Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 4 Nr. 51 JÜDISCHE ZEITUNG wenn sie aber der Minister fühlen lässt, dass sie trotz ihres himmelstürmenden Patriotismus nur gewöhnliche Saujaden sind,: da lässt man die Nase hängen, knirscht mit den Zähnen und wird noch um eine Schattierung rot-weiss-grüner als zuvor. Die Herren mögen sich in Acht nehmen, denn selbst in Ungarn, im einzigen Lande, in welchem die zionistischen Statuten noch nicht genehmigt sind, kann es ihnen schlecht ergehen. Das Zusammenwirken mit den Antisemiten hat sich niemals als dankbar erwiesen. Furcht und Mangel an jüdisches Selbstbewusstsein ist es, die die Distrikts-Gedolim zu diesem Schritte bewogen haben, doch lange wird ihre Herrschaft nicht dauern, denn eine Idee wie der Zionismus lässt sich in ihrem Gange durch Beschlussfassungen uud Denunziationen nicht aufhalten. Und dies möge sich Mauschel merken. B. Aus dem jüdischen Leben. Zwei jüdische Nobelpreis-Träger. Wien. Von den iünf Nobelpreisen wurden zwei au jüdische Gelehrte verheben. Dies mag allen Rassenantisemiten . als Beweis für die „Inferiorität“ der Juden gelten. Die zwei jüdischen Preisträger sind Professor Paui Ehrlich, Direktor des Frankfurter Instituts für experimentelle Therapie, und Gabriel Lippmann, Professor der Physik an der Pariser Sorbonne. Professor Ehrlich ist ein Schüler des Pathologen und Mikroskopikers Weigert. Die jüdische Abkunft Professor Ehrlicks verschloss ihm bis jetzt die Lehrkanzeln der grossen deutschen Universitäten. Das Hauptverdienst Professor Ehrlichs ist die von ihm eingeführte Verwendung der Anilinfarben zur Sichtbarmachung feiner Unterschiede in den mikroskopischen Präparaten. Auch die Fürbemet'node zur Erkennung der Tuberkelbazillen rührt von ihm her. Prof. Lippmann ist in Hollerich (Luxemburg) :,m Jahre 1845 geboren. Seine Stud en absolvierte er in Deutschland und Frankreich. In Deutschland beschäftigte er sich mit dem Studium der Elektrizität und machte mehrere wchtige Entdeckungen auf diesem Gebiete. Im Jahre 1891 erfand, respektive verbesserte er die Farbenphotographie. Im Jahre 1883 wurde er an der Sorbonne Professor der experimentellen Physik. Im JahTe 1887 wurde er zum Mitgliede der Akademie der Wissenschaften gewählt. Er ist Verfasser bedeutender Werke über Thermodynamik und wurde vor kurzem von der Universität Cambridge (England) mit dem Titel „Ehrendoktor“ . ausgezeichnet- Ehrlich und Lippmann sind beide ungetauft. Wir haben daher um so mehr Anlass, uns über die Anerkennung. die ihnen gezollt wurde, zu freuen. Denn die Pre:se sind nicht bloss Gelehrten jüdischer Abkunft sondern ehrenhaften, stammesbewussten Juden zuerkannt worden. * * * Jüdischer Techniker verband. Wien. Montag den 14. ds. fand im Saale des Zentralvereines die vorbereitende Versammlung zur Gründung eines jüdischen Technikerverbandes statt. Ins Bureau wurden die Herren Stark. L ö wr e n s t e i n und Roth gewählt. Der erste Referent Koll. Hüttner, führte aus, dass die jüdischen Techniker, obwohl 800 unter 2900, aus allen gemeinnützigen Institutionen der Technik hinausgedrängt wurden, dass z- B. der technische Unterstützungsvereü an Juden heuer überhaupt keine Unterstützung gewährt habe. Es sei deshalb nötig, dass s:ch die jüdischen Techniker zusammenschliessen. Koll. Spitzer führt aus, der Verband habe den Zw'eek, Auskünfte in allen Studienangelegenheiten zu erteilen, Vorbereitungskurse zu errichten, Vorträge zu veranstalten, technische Zeitschriften zu abonnieren und die Mitglieder wirtschaftlich zu fördern. Koll. Freundlich begrüsst die Gründung des Verbandes und hofft yon ihm, dass er den Interessen der jüdischen Techniker gehörigen Nachdruck verleihen werde. Koll. Schallinger wünscht, dass der Verband auch Stellen vermittle. Koll. Laschkowitz bespricht die einzelnen Programmpunkte und erhofft die Stärkung des nationalen Bewusstseins der Technikerschaft. Nachdem noch die Kollegen L ö \v e n s t e i n, R ö t h und N a d e fl für die Gründung des Verbandes eingetreten sind, wurde die Gründung des „Verbandes jüdischer Techniker“ einstimm g beschlossen und ein* vorbereitendes Komitee, bestehend aus den Herren Berthau-er, Freundlich, Horow'itz, Hüttner, Krasny, Lachs, Laschkow'itz, Löwenstein, Schiff, Spitzer und Stark gewühlt. Jüdische Techniker, säumet nicht, euren Beitritt anzumei-den! Mobilmachung der -jüdischen Gesamtheit. Wien. Em „Comite des Israelites Serbes" veröffentlicht einen Aufruf, in dem die Israeliten aller Länder aufgefordert werden, die Interessen Serbiens zu vertreten1, und zu unterstützen as Dank für die gastfreundliche Aufnahme, die den Israeliten seit über 'fünf Jahrhunderten von den Serben gewührt wurden ist“- Der hierin offenbarte Patriotismus der paar Tausend serirschen Juden ist erklärlich, aber die Art der serbischjüdischen Dankbarkeit ist denn doch nicht unbedenklich. Es könnte näml ch in mehr oder won-iger einwandfreier Nachahmung dieses Be.spieies dahin kommen, dass die Juden auch aller anderen Länder „mehr oder weniger ireiwiH g” solche Korn tees gründen, die bej eintretenden Schwierigkeiten für die Interessenahme der Gesamtjudenhe t Propaganda machen. Und wenn so wras einmal von den Judenschaften zw'eier gegnerischer Länder arrangiert würde, so läge darin noch nicht einmal eine Aufhebung der Wirkung, wie naive Gemüter meinen könnten, sondern voraussohtlich würde die Judenschaft jedes der beiden Länder wiegen der Propaganda der anderen allerlei auszustehen haben, weil der Schaden einer solchen Mobilmachung alljüdischer Sympathien meist höher eingeschätzt würde als ihr Nutzen. Die Devise: „Juden avler Länder vereinigt euch“ -hätte schon Sinn — aber nicht wenn die Parteinahme für Serbien oder ein anderes Land der Zw'eek ist, sondern im Interesse eigenster jüdischer Angelegenheiten, für die noch lange nicht entsprechend gesorgt ist. Etwas anderes ist es natürlich, wenn — ohne Aufforderung — de entsprechende Behandlung der Juden wührend langer Jahrhunderte d:e Sympathie der Oesamtjudenheit gewissen Ländern ganz von selbst zuiiihrt- * * * Der Rabbi von Beiz- Lemberg. Der mächtige Wunderrabbi von Beiz hasst die Zionisten mit dem glühendsten Hasse stjines gottgläubigen Herzens. We ünd wo er kann, beschimpft, verleumdet, verfolgt er sie. Bei den Reichsratswahlen setzte er sich für den Antisemiten Starzynski gegen sie ein. E:nmal äusserte er dö gottgefällige Meinung, dass Zionisten ärger seien als Mesch unod i m, und dass man sich mit ihnen nicht verschwägern dürfe! Die Wut des würdigen Rabbi richtet s:ch jedoch nicht gegen die Zionisten allein, sondern gegen jede Neuerung, In der letzten Zeit agitiert er wahnsinnig gegen den österreichischen Gemeindebund, den er für eine Schöpfung der teuflischen Ziomsten erklärt hat. Merkwürdig! Der Rabbi von Beiz gegen Dr. Alfred Stern, den Präsidenten der Wiener „israelitischen* Kultusgemeinde! Sonst wrar ihm ja der Antizionist Dr. Stern sehr lieb. Tempora mutantur und Dr. Stern steht jetzt bei ihm im Gerüche des Zionismus! Nette Geschichte! So was muss dem Dr. Stern in seinen alten Tagen widerfahren! * * * Löwensteins Erfolge. Tarnopol. Aus Tarnopol wird uns berichtet: Der gaäizische Landesausschuss, der dem Anträge Dr. Löwrensteins gemäss, die „Ursachen der jüdischen Not -in Galizien“ studiert (!), hat heuer wie in den vorhergegangenen Jahren allen Tarnopoler Schülerhermen mit Ausnahme des jüdischen Subventionen gewührt. Sogar ein nichtexistierehdes Schülerheini, die sogenannte „Bursa des heil. Georg“, hat eine Subvention erhalten. nur das Jüdische wurde ostentativ übergangen. Das jüdische Schülerheim in Tarnopol wird nicht einmal zionistisch, sondern „p o 1 - nisch-mosaisch“- geleitet und trotzdem ist es leer ausgegangen- — Nun, Dr. Löwrenstein, treuer Schlachzizenknappe, w-as sagen Sie dazu? Sie sind ja eine persona grata beim gaüz'schen Landesausschuss und „stammesbevvusster“ Pole! Oder sind Sie es am Ende nur in den Augen Ihres Kollegen Gail, des „Vertreters“ von Tarnopol, und in -den Augen dos Ausschusses nur ein „Jüdlein“?! Erklären Sie uns die Handlungsweise des Ausschusses! War er vielleicht derart mit den „Vorbereitungen zum Studium der Ursachen der Judennot hi Galizien“ beschäftigt, dass er an das jüdische Schiilerhe’m in Tarnopol vollständig vergessen musste? * *' * Russisches aus der Bukowina. Czernowitz. Derz/Ton der antisemitischen Hetzschriften, mit welchen das Land überschw'emmt ward, wird immer blutrünstiger. In den letzten Tagen erhielten die Eitnvohner des Städtchens J a k o b e n y Zuschriften, in welchen sie aüfgefordert worden, sofort auszuwündern, widrigenfalls Pogrome inszeniert würden. Das „Czernow'ltzer Tagblatt“ schreibt -c.’rüber:’ „Die jüdischen - Einwohner von Jakobeuy sind, im Besitze eines -Interessanten Dokumentes. In einem von der „Organisation“ gefertigten Rundschreiben werden sie aufgefordert, „zur Vermeidung von Blutvergiessen binnen vierzehn Tagen Jakobehy zu verlassen“. Das klingt so schauerlich, als hätten soh auch in dem schönen Dorfe an -der Goldenen Bistritz d e sclnvarzen Hundert zusammengerottet, eine Konskriptionsliste aufgesetzt, um -in einer Bartholomäusnacht ein Gemetzel unter hundertfünfzig jüdischen Familien anzurichten, auf dass die bessere Sache siegreich bleibe auf Erden. Gar so ernst ist diese- Aufforderung nicht zu nehmen, und die löbliche „Organisation“ wird den jüdischen Ansiedlern wohl noch eine Prolongation gewühren, damit sie ihre Habseligkeiten in Soherhe’t bringen und ihre Angelegenheiten vor dem Tage des strengen Gerichtes ordnen. Dies den zahlreichen Einsendern zur Antwort,, welche uns die erwähnten Rundschreiben im Original zusandten und ihrer Beiiirchtung über die lebensgefährlichen Zustände Ausdruck geben. Bösartig ist aber dieses Symptom immerzu; es zeigt von furchtbar überreizten Nerven und von einer bis zur Siedehitze aufgeregten Phantasie, die beim engen Gesichtskreise, dem niedrigen Bildungsgrade und dem Milieu des Dorfbewohners sehr oft der Ansporn zu Pand ungen worden kann, die von böser Tragweite sind und Leben und Eigentum des Nächsten gefährden. Wie kommt es nur. dass in den Ansiedlungen der Bukowina, in denen man bisher friedliches Nebeneinanderleben und ruhige Entwicklung beobachten konnte, plötzlich derartige verbrecherische Anwandlungen zutage treten? Der Kausalnexus zwischen diesen Erscheinungen und der „Strömung der neuen Zeit“ ist bald hergestellt, wenn man den Ekel überwindet und auf die Sprache hinhorclit, die in den diversen Organen geführt wird, in jenen Organen, wolche die Volksaufklärung seit Jahr und Tag verzapfen. Es ist wohl niemand in diesem Lande darüber im Zweifel, dass in diesen Pamphleten Blutvergiessen und öffentliche Gewalttätigkeit als alleinseligmachende Mittel dem Volke angepriesen worden — die löbliche Staatsanwaltschaft a u s g e n o m -m e n. Denn sie würde sich sonst doch -ihrer Pflicht entsinnen und die gesetzlichen .Bestimmungen handhaben, wolche die Aufforderung zu Feindseligkeiten gegen Klassen und Stände der bürgerlichen Gesellschaft betreffen. Sie würde sonst dort elnschreiten, wo die höchsten Autoritäten in den Kot gezerrt, wo die Ehre des Bürgers mit Fiissen getreten und die Gemüter derart aufgehetzt und aufgestachelt worden, -dass es uns nicht wundern, sollte, xveun es eines Tages zum Kriege aller gegen alle kommen würde. Sie würde sonst die grenzenlose Freiheit -dieser Presse, die zu Exzessen missbraucht wird, im Sinne des Gesetzes einschräivken,- woil sonst die vom Gesetze gewährleistete Freiheit der Bürger zu einer Farce herabsinken würde, indem die Bürger dieser Horde gegenüber vogelfrei wären- Allerdings liessen sich für die Inspiratoren und Urheber doser Hetzen auch Milderungsgründe anführen. Es sind zumeist Elemente, die bei der entfachten Flamme -ihr Süpplein kochen. Nachdem sich ihre bisherigen Gesinnungsexperimente als zu wenig zugkräftig erwiesen, verschrieben sie