Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-12-11 · 50 (11.12.1908) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438217--0903-2440456
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 50 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 und namentlich bei der Abfertigung an der Grenze und Erteilung des Passvisums mit den Reisenden anderer Konfessionen verfüge?" Interpellation des Abg. Gabel und Genossen, betreffend die gesetzwidrige Tötung eines zugereisten jüdischen Ingenieurs. Am 20. November 1908 ereignete sich in Debica ein höchst tragischer Fall: Am Donnerstag, den 19. November 1908, zur Mitternacht, kam mit dem Zuge aus Tarnopol ein russischer Jude, namens Marek Antonowicz-Zernicki. Ingenieur »oin russischen. Gouvernement Zyn, samt Frau Helena Zernicka und Kindern in Debica an. Aeusserlich machte der Mann den Eindruck eines gesunden, intelligenten und wohlhabenden Menschen; es erwies sich aber, dass derselbe, und zwar aus einer unbekannten Ursache, noch im Eisenbahnwaggon plötzlich wahnsinnig geworden war- Die herbeigeholte städtische Polizei überstellte dann den Wahnsinnigen, und zwar gekettet, in den Gemeindearrest, wo er bis zum nächsten Tage, das ist bis zum 20 November 1908, verblieb. Zu dieser Zeit erschien nämlich in seiner Zelle der in Debica stationierte k. k. Gendarm (Posteniührer) namens Chuchla, um mit dem Wahnsinnigen ein amtliches Protokoll aufzunehmen. Selbstredend verhielt sich der Wahnsinnige auch damals abnormal. Nebenbei sei noch bemerkt, dass die Hände des Wahnsinnigen auch damals und überhaupt während der ganzen Zeit seit seiner Ueberführung ins Gemeindeamt rückwärts gekettet warem Der Gendarm, durch das Benehmen des Wahnsinnigen angeblich gereizt, nahm nun sein Gewehr mit dem aufgepflanzten Bajonett in die Hand und s t a c h m i t dem Bajonett einige Male so heftig n'a ch dem Unglücklichen, dass sich das Bajonett ganz verbog und der Wahnsinnige bewusstlos zur Erde stürzte. Die herbeigeholten Aerzte verbanden den Unglücklichen, der dann um 3 Uhr nachmittags in hoffnungslosem Zustande nach dem Gerichtsgefängnisse in Tarnöw überführt wurde. Der betreffende k. k. Gendarm ist aber nach dem von ihm begangenen Verbrechen nicht nur nicht verhaftet oder wenigstens sofort zur strafgerichtlichen Verantwortung gezogen worden, sondern er ■wurde vielmehr vom Gendarmeriepostenkommando in Debica noch für würdig befunden, sein unschuldiges Opfer auf einer Tragbahre — und gleichsam zum Hohne — nach Tarnöw zu eskortieren. In Tarnöw erlag der Unglückliche den erlittenen Wunden. An all dem nicht genug, werden aber die Witwe-und Kinder des Getöteten noch immer im Gefängnisse ganz widergesetzlich zurückgehalten und dem Vernehmen nach sollen sie aus Gram und Verzweiflung die Nahrungsaufnahme im Gefängnisse verweigern. Da es den Anschein hat, als ob die Behörden in Debica alles .täten, um die Sache zu vertuschen und im Sande verlaufen zu lassen, so stellen hiermit die Gefertigten die Anfrage: „Sind Seine Exzellenz der Herr Landesverteidigungsminister und der Herr Leiter des Justizministeriums geneigt, das Erforderliche sofort zu veranlassen.- damit der Tatbestand in obiger Sache unparteiisch erhoben und der offenbar schuldtragende" Gendarm Chuchla zur strafgerichtlichen Verantwortung gezogen werde, sowie dass die Witwe und die Kinder des unschuldig Getöteten soiort enthaftet und für den Verlust ihres Ernährers, wie auch für die unschuldig ausgestandene Haft entsprechend entschädigt werden?“ Interpellation des Abg. Dr. Gabel und Genossen an den Herrn Leiter des Ministeriums für Kultus und Unterricht. Die Stadt Zaleszczyki in Galizien hat eine überwiegend jüdische Bevölkerung. Dementsprechend wird auch die dortige sechsklassige Mädchenschule meistens von jüdischen Schülerinnen besucht. Nach der Novelle vom Jahre 1893 zum Reichsvolksschulgesetze vom Jahre 1863 soll der Leiter der Schule derjenigen Konfession angehören. zu welcher sich die Mehrheit der Schüler oder Schülerinnen bekennt- Dennoch wird die Mädchenschule in Zaleszczyki gegen das Gesetz von einer Polin geleitet und, nicht genug daran, ist an dieser Mädchenschule nicht eine einzige jüdische Lehrerin beschäftigt. Der dortige Bezirksschulinspektor Juzwa verschickt alle ihm zugewiesenen Lehrerinnen jüdischen Glaubens in Dorfgemeinden, wo sie vom Pfarrer und anderen Personen aus konfessionellen Gründen allerlei Unbilden zu erleiden haben. Der obgenannte Bezirksschulinspektor erklärte einfach, dass er Jüdinnen als Lehrerinnen in der Stadt nicht beschäftigen könne und wolle. 2. Seit Jahren wird beim k. k. Lehrersemir arium in Zaleszczyki die bloss prozentuelle Aufnahme von jüdischen Schülern, offenbar nach berühmtem russischen Muster und hn Sinne des bekannten, im Reichsrate nicht angenommenen Schulantrages praktiziert. Unter 196 Schülern des Seminars sind bloss 16 Juden. Bei der letzten Aufnahme in den Vorbereitungskurs des Seminars wurden von 10 jüdischen Bewerbern bloss d r e . aufgenommen. Nach dieser willkürlichen Geometrie wird dann das angestrebte Resultat erzielt, dass die Anzahl der jüdischen Schüler im Seminar 20 nicht erreichen darf. Eine Abhilfe ist vom Seminardirektor Dr. Mendybur nicht zu erwarten. Er wird von den polnischen Lehrern Gürtler und Marczynski völlig beherrscht. Diese beiden Herren arbeiten in polnisch-nationalem Chauvinismus und geberden sich den Schülern gegenüber als Juden- und Ruthenenfresser. Sie machen aus dem Seminar eine Schule für praktische Politik. Den jüdischen und ruthenischen Schülern rufen sie während des Unterrichtes zu: „Gehet zum Birnbaum, Gabel und Budzynowski“ etc Der Besuch zionistischer Vereine seitens der jüdischen Schüler wird mit der Entfernung aus der Anstalt bedroht und anderseits ist es der Herr Marizyiisk i, welcher die jüdischen Schüler zum Besuche seiner Vorträge in den assimilatorischen Goldmann-Verein auifordert. Bei der Maturitätsprüfung müssen sämtliche Schüler auch aus der Religion geprüft werden, somit auch die jüdischen. Nun gemessen aber die jüdischen Schüler der iiinf Jahrgänge überhaupt keinen jüdischen R e 1 i g i o n s u n t e r - rieh t, weil an der Anstalt kein jüdischer Religionsunterricht erteilt wird, aber bei der Matura werden sie dennoch aus der jüdischen Religion geprüft. Die Beschränkung der Aufnahme jüdischer Schüler auf einen bestimmten Prozentsatz scheint eben zu bezwecken, dass nicht diejenige Anzahl von jüdischen Schülern erreicht werde, welche nach dem Gesetze die Bestellung eines eigenen jüdischen Religionsproiessors zur Folge haben muss. Die Gefertigten steilen daher die Anfrage: „Ist der Herr Leiter des Ministeriums für Kultus und Unterricht geneigt, die obgeschilderten Missstände erieben zu lassen und das Erforderliche zu veran'assen, damit auch den Juden gegenüber die Bestimmungen der Gesetze in den genannten zwei Lehranstalten zur Anwendung und Durchführung gelangen und insbesondere ad 1. die Mädchenschule in Zaleszczyki eine jüdische Leiterin oder wenigstens eine entsprechende Anzahl jüdischer Lehrerinnen erhalte, und ad 2. die bis nun im dortigen Lehrerseminare praktizierte prozentuelle Beschränkung bei der Aufnahme jüdischer Schüler eingestellt und an dieser Anstalt ein jüdischer Religionsprofessor angcstellt werde?“ Abg. Stand überreichte am -i. Dezember an den Finanzminister eine Interpellation betreffend die ungerechte Steuerbemessung des Isachar Burztyn in Nadwörna. Burztyn hatte rechtmässig an Uebertragungsgebühr den Betrag von K 800.— zu erlegen. Die Steuerbehörde erhöhte diesen Betrag willkürlich aui die Summe von K -1000.—. In Galizien wirken bei der Steuerbemessung politsche Motive mit. Insbesondere leiden die Juden darunter. Die Aufgaben des jüdischen Proletariats. Von Dr. Daniel Pasmanik (Genf). II. Das jüdische Proletariat, dessen Leiden sich vornehmlich in der ewigen Wanderung und in der Unzulänglichkeit des Arbeitsmarktes, in der »Enge des Ghettos“ äussern, kann nur ein gemeinsames Ziel haben: die Erreichung einer jüdischen sozialen und kulturellen Unabhängigkeit. Die Verwirklichung dieses Zieles erstrebt der Zionismus. Nicht Wiederbelebung Palästinas, sondern die Verjüngung und Gesundung des jüdischen Volkes in Palästina — ist die höchste Aufgabe des Zionismus. Wenn ich behaupte, dass das jüdische Proletariat an der Realisierung des Zionismus Interesse hat, so tue ich es darum, weil es nur in Palästina möglich ist, eine jüdische Wirtschaft und ein normales jüdisches Kulturleben, die nötigen Vorbedingungen für eine fortschrittliche, positive Tätigkeit des jüdischen Weltproletariats, zu schaffen. Gegenwärtig sind die jüdischen Arbeiter und ihre Ideologen nicht imstande, einen schöpferischen Klassenkampf zu führen, weil sie sich auf die rückschrittlichen Formen der jüdischen Wirtschaft stützen. Sie sind nicht imstande, selbständig politisch aufzutreten und spielen die Rolle von Maklern (Agenten) fremd; r politischer Kämpfe, welche einzig den Interessen des herrschenden Volkes dienen. Wenn ich über die Frage nach der positiven Arbeit des jüdischen Proletariats im Golus nachdenke, so finde ich nur eine Antwort: Das jüdische Proletariat kann im Golus keine positive Arbeit leisten, wtnn es den Zionismus uegiert. Aus folgenden Gründen: Das jüdische Ghettoproletariat — in Russland oder Amerika — führt gegen seine jüdischen Arbeitgeber einen Klassenkampf und erringt — nehmen wir an — den höchsten ortsüblichen Arbeitslohn und den Achtstundentag. Was kann der jüdische Arbeiter mehr erreichen? Nichts, nichts mehr! Weil das wirtschaltliche Milieu des jüdischen Arbeiters rückständig, kleinbürgerlich, ohne innere Entwicklung ist. Die Rolle des jüdischen Arbeiters sinkt vielmehr zu immer grösserer Bedeutungslosigkeit herab, wenn sich die Wirtschaft des betreffenden Landes entwickelt. Welche Bedeutung hat zum Beispiel in Amerika ein Streik der jüdischen Schneider ini Vergleiche zu einem Streik der Metallgiesser oder Bergleute? Letztere wären imstande, die ganze Wirtschaft des Landes in den tiefsten Grundfesten zu erschüttern. Die Arbeitseinstellung der jüdischen Nadelindustriearbeiter könnte höchstens alle Einwohner der New- Yorker East side in Aufregung versetzen. Die Metallgiesser, Eisenbahner und Bergleute schaffen durch ihren Streik neues Leben, neue politische Möglichkeiten, die jüdischen Proletarier nichts. Die Erfahrungen bestätigen diese Behauptung: Zehn Jahre hindurch hat der »Bund“ im Ansiedlungsrayon Russlands Slrtiks inszeniert und glänzende Siege errungen. Und der Gesamterfolg? Nichts. Die tätigen Mitglieder des »Bund“ sind in alle Winde zerstreut und die Zurückgebliebenen haben nichts gewonnen. Warum? Weil die jüdische Wirtschaft rückständig und kleinbürgerlich ist. Das ist Danaidenarbeit. Lieber nichts tun. Im Golus kann nichts geschaffen werden. Nur in einer eigenen Wirtschaft kann man sich schöpferisch betätigen. Der fremden kann man.sich nur anpassen. Diese Erfahrungen beweisen die ungeheure Bedeutung des Volkslebens für die Entwicklung des Proletariats, das nur einen Teil des Volkes darstellt. Erst durch sie wurde es klar, weich enge Verbindung zwischen em ganzen Judentum und seiner Arbeiterklasse, zwischen der Vergangenheit des ganzen üdischen Volkes und der gegenwärtigen Lage seines Proletariats besteht. Ebenso wie das gesamte jüdische Volk im Golus nur der Vermittler der fremden Völker war, nichts schuf und sich anpassen musste, so trägt auch das jüdische Proletariat das Mal der Unfruchtbarkeit und des Lakaientums auf seiner Stirne. Die positive Arbeit des jüdischen Proletariats kann erst dann beginnen, wenn es an der Vernichtung des Golus, der Quelle der sozialen und kulturellen Unfruchtbarkeit des jüdischen Volkes, teilnehmen wird. Jeder Versuch, sich dem Golus anzupassen, muss kläglich enden. Vernichtung des Golus! Das ist Grundbedingung. Es gibt zwei Möglichkeiten zur Erreichung dieses Zieles: Vollständige Assimilation — so handelten sehr viele Ideologen des Proletariats, wie zum Beispiel manch österreichischer Arbeitertührer — oder Zionismus. Eine dritte existiert nicht. Kann und will sich das jüdische Proletariat assimilieren? Das Leben hat diese Frage negativ beantwortet. Die jüdische Arbeiterinasse kann ihi'e Religion und verschiedene jüdische Gebräuche abschütteln; sie hält indes am J u d e n t u m e fest. Es bleibt somit nur ein Mittel zur Vernichtung des Golus: die Wiedererrichtung der jüdischen sozialen und kulturellen Unabhängigkeit in Palästina. Nun erst sind wir imstande, das Wesen der positiven Arbeit des jüdischen Proletariats im Golus näher zu bezeichnet). Um kurz zu sein: Sie soll vornehmlich der Sammlung der zur Verwirklichung des Zionismus nötigen Energie gewidmet sein. Abstreifung des Golus! Welches breite Betätigungsfeld für das Proletariat! Denn nur dieses ist fähig, diese Idee zu verwirklichen, denn es geniesst von den Golusfrüchten am ’M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.