Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 -sich den schäbigsten Satz des christlichsozialen Programmes als Heilmittel. Für die berutenen Behörden liegt jedoch in diesen Privatinteressen kein Entschuldigungsgrund, und man müsste sie wegen ihres Stillschweigens und Ignorierens derartiger Exzesse für die eventuellen Folgen, deren Ansatz in dem Brief der Jakobenyer „Organisation“ so deutlich zutage tritt, verantwortlich machen.“ * * * Antisemitische Wucherhyänen. Czernowitz. Die „Bukowinaei Nachrichten“ veröffentlichen folgenden Auszug aus dem Grundbuch der Stadt Czernowitz: „Auf Grund des Notariatsaktes G.-Zah! Nr. 24.581 über den Schuldschein vom 23. Oktober 1903 wird das Pfandrecht für die Darlehensforderung der Helene Wiedmann im Betrage von 2000 Kronen samt 9 Prozent Zinsen und 9 Prozent Zinseszinsen im Lastenblatte des der Minna Schifter gehörigen Grundbuchskörpers Einl.-Zahl 4028 von Czernowitz einverleibt und die sofortige Vollstreckbarkeit des Notariatsaktes angemerkt.“ Die „Nachrichten“ iiigen hinzu: „Wir iragen nun den Herrn pensionierten Magistratsdirektor Josef Wiedmann an, ob die Frau Helene Wiedmann seine Gattin ist und ob man die Vereinbarung von 9 Prozent Zinsen und 9 Prozent Zinseszinsen bei einer armen Jüdin Wucher nennen kann. Bejahendenfalls richten wir an ihn die weitere Frage, warum er n,:cht den Mut aufbringt, den Wucher unter seiner eigenen Firma zu betrüben, sondern ihn mit dem Namen seiner Frau deckt. Herr Regierungsrat Wiedmann braucht uns diese Frage ircht direkt zu beantworten, sondern kann uns die Antwort hierauf auch in seinem Leiborgane, dem „Bukowinaer Volksblatt“, der Wahrheit gemäss mit Nachdruck betonen, dass es sich im gegebenen Falle um d;e Bewucherung einer Jüdin durch einen christlichsozialen Antisemiten handelt. Der Wucher scheint a’so auch im Leben eines christlichsozialen Häuptlings eine gewisse Rolle zu spielen. Da nun Herr Wiedmann bei sei nem sechsten Gesinnungswechsel sich zum christlichsozialen Programm nur aus moralischer Entrüstung über den in der Bukowina überhand nehmenden Wucher bekannt hat. hle'bt nun abzuwarten. in welcher Weise er als Antikorruptioirist gegen den von Wiedmann betriebenen Wucher im antikorruptiomsEschen christlichsozM'en Organ Sterling nehmen wird. Wir sind davon überzeugt, dass auch Herr Regierungsrat Wiedmann unseren Standpunkt einnehmen wird, dass die Wucherhyänen, ,:n welcher Gestalt immer sie auftreten. das schäbigste Unkraut sind, das mit Stumpf und Stil ausgejätet werden muss.“ Antisemitische Brandstifter in Amerika. Boston- Seit der grossen Brandkatastrophe im April d. J. befindet sich laut Meldung des „Boston Herald“ die Bevölkerung von Chelsea in aufgeregter Stimmung. Erst neulich wieder wütete in dieser verrufenen Vorstadt von Boston ein grosses Feuer, dem Werte von 1 Million Dollar zum Opfer fielen. In allen diesen Fällen waren Juden die Hauptbesch ädig- •ten und in allen Fällen handelt es sich um Brandlegung. Vorige Woche wurde wieder der Versuch gemacht, mehrere grosse Stallungen, die zufällig gleichfalls Juden gehören, in Brand zu stecken. Da die Juden nunmehr sahen, dass die Brandlegungen sich hauptsächlich gegen ihr Eigentum richten und dass die Feuerwehr, so oft es sich um die Rettung jüdischen Gutes Handelt, g e w ö h n 1 i c h „zu f ä 11 i g“ zu spät komm t, organisierten die Juden des bedrohten Viertels eine eigene Feuer-Selbst wehr, welche Tag und Tag in Permanenzdienst ist und durch die Strassen patroulliert. Der jüdischen Feuerwehr gehören angesehene jüdische Persönlichkeiten an, die sowohl durch Beiträge als auch durch aktive Dienstleistung die Organisation fördern. * * * Emigrantenleiden. New York. Das New Yorker „Tagblatt“ veröffentlicht einen von 75 Emigranten unterschriebenen Protest gegen die Behandlung, welche die jüdischen Passagiere auf deutschen Schiffen erfahren. Im Proteste wird die Reise der Emigranten auf dem Schiffe „Friedrich der Grosse“ geschildert. Der Steward des Schiffes gab den Passagieren verfaultes Fleisch, trockenes Brot und verdorbenes Gemüse. Als die Auswanderer gegen die schlechte Beköstigung Klage führten und andere Nahrungsmittel verlangten, versprach die Küchenverwaltung Abhilfe. Nichtsdestoweniger gab man den Juden anstatt des verfaulten Fleisches, dessen Annahme sie verweigertem, faule Bier, die sie ins Meer warfen. Der Steward gab den Juden hierauf nur Brot und Wasser und die Emigranten hungerten tagelang. Auch sonst hatten die Juden viel auszustehen. Freche Schiffsjungen, betrunkene Matrosen und „intelligente“ deutsche Schrfisoffiziere kühlten an ihnen ihr Mütchen- Die Frechheit der Bemannung spottet jeder Beschreibung. Die Verwaltung des Norddeutschen Lloyd lebt von den jüdischen Emigranten und es ist unverzeihlich, dass er solche Zustände auf seinen Schiffen duldet. * * * Gegen die Mädchenhändler, Buenos Aires. Das Organ der argentinischen Zionisten, der in jüdischer Sprache erscheinende „Zionist“, veröffentlicht in seiner letzten Nummer einen Aufruf des „unabhängigen jüdischen Klubs“ ln Argentinien, worin die Juden des Landes zu einem Massenmeeting eingeladen werden. Das Meeting soll gegen die jüdischen Mädchenhändler und gegen das Prostitutionsunwesen in Buenos Aires Stellung nehmen. Von den 3000 Prostituierten des Landes sind 90 Prozent jüdische Mädchen, welche durch Schurken niedrigster Art die sogenannten „Weissrieischhändler“, in das Land gelockt und in Freudenhäusern untergebracht wurden. Der „unabhängige jüdische Klub“ hat sich mit der argentinischen Regierung In Verbindung gesetzt und ihre Hilfe im Kampfe gegen die Mädchenhändler angerufen. Der Klub verlangt Ausnahmsgesetze gegen die Händler. Die Regierung unterstützt die Forderung der Juden nach Kräften. An dem Meeting werden Minister und Parlamentarier teilnehmen. Es ist daher zu erwarten, dass dem Treiben der Unholde, die ihr „Geschäft“ bis nach Russland, Rumänien und Ungarn ausdehnen, ein Ende gesetzt wird. * * * Ein Mendelssohndenkmal. Berlin. Das Denkmal für den Philosophen Moses Mendelssohn, den Freund Lessings, ist in dem Vorgarten der jüdischen Knabenschule in der Grossen Hamburger Strasse aufgestellt worden. Es ist eine Schöpfung des Bildhauers Rud. Markuse und besteht aus einem Sockel aus grünem Dolomit, auf dem sich d:e Bronzebüste des Entschlafenen erhebt. Die Inschrift auf dem Sockel lautet: „Moses Mendelssohn. 1729 bis 1786". Die Büste ist vorläufig noch verhüllt, da die schlichte Einweihung am -L Jänner, dem 122. Todestage Mendelssohns, erfolgen wird. Er ist am 4. Jänner 1786 in dem Hause Spandauerstrasse 68 gestorben. das mit einer darauf bezüglichen Inschrift versehen ist. Begraben liegt er auf dem ältesten israelitischen Kirchhof Berlins, der sich hinter der Schule in der Grossen Hamburger Strasse hinzieht und der das charakteristische Gepräge altjüdischer Friedhöfe zeigt- Einz:g und allein d:e Grabstätte Mendelssohns hat ein modernes Gepräge. ’fc * & Gesinnungsgenosse Dr. Franz Oppenheimer — Privatdozent an der Universität Berlin. Berlin. Unser Gesinnungsgenosse Dr. Franz Oppenheimer, der berühmte Soziologe und Nationalökonom, hat s:ch als Privatdozent für Nationalökonomie an der Universität Berlin habilitiert. Die Zulassung zur Habilitation ist eine ungebührlich lange Zeit vorenthaltene Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen Dr. Oppenheimers- Aus dem Parlamente. Die Budgetrede des Abg. Mahler. Meine Herren! Es ist ene allgemein bekannte und besonders auch, von Künstlern gewürdigte Erkenntnis, dass wir die Erscheinungen der uns umgebenden Welt nicht nach ihrem wirklichep und realen Wert, nicht nach ihrem absoluten Wesen in uns aufnehmen, sondern in erster Linie und fast ausschliesslich nach dem gegenseitigen Verhältnisse, in dem se zu einander stehen, nach ihrem Relativwerte. Nun, meine Herren, das gleiche Gesetz von der Geltung der Relativwerte, es herrscht ebenso, wie in der uns umgebenden Welt in dem Kreise der politischen Erscheinungen und wie es Aufgabe des Künstlers ist, die Relativwerte so gegeneinander abzuwägen, dass sie mit den wirklichen nicht in einen allzu schreienden Gegensatz kommen, so ist es Aufgabe einer harmon sierenden Politik, die Dinge, wie sie erscheinen und wie sie wirklich sind, in das entsprechende Verhältnis zu einander zu setzen- Nirgends v.eJleicht kann man den Wert dieser Tatsache und den Schaden, den die Verkennung dieser Tatsache mit sich bringt, so deutlich erkennen. wie gerade bei uns in Oesterreich. Die grossen und bedeutenden Sachen rücken wir in den H ntergrund, die kleinen und unwichtigen ziehen wir nach vom. Die Sozialversicherung, eyie der grössten Aufgaben, an deren Lösung je ein Staat sich gemacht hat, der Boykott der österre.chischen Waren im Orient der unseren gesamten Aussenhandel und damit den Volkswohlstand in ärgster Weise bedroht, der ständige Rückgang der wirtschaftlichen Verhältnisse, der ganze grosse Industrien zu Arbeitsreduktionen zwingt und dadurch über Tausende und Zehntausende Famil en Not und Kümmernis bringt, alle diese grossen und wichtigen Tatsachen haben wir ganz zurückgeschoben, wir sehen sie kaum. Aber die Frage des deutschen Aktuars beim böhmischen Landesausschuss, die Kappen der Prager Couleurstudenten, die stellen w r in den ersten Plan, die starren wir wie hypnotisiert an und es ist beinahe, als ob diese Prager Couleurkappen unseren ganzen Horizont zudecken würden. Und wenn jemand es wagt, dies oiien zu sagen, wenn er es wagt, daraui hinzuweisen, dass die Notlage der Landwirtschaft, besonders im Osten dieses Reiches, >n Galizien, heute eine geradezu niederschmetternde ist, wenn einer es wagt, auf die — ich möchte sagen - für die Kultur unserer Welt beschämende Tatsache hinzuweisen, dass wir im Osten des Reiches, in Galizien, fast alljährlich rr.it Hungertyphus zu kämpfen haben, dann fürchte icn, würde man einem solchen Manne vielleicht gar Verrat an den höchsten Idealen der Völker Oesterreichs vorwerfen. Und trotzdem wage ich es. mich Ihnen als einen solchen Verräter zu präsentieren; nicht als ob ich die Bedeutung der deutsch-böhm - sehen Frage verkennen würde oder dieselbe bagatellisieren wollte, aber ich und meine Gesinnungsgenossen. w’ir sind uns vollständig klar darüoer. dass wir. wenn Sie für den hochberühmten Aktuar, dessen W chtigkeit w'ir vielleicht selbst in 3 oder 6 Monaten gar nicht mehr verstehen werden, wenn wir für die leidige Couleurkappenirage auch die genialste und alle Teile befriedigendste Lösung finden. damit auch nicht um einen Schritt we ter gekommen wären, denn das alles, meine Herren, sind nur Symptome. Erscheinungsformen einer Krankheit, die viel tiefer liegt. Und selbst wenn Sie den ganzen deutsch-böhm sehen Streit lösen könnten, gibt es nicht bei den anderen Völkern so und so viele Difierenzfragen. d e aus der gleichen Wurzel entspringen, dass d.e Völker um den Platz aui dem ihnen zugewiesenen Orte ringen? Und dann, als die Juden des Ostens, diese v el Geschmähten und viel Verspotteten, die doch an Treue und aufrechtem Mannesmut gar vielen als Beispiel dienen könnten, die sich hier stolz und erhaben dünken, uns als ihre Vertreter hierher sandten, gaben sie uns de Parole mit auf den Weg: Ziehet hinauf und kämpfet mit. Ihr sollt für Freiheit. Recht und Fortschritt mitstreiten, aber ihr sollt nie mithadern. Nie sollt ihr nach Rechten verlangen, sondern immer nur nach dem Rechte und nie euch stellen zwischen zwei Völker, auf dass sie sich finden können. Nur wer tiei in d e Psyche des jüdischen Volkes e.ngidrungen ist, der die ganze Jahrhunderte währende Oual und Tortur des Ghettos mit seiner Lebensunsicherheit und seinem Mangel an äusserem Glücke kennt, vermag zu ermessen, aus welchem Glück- und Friedtnsbedürfnisse heraus diese Worte eingegeben waren, der mag verstehen, w e diese einfachen Leute glaubten, nun. da die Völker direkt und ohne Mittler durch ihre freigewählten Vertreter miteinn der spr.chen könnten, nun müsse doch al e Not ein Ende haben, denn wollten nicht alle, so dachten sie dasselbe, wollten sie nicht dos e ge; e Wohl, erwachsen aus dem Wohle aller. Wenn wir diese Leute so zu uns sprechen hörten, da ward es mir oit. meine Herren, als hörte ich sie unbewusst der Antigone Worte sagen: .-.Nicht mitzuhassen. mitzulieben bn ich da.“ (Beifall.) Und es gab kühl lächelnde Leute, die da über die jugendliche Begeisterung spotteten, die da höhnten und die unausbleibliche Ernüchterung voraussagten, die da meinten, wie bald würde das Ende dieses Traumes kommen. Und doch, w e so oit. hat auch diesmal der naive Kinderglaube recht behalten, denn dieses Haus, hervorgegangtn aus dem Willen der Völker, hat durch die furchtbare Belastungsprobe.