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Jüdische Zeitung · 1908-12-11 · 50 (11.12.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 50 Reben, dass „wir“ helfend e:ngreiien müssen! „Wir!“ Die Person des Herrn Löwenthal soll als völlig gleichgültig gänzlich aus dem Spiel bleiben! Aber er ist Jude, vielleicht auch — ich 'kann es nicht wissen — getauft! Die freie wissenschaftliche Vereinigung ist insofern eine jüdische Verbindung, als sie zu etwa 99 Prozent aus Juden und einem Prozent aus Christen ■besteht; vielleicht erhöht sich letztere Zahl noch etwas, wenn man die Religionslosen, Freirel.g.ösen, Dissidenten und getauften Juden statt zu ihrer ursprünglich mosaischen Konfession zu den Christen rechnet! Die Tatsache steht also jetzt fest! Der Abgesandte einer auis Juden bestehenden Korporation setzt sich für dasjenige Deutschtum ein. das die Prager deutschen Studenten vertreten!! Uns selbstbewussten Juden eriasst eine heisse, brennende Scham! Worin verkörpert sich eigentlich das Deutschtum dieser österreichischen Studenten? Die Begriffe deutschnational und ant semitisch sind für sie völlig identisch! Wo sie die Macht haben, behandeln sieden Ji u d e n w i e. e i n e Art Tier; kein Mittel ist ihnen zu schlecht, um diesen Juden die tiefste Verachtung ihrer Seele zum Ausdruck zu bringen, und wenn sich jüdische deutsche Studenten ihrer Interessen annehmen, so haben sie — obwohl sie nach dem Beispiel der meisten Antisemiten die jüdische Hilfe und vor allem das jüdische Geld gern entgegennehmen — schliesslich weiter nichts für sie übrig als e n verächtliches Lachen und einen Fusstritt! Das ist nicht das Deutschtum für das ein Jude sich ins Zeug legen kann! Diese antisemitisch-chauvinistsch brutale Rassenfexerei ist das wahre Deutschtum, das positive Knlturwerte geschaifen hat, sicher nicht, sondern nur seine Karikatur! ■ Schade, dass die Herren Berliner Juden nicht ein paar Tage eher auf die Reise gegangen sind und dass ihr Weg sie nicht nach Wien geführt hat! Sie wären schon etwas früher mit den „deutsche n“ Studenten Oesterreichs zusammengetroffen. Sie hätten Zusehen können wie ein 'Haufe von zweitausend’ „deutschen“ Akademikern eine kleine Schar Juden tapfer überfiel, sie wüst b.e.s c .h i m p f t e u n d . b 1 u t i g s c h 1 u g,. und wäre Herr Löwenthal durch einen Zufall in das Gedränge hirieingeräten, so hätte er vielleicht. das Glück gemessen können, von einem „Deutschnationalen“ angespien zu werden! Vielleicht von demselben gar, dor ihm acht Tage später in Prag derb umd bieder die Hand gedrückt hat! Ich betone ausdrücklich, dass es mir völlig fern liegt, den guten Willen des Herrn Löwenthal und seiner Gesinnungsgenossen aiizuzweifeln. Sie werden gewiss der Ansicht sein, den rechten Weg zu wandeln und, soiern sie am Judentum Interesse haben, ihm zu nützen. Wenn sie damit unter sich bl.eben, könnte man sie auch ruhig gewähren lassen, aber es steht mehr auf dem Spiele! Denn der Schade, den diese jüdische ii Studenten ihren Glaubensgenossen zufügen, ist unberechenbar! Ihr Verhalten erweckt den Anschein, als ob viele Juden ihren Anschauungen huldigten, als ob viele so schwach wären, sich durch das Aushängeschild „deutsch“ blenden zu lassen, um die Geschäfte einer dünkelhaften, durch und durch judenfeindlichen Glique zu besorgen, und schliesslich auch den Dank — Beschimpfung und homerisches Gelächter — ruhig und .befriedigt hinnehmen. Der Antisemitismus auf Deutschlands Hochschulen ist, wie. schon oft an dieser Stelle gezeigt worden, ausserordentlich verbreitet. In Oesterreich dagegen ist es eine allgemeine, fast selbstverständliche Erscheinung, die sich in den rohesten und widerlichsten Formen ofienbart! Dasein fache Gefühl der Selbsterhaltung, ganz zu schweigen vo,n Selbst- ■b e w u sst sein und Würde, müsste einem, jüdisch en Studenten verbieten, sich zum Bundesgenossen seiner Todfeinde zu machen und dadurch den Gedanken zu nähren, als ob das von jenen ausgegebene Losungswort von der Identität zwischen Deutschtum und Antisemitismus eine innere Berechtigung habe!“ Der reichsdeutsche Schreiber, obzwar selbst Assimilant, hat die Würdelosigkeit der deutschakademischen .Israeliten* trefflich charakterisiert. In dieser Hinsicht ist seine Kritik erschöpfend. Als Nichtösterreicher vergisst er aber, dass das Vorgehen der sonderbaren mosaischen Kreuzfahrer von der Spree nicht nur beschämend und lächerlich, sondern auch im höchsten Grade gefährlich ist und die österreichische Judenschaft in eine bedrohliche Situation versetzt. Die Juden stehen beim tschechischen Volke ohnehin nicht in bestem Rufe. Die Verstimmung ist erklärlich. Jahrzehntelang haben die Juden,und insbesondere die in gemischtsprachigen und tschechischen Gegenden wohnenden, deutschchauvinistische Politik betrieben. Die sogenannte jüdische Presse und jüdische Berufspolitiker haben die Juden in die: Rolle der .Pioniere des Deutschtums* hineingezwängt. Dass unter solchen Umständen; jede gegen die Deutschen gerichtete nationale . Aktion der Tschechen nur zu leicht, antisemitische Färbung annehmen konnte und vielfach angenommen hat, ist begreiflich. Jeder; Zwist zwischen Tschechen und Deutschen wurde schliesslich auf Kosten der von tschechischer Klientel lebenden jüdischen Kaufleute, Aerzte und Advokaten etc. ausgetragen. In letzter Zeit hat sich die Lage diesbezüglich etwas gebessert. Nicht in letzter Linie zufolge der jüdischnationalen Agitation hat die deutschjüdische Politik einen weniger agressiven Charakter angenommen. Die jüdische Bevölkerung ist heute schon weit weniger geneigt, sich bedingungslos für die Deutschen zu engagieren. Sie nähert sich dem einzig würdigen und vernünftigen Standpunkte: Vermeidung jedes Eingreifens in den Kampf zwischen fremden Völkern und Betonung des eigenen, des jüdischen Volkstums. Die Stimmung der Tschechen ist auch wesentlich versöhnlicher geworden. Als im österreichischen Parlament der berüchtigte Antrag S c h m i d, welcher die Ausschliessung der Juden aus den mittleren und höheren Schulen bezweckte, zur Verhandlung gelangte, haben die Tschechen, diejenigen antisemitischer Färbung inbegriffen, geschlossen gegen denselben gestimmt; die „dankbaren“ Deutschen, die .Fortschrittlichen“ inbegriffen, stimmten fast geschlossen für die Annahme. Der provozierende Besuch der ungebetenen jüdischen Gäste in Prag hat die mühsam erreichte Besserung der Verhältnisse immens gefährdet. Einfach empörend ist der Gedanke, dass durch Unverstand und Uebermut einiger zweifelhafter Berliner Pflasterpflänzchen tausende schwer behaupteter jüdischer Existenzen in Oesterreich erschüttert werden. Was weiss denn so ein geschniegeltes Spreejüngelchen von den Mühen, Leiden und Gefahren, welche der jüdische Bürger in Oesterreich inmitten des heissesten Nationalitätenkampfes zu bestehen hat? Zu Hause im Deutschen Reiche verachtet, in keiner deutschen Gesellschaft geduldet, von der Regierung und der Bevölkerung geächtet kommen die Helden nach Oesterreich, um das Deutschtum zu .repräsentieren“ und zu „retten“. Bei einer eventuellen Wiederholung dieses sinnreichen Experiments könnte es den Berliner Israeliten passieren, dass ihnen der österreichische Jude einen wenig angenehmen Empfang bereitet. Ein Theodor Herzl-Abend. Welch grosser Verehrung und unwandelbarer Liebe sich unser unvergesslicher Meister uud Führer unter den . Wiener Juden erfreut, bewies der Festabend, den die P o a 1 e - Z i o u-Gruppe „Wien“ am 6. d. M. veranstaltete. Nahezu 1000 Personen waren erschienen, um aus dem Munde berufener Künstler und Freunde des grossen Toten zu 'hören, was Herzl dem Judentum gegeben, was er im Dienste seines Volkes geleistet, wie er als Mensch gewesen und was er als Künstler geschaffen. Der Abend gestaltete sich zu einer grossartigen und weihevollen Gedenkfeier. Nach der Begriissung durch den Obmann der Poale-Zion, Herrn K a p l a n s 'k i - K a p 1 a n, hielt Herr Schriftsteller Felix Salten die Gedenkrede, der wir folgendes entnehmen; ist auch zu lesen: „Die Verzehentung seines Vermögens, die er nach Vorschrift an die Armen und an die Gemeinde entrichtete, hat mehr als 50.000 Reichstaler betragen.“ Wohl der beste Beweis nicht nur für seinen Reichtum, sondern auch für seine Wohltätigkeit. Am Grabstein des Emanuel Oppenheim, der ebenfalls kaiserlicher königlicher Hoffaktor war, findet sich die Bemerkung, dass sein Vater diesen Leichenhof angekauft habe. Das Grab des berühmten Rabbiners Sabathai Scheftel-Horo witz (gestorben 1660) und das eines zehnjährigen Wunderknaben, der in diesem jugendlichen Alter „die Welt durch seine Kenntnisse im Talmud in Verwunderung setzte“, sind noch vorhanden. . Auch Samuel Pressburger und seine Frau, eine geborene Menzel es, aus Frankfurt am Main, fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Es waren das die Grosseltern Heinrich Heines von mütterlicher Seite. Diese Grabschriften scheinen nicht mehr zu existieren, da sie L. A. Frankel in seiner Broschüre nicht verzeichnet. An der Grabstätte „Iserin, Sohn Markus Lipschitz“, gestorben 1623, findet sich die Bemerkung „sehr fromm und gelehrt.“ Aut die Zeilen der Judenverfolgung scheinen folgende Inschriften hinzuweisen: Simon Wolf, Sohn des Märtyrer Jakobs (1638); Löb, Sohn des Märtyrer R. Esriaels (1639); Moses Ros en berg, von den Exilierten Wiens(1644) und Rachel, die Tochter des Märtyrers Isaac (1661). Simson Wertheimer, gestorben 1724, und seine ihm 1715 im Tode vorangegangene Gattin, dessen Söhne Jos ei (gestorben 1762), Juda (1763) und der Wiener Rabbiner Bernard Eschiele s (gestorben 1753) ruhen ebenfalls auf diesem Friedhofe. Er war,, der Vater des bekannten Bankiers Bernhard Freiherrn von Eskeles. Bei der Ruhestätte von Abraham, einem Sohne Samuel Oppenheims, gestorben 1754, fällt die Lände der Grabschrift auf, denn sie scheint in den 76 Zeilen hebräischer Lettern eine ganze Lebensgeschiohte zu enthalten. Die letzten auf diesen Friedhof Begrabenen waren Lea und Mirjam, Töchter von Josef Wert heim, deren Grabsteine die Jahreszahlen 1782 und 1783 tragen. Von den Geschlechtern der Oppenheims haben siebzehn, von denen der Wertheims fünfundzwanzig Angehörige auf diesem alten Friedhofe ihre letzten Ruhestätte gefunden. Auf einem Stein befindet sich zweimal ein Schwan eingemeisselt und die Uebersehrift lautet: „Zur weissen Schwane.“ Unter diesem Stein ruht Naphtali Wal. Er stammte aus Frankfurt, wo er ein Haus „zum Weissen Schwan“ besass. Einer seiner Vorfahren, Sc hol Wal, hatte 1582 eine Wahlstimme im polnischen Reichstag ihne, daher ihm der Name „Wal“ beigelegt worden war. Als die Inschriften auf sämtlichen Grabsteinen durchforscht wurden, stellte sich heraus, dass 229 teils gänzlich verschwunden, teils «nicht mehr zu entziffern waren. Die letzten Grabsteine wurden 1847 und 1854 auf den Friedhof in der Seegasse übertragen. Zwei davon hatte man in Wiener-Neustadt und einen bei dem Baue eines Konviktsgebäudes am Universitätsplatz aufgefunden. Zum Schlüsse möge noch ein Denkmal erwähnt werden. Es ist ein felsartiger Stein, auf dessen Spitze ein grosser Fisch sichtbar ist. An dieses Denkmal knüpft sich folgende Sage: Eine Judenfrau bekam an einem Freitag einen Fisch zum Geschenk. Sie machte sich nun daran, den Fisch durch einen Schlag zu töten. Da sperrte plötzlich der Fisch den Rachen weit auf und es tönte ihr der laute Ruf aus dem Innern des Fisches entgegen: „Höre Israel!“. Die bis zum Tode erschrockene Frau liess Fisch und Messer fallen und eilte zum Rabbiner. Dieser befahl nun, den Fisch vollends zu töten und auf dem Gottesacker einzugraben. Der Ruf des Fisches wurde, nämlich als Warnung gedeutet, da es doch verboten ist, ein Tier, das für das Mahl zubereitet werden soll, zu schlachten, sobald schon der Sabbat eingegangen ist. Richtiger dürfte wohl die Herkunft dieses steinernen Fisches damit, begründet werden, dass sich dort ein Brunnen oder ein Wasserbassin befunden haben mag und der Fisch als Wahrzeichen angebracht wurde. -

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