Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Säte 8 Nr. 51 % er zum Beispiel <|em deutschen ßbfisten, der sich sehr schwer zu einem Berufswechsel ep^cUesst, gan? unähnlich untfpur etwa Nordajperikäner zu ffrgleichen, dem plich jeder Heruf recht upd der Beru&we&hsel alltägliches istj‘ Diese Elastizität befähigt gep Juden sich gelbst gpf Gebieten erfolgreicji zu betätigen, che - seiner geistigen Veranlagung ferne liegen oder selbst widersprechen. Infolge seiner grossen geistigen Betulichkeit ^hpfndet der Jude das Bedürfnis, nach Abwechslung und Emotion und iiegt daher Abneigung gegen die Einförmigkeit und Langeweile des landwirtschaftlichen Berufes. Er Iwird Bauer nur da, wo er es Werden musg, d. b. wo der Handel nicht rentabel ist Hat er aber einmal den landwirtschaftlichem Beruf ergriffen, so gewöhnt er sich überraschend schnell an die Führung der zwei Jahrtausende hindurch von jüdischen Händen unberührten Pflugschar und erzielt Resultate, die denen seiner Wirtsvölkef nicht nachstehen, ja diese häufig übertreffen. Hach dem übereinstimmenden Urteile aller Beobachter stehen die jüdischen Ackerbaukojonien in Russland in bezug auf nationalen ergiebigen Betrieb der Landwirtschaftin keiner Hinsicht den christlichrussischen Dörfern nach, welche mit ihnen in demselben Distrikten liegen. Die Kommissäjre der Vereinigten Staaten, Weber und Kerapster, welche im Aufträge ihrer Regierung zu Anfang der Neunzigerjabre Ruse- ~ land bereisten, gaben üb:r die jüdischen < Kolonien ein günstiges Urteil ab und halten ihre Bodenbewirtschaftung für besser als die in den wohlhabendsten clujstlicben Dörfern jener Gegend; und Arnold White, der die Juden in einer grossen Zahl von Kolonien Anfang der Neunzigerjahre besucht hfd,rsagt: ,Die jüdischen Ansiedler bpben prosperiert. Sie. sjnd spnn engebräunt, gute Reiter, nüchterne, fleissige Ackerbauer nnd ebenso geeignet, der Stolz ihres Landes zu werden, als Irgendeine andere Bauerschafi in Europa.“ — Ich fand die Juden in den Kolonien als tätige, unternehmende, sonnenverbrannte, muskulöse Aökerbaubevölkerung, gekennzeichnet durch all die Charakteristika eines hochentwickelten Bauernstandes.“ Nicht weniger günstig lautet das Urteil das M. E. Semzof in seinem erschienenen Buche .Jüdische Bauern“ über die jüdischen Ackerbaukolonien des Gouvernements Jekaterinosslaw abgibt. Nach ihm gibt es im Jekaterinosslawschen Gouvernement 17 jüdische Ansiedlungen mit einer Gesamtbevölkerung von 8293 Seelen, die über ein Areal von 22.824 Des.-jatinen verfügen. Gegründet wurden sie in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Auf Grund eigener Beobachtung und umfassender statistischer Untersuchungen kommt Semzof zu dem Ergebnis, dass die Kolonien in schnellem Emporblühen begriffen seien und sich in ihnen ein Typus echter Bauern berausbilde, der sich in nichts von der übrigen örtlichen bäuerlichen Bevölkerung unterscheidet. Darf man nun aus den .gemachten günstigen Erfahrungen den Schluss ziehen, dass die Juden in absehbarer Zeit sich in grösserem Umfang dem Ackerbau zuwenden werden? Dagegen sprechen zwei Gründe. Erstens drängt das Wirtschaftsleben in Europa immer mehr auf Kosten der Landwirtschaft zu Industrie uud Handel hin, zweitens werden die Juden vermöge ihrer grossen geistigen Beweglichkeit geradezu von Natur auf Handel und Industrie als das znr Ausnutzung ihrer Fähigkeiten geeignetste wirtschaftliche Betätigungsfeld hingewiesen und erzielen in diesen Berufen so augenfällige Erfolge, dass für sie kein wirtschaftlicher Anlass vorliegt, diese Wirtschaftszweige mit einem anderen, weniger ergiebigen, zu vertauschen. Nur soweit die JpDISCHE ZEITUNG ■ d1. V.l jüdischen Ackerbaukolonien nicht lediglich pus iprtschaftiichen, sondern auch aus ipealgp ’Hptiven ins Leben gerufen werden, fst heg^pdete Hoffnung vorhanden, dass s|e hfer'jihre jetzigen kleinen Ansätze hin- |ns^||i|n und zu grösserer Wirksamkeit lap|$^' -jyerden. N. N. Parteinachrichten. Jqperösterreichischer Distriktstag. Spnnfag den 13. dsi fand ein Distrikts tag des Sni^rösterMchischen Distriktes statt. Es waren ahf Vereine vertreten. Die Anzahl der Dgiegiertra’ betrug 30- Um halb 11 Uhr vornjltfegs erpffnete Herr Dr. Egon Zweig als ObjjjgfpstiBjiy'pytreter des abtretenden Distniktskomä- ’igjjk jfiefi ijag. Die dafauifoigende Wahl des Bjjreans prgäb folgendes Resultat: Herr Adoif ijirecpej;Präsident; Dr. Max Jerusalem, Stellvertreter; Dr. Hugo Zuckermann, Schriftführer.,.';r : i; Dri Zweig erstattete hierauf den Rechenschaftsbericht. Er gedachte der veranstalteten Hgrzlrefer.'der Empfangsabende zu Ehren des Prä- Sjdeniejf IjVolffsohn und der Vorbereitung und Pprchfiihfjing der Kultuswahlen, die aus folgenden Gründen,-^in für die Opposition negatives Resultat m-gabejf: '1. hatte der Kultusvorstand von 22.000 Steuerzahlern mehr als die Hälfte aus der Wahl- Hste gestrichen, 2. hatte die offizielle Kultuspartei yerleijiindiingen ausgestreut und eine von Lüge Strotzende eHtzkampagne gegen die Zionisten entfaltet, Si spi leider auch ein Mangel an Parteidiisziplin zu verzeichnen gewesen. Der Ausgang des Wahlkampfejs lässt sich am besten in dem Satze resümieren’: „Wir haben alles verloren, nur unsere Ehre nicht,“ denn wir smd unseren Prinzipien treu geblieben bis zum letzten Augenblicke. An den Rechenschaftsbericht schloss sich eine lebhafte Debatte, Als erster ergriff das Wort Dr. W eise hg rün. Er führte aus: Es seien innerhalb des Wiener Zionismus zwei Strömungen bemerkbar, eine radikale und opportunistische. Der Opportunismus leide an einem inneren Widerspruche. Er sei'nichts als die Anbetung des Erfolges. Die radikale' Richtung, die am Ruder gewesen, habe vorjäiifig keine grossen Erfolge zu verzeichnen. Sie’ sei aber die einzig richtige. Wer politischen Instinkt besitzt, wer die Geschichte der Parteien kennt, muss sich sagen, dass eine junge Partei jeijeij Opportunismus perhorreszieren müsse. Nach ihm sprach Gg. Paul Diamand (Z. V.). ’ Er meinte, dass das abtretende Komitee seiner Pflicht nach keiner Richtung genügt habe. Es hat sich weder um die Agitation in Wien und in der Provipz, noch um die Schekel- und Parteüondssarnmlijng gekümmert- Auch am Organe der Wiener zionistischen Partei, an der „Jüdischen Zeitung“, übte er heftige Kritik. Schliesslich warf er d«m „gegenwärtigen Regime“ Intoleranz vor, da es alle alten und verdienten Parteimitglieder von der Mitarbeit ausschliesse. Gg. Dr. Bernhardt meint, das abtretende D.-K. habe nur sehr wenig Aktivposten zu verzeichnen. Das frühere Regime habe die bürgerlichen Kreise nicht für den Zionismus zu interessieren verstanden. Es sei höchste Zeit, alle z onistischen Kreise zu raillieren. Er schlägt schliesslich die Wahl eines dreigliedr.gen provisorischen Komitees vor. das in einer bestimmten Zeit einen neuen Distriktstag einzuberufen und ihm eine Liste für das D.-Kvorzulegen habe. Gg- Schraorak (Bar-Kochba) rügt besonders den Mangel an Interesse für jüdische Kulturarbeit und rein zionistische Agenden. Er schlägt die Gründung eines Anskunits- und Auswanderungsbureaus für Emigranten nach Palästina und die Trennung des Schekels von der Parte Steuer vor. . Gg. Wald mann (Bar-Kochba) bedauert, dass man den Zionismus nur vom Standpunkte der Tagespolitik betrachte. „Zionismus Ist mehr als Politik“. Auch der sogenannte Radikalismus, der sich vornehmlich! in Worten äussert. spreche ihn nicht an. „Le ton fait la musique.“ Man könne wohl radikal sen. ohne jedoch radau-studentisch zu werden. Die Vereinigung mit den Minjanvereinen bei der Kuituswahl bezeichnet er als „Verwässerung unseres reinfen Weines“. Er tritt schliesslich für die Kulturarbeit ein und zitiert Achad-Haam: ..Der Wiener Zionismus wird jüdisch sein, oder er wird nicht sein.“ Für die Zukunft empfiehlt er e:ne Koalition der radikalen und opportunistischen Richtung. Nachmittag. Die am Vormittag unterbrochene Debatte wurde um 3 Uhr wieder auigenommen. Als erster sprach das Mitglied des abtretenden D-K. Gg- Stöckel (Bar-Kochba)- Er wreist aui die Verhältnisse in Galizien, die den in Wien herrschenden ähnlich s:nd. Man dürfe sonVt nicht den Wiener Zionismus verdammen.. Bloss iünf von den zehn Mitgliedern des Distriktskomitees hätten gearbeitet. Er könne als Mitglied des D.-K. seine Komiteekallegen nicht anklagen, darum schw'eige er. Er wendet sich gegen den Unfug, den alle Parteien mit dem Namen des,toten Dr. Herzl treiben und tadelt das Vorgehen gewisser Zionisten, düe persönliche Politik machen. Gg. Reich (Z. V.) verurteilt den Radikalismus, der auch im Nationalverein Fiasko gemacht habe, auf das schärfste. Er tadelt, dkass sich das D.-K. kerne Mühe gegeben habe, den Streit zwischen „Unitas“ und „Libanonia“ zu schlichten. Schliesslich wendet er sich gegen die Zentrale in Köln, die es an Voraussicht und an Entgegenkommen habe ermangeln lassen. Gg- Dr.. Kadisch sagt, das geltende System sei das der Systemlostgkert. Er erinnert an die wichtigen Ereignisse in der Türkei, an das türkische Parlament, an die Palästinaarbeit, die nur durch das Proletariat geleistet werden ikönne. Zu dieser Frage hat das iD.-K. keine Steilung genommen. Ebenso fänden die Vorgänge am Balkan nicht d/e entsprechende Würdigung. Auch oie mnerpolitSsohen Vorgänge werden nicht genägend berücksichtigt. Er tritt für die Schaffung eines Programmes ein, das die innerpolrtische und zionistische, Arbeit in Oesterreich zu regeln hätte. Gg. Schönhof (Ivria) meint, das System jener Herren, das heute als zu radikal angegriffen wurde, sei ein System der Arbeit gewesen. Diesen Gg. könne man nichts vorwerfen. So oft die Partei sie ruie, kommen sie zur Arbeit. Das D.-Khingegen verdiene keine Anerkennung. Es hätte vollständig versagt- Das Ergebnis der Schekelsammlungen sei beschämend. Die „Libanonia“ gehe das D.-K. nichts an. Er verlangt, dass die Partei keine Studenten politik treibe. Gg- Weiner (Theodor Herzl) kommt mit Vorschlägen für die Zukunft. Er verlangt vom nächsten D.-Kdie Propagierung des Zionismus, Kulturarbeit und Unterstützung aller Institutionen, die sich mit der Erziehung der Jugend befassen. Besonders unterstützungswürdig nnd bedürftig sei die Jugendzeitschrift „Unsere Hoffnung“. Gg. S i t z m a n n wundert sich, dass gerade die jüngeren Delegierten einem schmählichen Opportunismus zuneigen. Er erinnert daran, dass die Radikalen die „Jüdische Zeitung“ begründet und ausgebaut haben. Er schliesst sich dem Vorschläge des Dr. Bernhardt an. aber nur darum, damit man erkenne, dass das „neue Regime“ nichts leisten werde, weil es von falschen Gesichtspunkten ausgeht Gg. Dr. Weisengrün will auch das neue Regime zum Ruder gelangen lassen, doch müsse in der Zukunft der „Radikalismus“ siegen, denn er sei sowohl prinzipiell als auch faktisch das einzig richtige System, wenn er auch jetzt keine augenfälligen Erfolge erzielt habe. Gg. Adolf Böhm .st erstaunt, dass Uber die Tätigkeit des vorletzten D.-K. neuerlich verhandelt w'ird. Die radikale Richtung, die so angegriffen werde, habe eine WiKensbiidung des innerösterreichischen Distriktes geschaffen, dee am Kongress den Sieg davongetragen hat. Im Exekutivkomitee seien alle Richtungen vertreten gewesen. Marmorek habe gegen die Disziplin verstossen und damit den Zionismus, dessen vornehmste Gegenwartsarbeit die Erziehung zur Selbstregierung sei. geschädigt. Er empfiehlt dem nächsten D.-K. alltägliche Arbeit. „Kleinarbeit“, das tue vor allem not. Gg. Schmitz (Theodor Herzl) hält am System des „Radikalismus“, der prinzipientreu sei, fest Dies sei kein Radikalismus, wie er fälschlich genannt wird, sondern das Bestreben, die Prinzipien zu wahren. Er wendet sich gegen das vor- - geschlagene „Uebergangsmiircsterium“. Seine Devise lautet: „Arbeit zu jeder Stunde”- Gg. Stein (Z. V.) warnt vor der Gründung eines Auswandererbureaus, weil man nicht ohne weiters die Verantwortung auf sich nehmen könne, mittel- und berufslose Emigranten in Massen nach Palästina zu dirigieren. Er ist gegen eine Koalition und für ein homogenes D.-K. Gg. Dr. Zuckermann (Theodor Herzi) ist gegen jede Art von Opportunismus. Wenn es uns nicht gelungen sei, das Tor der Kultusgemeinde einzurennen, so liege noch keine Notwendigkeit vor. durch eine Kloake in die Kultusstube einzuschleichen. Gg. Reich (Z. V.) appelliert an die Delegierten, das von Dr. Bernhard vorgeschlagene provisorisohe Komitee zu wählen- Die Debatte war damit zu Ende und der Vorsitzende Dr. Jerusalem brachte die einzelnen Anträge zur Abstimmung. Der Antrag des Gg- Bernhard auf Erteilung des Absolutoriums wurde einstimmig angenommen. Auch sein Znsatzantrag, „dem abtretenden D.-K. wird für seine Arbeit der Dank und Anerkennung ausgesprochen“, fand eine starke Majorität Hingegen wurde das Amendement des Gg. Dr. Zuckermann, wonach ausgesprochen wird, dass das D.-K. „nach den gegebenen Umständen den einzig möglichen Weg eingeschlagen habe“, abgelehnt. Bei der darauiiolgenden Neuwahl wurde der Vorschlag des Gg. Dr. Bernhard angenommen und ein aus drei Mitgliedern, den Gg. Ad. Brecher, Siegfr. Beer und Dr. Jerusalem bestehendes Komitee gewählt, das binnen vier Wochen den Distriktstag einzuberufen und die Wahl des neuen D.-Kvorzunehmen. Um halb 7 Uhr vertagte sich der Distriktstag für den Monat Jänner.