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Jüdische Zeitung · 1908-12-11 · 50 (11.12.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50 JÜDISCHE ZEITUNG . Seite 3 „Theodor Herzl, den wir heute feiern, war bis zum Jahre 1895 ein Jude, wie alle anderen seiner Klasse, die es ihrer sozialen Stellung schuldig zu sein glauben, sich schliesslich taufen zu lassen. Es gibt sogar Juden, die es zu einer solchen Stellung nicht gebracht haben und es trotzdem glauben. Ein Jahrzehnt stand er in der jüdischen Bewegung und die Ex:stenz dieses Mannes hat so Fei in unser Dasein eingegriffen, wie nichts vorher. Unermesslich ist, was er uns gewesen, als Führer und als Beispiel. Wir brauchten ein Beispiel dafür, dass ein Jude Jude bleiben kann. Es gab eine Zeit, wo wir gleichsam umVerzeihung baten, dass wir noch da sind. Das Blatt hat sich gewendet, Herzl hat das Blatt gewendet. Wir entschuldigen uns nicht mehr. Wir haben die Klarheit wiedergewonnen. Wir haben der herrschenden Kultur all unsere Hingebung und Herzeiiswärme geschenkt und haben ihr die schwersten Opfer gebracht. Und eines Tages überkam uns das Gefühl, in einen Hinterhalt geraten zu sein. Herzl hat als deutscher Schriftsteller und Journalist für sein österreichisches Vaterland viel geleistet. Seine Arbeit hätte genügt, um drei Arier berühmt zu machen. Theodor Herzl konnte li cht lügen und sich nidht abfinden. Er folgte einer Heimatssehusucht. Wir haben seit der Emanzipation — wollen wir es gestehen — Judendemut und Judenangst, Judenzudringl chkeit und -Uebermut, ja Judenfrechheit gesehen. Herzl hat uns zuerst den Judenstolz, diel Judenwürde und den Judenadel wiedergegeben. Er selbst sagt es in den Worten: „Die Männer, die diese Bewegung beginnen, werden schwerlich ihr ruhmvolles Ende sehen. Aber schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das Gliiok der innerlichen Freiheit in ihr Dasein. ..die Welt würde erstaunt sein, zu erfahren, was ich einzustecken gehabt habe und wer die Feinde meines Planes waren.“ Wir 'kennen sie. Das sind die Grossstadtfuden, die Oebrsch.'cht. Sie sind furchtsam wie alle Parvenüs und wollen sich nur fortwährend für das Geschenk der Emanzipation bedanken. Wir danken 'für dieses Geschenk nicht. Wir haben die Rühe wiedergewouneu. Unsere „Befreier“ l'eben uns nicht, wir wissen warum. Nun. wir lieben d;e anderen auch nicht, wir wissen auch warum. Mit der Rückkehr zu unserem Volke erinnerten wir uns auch an unser Land, für das wir arbeiten und für das wir noch lange werden arbeiten müssen. Demi am schmerzlichsten empfinden wir das Gastrecht, das wir gemessen. Wir haben für dieses Gastrecht die Zeche bezahlt und überzahlt. Als Gegenwert erhielten wir Enttäuschungen und Illusionen. Herzl zeigte uns den Weg. Deshalb gedenken wir zurück, wenn die Makkabäertage nahen. Der tote Führer ist noch nicht ersetzt. Bis er kommt, wollen wir Herzls Lebensarbeit iortsetzen, den Boden bereiten und die Saat ausstreuen. Die Leuchte, die Herzl uns angezündet, war er selbst und er selbst verbrannte, wie e ne Fackel. Ein jüdischer Erfinder des Luftschiffes. Anlässlich der grossen Erfolge, die die Brüder W right mit ihrer Flugmaschine erzielt haben, erinnert die Zeitschrift „American Hebrew* an einen jüdischen Flugtechniker, dessen Pläne die Arbeiten der Brüder Wright, wie diese selbst zugeben, stark beeinflusst haben. Es ist dies Otto Lilienthal, der bei einem seiner Experimente den Tod gefunden hat. Dieser widmete sich gemeinschaftlich mit seinem Bruder Georg dem Studium des Flugproblems. Sie beschlossen im Jahre 1880, ihre Pläne praktisch zu erproben. Sie verfertigten ein Paar Schwingen, vermittelst deren es ihnen gelang, eine Zeitlang sich in der Luft schwebend zu erhalten. Sie konstruierten hierauf einen Flugapparat, auf dem Otto Lilienthal von einem 12 Fuss hohen Turme einige hundert Meter dahinglitt. Im Jahre 1896 fand er bei einer Fahrt durch die Luft den Tod. — Sein Bruder scheint die Versuche nicht fortgesetzt zu haben. — Otto Lilienthal hat jedenfalls durch seinen Wagemut den Beweis erbracht, dass ein Mensch sich eine Zeitlang in einer Maschine, die schwerer ist als die Luft, sehr wohl zu halten vermag. Er kann ruhig der „VaGr der Flugtechnik“ genannt werden. Zum Schlüsse wird in der genannten Zeitschrift auch auf den Zusammenhang zwischen den Erfolgen der Brüder Wright und den Vorarbeiten der beiden Lilienthal hingewiesen. Die wollen wir im Kampie vorantragen. Denn wir leben im Krieg gegen unsere Bedrücker. Wer heute Milde und Versöhnung predigt, ist Heuchler oder ein Trottel. Ich will keines von beiden sein. Sonst wäre ich nicht würdig, über Theodor Herzl zu sprechen ..." Die glänzenden Ausführungen Saltens ianden stürmischen Beiiali. Den nächsten Programmpunkt „Rezitation einer Kongressrede und Vortrag des Herzischen Feuilletons „Menorah“ bestritt Herr Egon Brecher von der „Neuen Wiener Bühne”, der seiner Aufgabe in feiner Weise gerecht zu werden verstand. Vornehm, alles Theatralische zurückdrängend, las er iin gleichmässigen Tonfall, w.e es Herzl zu tun pflegte. Wenn irgend eine Wendung der Rede besonderen Eindruck hervorrief, so geschah dies krait ihres Inhaltes. Herr Brecher zeigte das feine Verständnis, die Rede einfach zu lesen und sie desto stärker wirken zu lassen. Auch „Menorah” trug er einfach und schön vor. Fesselnd und hinreisseitd sprach <ier ewigjunge Hermann Bahr, der langjährige Freund unseres toten Führers. Er sprach über Herzl als Dichter und Mensch. Um Herzl als Dichter wirken zu lassen, las Hermann Bahr, der sich als glänzender Rezitator zeigte ,das noch im Jahre 1888 erschienene Herzische Feirlleton „Das Luftschiff*. Dann schilderte Hermann Bahr folgende drei Episoden, aus der Zelt seiner Bekanntschaft mit dem toten Dichter. Er sagte: „Es war vor ungefähr 30 Jahren. Herzl war damals ein deutschnationaler Student. Wir beide waren in derselben Burschenschaft. Herzl war inaktiv. Gewisse Strömungen hielten ihn vom Studentenleben fern. Eines Tages traf ich an der Ecke der Wollze le Theodor Herzl zum erstenmal. Nach einigen höflichen, sehr höflichen Worten entfernte er sich. In mir aber lebte sein Bild fort. Das Bild eines Königssohnes, der seih auf der Flucht befndet.“ „Nach Jahren traf ich Theodor Herzl, der inzwischen in Berlin blumige Feuilletons geschrieben. im iranzös:schen Parlament. Es war um die Zeit des Panamaskandates. Alles tobte, zitterte, dampfte, die Erregung stürmte durch das Land, dem man jeden Tag ein neues Opfer hinwarf. Die Journalisten folgten bebend mit gespannten Nerven den Vorgängen im Hause. Unter ihnen sass auch Theodor Herzl. Ich suchte ihn auf und er ging mit mir nach geschlossener Sitzung auf die Strasse, wo er seine königliche Gestalt aufrichtete und bitter sagte: „So lebt mau Erregungen mit, ohne mitwirken zu können.“ Dies sagte er in schwermütigem Tone, der überall auch in seinen schönsten Plaudereien zu finden ist. Ich erinnere mich immer bei der Lektüre seiner Feuilletons an einen verarmten vornehmen Armenier, der. um seit Leben fristen zu können, Kunstreiter geworden war. Dort pflegte er jeden Abend stolz und königlich auf seinem Pferde zu reiten, aber mir schien es — Die Brüder Wright geben freimütig zu, dass sie ihre Erfolge zum grossen Teile der Erfindung und den Experimenten Otto Lilienthals verdanken. In einem Vortrage erklärte Wilbour Wright, er habe dort fortgesetzt, wo Lilienthals Arbeit durch dessen Tod unterbrochen wurde. Allerlei. Die Kultusgemeinden in Oesterreich. Israel tische Kultusgemeinden zählte man 1905 in Oesterrexh 555, gegen 556 im Jahre 1900. Davon entfielen auf Niederösterreich 14; Oberösterreich 2; Salzburg 1; Steiermark 1 (wobei zu bemerken ist, dass die in Kärnten und Krain wohnenden Juden zur Kultusgemeinde Graz gehören); Triest, Görz und Gradiska je 1 (die in Istrien wohnenden Juden gehören zur Kultusgemelnde in Triest); Küstenland 2; T.rol keine; Vorarlberg 1; Böhmen 205; Mähren 50; Schlesien 10: Galizien 252; Bukowina 15 und Dalmatien 2. Mangel an jüdischen Oberlehrern in Preussen. Der „Kalender für das höhere Schulwesen“ gibt die Zahl der jüdischen Oberlehrer in Preussen am 1. Mai d. J. wie folgt an: ln Ostpreussen 1, und zwar an einer königlichen Anstalt, Westpreussen 4. davon 3 an königfehen Anstalten, Brandenburg 6, davon 2 an kön glichen Anstalten, ‘Berlin 51, davon kener an kön glichen Anstalten, Pommern keiner. Posen 3, diese alle an 'königlichen Anstalten, Schlesien 8, davon 1 an königl:cher Anstalt Sachsen 2, davon keiner an königlichen Anstalten, Schlesw.g-Holstein keiner. Hannover kener, Westimmer, als ob hinter ihm am Pferde der Schmerz mitritte.“ Zum Schlüsse erzählte Hermann Bahr von seinem Besuche in Edlaeh, den er dem schwerkranken Herzl 10 Tage vor dem Tode abstattete. Die eufache Schilderung des „totkranken Königs" ergriff die Versammelten und im Saale hörte man föimlich das Schluchzen der jüdischen Volkesseele. Als Bahr geschlossen, löste sich der Bann und m'nutenlanger, stürmischer Beiiali dankte ihm für seine Ausführungen, dankte ihm für die Zwischenbemerkung, „dass Ziunismusmebr sei als Politik, dass er eine Frage der pe rs ön 1 c Ii e n Anständigkeit, der persönlichen Ehre und der menschlichen Würde s e i.“ Nach Bahr las Herr Brecher den vierten Akt aus Herzls „Das neue Ghetto” und erzielte eine ausgezeichnete Wirkung. ■Hierauf rezitierte Frl. Lia Rosen vom Hofburgtheater ein Gedicht von Max Viola und das „39 Kapitel von Ezechiel“ in Auerbachscher Uebresetzung. Frl. Rosen zwang das Publikum in ihren Bami. Alles lauschte der machtvollen Prophezeiung Ezechiels, dass Gott Israel erwecken und vereinigen würde mit verhaltenem Atem, denn Frl. Rosen hatte ihre Stimme bis zur Stärke des Donnergrollens gesteigert. Eine höhere und weihevollere Ehrung als diese Kunstleistung darstellte. wird das Andenken unseres Führers selten erfahren. Der Festabend bildete durch Form und Inhalt ein zionistisches Ereignis- Budapester Brief. Von unserem Korrespondenten. Gingiiing, treten Sie ein, meine Herren, die Vorstellung beginnt soeben! — Wir in Ungarn haben unser ständiges Possentheater. Jede Woche neues Programm. Diesmal war der .Zionismus im Parlament“ an der Tagesordnung. Der Zionismus hat nämlich vorige Woche seinen Einzug in das ungarische Parlament gehalten. Der volksparteiliche Abgeordnete Georg Szmrecsänyi interpellierte den Kultusminister über jene Mittelschulprofessoren, die „zionistischen Vereinen angehören und in denselben propagandistische Tätigkeit entfalten“. In seiner Rede führte der edle Volksretter and ernste Politiker (im Laufe eines Monates hat er d r e i Parteienangehört!) unter anderem folgendes aus: Nicht konfessioneller Hass ist es, der ihn zum Sprechen zwingt. (Heiterkeit auf allen Bänken des Abgeordnetenhauses.) Er müsse jedoch sein Wort erheben, da er’s nicht mitansehen 'könne, dass sich das ungarische Judentum, welches hierzulande zu Geld und Ehren gelangt ist, falen keiner. Hessen-Nassau 19, davon 16 an dei> beiden jüdischen Anstalten in Frankfurt a. M„ Rhenprovinz keiner. Demnach hat am 1. Mai die Gesamtzahl der jüdischen Oberlehrer 94 betragen. von denen 5t, d. h. mehr als die Hälfte, allein in Berl n, 16 an jüdischen. 10 an königlichen und die übrigui an städtischen Anstalten wirkten. Was den Nachwuchs anbetrifit. so sind vorhanden: anstellungsfähige Kand:daten 5, Probanden b, Seminarmitglieder 4. Der Nachwuchs st demnach ein sehr geringer. Jüdische Krlegskosten. Die jüdische Gemeinde zu L'ssa besass aus dem Anfänge des vorigen Jahrhunderts eine Schuld von 15.000 Talern (45.000 Mark), de aus verschiedenen Stiftungen entliehen war. Niemand wusste, woher die Schuld rührte und recht oft beschuldigten temperamentvolle Gemeindemitglieder ihre Vorfahren eines leichtsinnigen Schuldenmachens. Als die Gemeinde vor ein paar Jahren zum Umbau der Synagoge ein grösseres Darlehen aufnahm, wurde das Darlehen um die oben genannte Summe erhöht und die Schuld gedeckt. Nunmehr wird d'eses von den Vätern überkommene Erbe mit der Bauschuld amortisiert. Jetzt ist es gelungen, Dokumente ausfindig zu machen, d e den Ursprung obiger Schuld klar naohweisen. Als am Anfänge des vorigen Jahrhunderts französische Kriegstruppen durch Lissa zogen, wurde die damalige jüdische Geme:nde gezwungen, eine Kriegskontribution von 15.000 Talern zu zahlen. Da die arme Gerne nde aus eigenen Mitteln die für damafge Zeiten sehr hohe Summe nicht zahlen konnte, nahm sie mit ausdrücklicher Genehmigung der Behörde die genannte Schuld auf.

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