf zu ergreifen. „Er beharrt“, bemerkt A. Kuppln treffend, „nicht auf dem Berufe, den er erlernt oder früher betrieben hat, sondern passt sich den wechselnden Verhältnissen an. In dieser Beziehung ist *) (Anmerkung der Redaktion.) Wir bringen die höchst interessanten Ausführungen eines christlichen Beobachters, ohne uns mit seinen Folgerungen völlig einverstanden zu erklären.

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