Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5i JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 ein ganz besonderes heimtückisches und brutales Mittel an: Aushungerung der unb emittelten nichtdeut'chen Studenten. Die Mensa a c a d e m i c a, in welcher zirka 1800 arme Hörer teils unentgeltlich, teils zu äusserst billigem Preise verköstigt werden,, wurde über Verlangen der Deutschnationalen gesperrt. Während die tapferen Helden im antisemitischen Lehrerhausvereine gespeist wurden, mussten ihre armen jüdischen und slavischen Kollegen wochenlang hungern. Die kompetenten Behörden fügten sich stillschweigend dem deutschnationalen Terror. Die Vertreter der Ausgesperrten liefen von Pontius zu Pilatus. Vergebens. Erst wandte man sich an den Präsidenten des Mensa-Kuratoriums Professor Wagner v. Jauregg, der erklärte, er könne nichts tun, man möge zum Rektor der Universität gehen. Dieser wieder antwortete : Die Mensa liege ausserhalb seines Machtbereiches, nur der Unterrichtsminister könne Abhilfe schaffen. Nun gingen die Studenten zum Unterrichtsminister Kanera und dieser erklärte wiederum: Die Angelegenheit falle nicht in sein Ressort, einzig und allein der Minister des Innern sei kompetent. Um den Reigen würdig zu beschliessen, machte der Herr Minister des Innern der Deputation die bündige Mitteilung, dass ihn die Sache absolut nichts angehe. Nachdem sich alles Petitionieren und Protestieren als nutzlos erwiesen hatte, griffen die jüdischen Studenten zur Selbsthilfe und gründeten ein Notstandskomitee. Durch Sammlungen wurde ein Fonds geschaffen und den jüdischen Mensakostgängern wenigstens über die ärgste Zeit hinweggeholfen. Es wurden Mensamarken gegen Geld eingelöst, mit einigen Gastwirten Abkommen getroffen, zufolge welcher die Studenten für Mensamarken Speisen verabreicht bekommen, die Differenz beglich das Komitee etc. Jetzt hat sich die Situation gebessert, da die Mensa academica wieder geöffnet ist. Die Zustände sind aber unhaltbare und die Deutschnationälen arbeiten unentwegt daran, dieses Wohltätigkeitsinstitut als Instrument für ihre parteipolitischen Zwecke zu missbrauchen, respektive zugrunde zu richten. Durch niedrige Kniffe und skrupellosen Missbrauch ihres Einflusses bringen sie es dahin, dass die wiedergeöffnete Mensa einer grossen Anzahl nichtdeutscher, insbesondere aber jüdischer Akademiker verschlossen bleibt. Aus der schändlichen Praxis, welche in den deutschen Unterstützungsvereinen an der Universilät und Technik — und diesen ist die Verabreichung der Speisemarken Gitele kennen. Ein schönes Kind, mit traurigen Rehaugen. Ein Judenkind! Der Vater über das Meer nach Amerika getrieben, in Elend und Not gestorben. Die Mutier und Grosseltern ermordet. Der Pflegevater ein armer kranker Schammes, die Pflegemutter ohne Verdienst! Ein sonderbares Kind! Welches Volk hätte desgleichenV ...“ Ghanukah! Makkabäerfreiheit! Wann wird sie kommen V Wann werden wir wieder frei werden, gesund und natürlich? Gitele! Das Schicksal dieses Kindes regt uns Juden nicht mehr auf. Wir sind an Pogrome gewöhnt. Leider! Kein Volk, das Erinnerungen an Heldenzeiten hat gleich uns, könnte so stumpf gleichmütig werden. Wann werden wir eine neue Ghanukah erleben? Die Einweihung unseres eigenen Landes? Um der Gitele willen, möge diese Zeit bald kommen! Unser Volk hat viele solcher Giteles ... Allerlei. Lebensdauer der Juden und Nichtjuden. Im allgemeinen trifft man in wissenschaftlichen Werken die Ueberzeugung an, dass die Juden durchschnittlich eine längere Lebensdauer hätten als die Nichtjuden, was gewöhnlich auf eine grössere Zähigkeit der jüdischen Rasse zurückgeführt wird. Exakte statistische Untersuchungen nach dieser Richtung lagen aber nicht viele vor. Ein um so grösseres Verdienst hat sich Dr. Elias Auerbach (Beriin- Wilmeisdori) erworben, der jetzt in einem Aufsatz Vorbehalten — seien nur zwei Beispiele hervorgehoben. In letzter Zeit wurden massenhaft jüdische Gesuche um Speisemarken abgewiesen und zwar mit der Motivierung, dass die Bewerber ohnehin im Genüsse von Stipendien stehen. Tatsächlich gemessen die Betroffenen Stipendien in der Höhe von sage und schreibe 200 K. Den Gesuchen deutscher Bewerber, von denen viele Stipendien im Ausmasse von 800 K und mehr gemessen, wird anstandslos slattgegeben. Ferner werden über Gesuche, die den deutschen Wehrschatzstempel tragen, den Bewerbern 15 Speisemarken pro Monat ausgefolgt, wenn der Stempel fehlt, höchstens acht, das heisst: nichtdeutsche Studenten werden gezwungen der deutschnationalen Antisemitenbande Tribut zu leisten, tun sie es nicht, müssen sie hungern. Dabei wird die Mensa zu 6 0 von jüdischem Gelde erhalten. Die Deutschnationalen machen kein Hehl daraus, dass sie die Mensa systematisch ruinieren wollen. Dass sie die Absicht in absehbarer Zeit verwirklichen dürften, scheint unter solchen Umständen gewiss. Das jüdische Notstandskomitee hat sich daher in Permanenz erklärt. Gilt es doch gewaffnet dazustehen, momentane Hilfe zu leisten und im Zwangsfalle an die Gründung einer jüdischen Mensa zu schreiten. Es ist eine unabweisliche Pflicht der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs, die jungen Leute ausgiebig zu unterstützen. Der „Unterstützungsverein jüdischer Studierender aus Mähren und Schlesien in Wien“, der „Un t e r s tü tz u n gs ve r ein jüdischer Studierender aus Galizien“, ferner die „Jüdische Lese- und Redehalle in Wien“ haben das Komitee gebildet. Spenden und Anfragen sind an die genannten Korporationen zu richten. Auch die „Jüdische Zeitung“ erteilt alle bezüglichen Auskünfte und weist Spenden aus, Budapesler Brief. Von unserem Korrespondenten. Nulla dies sine Sionismo! Im Parlament und in den Blättern, in öffentlichen Sitzungen und Vereinen, kurz und gut überall beschäftigt man sich jetzt hierzulande mit dem Zionismus. Er ist in Mode gekommen. — Am S. d. M. tagte der IX. israelitische Gemeinde-Distriktstag in Kaposvär unter Vorsitz des Baron Wilhelm v. Gutmann. Satte Feiertagsjuden sassen hier beisammen, um über die Angelegenheiten der „israelitischen Konfession“ zu beraten. Der Schriftleiter des Distriktes, Rabbiner Dr. Neumann, ein Seelsorger, der seinem Antizionismus auch in der eben erschienenen Nummer 10 der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden ‘ die Sterblichkeit der Juden in Budapest in den Jahren 1901 bis 1905 auf der Grundlage des vorzüglichen statistischen Materials der Stadt Budapest untersucht und mit der Sterblichkeit der Nichtjuden in Vergleich setzt. Da ergibt sich nun. dass die Gesamtsterblichkeit der Juden ausserordenti.ch gering ist. Obwohl nämlich die Juden ein Viertel ifer Bevölkerung von Budapest ausmachen, stellen sie kaum ein Sechstel ihrer Toten. Die Juden bleiben also in der Sterblichkeit um ein volles Drittel hinter der zu erwartenden Ziffer zurück. Eine noch interessantere Verschiedenheit ergibt sich bei Betrachtung der Sterblichkeit nach den verschiedenen Altersstufen. Da zeigt sich, dass bei den Nichtjuden die höchste Sterblichkeitsquote im Kindesalter (bis 15 Jahre) liegt, während sie bei den Juden ins Greisenalter (über 50 Jahre) füllt. Die Sterblichkeit der Juden ist also im Kindesalter und im Mannesalter — es ist an dieser Stelle nur von Männern die Rede — bei weitem geringer als bei den Nichtjuden. Während auf je 10.000 Katholiken z. B. iiir das Alter bis zu 5 Jahren 48,53 Todesfälle, von 15—50 Jahren 36,48 kommen, sind die entsprechenden Ziffern für die Juden 26,02 und 22,20, Doktor Auerbach zieht daraus den berechtigten Schluss, dass, soziologisch betrachtet, die Juden ausserordentlich viel vorteilhafter daran sind als die Nichtjuden. Bei den Frauen verhält sich die Sache ähnlich. Aber es ergibt sich die merkwürdige Tatsache, dass, während bei den Nichtjuden Budapests der übliche Ueberschuss der Frauen über die Zahl der Männer vorhanden ist, die Juden einen grossen Männeriiberschuss haben, so dass auf 1000 Männer bei den Katholiken 1163 Frauen, bei den Juden dader von ihm getriebenen Gebetbuclifabrikation Ausdruck gibt, verlas den Geschäftsbericht, wobei er auch auf den Zionismus zu sprechen kam. Er führte aus, dass die von den ungarländischen Zionisten dem Ministerium unterbreiteten Statuten nur dank des abschlägigen Gutachtens der israel irischen Landeskanzlei abweisend beschieden wurden. Dieser Auflassung der Landeskanzlei könne sich auch der Distrikt anschliessen. Der nächste Redner Dr. Ra poch (Gross-Kanizsa) wendete sich mit der ganzen Wucht seiner patriotischen Seele gegen den Zionismus. Zum Schlüsse legte er der Versammlung folgenden Antrag vor, der einstimmig angenommen wurde: „Die Vertretung der .Judenschaft der Komitate Zala und Somogy teilt in vollem Masse die im Berichte des Vorstandes zum Ausdrucke gelangten Ideen und indem sie die Aktion zur Rettung und Unterstützung der verfolgten Glaubensbrüder ihrerseits aus vollem Herzen begrüsst, erklärt sie, dass sie jede Bewegung, welche die nationale Organisation des Judentums, beziehungsweise dieser Organisation entsprechend, die Gründung von Vereinen in Ungarn bezweckt, als mit den patriotischen Gefühlen der ungarischen Judenschaft kontrastierenden Bestiebungen von sich weist, und zwar von dem Standpunkte der heilig gehaltenen ungarischen Nationalidee, wie auch zufolge der Gefühle der vaterländischen Judenschaft.“ Zugleich wurde beschlossen, den Text dieser Resolution dem Kultusmin ister m i t z u t e i 1 e n. Mausehel denunziert! Er ist der Patriot, die bösen Zionisten sind die Vaterlandsverräter. Es sind noch kaum die Worte des antisemitischen Abgeordneten Szmrecsäny gegen die Zionisten verklungen und schon melden sich die fetten Magyaren mosaischer Konfession zu Worte, um sich mit den Antisemiten solidarisch zu erklären. In dem Augenblicke, wo der Zionismus gegen die ungarische Gesamtjudenschaft ausgespielt wird, beweisen ihre „Führer“ so wenig politische Reife, deren sich selbst ein Hoitentottenhäuptling schämen müsste. Zur selben Zeit als die Kaposv.irer Herren dem lieben Gott für die Abweisung der zionistischen Statuten dankten und auf ihren Patriotismus ein Patent verlangten, wurden die abgeänderten Statuten der Szegeder jüdischen Gemeinde vom Ministerium abschlägig beschieden. Und dieses geschah mit den Statuten einer Gemeinde, deren Rabbiner stets ungarisch gekleidet geht. Heute mir, morgen dir! Das Assimilantenorgan erhob über den abweislichen Bescheid des Ministeriums ein Zetergeschrei. „Unsere Gemeinden — führt es aus — sind nicht daran gewöhnt, ihre Statuten abgewiesen zu sehen. Dass dies geschehen ist, kann einzig allein dem judenfeindlich gesinnten Leiter der jüdischen Angelegenheiten im Ministerium zugeschrieben werden.“ Moral: Lasse nicht die Statuten der Zionisten abweisen, denn dasselbe Schicksal kann deinen eigenen Statuten zuteil werden! So ist es nun einmal. Wenn es den Herren gelingt, den Zionisten ein Leid zuzufügen, dann frohlockt man wie schlimme Buben nach einem gelungenen Streich, gegen nur 918 Frauen kommen. Und zwar ist der Männeriiberschuss der Juden am stärksten in der Altersstufe 15—50 Jahre, in derselben Stufe, in der merkwürdigerweise bei den Katholiken gerade der Frauenüberschuss am stärksten ist. Aui die Ursachen der geringeren SterbLchkeit der Juden gegenüber den Nichtjuden führt uns Dr. Auerbach durch eine detaillierte Untersuchung über die Kindersterblichkeit. Es zeigt sich, dass d e Juden zwar eine geringere Geburtenziffer als die Nichtiuden haben, dass sie aber gleichwohl d e stärkste natürlich Vermehrung, also den grössten Ueberschuss der Geburten über die Zahl der Todesfälle haben. Die Juden verlieren nämlich von den lebend geborenen Kindern im -frühen Kindesalter (bis zu fünf Jahren) kaum ein Sechstel, während die Katholiken über ein V.ertel verlieren, woraus aber nicht geschlossen werden darf, dass die jüdischen Kinder sich durch eine grössere Lebenszähigkeit auszeichneten. Es ergibt sich im Gegenteil aus den Zahlen der an angeborener Lebensschwäche gestorbenen Säuglinge, dass die jüdischen K-iitler von Natur aus hinfälliger sind als die nichtjiidischen. Dagegen ergibt sich aus einer vergleichenden Betrachtung der Zahlen der Todesfälle infolge von solchen Krankheiten, die einer Beeinflussung durch Pflege und ärztliche Kunst wenig zugänglich sind, und solchen, bei denen ein tödlicher Ausgang durch sorgsame Pilege und rechtzeitige ärztliche Hilfe vermieden werden kann, mit absoluter Sicherheit, dass die so sehr viel geringere Kindersterblichkeit hei den Juden fast ausschliesslich durch die gesteigerte elterliche und ärztliche Fürsorge, d e d e Juden ihren Kindern angedeihen lassen, zu erklären ist.