Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438167-2438218--0917-2440471- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Serte'6 -HOB IS CHE: ZEITUNG Nr. 51 die es am-3.:-Dezertibcr.bestfliidfeii bat, «eine Existenzbei^chtiguhg er\viesen,"es liat äiier auch klar und deutlich den WilleH der. Völker Oesterreichs gezeigt,“ nur durch sich selbst und durch keinen .§ 14 regiert ,zu' yyerden. Es hat deutlidi gezeigt, dass die Völker Oesterreichs den Willen haben, •ispit uriel offen von dieser Tr.büne zu sprechen und sich nicht.‘zur"bedeutungslosen Dekoration herabdrückeij .zu'lasseij"' hi diesem Sinne haben wir es auch verstandeii, wenn wir uns entschlössen haben, für die Dringlichkeit des Budgets eiizutreten. Wir beabsichtigen ' damit keiner Regierung ein Vertrauensvotum zu geben, sondern unser Vertrauens- Votum^ es giit ddn berufenen und berechtigten Vertretern der. Völker Oesterreichs, unser Vertrauensvotum, wenn nian ein solches darin sehen will, gilt ‘einzig und allein derii Parlamentarismus. (Zustimmung.)' ' Meine Herren! Wenn Sie das Kalendarium unserer Tagungen , seit dem Beginne., betrachten, dann werden, Sie finden, dass dasselbe eigentlich nur. eine von spärlichen Arbeitsperioden unterbrochene lange Reihe von Ferien darstellt. So haben wir erst Jetzt vom 18. Juli bis 3. Dezember 2eit gehabt, unsere schon vorher nicht durch übermässige Arbeit .angestrengten Nerven auszuruhen. Ich will gar nicht untersuchen; ob es nationalökonomisoh und politisch klug Ist,..die Arbeitskraft von über 500 Leuten. brachUegeu zu lassen, die vom Vertrauen der Bevölkerung getragen sind, aber icli glaube, dariii werden wir alle übereinstimmen: es ist die Aufgabe eines jeden Parlaments, und in erster Linie auch des österreichischen, als Ableiter zu dienen. Bei uns in Oesterreich, brodelt und gärt und wallt es immer wie in einem Dampfkessel und da bildet das Parlament ein Ventil. Wenn. Sie nun dieses Ventil zustopfen, wenn Sie dieses Ventil verbinden, können S'e sich wundern, wenn es zu Explosionen kommt? (Zustimmung.) Dieses Haus ist die Tribüne, von der aus die Völker Oesterreichs ihre Wünsche und Forderungen verkünden. Wenn Sie es nun den berufenen Vertretern' der Völker nicht möglich machen, zu sprechen, dann können Sie sich nicht wundern, wenn die Unberufenen zu Worte kommen, die nicht erst darauf warten, bis sie einberufeil. werden. (Beifall.) Und so.haben Sie. durch diese, wenn ich sagen kann, Missachtung des Parlamentarismus selbst zu den anarchischen Zuständen beigetragen, die heraufgekommen sind. Bei dieser Gelegenheit möchte ich meine und me'ner Gesinnungsgenossen Ansicht dahin aussprechen'. Wir bedauern auf das lebhafteste die Prager Vorgänge, wir verdammen unbedingt Jedwede Störung der Ruhe und jedwede Störung der Ordnung, aber wir weisen mit Abscheu den Gedanken von uns, dass heute im XX. Jahrhundert im Herzen Europas Galgen und Mannlöcher der Weisheit letzter Schluss sein seilen. (Lebhafter Beifall.) Es ist geradezu beschämend und wir stehen auf dem Standpunkte, dass, wenn solche Dinge möglich waren, dies nicht eine Schuld der Völker ist, sondern dass dies eine Bankrotterklärung des bisherigen Regierungssystems bedeutet. (Lebhafter Beifall.) Und dies ist auch ein Grund für uns. nebst manchem andern, dass wir, wenn wir auch für die Dringlichkeit des Budgets stimmen wollen, gegen das Meritum desselben stimmen werden. Das mangelnde Rechtsbewusstsein. Wenn Sie sich aber fragen: Wie ist es denn möglich, dass in dem hochzivil sierten Böhmen, mitten im Herzen Europas und der Zivilisation, derartige anarchische Zustände eliireissen konnten, dann seien wir uns darüber klar: Das Siandrecht ist nicht weniger Anarchie als die Strassenherrschaft, es ist eben die Aufhebung der gesetzlichen Ordnung. Wenn wir uns fragen: Wie ist es möglich, dass es zu derartigen Zuständen kommen konnte, dann werden Sie bei genauerem Zusehen, wie ich glaube, einen Grund finden, der scheinbar abseits liegend, mir doch e ner der wichtigsten psychologischen Erreger zu sein scheint: Es ist nämlich die systematische und planmässige Ertötung des Rechtsbewusstseins der Völker, mit dem man natürlich uns Juden gegenüber begann. Meine Herren! Wir Juden, als die geborene Minorität, die nirgends mit der Strasse droht, denen keine äussere Macht als Rückendeckung zur Seite steht, uns gegenüber glaubte man stets. Recht und Gesetz verhöhnen zu dürfen. Die Staatsgrundgesetze, die waren für uns immer nur bedrucktes Papier und was Edikte und Erlässe anlangt, so hat man dieselben 'höchstens gegen uns, nie für uns gekannt. Aber man hat sich verrechnet. Man hat vergessen, dass die Menge, zwar sehr schnell lernt, das Gesetz missachten, dass es aber viel schwerer ist, ihr die Achtung der Gesetze beizubringen und wenn sie das erstere einmal gelernt hat, dass sie dann diese feine Distinktion zwischen Juden und Nichtjuden sehr bald verlert. (Seihr richtig!) Man hat einmal das Prinzip der brutalen und unbedingten Geltung, der Majorität aufgestellt. Wenn einmal die erdrückende Uebermacht vorhanden ist, dann darf diese tun, was sie will. Und die Menge war eigentlich logischer als die Herren, die sie dieses Prinzip lehrten. Die Menge sagte sich: Was wir dieser jüdischen Minorität gegenüber uns täglich unter Anführung der Behörden erlauben dürfen, warum sollten wir uns dies nicht auch einmal einer anderen Minorität gegenüber erlauben dürfen? (So ist es!) Es ist versucht-worden, den nervus iusticiarius uns Juden gegenüber zu lähmen. Das ist glänzend gelungen. Ich muss den Herren hier das Zeugnis ausstellen: nach dieser Richtung hat man sich gar nichts vorzuwerfen. Aber man hat vergessen, dass wenn der nervus iusticiarius erst einmal gelähmt und tot ist, er eben allen gegenüber tot ist und dass die Herren, die als Majorität so gerne bereit sind uns zu brutalisieren und zu drangsalieren, selbst auch Minoritäten haben und dass man gelegentlich dieses Prinzip auch diesen Minor.täten gegenüber ainvenden kann (Sehr richtig!) Allerdings, wenn das dann passiert,' dann werden scheinheilig die Augen verdreht, dann wird über Verrohung der Sitten gejammert und geklagt, wie tief die Kultur gesunken ist. Aber das kann niemanden täuschen. Man muss da an die eigene Brüst schlagen: rriea culpa, mea maxinia culpa! (Lebhafte Zusthmriung.) Ich weiss sehr wohl, dass man dies zu leugnen und in unvergleichlicher Hypokrisie darüber mit schönen Worten hiiiwegzugehen sucht. Aber ist es denn gar so lange her, dass inan uns Juden in Oesterreich damit gedroht hat, man werde mit uns russisch sprechen? Nebenbei gesagt: Wir fürchten uns nicht. Seilte inan es wirklich einmal versuchen, mit den Juden russisch zu sprechen, dann werden die Juden eben versuchen müssen, japanisch zu antworten. (Sehr richtig!) Also das schreckt uns nicht. Aber wenn Sie erst einmal diese; schöne Konversationssprache in Oesterreich eingeführt haben, dann.werden Se sie nicht auf den Verkehr von Nichtjuden und Juden beschränken können. Ebenso wie die Anarchie, so sind die Zustände, über die scheinheilig geklagt wird, nur eine natürl che und naturgemässe Folge, nur die Frucht von einem Giftbaum, den Sie selbst gepflanzt haben. (So ist es!) Bas Budget und die Juden. Rechtsbewusstsein gegenüber den Juden! Schon die blosse Zusammenstelung dieser Worte mutet einen wie ein Hohn an. mau kann es gar nicht fassen, dass jemand auf den Gedanken kommt, diese Worte zusammenzunigen. Ja, Sie brauchen sich eigentlich nur das Budget auf dieses Rechts-. bewusstsejn oder auf die Gle chberechtigung hin anzusehen und Sie werden sehr bald sehen, wie man diese versteht. Der Staat stellt eine stattliche Reihe von Millionen für die Kultbediirfiiisse der verschiedenen Riten und Völker ein. Ich möchte nicht missverstanden werden — man ist so schnell bei der Hand, uns als klerikal zu verschreien. Die Frage, ob der Staat für die Kultbediirfiiisse aus Steuergeldern zu sorgen habe, ist eine ganz andere und sie will ich hier nicht erörtern. Aber ich meine, es ist für mich und, wie ich glaube, für jeden billig und recht Denkenden klar, dass, wenn der Staat aus allgemeinen Steuergeldern für Kultbediirfiiisse sorgt, er die Pflicht hat, ebenso für die jüdischen Bedürfnisse zu sorgen wie für die aller anderen. Und hierfür, meine Herren, sind doppelte Gründe massgebend. Es ist uns so und so oit feierlich erklärt worden, dass der Staat den höchsten Wert auf d e sittlich-religiöse Erziehung der Jugend lege. Nun haben wir bei uns Judengemeinden, die so klein und schwach sind, dass sie ihren Seelsorgern Gehalte zahlen müssen, die kaum ausreicheu, dieselben vor dem Verhungern zu schützen. Und wie soll nun der Mann, der sich tagtäglich dem grauen Elend gegenüber siebt, Liebe und Begeisterung in die Herzen der Jugend pflanzen, wie soll er seine Pflicht freudig erfüllen, wenn er daran denken muss, dass in dem Moment, wo seine Arbeitskraft erlahmt, er und die Seinen der allgemeinen Mildtätigkeit preisgegebeii s'nd? Und doch, meine Herren, ist das nur die eine und die kleinere Seite der Frage. Die jüdischen Gemeinden sind näml ch heute weit über den Rahmen dessen, was ihnen durch das Gesetz vom Jahre 1890 zugewiesen wird, hinausgewadhsen, mit einem. Wort, sie müssen vikarlerend überall dort eintreten, wo der Staat uns Juden gegenüber versagt, bei Waisen- und Krankenhäusern, Siechenanstalten und allen jenen sozialen Fürsorgeeitirichtuiigeii. bei denen wir Juden natürlich stets als Stiefkinder erscheinen. Wir können ruhig sagen, dass wir gerne und freudig diese Pflichten übernommen haben. Meine Kollegen und ich wissen davon ein Lied zu singen, wie wöchentlich, ja fast täglich die Aermsten der Armen, die nach Heine au drei grossen Uebeln: Armut, Krankheit und Judentum leiden, zu uns kommen, nachdem sie von Tür zu Tür gewandelt sind und s'e überall verschlossen gefunden haben, wie sie nirgends ein Plätzchen finden, wo sie ihren leidengequälten Leib hinlegen und nicht e nmal das primitive Recht des Menschen auf Heilung finden. Hier müssen unsere Kultusgemeinden eintreten. Und da meine ich, meine Herren, es ist, ganz abgesehen von der Frage der Gleichberechtigung, höchste Pilicht des Staates, wenn wir schon e nen Teil dieser Leistungen auf uns genommen haben, auch seinerseits für uns einzutreten. Doch, meine Herren, diese Budgetpost, oder besser gesagt, das Fehlen dieser Budgetpost, ist so recht bezeichnend iür die Auffassung von dem Wesen der Gleichberechtigung uiis gegenüber. Sie werden es, meine Herren, kaum glaublich finden, ja Sie werden, fürchte ich, glauben, dass ich aufschne'de, wenn ich Ihnen sage, dass die oberste Instanz iür die jüdischen Kultusgemeinden, die oberste Instanz für die Entscheidung in.jüdischen Kultangelegenheiten in den Händen eines Nichtjuden gelegen ist. Ich will dem betreffenden Herrn damit gar nicht nahetreten; im GegenteJ, ich anerkenne gern seinen Eiier und seine Unparteil.chkeit. Aber, meine Herren, stellen Sie sich nur die darin gelegene-Verhöhnung vor! '.Fragen Sie sich, ob es enem anderen Kult- .Yerband, einem anderen Volke gegenüber möglich wäre, als, oberste, entscheidende Stelle über seine ■'örgeriste'' Angelegenheit, die - Kultangelegenheiten, einen Angehörigen einer fremden Konfession zu bestimmen. Und das traurigste, meine Herren,' ist, dass wir alle diese Dinge, diese täglichen Rechtsbrüche und Verhöhnungen als etwas Selbstverständliches hinnehmen, dass sich niemand darüber aufregt, dass man gerade im Gegenteil, wenn wir Juden einmal unser Recht verlangen, dies uns als unerhörte Kühnheit auslegt. Antisemitismus in der Armee. Und da ich, meine Herren, von Rechtsbrüchen ' und Verhöhnungen spreche, kommt mir unwillkürlich der Name des Herrn Dr. Uriel auf die Lippen. Herrlich weit hat er es gebracht mit seiner Auffassung von der Rechtsgleichheit und von der Führung des militärärztlichen Korps! Allerdings nur für sich: Denn er Jiat für sich die IV. Rangklasse erobert, wahrscheinlich zur Belohnung dafür, dass er das militärärztkche Korps judenrein machte und, 'dass der Abgang gegenüber dem Sollbestand im militärärztlichen Korps heute die erschreckende Zahl von über 40 Prozent erreicht hat. Meine Herren! Ich brauche nicht weiter auszufiiliren, was das für den Ernstfall bedeutet, welch entsetzliche Gefahr des schon im Zustande des Friedens mit sich bringt. Aber was liegt weiter daran, wenn auch ein paar 'hundert Menschen eventuell des furchtbarsten Todes sterben Was liegt daran, wenn wir hn Frieden unsere Spitäler nicht führen und erhalten Können? Herr Dr. Uriel hat die IV. Rangklasse und die Katz, die Katz ist gerettet. (Abgeordneter Edler, v. Stransky: Gott erhalte' uns noch lange diesen Uriel!) Er gehört schon Ihnen! Sie sind seiner würdig! (Abgeordneter Edler v. Stransky: Oder er bringe uns einen neuen Uriel!) Den Urias haben wir schon hier! Doch, meine Herren, besagter Herr v. Uriel hat noch andere Vorstellungen. Er hat nämlich die Idee, dass der Arzt nicht Arzt, sondern Taktiker sein müsse. Ich wage es nicht zu entscheiden, ob der grosse Esmarch es bei uns in Oesterreich zum Range eines Regimentsarztes gebracht hätte; denn er war nur ein ganz genialer Arzt, aber er war kein Taktiker; ausserdem hat er nemals, soviel ich weiss, das Bestreben gehabt, aus schlechten Juden schlechte Christen zu machen, wie es bei Herrn v. Uriel der -Fall ist Aber die Juden des Ostens und des Westens sind aus ihrem lethargischen Schlafe erwacht, sie s1-nd endlich zu der Erkenntnis gekommen, dass sie mit dem Betteln um Brosamen an fremden Tischen höchstens nur die Agonie verlängern, niemals aber ein freudiges Leben führen können. Diese Juden, d'e der Welt so viel gegeben, die — das sage ich Ihnen, Herr v. Stransky —• -der Welt d'e Kultur, die Gesittung gegeben haben, auf der heute die ganze zivilisierte Menschheit iusst — allerdings scheint es, dass Sie nicht vel von dieser Kultur wissen (Abgeordneter v. Stransky: Den Schwindel und den Wucher!) —, angefangen mit den Aposteln, die ja Juden waren, Herr von Stransky (Abgeordneter v. Stransky: Ich bin kein Klerikaler!) —-, ich glaube, die Apostel werden S’e in ihrer Bedeutung doch anerkennen — diese Juden haben es satt, ‘ immerfort um Toleranz zu betteln, diese verlangen endlich auch ihr Recht. Wir stehen auf dem Standpunkte, dass wir, die wir seit Jahrhunderten auf diesem Boden sitzen, die v.r ehrlich mitgearbeitet haben, dass wir vor allem und einzig und allein das Recht verlangen, hier zu leben und hier zu arbeiten. Und wir verlangen dieses Recht nicht bloss um unserer selbst willen. Das. was wir Juden für d‘.e Kultur und unter den Völkern geleistet haben, das, was wir besonders iür Oesterreich getan haben, das, hat uns mehr als alle papierenen Edikte -das Bürgerrecht in der europäischen Kultur verliehen. Und alles das was geschaffen wurde, können Sie aus dem Kulturbilde n.cht herauslöseii, ohne das ganze Gewebe zu zerstören. Wir werden uns gewiss nicht davon abdrängen lassen, sei es durch irgendwelche Scheinargumente, sei es auch durch Brachialgewalt; wir verlachen diese frechen Reden, die uns zu Fretr dl'ngen auf diesem Boden stempeln wollen. Hier stehen wir und fürchten uns nicht. (Abgeordneter v. Stransky: Leider!) Sie mögen „leider“ sagen, so viel Sie wollen, Ihren Versicherungen glaube ich nur, wenn sie von der Polizze d.ner vertrauenswürdigen Gesellschaft begleitet sind. Meine Herren! Wenn man dann mit Brachialgewalt gegen uns vorgeht und wenn man dann schamrot werden zu müssen fürchtet ob all dessen, was man getan hat, dann greift man zu dem verwirrenden Schlagworte, weiches das Bild trübt, weil man glaubt, dann um so besser im trüben fischen zu können. Die Vorgänge an der Universität. 'Das war auch bei den Vorgängen der Fall, die sich im November dieses Jahres an der hiesigen Universität abgespielt haben. Es liegt mir vollständig ferne, mich als Wortführer der nichtdeutschen Minoritäten in der Studentenschaft aufspielen zii wollen, aber das eine haben diese Vorgänge,