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Jüdische Zeitung · 1908-12-11 · 50 (11.12.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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beite 4 . JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 50 durch die Zionisten verleitet, antipatriotischen Idealen zuwende. Der Zionismus vertritt heute eine grosse Macht in Ungarn. Es gibt wohl keine Ortschaft im Lande, wo derselbe nicht Fuss gefasst hätte. Im Laufe von neun Monaten wurden in Ungarn für den Jüdischen Nationalfonds K 31.846 (sic!) aufgebracht. Wenn die Pläne des Zionismus a u s f ü h rb a r wären, würde Redner die Bewegung willkommen heissen, da aber dieselbe Utopien n a c h 1 ä u f t, ist sie zu verfolgen. Dann liess Herr Szmreesänyi einige Seufzer vom Stapel und beweinte die Massenwanderung russischer und polnischer Juden nach Ungarn. Konklusion: Redner wendet sich mit der Frage an den Minister des Innern und an den Unterrichtsminister, ob ihnen bekannt sei, dass „ohne Erlaubnis“ für zionistische Zwecke gesammelt wird, dass die zionistischen Vereine .ohne genehmigte Statuten“ eine intensive Tätigkeit entfalten ~ und schliesslich, dass Universitäts- und Mittelschulprofessoren, wie auch Volksschullehrer zionistisch tätig sind und alles aufbieten, um die Jugend dem zionistischen Ideale zu ge- : winnen. — Während der ganzen Rede wieder- hallte das Parlament von den Lachsalven, womit Szmrecsänyis Ausführungen begleitet wurden. Er ist nämlich noch zu jung und versteht noch nicht so recht, das .koschere behweinefüssehen* zu verbergen. Der Zionismus war für ihn und für seine Partei nur eine gute Gelegenheit, um die gesamte ungarische Judenschaft zu verdächtigen und ihren Patriotismus zweifelhaft erscheinen zu lassen. Der Angriff "kam übrigens nicht unerwartet, da im Hetzorgan der Volkspartei . schon seit Wochen eine heftige Kampagne gegen die ungarischen Juden geführt wurde. Sie wurden ihrem Zionismus zufolge Vateriandsverräter genannt. Es kann aber nachgewiesen werden, dass das Antisemitenorgan hierbei nichts neues ins Treffen geführt, ... sondern sich der' von der „konfessionellen Presse“ gegen uns angeführten Argumente^ Verdächtigungen usw. bedient hat. Der katholischen Volkspartei wäre es nie im . Traum eingefallen, gegen die Zionisten aufzutreten, wenn sie von den jüdischen Assimiiantenblättern nicht aufgehetzt worden wäre. Alles rächt sich auf Erden. Die Waffe, wo- . mit seitens der Assimilanten gegen uns gekämpft wurde, ist jetzt gegen die Gesamtjudenschaft gewendet Worden. Und siehe! Es geschehen noch Wunder. Szmrecsänyis Rede hat seine ersten Früchte gezeitigt, das Organ der Judeo-Magyaren, das „Egyenlöseg“, hat feierlich Busse getan. Dieses Blatt, welches uns seit Jahren jede Woche, zuletzt . vor zwei Wochen, Vaterlandsverräter (das häutigst gebrauchte Wort in Ungarn) ärgster Art nannte, brachte letzte Woche einen Leitartikel, in welchem feierlich erklärt wird, dass die Zionisten gute Patrioten sind, ihre Bestrebung, auf einem von der ganzen Kultur- weit verehrten Boden eine Judensiedlung zu schaffen, ihre Bürgerpflichten in keiner Weise! tangiert und die Volkspartei die ganze Angelegenheit gar nicht angeht. ... Ein Seufzer entrang sich unserer Brust: Gott sei Dank, nun sind wir auch in die Zunft der Patrioten aufgenommen worden! — V » * Die Wiener Universität macht Schule, auf der hiesigen technischen Hochschule, wo es streng abgesonderte jüdische und arische Zeichensäle gibt, ereignete sich vor einigen Tagen ein nicht mehr ungewöhnlicher, aber charakteristischer Fall. An der Türe eines judenreinen Zeichensaales wurde folgende Aufschrift angebracht; „Juden und Hunden ist der Eintritt verboten.* Einige jüdische Hochschüler wendeten sich an einen Assistenten und ersuchten ihn, zu intervenieren. Der gute Herr erklärte aber kurz und bündig, er wolle nicht in die „Privatangelegenheiten der Studenten* eingreifen. Hierauf nahm ein Zionist die Aufschrift ab, zerriss sie im . betreffenden Saale vor Augen der Zuhörerschaft und erklärte sich bereit, im Falle er dadurch jemanden verletzt hätte, Genugtuung zu geben. Er wurde von zweien provoziert, es hat aber nur ein Duell statlgefünden, da sich der zweite später mit der Motivierung zurückzog, dass er sich mit einem Juden nicht schlage. Im Duell wurden beide Parteien verwundet. * * * Die famosen Kamocsaer Juden, die ihre Synagoge durch einen protestantischen Geistlichen einweihen Hessen, sind bereits übertrumpft worden. Die Zala-Egerszeger jüdische Gemeinde feierte vor einigen Tagen das Jubiläum ihres Rabbiners, pardon ihres Seelsorgers und schenkte ihm aus diesem Anlass einen.. Was pflegt man einem Rabbiner zu schenken? Eine schöne Talmudausgabe, eine Menorah würde man meinen. Nein, solche Dinge kann ein moderner Mensch nicht brauchen. Die Zala- Egerszeger Juden dachten sich: Wenn unser Rabbiner ein Seelsorger ist, so möge er es sein, und kauften ihm (ich schäme mich, es uiederzuschreiben) einen goldenen Hirtenstab! Der Präses dieser Gemeinde meinte vor einigen Jahren in einer Gelegenheitsrede: „Der Ewige möge unsere Gemeinde vom Anarchismus und Zionismus bewahren .. .“ * * Gingiling! Treten Sie ein, meine Herren! Die Vorstellung beginnt soeben. Jede Woche neues Programm! B. Aus dem Parlamente. Vom Jüdischen Klub. Mittwoch hielt Reichsratsabgeordneter Dr- A. Mahler zur Budgetdebatte eine ausgezeichnete, grosszügige Rede, in welcher er die Stellung des Jüdischen Klubs zur gegenwärtigen Regierung präzisierte und die Wünsche und Beschwerden der Juden Oesterreichs vorbrachte. Wir werden diese Rede, die auch eine glänzende rhetorische Leistung darstellt, in der nächsten Nummer in extenso veröffentlichen. Nachstehend bringen wir einen kurzen Auszug: Abg. Mahler erklärte, der Jüdische Klub werde für die Dringlichkeit des Budgetprovisoriums stimmen, nicht um der Regierung ein Vertrauensvotum zu geben, sondern aus Vertrauen zum Volksparlament. Das bisherige Regierungssystem hat systematisch und planmässig das Rechtsbewusstsein der Völker zu ertöten versucht. Den Juden gegenüber hat man mit dieser Ertötung des Rechtsbewusstseins begonnen. Diese täglichen Rechtsverhöhnungen und Rechtsbrüche werden als etwas Selbstverständliches hingenommen, ja, es wird den Juden sogar als eine unerhörte Kühnheit ausgelegt, wenn sie einmal ihr Recht verlangen. Das Budget, das für die Kulturbedürfnisse der Juden keine Vorsorge trifft, beweist, dass die Juden nicht als gleichberechtigt behandelt werden. Die Leitung der Kultusangelegenheiten im Ministerium ist einem Nichtjuden anvertraut. Unwillkürlich kommt einem der Name Dr. v. U r d e 1 (Chef des militärärztlichen Korps) auf die Lippen. Herrlich weit hat es dieser gebracht, allerdings nur fürsich, dafür, dass er das militärärztliche Korps judenrein machte und der Abgang in diesem Korps heute über 40 Prozent des Sollstandes beträgt. Die Juden verlangen endlich auch ihr Recht. Seit Jahrhunderten haben sie auf diesem Boden ehrlich mitgearbeitet, sie verlangen einzig und allein das Recht, hier leben und. arbeiten zu dürfen. Das, was die Juden für die Kultur und. Oesterreich getan haben, hat ihnen mehr als alle papierenen Dekrete das Bürgerrecht in diesem Lande und in der europäischen Kultur verliehen. Wir verlachen alle Jene frechen Reden.,dieJnns zu Fremdlingen auf diesem Boden stempelnwollen.^ Redner bespricht die Vorgänge an der Wiener Universität, wo Jüden überfalierf-*' wurden: Die . Juden sind an dieser Universität keine,'Er^mdlinge, aber selbst wenn sie es-wären,. hätte man'-mit' diesem Ueberfall. das Gä'strechi "ins der nieder- ' trächtigsten Weise verletzt- Die Wiet^rJJniversität ist Gemeingut aller Völker Oesterreichs!'":'' Das Verlangen, ein ganzes Volk zu beschimpfen und zu verhöhnen aus Feigheit, bloss weil man es nicht wagt, sich vor die iidische Klinge zu stellen, sei e. - bärmlich und niederträchtig. Seitdem die Juden den Herren über den ungewaschenen Mund gefahren sind, haben sie auf einmal entdeckt, dass die Juden ehrlos sind. Es gehöre kein besonderer Mut dazu, sich vor . die Klinge zu stellen. Viel mehr Mut gehöre dazu, sich als Jüdischer Student zu bekennen. Denn darauf haben die deutschen Kulturträger an der hiesigen Universität die Hungerstrafe gesetzt. In die Mensa academica, zu der die Juden 50 Prozent beitragen, lassen diese Kulturträger niemand hinein. Wenn es jemals eine jüdische Mensa geben wird, diese Barbarei wird bei uns nicht Vorkommen, dass wir einen Hungernden davonjagen werden. Noch gibt es auf allen Bänken dieses Hauses Männer, die in gleicher Weise für Kultur und Fortschritt eintreten und die Barbarei verdammen. Diese Männer müssen sich nur finden, damit sie über alle trennenden Grenzen.der Nation, Rasse und Konfession hinweg sich die Hände reichen zur gemeinsamen Arbeit, damit dieses Haus werde, was es in Wahrheit sein soll, nicht bloss ein Haus der Völker, sondern ein Haus für die Völker Oesterreichs. Interpellation . des Abgeordneten Dr. Straucher und Genossen wegen Verletzung des zwischen Oesterreich-Ungarn und Russland bestehenden Handelsvertrages vom 15. Februar 1906 durch russische Behörden und Organe. In dem zwischen Oesterreich-Ungarn und Russland am 15. Februar 1906 abgeschlossenen Handels- und Schiffahrtsvertrag ist die paritätische Behandlung aller Reisenden. Kaufleute und Fabrikanten hinsichtlich der Erteilung des Gewerbescheines, der Höhe der Gebühren und der Dauer des Passvisums ohne Rücksicht auf die Religion gegenseitig gewährleistet. Während nun die k. u. k. österreichisch-ungarischen Behörden und Amtsorgane diese Vertragsfestsetzungen gegenüber russischen Staatsangehörigen einhalten und respektieren, werden selbe von den russischen Behörden und Amtsorganen gegenüber österreichischen Staatsangehörigen mosaischer Konfession mehrfach verletzt und nicht respektiert und letztere vielfachen Schikanen ausgesetzt. Bei der Erteilung des Passvisums werden nämlich Kaufleute. Gewerbetreibende, Industrielle und Reisende jüdischen Glaubens anders und ungünstiger behandelt als die Angehörigen anderer Konfessionen. Die Pässe der jüdischen Reisenden werden mit einem besonderen Stempel — kurz Judenstempel benannt — versehen, . durch welchen der Passinhaber als Jude bezeichnet wird. Die Folgen dieser mit Absicht beliebten gehässigen Praxis ist nun eine ununterbrochene Reihe von Schikanen, die bei dem Grenzübertritt beginnen und erst mit dem Verlassen Russlands endigen. Die Abfertigung der Inhaber von „Judenpässen ‘ erfolgt an der Grenze erst nach der Abfertigung aller übrigen Reisenden. In einzelnen Städten, so in Kiew und Moskau, d ü r f e n die Juden die besseren Hotels nicht bewohnen. Laut verlässlicher Mitteilungen von solchen Reisenden wenden die Inhaber sogenannter „Judenpässe“ allerhand Schikanen ausgesetzt, denen zumeist erst durch erhebliche Opfer abgeholfen werden kann- Dieses vertragswidrige und feindselige Vorgehen russischer Behörden und Amtsorgane gegenüber österreichischen Staatsangehörigen mosaischer Konfession, die nach Russland reisen, wird von den russischen Konsulaten anderer Staaten, so England, Frankreich, Deutschland, Amerika nicht geübt, sondern eben nur von den russischen Konsulaten Oesterreichs gegenüber Juden der Bukowina und Galiziens. Da nun die geschilderte Praxis der russischen Konsu'ate und Amtsorgane gegenüber jüdischen Reisenden. Geschäfts- und Gewerbsleuten und Industriellen den Bestimmungen des zwischen Oesterreich-Ungarn und Russland bestehenden Handelsvertrages vom 15. Februar 1906 widerstreitet und hierdurch den genannten Interessenten nebst den vielfachen Zurücksetzungen und Schikanen auch empfindliche materielle Schädigungen zugefügt werden, richten die Unterzeichneten an die k. k. Gesamtregierung die Anfrage: ..Ist dieselbe geneigt, im Wege des k. u. k. Ministeriums des Aeussern bei der kaiserlich russischen Regierung dafür vorstellig zu werden und zu. intervenieren, damit selbe in Betätiguug der. Vertragstreue eine gleiche, pari- :iHtätische- Behandlung,.jüdischer. Geschäftsreisen- :’-rri.'d.eh.; Geschäfts-: und! Gewerbsleute sowie In- ,:'4, dustriell.en. aus Oesterreich in allen Belangen

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