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Jüdische Zeitung · 1908-12-18 · 51 (18.12.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 51 * gleichen, nicht die Kraft, das Reich zu gründen, aber schon die Sehnsucht nach dem Reiche! Juda Makkabi, du Sammler und Führer, schon lieben wir das Volk wie du! Mathatia, zornmütiger Alter, schon hassen wir den Feind und Verräter wie einstens du! Wir verstehen euch! Und dieses Verstehen wird die Tat gebären! Robert Stricker.; Die Eröffnung des türkischen Parlaments. i Unter dem Donner der Geschütze wird jneute in Stambul das türkische Parlament eröffnet. Der Padischah, der Yildiz Kiosk seit 30 Jahren nur an jedem Freitag auf wenige Minuten verlassen hat, um in rasendem Galopp durch doppelreihigen Schildwachen nach der nahen Hamidje-Moschee zu fahren, wird sich im prunkvollen Zuge, umrauscht vom Jubel der Volksmassen, nach dem Parlamente begeben, wo er als Befreier des Volkes gefeiert werden wird. Des Abends wird der Anblick der illuminierten Stadt vom Hafen aus ein Bild bieten, das seinesgleichen nicht haben kann. An die Lichter, die allnächtlich an den Minarets aufflammen, wird sich die Beleuchtung der Höhen, der Moscheen, der Paläste und Türme schliessen und die schönste Stadt der Welt zu einem Märchenbild wandeln. Auch für das jüdische Volk ist der heutige Tag ein Tag der Freude. Nicht allein darum, weil es jeden Sieg des Gedankens der Völkerfreiheit als einen Sieg seiner eigenen Ideen ansieht, vielmehr noch deshalb, weil von der Modernisierung der Türkei seine eigene Zukunft abhängt. Es ist nicht wahr, dass das jüdische Volk an einer absolutistischen Türkei interessiert ist, weil von einer solchen ein .Charter“, eine Art Generalkommission für Palästina zu haben wäre, den man nie und nimmer von einer konstitutionellen Türkei verlangen konnte. Kein Recht kann Bestand haben, wenn es nicht reale Macht kodifiziert. Kein Charter hätte einem Bruchteil der Bevölkerung Palästinas — ein solcher sind die Juden — dauernd Autonomie garantieren können, wählend die Majorität des Landes rechtlos geblieben wäre. Die Entwicklung wäre über unsere Rechte hinweggeschritten. Dagegen wird die junge Türkei aufgebaut sein auf der Autonomie aller Völker des Reiches, dies nicht deshalb, weil die Jungtürken etwa aus Grossmut oder Schwärmerei die Nationen emanzipieren wollten, sondern weil infolge der Bevölkerungsverhältnisse das Reich auf einer anderen Basis nicht bestehen kann. Die Türken, wenn sie heute auch das einzige Volk mit staatsbildender Kraft im ottomanischen Reiche darstellen, sind an Zahl zu schwach, um die anderen Völker dauernd national unterdrücken zu können, ohne den Bestand des Reiches zu gefährden. Es liegt heute nur an den Juden selbst, der vorherrschende Faktor in Palästina zu werden, die Erlangung einer weitgehenden nationalen Autonomie wird dann keine Schwierigkeiten machen. Die Entwicklung der konstitutionellen Türkei wird im Gegenteile die wichtigsten Hindernisse beseitigen, die noch für eine Massenbesiedlung Palästinas durch Juden bestehen. Vor allem wird durch eine Europäisierung des Bodenrechtes und die gesetzliche Ermächtigung des Verkaufes von Krön- und Vakufgütern der Boden mobilisiert werden. Ferner werden juristische Personen gesetzlich anerkannt werden und damit für den Jüdischen Nationalfonds jedes Hindernis, Volksboden in Palästina zu kaufen, wegfallen. Aber noch mehr: Die ökonomische Entwicklung der Türkei, gestützt auf einen gefestigten moralischen und finanziellen Kredit, wird — unter Initiative der Regierung — ein rasches Tempo annehmen. Das internationale Kapital, das sich mit wenig Ausnahmen unter dem alten Regime ängstlich von der Türkei ferngehalten hat, wird jetzt im osmanischen Reiche Anlage suchen. Die Regierung wird alle Anstrengungen machen, das Kapital anzuziehen und festzuhalten, namentlich durch Gewährung von Konzessionen sowie — was die Mächte bisher verhindert hatten — durch Etablierung eines Schutzzollsystems. Aber auch die Türkei braucht zu ihrer ökonomischen Entwicklung nicht nur Autonomie der Gesetzgebung, freiheitliche Institutionen und Kapital, sondern auch — Mensch;n! Ungeheuere Landstrecken in Vorderasien, Gebiete, durch welche in Bälde die Bahn ziehen wird, sind entvölkert. Die Türkei bedarf einer weitausgreifenden, inneren Kolonisation. Auch die Schaffung von Industrien ist bedingt durch Heranziehung neuer Hände, da die türkische Bevölkerung sich zum grössten Teil für Industriearbeit nicht eignet. Es gibt auf der Welt nur ein Kolonisationsmaterial, dass jederzeit in Massen einwanderungsbereit und für die Türkei geeignet ist: die Juden. Das ist schon unzähligemale, unwiderlpglich bewiesen worden. Die Massensiedlung von Juden in Vorderasien, wird zu einer Lebensfrage der jungen Türkei und des jm ottomanischen Reiche Anlage suchenden Kapitals werden. Deshalb sind die Aussichten für die zionistische Bewegung so günstig, wie nie zuvor. Für uns bedeutet das aber nicht, die Hände in den Schoss legen und abwarten, bis die Entwicklung von selbst unseren Plänen entgegenkommt, sondern gerade jetzt heisst es: Voraussehen und Voraushandeln. Beglückwünschen wir uns, dass die wichtigste aller nötigen Vorkehrungen für alle weitere Arbeit: eine Ansiedlungsgesellschalt schon vorhanden ist. Eine solche, die heute schon Terrain kauft, zur Bewirtschaftung vorbereitet, die übrigen jüdischen Pächter und Bauern selbst heranzieht und ausbild*1, ist die L and e n t wi ck 1 ungs-Geselisch a f t (The Palestine Land Development Company). Noch ist ihr Kapital gering, sö dass sie :die wertvollsten Ländereien, die ihi! angeboten werden, nicht kaufen kann, wenrt aber alle Zionisten die zentrale Bedeutung der Gesellschaft erkennen, wenn sie überdies einsehen werden, dass der Erwerb der Aktion der Gesellschaft eine fruchtbare Kapitalsanlage sind, weil die Bodenwerte in der Türkei, die schon jetzt rasch steigen, in nächster Zeit gewaltig emporschnelien müssen, dann wird unser ganzes Kolonisationswerk ein ungeahnt rasches Tempo annehmen können. So weckt die Eröffnung des türkischen Parlaments in uns tausend Hoffnungen und belebt unsere Kräfte- Schon aus diesem Grunde heissen wir das bedeutsame Ereignis herzlich willkommen. Möge die neue Aera, sowohl für das ottomanische Reich als für das jüdische Volk, Friede und Fortschritt bedeuten. * * * Der „Jüdische Klub“ richtete an die jüdischen Abgeordneten des türkischen Parlamentes folgende Depesche: „Les membres du Club Juif du Parlament Autrichien saluent cordialement leurs confrferes du premier Parlament Turc et souhaitent le meilleur succes a leurs travaux ä l’interet du peuple juif.“ (Deutsche Uebersetzung: Die Mitglieder des „Jüdischen Klubs“ des österreichischen Parlamentes begrüssen ihre Mitbrüder im ersten türkischen Parlament und wünschen ihren Arbeiten für die Interessen des jüdischen Volkes besten Erfolg.) Ein studentisches Notslandskomitee. Die deutschnationale Studentenschaft in Wien führt im Vereine mit den christlichsozialen einen gegen die jüdischen und slavischen Akademiker gerichteten Vernichtungskrieg. An Roheit und Böswilligkeit werden alle Reibereien und Scharmützel der früheren Jahre weitaus übertroffen. Nachdem Massen- und Einzelnüberfälle, ganz in der Manier russischer Pogrome gehaltene Angriffe nicht die gewünschte Wirkung erzielten wendet nunmehr die geistige Elite, die intellektuelle Jungmannschaft des deutschen Volkes Mir fährt ein Gedanke durch den Kopf: Heute und damals. Ist's nicht dasselbe? Auch heute ein Aullehnen, Erwachen, Ermahnen, Kampf und Opferfreudigkeit. Auch heute Liebe zum Volke und Hoffnung auf Freiheit Auch heute Feinde ohne Zahl, wie dazumal. Nur sind die Feinde von heute anders und unsere Opferfreudigkeit kleiner. Das ist der Unterschied. Vielleicht wird unsere zweite Makkabäerzeit erst kommen, wenn der Unterschied verschwindet Unsere Feinde! Wir haben viele, sehr viele. Aeussere und innere. Werschadel uns mehr? Ich glaube die inneren. Denn die äusseren zwingen uns in Reih und Glied und die inneren zerreissen die Reihen. Und wir müssen zusammensteben. Das, glaube ich, ist das grosse Verdienst der Makkabäer, dass sie uns zusammenhielten, vereinigten und uns allen ein Ziel wiesen: Die Freiheit. Wie ich so in Gedanken einhergehe, bemerke ich einige Kinder, die sich an den Händchen gefasst haben und lärmend vorbeistampi'en. An den grossen, klugen Schwarzaugen erkenne ich, dass es Judenkinder sind. Was lässt sich nicht aus diesen Kindern machen! Ganze Menschen, Adelsmenschen! Und ihr Schicksal? Werden sie innerlich gebrochen sein, wie die Nachkommen unserer Grossen oder gedankenlos dabinvegelieren wie die Sprösslinge unseres Bauchjudentums? Werden sie Mauschel oder Juden werden? Wer diese Frage beantworten könnte! Er würde uns damit sagen, ob wir vergebens kämpfen oder nicht Die Judenkinder! Ich erinnere mich an meine eigene Kindheit, an das Chanukahfest, an die Lichtlein, an das Chanukaligeld, an die Spiele und an meine Gespielen. Schön war alles. Ich erinnere mich, wie sich trauliche und weihevolle Stimmung im Hause verbreitete, wenn die Ghanukahliclitlein am Fenster brannten. Heute? Wohin sind alle diese Gefühle, wohin die natürliche, gesunde Freude entschwunden? Haben wir uns vom Judentum entfernt oder nur von der Kindheit. Ich glaube, von beiden . . . Die Kleinen sind verschwunden. Ich blicke ihnen nach und erinnere mich an ein Judenkind, das' ich vor einigen Tagen gesehen. Eine ärmlich gekleidete, schmächtige Frau trat in mein Zimmer. Verlegen stammelnd, bat sie um Entschuldigung, dass sie störe. Sie hätte aber ein Anliegen, das unaufschiebbar sei. Sie erzählte. Weit ausholend verlor sie sich in Einzelheiten: „Es war vor fünf Jahren. Damals ist es mir gut gegangen. Besser als heute. Doch darf man nicht murren. Gott weiss, was er tut. Mein Mann war damals gesund.“ Ich schloss daraus, dass er jetzt krank sei und fragte das Weib, ob es für den Mann Hille benötige. „Nein, Der Mann ist im Spital und wird mit Gottes Hilfe gesund werden.“ — „Also, Sie benötigen Hilfe,“ warf ich dazwischen. — „Auch nicht Ich verdiene so viel als ich nötig habe, aber das Kind . ..“ Die Frau stockte. „Ich bin aus Galizien. Mein Mann war Schammes, er verdiente genug. Wir hatten nicht viel nötig. Gott hat uns keine Kinder beschert“ — Sie sprachen doch von einem Kinde,“ unterbrach ich sie. — Ich will Ihnen davon erzählen.“ Und nun berichtete sie, wie sie sich nach einem Kinde gesehnt, sie und der Mann. Und dann erzählte sie, wie nach dem Pogrom in Kischinew ein Trupp Waisenkinder, deren Eltern man während der Pogrome getötet, in die Stadt gekommen. Unter den Kindern war ein kleines Mädchen, Gitele. Wie die Frau dejj, Namen nannte, leuchteten ihre Augen. Giteles Vater sei [noch vor Jahren nach Amerika ausgewandert. Er hat keine Arbeit gefunden, wurde krank und ist dort gestorben. Die Müller wohnte bei ihren Eltern in Kischenew. Während der Pogrome sind Giteles Mutter, und Grosseltern getötet worden. Barmherzige Menschen haben das Kind einige Wochen bei sich behalten. Dann aber. wurden alle Waisenkinder von einem Herrn aufgelesen, um nach Palästina gebracht zu werden. Als sie Gitele zum erstenmale gesehen, da sei ihr, der Kinderlosen, der Gedanke gekommen, das kleine Mädchen zu behalten. Sie bat darum und man überliess ihr das Kind. Sie erzählte, wie schön und lieb das Kind sei und wieviel Freude es ihr bereitet habe. Nun sei der Mann krank, sie verdiene wenig und das Kind leide Not. Sie sei bereit, das Kind wegzugeben. Aber nicht für immer. Gott behüte! Nicht für immer! Nur für die Zeit, da der Mann krank ist. Dann aber wolle . sie es zurückhaben. , Das erzählte die arme Frau. Ich hatte auf« merksam ihren Worten gelauscht. In mir stieg ein, Wehgefühl auf. Ich riet ihr, das Kind in eine Waisenanstalt zu geben, ging mit und lernte

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