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Jüdische Zeitung · 1908-12-11 · 50 (11.12.1908) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 50 wenigsten und leidet unter dem Golus mehr wie alle anderen Juden. Darum besitzt es das grösste Mass von revolutionärer Be« geisterung, die nötig ist, um diese Idee ihrem logischen Ende entgegenzuführen. Die jüdische Masse ist willenslos und wie jede Masse zu scharfem und energischem Handeln unfähig. Das Proletariat kann hingegen das Prinzip der Abstreifung des Golus bis zu seinen letzten Konsequenzen verfolgen. Die Wirkung einer offen vor dem Forum der ganzen Welt ausgedrückten Weigerung des jüdischen Proletariats, sich dem Golus anzupassen, wäre ungeheuer. Sie wäre eine Revolution in der Seele des ganzen jüdischen Volkes, welches dadurch gezwungen würde, seiner Inertie zu entsagen, seine kleinbürgerlichen Hofinungen auf verschiedene Aenderungen im gesellschaftlichen Leben der anderen Völker aufeugeben; sie wäre eine Revolution im Denken und Arbeiten unseres gesamten Volkes, dessen Tätigkeit zur Linderung der jüdischen Volksnot zu neuem Leben erwachen würde. Und zugleich wäre sie eine Umwälzung in der Psychologie der anderen Völker, vor allem in der des Weltproletariats. Das Weltproletariat müsste aufhören, uns als die Macher der Revolution, die sich ihres „Ich* vollständig zu entäussern hätten, zu betrachten. Eine vollständige Aenderung würde eintreten: Die ganze zivilisierte Welt würde einsehen, dass das jüdische Volk, den anderen gesunden Völkern gleich, normal leben will und das Gewissen, das grosse, edle Gewissen des demokratischen Teiles aller Völker müsste erwachen. Dann erst, aber nur dann, würde der 'Zionismus eine Frage des allmenschlichen Schaffens und der ailmenschlicben Politik werden. Vergniigungsabend. Beim Kegelklub „Die christlichen Schieber“ Herrscht heute ein besonderes Fieber; Die Mitglieder tragen mächtige Maschen Und schleppen Pakete und Taschen und Flaschen, Und seufzen, den Kopf gekratzt sich habend: „A Gwurgs*) is so a Vergnügungsabend!“ Doch abends, als alle Gäste erschienen, Da sah man höchstbefriedigte Mienen, Und Bielolaudek, der Ausschuss, sprach; „Dös macht Enk ka Jud und ka Sozi nach!“ Der Saal erglänzte von rötlichen Lichtern, Die teils an den Wänden, teils an den Gesichtern, Im Hintergründe, umrahmt von Jasmin Ein Bildnis; Karl der Schöne von Wien! Dort sammeln sich die Honoratioren, Von denen die meisten am Scheitel geschoren Und der Präsident des wackern Vereins Rief bald: „Alsdann, gehn mas an, Nr. 1!“ Und trippelnd erschien auf der zierlichen Bühne Die Sängerin Quetsch, genannt Evelyne; Ihr Haar war spärlich, doch zweifellos-rot, Ihr Taint erinnert ans Graham-Brot; Sie sang unter Schulter- und Hüftenverschieben Das drohende Lied „Ich will Dich lieben!“ Das Publikum klatschte ein kleines Weilchen, Da sang Evelyne „Ich bin ein Veilchen!“ Und hob beim Refrain süsslächelnd den Kopf. (Bei diesem Anlass sah man den Kropf) Als zweite Piece in Fest-Programm Erschienen die Brüder Schwips und Schwamm. *) Gwurgs Gewürge Würgerei Unbequemlichkeit; ein besonders wohlklingendes gemütvolles Wort des Wiener Volksmündchens. Die sangen beständig von „W.eana Blut“ Und boxten die Luft und drehten den Hut Und klatschten und schlugen nach altem Brauch Auf Sohlen und'Waden und Schenkel und Bauch. Zum Schluss rief der eine: „Sö, haras an Idee??“ Und witzig erwidert der andere: „Dullieh!“ Dann hielten sie; kunstvoll die Hand vor den Zähnen Und pfiffen wie unterstandlose Hyänen. Das Publikum aber war sehr entzückt Und hat das mit Nachdruck ausgedrückt, Und mancher rief mit strahlender Miene: „Mir seins meWiene und bleibme Wie n e!“ Drauf folgten noch einige Produktionen Von Schwarzkünstlern, Tänzern und anderen Patronen, Zum Schlüsse ein Herr, dem man sehr applaudierte, Zumal er ausschliesslich Juden kopierte. (Der Mann verstand seine Sache gut, Er war nämlich selbst ein getaufter Jud, Und wenn er sprach, wie er eben spräch, So machte er den Juden nach!) Nach diesem exquisiten Genuss Erhoben sich alle und es war Schluss. Nun wurde der Teppich aufgehoben, Die Tische und Stühle weggeschoben, „Leise, ganz leise —“ begann ein Werkel Und Bielolaudek hielt sein Cercle. Er sprach loyal über dies und das Von Gessmann, Tolstoi und Primsenkas, Und sagte oft im Weitergehn: „Es hat mich gefreut! Es war sehr schön!“ Die feurige Jugend übte inzwischen Die „Polka Frc* und den „Schieberischen“; Die Knaben tanzten etwas zotig, Jedoch mit einer gesunden Erotik, Und häufig sprach jemand mit zärtlichem Grimm: Franz, gebn’s a Ruh! Sie sein aber schlimm!“ Beim „Godülion* **) mit einemmal Entstand ein Lärm im vorderen Saal; Man drängte erregt in eine Ecke Und hob die Gläser und Essbestecke (Ein Selcher löste mit Hilfe des Kruges . Das schwere Problem des lenkbaren Fluges.) Und wie das Gemurmel der diohenden Flut Erschollen die Rufe: A Jud! A Jud! Und alles begann zu schielen und zielen Nach zwei" mosaisch geschnittnen Profilen, Mit denen zwei Knaben in jüngeren Jahren Nebst schwarzen Haaren behaftet waren.- Man hätte von Moritaten gelesen, Wär’ nicht Herr Bielolaudek gewesen, Der plötzlich mit erhobner Hand, Ein Engel, vor den: beiden stand! „Maul halten!“ rief er „Teppen, wart’s! Das sind ja die zwei jungen Schwarz, Und ihr Papa ist obendrein Obmann bei unsermSchulverein!“ Und alles lauschte, wie gelähmt Und schlich von hinnen tiefbeschämt. Die beiden schwer geschreckten Frösche Begaben sich um irische Wäsche. Der Landesausschuss aber sprach: „Mangeht nicht nur der Nase nach!“ Beda. Getaufte und Baldgetaufte. (Satiren von Beda.) Satiren! Das Wort verleitet zur Annahme, dass schwankende Gestalten des zeitgenössischen „Israeliten“tums karikiert werden. Aber die . Lektüre dieses schmucken Büchleins enttäuscht, enttäuscht angenehm. Alles, was darin gesagt wird, ist wahr, buchstäblich wahr. Nicht die Darstellung ist **) In der Wiener Mundart die letzte Silbe so ähnlich wie bei dem Worte „Alaun“ auszusprechen. satirisch, die behandelten Tatsachen wirken so. Der Dichter hat nichts erfunden, er hat nur wahrheitsgetreu wiedergegeben. „Das Nikolo fest*. Jahrjährlich vollzieht es sich so, wie es der Dichter schildert: Die Besucher Juden, die Wurzen Juden, die Verspotteten Juden, die Geprellten Juden. Weil das ganze Gehaben der israelitischen „Creme“ so lächerlich und würdelos ist, wirkt das Gedicht so blutig satirisch. „Der kl eine'D o kt o r P o 11 ack 1“ Jeder von uns könnte ein Dutzend Namen seiner Bekanntenkreise nennen, deren Träger den Lebensweg des kleinen Doktor Pollack getorkelt sind, nach hundert vergeblichen Versuchen — ein Amt zu erlangen, sich schliesslich taufen lassen, um — Advokaten zu werden. Des Büchleins Perle aber ist das Trifolium „Der Markomanne“, „Maurice Pin eil“ und die „Fr a u H o fr at“,-dessen wohlgelungenes Konterfei uns aus dem Titelbilde entgegenlacht! Die drei Gestalten sind keine Karikaturen, sie sind Porträts. Freilich Porträts degenerierter, widerlicher, kultur- und würdeloser Mauschelgestalten! Das Werkchen hat bedeutenden Wert, weil es in geistreicher Form, witzsprudelnd sagt „was ist“, weil es freimütig den Schmutzpfuhl schildert, dessen Pflänzchen die römisch-katholischen Feilchenfeld, die getauften Bach, Kohn und Rotenh a i m e sind. Die Tatsache, dass diese Gedichte geschrieben wurden, ist ein Zeichen dafür, dass sich im Judentume eine Scheidung vollzogen hat: Die Scheidung in getaufte und baldgetaufte Mauschel und in Juden, die keine Gemeinschaft mit diesen armseligen Karikaturen wollen. In langem grotesken Zuge lässt ein ungemein begabter Humorist, die Auslese jüdischer Dekadence, die Getauften und Bäldgetauften an uns vorüberziehen. Ex Oriente lux. Von Dr. K. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Antisemiten die Gewohnheit haben, alle ihnen unangenehmen Ereignisse und Verhältnisse als Mache der „Juden und Jüdenknechte“ hinzustellen. Zeitweise können wir uns auch dabei amüsieren, besonders wenn die hadernden Antisemiten einander als „verjudet“ hinstellen. Dieses Schauspiel bietet sich eben jetzt im Kampfe der magyarischen Klerikalen gegen die österreichischen. Das Organ der magyarischen Volkspartei „Alkotmany“ nennt die „Re i ch spost“ (das Sprachrohr des Ex-Minister Gessmann) und das „Vaterland“ (das Organ des katholischen Feudaladels -sowie des Wiener Erzbischofs), „Blätter, die sich katholisch nennen, deren Schreibweise voll von jüdischer Voreingenommenheit ist“. Allerdings ist die Erbitterung der magyarischen Klerikalen gegen ihre zisleithanischen Gesinnungsgenossen begreiflich, nachdem die „Reichspost* und das „Vaterland“ die Minister Kossuth, Aponyi, sowie verschiedene andere Wortführer dermagyarischen Koalition beschuldigen, in ihren früheren Kämpfen gegen „Wien“, mit Serbien, Montenegro und den it a lienis c h en Irr ide n tis ten unter einer Decke g-e spielt-zu haben, was natürlich anderseits von den magyarischen Koalitionsministern und Parteigenossen mit Entrüstung zurückgewiesen wird. Wir fühlen uns wahrlich nicht berufen, in diesen Familienstreit der Klerikalen einzugreifen, immerhin aber ist es ' notwendig den Standpunkt der N ati o nalj ud en bezüglich der südslawischen und Balkanwirren zu präzisieren, da man dies wie jenseits der Leitha auf eine direkt absurde Weise die Juden des Donaureiches-mit diesen Wirren in Verbindung bringt. Sowie „Alkotmany“ die Kampfesweise des „Vaterland“ und der

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