Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 50 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Seite 7 JÜDISCHE ZEITUNG „Reichspost“ als jüdische Voreingenommenheit bezeichnet, ebenso stempeln diese und andere ihnen gesinnungsvervvandte Organe jede Aeusserung eines assimilatorischen oder gar getauften Juden in der klerikal - an ti semi tischen magyarischen Koalition Ungarns zu einer a n t i österreichischen Kundgebung der Juden!! Und doch liegt das Unsinnige dieser Behauptungen klar zu Tage! Unser Standpunkt, der nicht in einer kleinlichen Mandatspolitik gipfeln kann, sondern eine grosszügige jungjüdische Volkspolitik und eine grossösterreichische national-autonomistische Reichspolitik in sich schliesst, die freie Entfaltung des jüdischen Volkes begehrt, vertritt konsequent die nationale Autonomie und Freiheit jedes Volkes, nicht nur im Donaureiche, sondern auch auf dem Balkan und in der Türkei. Wenn dieses Programm zum Durchbruche gelangt und Bosnien-Herzegowinn mit Kroatien, Slawonien und Dalmatien als national-autonome Gruppe des neuen nationalförderativen Grossösterreich vereinigt wird, wenn weiters das osmanische Reich sich zu einer demokratischen förderativen J u n g t ü r k e i umgestaltet und am Balkan auf Grund der nationalen Autonomie die Volkspolitik (im Gegensatz zu der von Belgrad und Cetinje kultivierten Fürstenpolitik) zur Geltung kommt, dann ist kein Hindernis mehr vorhanden, für den engsten Bund von Jungösterreich, der Jungtürkei und der übrigen Balkanstaafen, die Lösung des orientalischen Problems. Das ist unsere Stellung zu den inneren und den äusseren Streitfragen der Gegenwart, unsere alljüdische, allösterxeichische und orientalische Politik, die auf ■der Autonomie aller Völker basiert. Die Autonomie jedes Volkes, sowie der Zusammenschi uss der national-autonomen Völker zur Föderation, ist also die Lösung nicht bloss, der .österreichischen Frage. Die konsequente Anwendung dieser Formel auf die Bai kan - und speziell auch die türkischen Verhältnissen ist auch die Lösung der orientalischen Frage, bei der die Juden insbesondere bezüglich Palästina nicht übergangen werden können. Das ist die einzige, mögliche, jüdische Realpolitik. Mehr als je ist es aber notwendig, dass diese zum. Durchbruch gelange, dass es fixe Pole gebe und in unsere jüdische auswärtige, sowie unsere innere Politik ein System kommt. Die grossen Erfolge der Christlichsozialen sind zum nicht geringen Teile darauf zurückzuführen, dass sie nebst der Wahrung ihrer spezifischen Parteiinteressen ■durch ununterbrochene Fühlung mit den Volk,smassen, niemals ihre Ziele betreffs der österreichischen Reichspolitik ausser Auge Hessen. Wir Juden, die wir nicht nur im ' ganzen Donaureiche, sondern über die ganze Erde zerstreut sind, müssen in Zukunft weit ■ mehr als in der Vergangenheit den engen Zusammenhang ... der Palästinafrage mit dem gesamten orientalischen Problem im Auge behalten und ebensowenig . vergessen, dass speziell die Balkanfrage auf der Verlängerungslinie der österreichischen sich befindet. Nie werden wir eine wichtige jüdische Volkspolitik inaugurieren, wenn wir uns nicht des engen Zusammenhanges dieser Fragen bewusst werden, die jüdischen Massen zweckentsprechend diesbezüglch aufklären und zu einem Mac h tfaktor sodann organisieren. Die Zukunft des jüdischen Volkes ebenso wie dieOe sterre ichs wirdnicht im österreichischen Reichsrate, im ungarischen . oder böhmischen Landtage oder irgend einem anderen Vertretungskörper entschieden, wohl aber im Oriente und am Balkan! Dorthin müssen wir vor allem unsere Augen richten, dort ra ü ssen wir ein Machtfaktor werden, dann wird sich für uns der Satz bewahrheiten Sx Oriente lux! Aus dem Osten kommt d a s. L i c h t! Aus dem jüdischen Leben. Jüdische Korruption. Berlin, Ein seltsameres Wahlbündnis st wohl noch nie in die Erscheinung getreten, als bei der Jüngsten Stadtverordnetenwahl in Berlin, bei welcher der Liberale Dr. Mugdan (seit zehn Jahren evangelisch, wie er selbst kiirzlch öffentlich voll Stolz mitteilte!) und der Demokrat Prof. Richert einander gegemrberstanden.. Herr Dr. Mugdan ist neulich gewählt worden durch die Unterstützung von Juden und Ant.semiten! Es wäre nun Sache der betreffenden Wähler, wie sie sich damit abftnden, aber die Sache gewinnt ein (Üientliches Interesse, weil eine grosse Anzahl im öffentlichen jüdischen Lehen stehender Männer die Wahl des getauften Juden Mugdan mit allem Nachdruck gefördert haben. Da es zweifellos ene Korrumpierung der politischen Moral darstellt, wenn inan auf der einen Seite die Judentaufen bekämpft und einen Verein zur .Eörderung der jüdischen Selbstachtung", wie es sonst immer so schön he'sst leitet und aui der anderen Seite einen schon früher häufig nicht eben respektvoll genannten getauften Juden in seiner politischen Karriere fördert, so wäre es Zeit, den Herren Geheimrat' Cassel. Justzrat Löwinsohn u. a. die Entscheidung zwischen diesen he'den Tätigkeiten nahe zu legen, und zwar recht nahe! Denn das geht doch nicht an. dass die eigenen „Vorkämpier" der Juden öffentlich (wie mag es da erst nicht-öifentlieh stehen!) d'eselbe Korruption fördern, die sie de? Regierung immer mit so v.el Pathos zum Vorwurf machen. Soll das vielleicht auf die Regierung den gewünschten Eindruck machen, wenn der Verfasser aller der schönen Eingaben des „Verbandes der deutschen Juden" selber der Protektor getaufter Juden ist? Soli das den Juden d e geiorderte Achtung eiritragen? Oder muss das nicht vielmehr die jüdischen Bestrebungen lächerlich machen? Erst muss man sich doch selber ernst nehmen, wenn man verlangt, von anderen ernst genommen zu werden! * * Cesare Lombroso und die Unterdrückung der rumänischen Juden. Bukarest. Seit einiger Zeit besteht in Rumänien eine lebhafte Bewegung gegen Oesterreich- Versammlungen werden abgehalten mit flammenden Reden gegen Oesterreich-Ungarn, die Presse bringt einen Artikel nach dem anderen usw. Der Redakteur und Herausgeber der „Nova Revista Romana“, Universitätsproiessor Radulesku Motru, hat rm Zusammenhang mit dieser Bewegung jüngst eine Rundfrage an mehrere hervorragende Persönlichkeiten Italiens gerichtet und sie um ihre Meinung wegen der Unterdrückung der Rumänem in Ungarn gefragt. Daraufhin erhielt er von Cesare Lombroso, den er ebenfalls um seine Meinung gebeten hatte, folgende ebenso kurze wie treffende Antwort, die wir wörtlich nach ihrer Wiedergabe in der obengenannten Revue veröffentlichen: „Geehrter Kollege! Ich war immer und ich werde sterben als ein unversöhnlicher Anhänger einer vollständigen Freiheit und der weitgehendsten Entwicklung jeder Nationalität und jeder Koniession. Wenn ich infolgedessen mit euch wegen der Unterdrückung der Serben und Rumänen klage, kann ich nicht umhin, zu stöhnen über die Unterdrückung; der Ruthenen und der Juden in Rumänien, ihr Cesare Lombroso.“ * * * Ein amerikanischer Schriftsteller über den Zionismus. New York. Ueber ' den Zionismus schreibt Herbert N. C a s s o u s. des bekannten Schriftstellers und Verfassers des „Märchen vom Stahl“, „Organisierte Selbsthilfe“ usw. in der Dezembernummer von Hamptons Broadway Magazine: „Gebt den Juden einen Führer, — nicht e nen Poeten, sondern einen praktschen Geschäftsmann, — und in 10 Jahren wird er Palästina von den Türken erhalten, es mit einer Million oder mehr Juden aus Russland kolonisieren und seinem Volke wieder einen Platz unter den Nationen der Erde aitweisen. Das ist der Grundriss dieser Geschichte. Und es ist weder ein Traum, noch ein Phantasiegebilde. das nur die Juden angeht. Nun, da der alte Sultan Abdul Hanid zu den Jungtürken iikergegangcu ist und der Türkei eine Verfassung gewährt hat mit fre:en Schulen und freier Presse, stehen die Juden der Welt vor der ersten grossen Chance, das Land zuriickzuerhalteiu in dem ihre Bibel geboren wurde. Sie können nun verhandeln, nicht mit e nein launenhaften Despoten, sondern mit dem ganzen türkischen Volke, das sich zu allen Ze'teu freundlich zu den Juden geneigt hat. Da ich weder e'n Türke noch ein Jude mit. habe ich keinen triftigen Grund, mich mit dieser Sache zu befassen, ausgenommen den. dass ich gleich der Mehrzahl der Amerikaner gerne sehen würde, dass die lange Tragödie der jiulsohen Geschichte ein glückliches Ende iände, bevor der Vorhang fällt. Palästina ist das jüdische Vater-! a u ü. Es ist d:e alte Heimstätte, aus der die Juden von den Speeren der Römer vertrieben worden. Es gehört hnen ebenso wahr, wie die Westminster Abtei den Engländern, oder die Independence Hall den Amerikanern gehört. Niemals können sie die Geschichte d'eses kleinen Landes aus ihrem Herzen reissen. und es gibt keinen guten Grund, warum sie es tun sollten. Es gehört ihnen von Rechts w e g e n. u nd es müsste ihnen gehören k r a i t d e r einmütigen Z u 31 i nun u n g der anderen Völker der Erde. * * * Jüdische „Schwarze Hundert-Vereine“. Petersburg. Die „Nowoje Wremja" bringt in ihrer Nummer vom 6. Dezember folgende Nachricht: „Endlich haben auch die Juden den grossen Nutzen (?) der „Schwarze Hundert-Vereine“ erkannt. sie sympathisieren nicht allein mit ihnen, sondern gründen sogar in einigen Orten eigene Abte Jungen des Vereines der „echtrussischen Leute“. Bestätigt wird diese Nachricht durch folgende Tatsachen: In K r e m e n i z haben sich jüdische Männer an den Archimandriten W i t a 1 i e mit der Bitte gewendet, er möge ihnen die Teilnahme an den patriotischen Manifestationen der „russischen Leute“ und das Tragen ihrer Abzeichen gestatten. In Simieropol hat der jüdische Drucker Brachtmann beim „Vereine für das russische Volk“ angesucht, er möge se'ne Drucksachen bei ihm aniertigen lassen; er werde ihnen in Anbetracht des „guten“ Zweckes die Preise ermässigen. In O d e s s a hat eine Gruppe von Juden ihr Bedauern darüber ausgedrückt, dass ihnen die Möglichkeit benommen würde, sich an den patriotischen Fe:ern der „Schwarzen Hundert“ zu beledigen. Und in diesem Odessa - ruft die „Nowoje Wremja“ erfreut aus — wo die jüdische Revolut ort ihren Ausgang genommen und der Präsident der .„Neurussischen Republik“, der jüdische Abgeordnete Pergament, seinen Sitz hat, haben junge jüdische Männer einen „Jüdischen Monarchisten verein" gegründet, dessen Tendenz und Programm denen des „Vereines für das russische Volk“ sehr ähnlich sind.“ -- Die jüdischen Blätter in Russland bezeichnen diese Nachricht als unglaubwürdig. Immerhin ist es möglich, dass die russische Regierung Juden gefunden hat, welche gegen entsprechende Vergütung den revolutionären Brüdern in den Rücken fallen. Lumpen i «den sich überall. * * * Die russischen Parteigenossen des Abg. Gold. Moskau. Die Allpolnische Partei in Oesterreich hat ihr Gegenstück im Polenklub der russischen Duma, der sich vor einigen Jahren recht fortschrittlich geberdete, sich an die linksstehenden Parteien hielt und schliesslich ganz nach rechts bei zu Gutschkow und Koupenski den Führern der russischen Reaktion abschwenkte. Diese Wandlung in den Anschauungen der russischen Polen, die vor drei Jahren vollständige Autonom»* verlangt haben und heute gar keine Ansprüche erheben, ist interessant und kennzeichnend, iüt den moralischen Gehalt der allpolnischen Politik. Immerhin nahm es wunder, dass sich diese Wand-