Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 49 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 9 Wir sind also vorläufig zu folgenden Resultaten gelangt: Das jüdische Proletariat -muss das Programm, das Endziel und die . Mittel seiner Tätigkeit selbst bestimmen, denn Jedes Volk hat seine eigenartigen Interessen; die richtige Antwort auf die Frage nach der positiven Arbeit des jüdischen Proletariats .muss der Ausfluss der Interessen des jüdischen Weltproletariats sein, denn seine soziale Lage trägt überall die gleichen Kennzeichen an sieb, hauptsächlich den Mangel an Boden, das Fehlen einer n ati o n alen, normalen Wirtschaft und einer .gesunden nationalen Kultur. (Ein zweiter Artikel folgt.) * Palästina. Die Auswanderung nach Palästina vom I, Jänner bis zum 30. Juni 1908. Nachstehend veröffentlichen wir einen statistischen Ueberblick über die über Odessa und mit Hilfe des Informationsbureaus des Odessaer Palä- . stinakomitees erfolgte Auswanderung nach Palästina; über Zahl, Alter, Beruf, Vermögensverhältnisse und Provenienz der Reisenden, Zielpunkt und Zweck der Reise etc. in besonderen Rubriken, je npeh den verschiedenen Kategorien und nach Monaten geordnet. Aus dieser Tabelle geht hervor, dass die. Emigration nach Palästina in den letzten Monaten nicht nur nicht zurückgegangen, sondern sogar zugenommen hat. Namentlich vergrösserte sich die Auswanderung seit dem Monate März ab (die geringere Zahl, die auf April fallt, ist auf das Passahfest zurückzuführen). Von Interesse ist das zahlenmässige Verhältnis von verschiedenen Kategorien der Passagiere zueinander, ganz besonders ■die bezüglichen Verschiebungen, die während des '.hier behandelten Zeitraumes im Vergleiche züm vorangegangenen Jahre (1907) eingetreten sind. Unter 924 Passagieren, die sich in den letzten : sechs Monaten über Odessa nach Palästina be- ..gaben, waren Kinder unter 15 Jahren 205, also xirka 22°/o (1907 waren es 20°/o); junge Leute von 15—30 .Jahren 285 .= 30% (1907 24%); älter nls 50 Jahre 199 — 21% (1907 30%). Sonach .ging der Prozentsatz der ökonomisch passiven älteren Personen, die grösstenteils lediglich aus religiösen Motiven ihre letzten Lebensjahre in ^Palästina zubringen wollen, erheblich zurück, •während das aktive Element sich vermehrte. Auskunft über ihren Beruf erteilten 410 Personen 44% aller Passagiere (1907 waren es 757 von insgesamt 1746 Passagieren 43%). (Die übrigen waren also Personen ohne bestimmten •.Beruf, berufslose, bezw. erteilten keine Auskunft ■über ihren Beruf.) Darunter waren Handwerker, Arbeiter und Ackerbauer 158 38% (1907 50%); Handelsleute und Industrielle 180 Personen 44“/. (1907 40%); Vertreter der liberalen Berufe 72 17% (1907 10%). Sonach ging der Prozentsatz der Arbeiter und Handwerker zurück, während derjenige der' Vertreter der liberalen Berufe ganz 'erheblich, der der Handelsleute und der Industriellen ■einigermassen gestiegen ist. Auskunft über ihre Vermögensverhältnisse .gaben 207 Personen 22% sämtlicher Passagiere (1907 13%); die insgesamt, ihren Angaben .gemäss, Rubel 560.100 mit sich nach Palästina hinausführten. Durchschnittlich verfügte also jede dieser Personen über ein Kapital von Rubel 2750; auf die Gesamtzahl der Passagiere verteilt ergibt sich der durchschnittliche Betrag von Rubel 600 pro Kopf. Hinsichtlich des Zwecks der Reise traten er- .hebliche Verschiebungen in den bezüglichen Zahlenproportfohen ein. Zwecks Niederlassung und ökonomischer Betätigung im Lande reisten während -der sechs Monate 639 Personen, oder zirka 70% sämtlicher Passagiere (1907 waren es 60%); zu dauerndem Verbleib aus religiösen Motiven („um die letzten Lebensjahre im heiligen Lande zuzubringen“) 112 Personen 12% (1907 20%); zeitweilig (das Land zu sehen, Verwandte zu besuchen, geschäftshalber u. dgl.) 144 15% (das gleiche Verhältnis wie 1907); studienhalber, d. h. um eine Lehranstalt in Palästina zu besuchen 25 =2% (1907 1%); zur Kur 4, d. h. weniger als 7j% (1907-17*7»). Auch nach dieser Richtung ist also eipe Vermehrung der ökonomisch aktiven Elemente zu verzeichnen. Nach ihrer Provenienz lassen sich die Passa- - giere, folgendermassen einteilen: Palästinenser (fast durchwegs aus Russland stammende Juden, die sich zu verschiedenen Zeiten in Palästina niedergelassen hatten und zeitweilig — in Geschäfts¬ oder Familienangelegenheiten oder auch, um sich zur Militäraushebung zu stellen — nach Russland gekommen waren. Es gab auch manche, die sich kurz vorher in Palästina niedergelassen batten und nach Russland gekommen waren, um ihre Geschäfte zu liquidieren und ihre Familien nach Russland abzuholen) 64 zirka 77. (1907 47,); aus Südrussland 246 zirka 267,7« (1907 35%%); aus Lithauen 178 197. (1907 277.); aus Russisch-Polen 73 zirka 87. (1907 167«); aus Bucharah 128 zirka 147.; aus dem Kaukasus 190 207.; aus den übrigen Bezirken ausserhalb des jüdischen Ansiedelungsrayons 37 47.. Insgesamt beträgt also der Prozentsatz der Passagiere von ausserhalb des Ansiedelungsrayons 38° o der Gesamtzahl gegen 17°/. im Jahre 1907. Namentlich wuchs ganz bedeutend die Zahl der kaukasischen Auswanderer, indem in den letzten Monaten unter den kaukasischen Bergjuden eine mächtige Bewegung entstand, ihre Wohnsitze zu verlassen und sich in Palästina als Ackerbauer anzusiedeln. Als Zielpunkt der Reise gaben an: Jerusalem 416 Personen 457. (1907 437«); Jaffa 360 zirka 39% (1907 zirka 36°/.); die jüdischen Kolonien 118 zirka 137. (1907 47.); die Emigration nach den anderen Städten Palästinas ging diesmal zurück. Wie immer, begaben sich auch jetzt die meisten älteren Personen und die Pilger (dieser gibt es besonders viele unter bucharischen Juden) nach Jerusalem, aber auch von den neuen Ansiedlern gingen letzt viele nach Jerusalem. Der Zentralpun11 für alle auswandernden Kaufleute und Handwerker war auch jetzt Jaffa. Freilich bleiben nicht alle in Jaffa; viele gehen von dort aus nach den Kolonien oder nach anderen Städten. Auf Einladung ihrer in Palästina ansässigen Verwandten wanderten aus 274 Personen =307.. Manche von den Emigranten waren bereits vormals in Paläslina gewesen — mitunter zu wiederholten Malen — und begaben sich jetzt dorthin zur endgültigen Niederlassung. Im Laufe der sechs Monate gingen bei unserem Informationsbureau 938 Briefe ein (nur um zirka 200 weniger als im Laufe des ganzen Jahres 1907), darunter aus Südrussland 3S4 zirka 417, (1907 418 Briefe); aus Lithauen 200 217. (1907 259); aus Polen 193 20% (1907 123); aus dem Kaukasus 11; aus anderen Bezirken ausserhalb des ‘Ansiedelungsrayons 43 (1907 aus sämtlichen Bezirken ausserhalb des Ansiedelungsrayons 67); aus dem Auslande 20 (1907 33). Man sieht also, dass die Anzahl der aus den verschiedenen Provinzen an unser Bureau gerichteten Briefe, betreffend die Reise nach Palästina, die Verhältnisse von Handel, Industrie und Handwerk, sowie die allgemeinen Lebens¬ und Ansiedelungsverhältnisse im Lande überhaupt, selten in gleichem Verhältnis zur Anzahl der Emigranten aus den betreffenden Provinzen steht. Polen z. B. gibt auf jeden Reisenden nahezu drei Briefe, während ans dem Kaukasus nur ein Brief auf siebzehn Passagiere kommt. („Palästina.“) Vereins- und Versammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Montag den 7. Dezember, halb 8 Uhr abends, findet im Kongressbureau, IX., TUrkenstrasse 9, eine Vollversammlung des Zionistischen Zentralvereines statt. Tagesordnung: 1. Wahl der Delegierten zum Distriktstag. 2. Neuwahl des Vereinsvorstandes. 3. Allfälliges- Sämtliche Vereinsmitglieder werden ersucht, zuverlässig zu erscheinen. Der Vereins Vorstand. Theodor Herzl-Abend. Wien- Sonntag den 6. Dezember 1908 findet im Hotel Kontinental um 7 Uhr abends der angekündigte Theodor Herzl-Abend statt. Das reichhaltige Programm des Abends wird von den hervorragenden Schriftstellern und Freunden des toten Führers, den Herren Hermann Bahr und Felix Salten sowie von erstklassigen Kunstk'räften, der Hofburgschauspielerin FrL Lina Rosen und dem Herrn Direktor Weisse vom Deutschen Volkstheater bestritten. Herr Bahr wird über „Herz! als Autor und Mensch“, Herr Salten wird die Gedenkrede auf Theodor Herzl halten. Fräulein Rosen wird Gedichte über Herzl und ein Kinderfeuilleton vorlesen. Herr W e i s s e wird eine Kougressrede und Schöpiungen Theodor Herzls zum Vortrage bringen. Der Abend verspricht somit eine würdige und erhabene Ehrung unseres grossen Führers zu werden. Es sollte daher kein Gesinnungsgenosse versäumen, dieser Feier beizuwohnen. Karten ä 2, 3 und 10 Kronen sind im Komiteelokal Cafe Marienbrücke und bei Kehlendorfer 1. Bez., Krugerstrasse 3, zu haben. Wien. (Hebräischer Verein „Ivria“.) Samstag, den 5. d. M, S Uhr abends, findet im Lokale der Jüdischen Rede- und Lesehalle, IX., Grünetorgasse Nr. 34, eine Vorlesung über „die nächste hebräische Konferenz statt. Gäste willkommen. Wien. Donnerstag, den 10. d. M., ‘/„S Uhr abends, findet im Saale des Ingenieur- und Architektenvereinrs, I., Eschenbachgasse 9, ein Vortrag des Herrn Rabbiners Dr. Max Grunwald statt. Thema: „Ein jüdischer Künstler.“ Mit Vorführung von Lichtbildern. Eintritt frei, ohne Karten. Wien. Der Verein jüdischer Hochschüler „Cheruth“ in Wien, II., Grosse Pfarrgasse 12 (im Hofe, Souterrain), veranstaltet folgende Vorträge: Samstag, den 5. d. M., um 5 Ubr abends: David Bloch: „Die Aufgaben der nächsten aUweltlichen Konferenz der „Poale-Zion.“ Samsfag, den 5. d. M., um 8 Uhr abends: Hersch Nagler: „Die goldene Kette“, von J. L. Perez. Montag, den 7. d. M., um 7 Uhr abends: Michel Kohn: .Der Weg zur nationalen Autonomie.“ Donnerstag, den 10. d. M.: S. Kaplansky-Kaplan: „Die Landarbeiterfrage in Palästina.“ (Fortsetzung.) Gäste herzlich willkommen! Wien. (Theologischer Verein.) Der Verein der Hörer der israelitisch - theologischen Lehranstalt veranstaltet in den Räumlichkeiten des Vereines, II., Tempelgasse 3 (Tempelgebäude, linker Flügel), eine Reihe allgemein zugänglicher Vorträge, und zwar: Samstag, den 5. Dezember: J. Menscher: „Der neue Kurs des Zionismus.“ 12. Dezember: L. Gaudz: „Morallehre.“ 19. Dezember: A. Kristianpoller: „Berschadsky und der neuhebräische Roman.“ 2. Jänner: B. Wolff: „Die Stellung der Juden in Böhmen.“ 9. Jänner: B. Diamant: „Die Stellung der ungarischen Juden in den Jahren 1848 und 1849.“ 16. Jänner: M. Winckler: „Leopold Löw, sein Leben und Wirken.“ 23. Jänner: H. Rubin: Thema wird später bekanntgegeben. 30. Jänner: H. Kanarek: „Die Juden in der polnischen Konstitution.* 6. Februar: H. Torcyner: „Der Weg ins Freie.“ 13. Februar: M. Langermann: „Abrabanel, sein Leben und Wirken.“ Gäste herzlich willkommen! Mährisch-Ostraii. Die jüdisch-akademische Ferialveibindung „Hessiana“ veranstaltet am 26. d. M. im Festsaale des Deutschen Hauses zu Mährisch- Ostrau ihr XXsemestriges 8t itungsfest. Hohenelbe. Der zion. Volksverein „Theodor Herzl“ in Trautenau veranstaltet Dienstag den 8. Dezember 1908, 3 Uhr nachmittags in der Betstube in Hohenelbe eine Wamlefversammiuug, in der Dr. Emil Margulies (Trautenau) über „das zionistische Programm“ sprechen wird. » * » Böhmisch-Leipa. Sonntag den 29. November d. J. fand hier über Einberufung des zionistischen Rayonkomitees für Ostböhmen eine von Herrn Dr- Hugo Rappaport aus Trautenau geleitete und trotz sehr heftiger Gegenagitation sehr gut besuchte Versammlung statt, in der Herr Dr. Emil Margulies. Trautenau, über Mittel und Wege zur Lösung der Judenfrage referierte. Der Referent besprach die Judenfrage von allen in Betracht kommenden Gesichtspunkten aus und wies in eindrucksvoller und überzeugender Weise nach, dass dieses Problem nur durch den Zionismus eine endgiltige Lösung finden kann. Die von dem Feuer innerer Begeisterung durchglühten Worte des Referenten übten auf das Publikum eine ausserordentlich starke Wirkung und fanden lebhaften Beifall. Zur Debatte sprachen der Vorsitzende Herr Ernst Bechert aus Teplitz-Schönau und der Referent, die verschiedene aus der Mitte der Versammlung ergangene Fragen in beredter, gründlicher und überzeugender Weise beantworteten. Der zwingenden Logik ihrer Argumentation konnte sich wohl niemand entziehen, der diese Argumente unvoreingenommen auf sich wirken fiess. Mit diser ersten zionistischen Versammlung ist endlich auch in unserer Stadt ein vielversprechender Anfang, der sehr bald Fortsetzung finden soll, gemacht worden. Wien. (Bar-Kochba.) Samstag den 29. v. M. hielt Herr Loubetzky im Vereinslokaie einen Vortrag über „die neuere jüdische Literattur“. Der Vortragende analisierte in fesselnder Weise die Hauptströmungen der neueren Literatur, die er dem Stoffgeuiete und -wesen nach in eine „Kewerowos"- und eine „Europäismus-Literatur“ einteilte. Er wies aui das Unzulängliche in unserer neueren Literatur hin, die trotz der ungeheueren Ereignisse im jüdischen Leben der 'letzten Jahrzehnte, wie der Verfolgungen in Russland, der Wanderung nach Amerika und des Entstehens des Zionismus, keine entsprechenden grosszügigen Schöpfungen aufzuweisen habe- Weiters tadelte er die Unfähigkeit unserer Schriftsteller, das gegenwärtige jüdische Leben in einem grossen Werke darzusteilen. Anstatt dessen bescheren sie uns lauter Skizzen und Bilder. Dies rührt daher, weil die jüdischen Schriftsteller nicht den Gesamteindruck erfassen, sondern nur Details sehen. Das Wesen und den Grundzug 1 der Erscheinungen könne man nur durch das Gehör