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Jüdische Zeitung · 1908-12-04 · 49 (4.12.1908) · p. Seite 8

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 49! ganz willkürlich und ungesetzlich sei und gegen die verfassungsmässig gewährleistete Gewissensfreiheit verstosse. Nach derselben Rechtsprechung hatte der ‘Kassationshof festgesetzt, dass der Eidschwur nur vor dem Gericht geleistet werden dürfe, und zwar sollte bei der Eidesleistung von Juden statt des Kreuzes auf dem Richtertisch die offene Bibel, an der Stelle der zehn Gebote aufgeschlagen, gelegt werden. Nach einer halbstündigen Beratung hob der Hohe Kassationshof das Urteil, durch das Rabbiner Dr- Niemirower wegen Verweigerung des Eides more judaico zu 50 Frcs. Geldstrafe verurteilt worden war, auf. Damit dürfte diese alte und immer wieder von neuem aufregende Frage endlich beseitigt, und der Eidschwur more judaico auch in Rumänien definitiv' abgeschafft sein. Die Aufgab Bn des jüdischen Proletariats. Von Dr. Daniel Pasmanik, Genf. Wein ist es denn noch unbekannt, worin die Aufgabe des jüdischen Arbeiters bestellt, das heisst, welche sozialpolitische Funktion er zu erfüllen hat? Sie ist doch so festgelegt, wie eine geometrische Regel. Leider gehöre ich zu den Zweiflern, welche „Wahrheiten“ nicht gläubig hinnehmen and habe das Bestreben, hinter die Wahrheit mancher .Wahrheit“ zu kommen. Worin besteht also die positive Aufgabe des jüdischen Proletariats im Golus? Viele antworten darauf: Das jüdische Proletariat hat dieselbe Aufgabe, wie das Proletariat aller anderen Völker. Diese Antwort mag manchem klar erscheinen. Mir nicht. Ich frage daher weiter: Was ist die Aufgabe des Proletariats im allgemeinen? Darauf antworten die einen: „ Im Kampf gegen die Bourgeoisie, geführt auf dem Boden ökonomischer Interessen mit vollständiger Ausserachtlassung der politisch-parlamentarischen Tätigkeit“ Tausende, Zehntausende Arbeiter in Frankreich, Italien und in der Schweiz halten an diesem Prinzipe fest, sie heissen Syndikalisten. Andere wieder sagen: .Im Klassenkampfe in Verbindung mit dem politischen Kampfe auf dem Boden parlamentarischer Tätigkeit“, das müsse, wie schon Engels lehrte, zu einer sozialistischen Mehrheit im Parlamente und im Staate führen. Die einen sprechen von einer Diktatur des Proletariats, die anderen von einer evolutionären Umwandlung der bourgeoisen Gesellschaft in eine sozialistische. Die einen fordern die Organisation der Arbeiter in partei-gewerkschaftlichen Verbänden, die anderen stehen der Gewerkschaftsbewegung (Trade-Unionismus) sehr kühl gegenüber. Mau wende nicht ein, dass das ganze Proletariat in bezug auf das Endziel einer Meinung sei und dass sich die Meinungsverschiedenheiten nur bezüglich der Mittel ergeben! Denn erstens, entscheiden die angewendeten Mittel und nicht das Endziel über die Tätigkeit des Proletariats in einem bestimmten historischen Moment und zweitens bezog sich ja die Frage nicht auf das Endziel. Ich gehe vom Standpunkte aus, dass das Endziel des jüdischen Proletariats auch die Verwirklichung des Sozialismus sei und frage: Was soll also das jüdische Proletariat tun, um dieses Ziel zu erreichen?!.. Da muss allerdings zunächst hervorgehcben werden, dass auch das Proletariat der anderen Völker keine einheitliche Antwort dafür hat. Man lese nur die Deklaration des tschechischen, deutschen, polnischen und russischen Proletariats. Man erkennt sofort, dass die tschechischen und polnischen Arbeiter einerseits, die deutschen und russischen anderseits ganz verschiedene Forderungen gufstellen und folgerichtig eine eigenartige Tätigkeit entwickeln. Für die eine Gruppe ist die Nation nur eine Uebergangserscheinung, während bei der anderen der Sozialismus die nationale Befreiung und Selbständigkeit herbeiführen soll Das Gesagte genügt, um dem Leser begreiflich zu machen, dass auch das Wellproletariat keine bestimmte Antwort auf die Frage, nach der Art seiner positiven. Arbeit hat. Wohlgemerkt — positive Arbeit, das heisst schöpferische, die neue Werte hervorbringt. Wenn die Arbeiter sich auch in bezug auf die niederreissende Arbeit einigen können, sind sie noch weit davon entfernt, bezüglich der positiven einig zu sein. Schlagworte täuschen über diese Tatsache nicht hinweg. Der Klassenkampf?.. Der englische Tradeunionist, der französische Syndikalist, der russische Bolschowik und der Sozialdemokrat, jeder denkt sich in dieses Schlagwort einen anderen Inhalt. Noch unklarer ist diesbezüglich die Vorstellung des jüdischen Proletariats. Der Leser möge genau darauf achten, dass wir von der positiven Arbeit des jüdischen Proletariats sprechen. Wir kommen da zur neuen, furchtbaren Frage, die sich dem jüdischen Proletariat erst vor kurzem aufgedrängt hat: Ob es denn überhaupt etwas Positives zeugen, neues Leben schaffen könne? Denn, wenn man die Sache gründlich untersucht, findet man, dass es dem jüdischen Proletariat an einem Untergründe fehlt, auf dem es irgend etwas zu bauen imstande wäre. Wahrlich, es hat keinen* Boden unter den Füssen! Der jüdische Arbeiter ist überall und nirgends. Er hat keine Regierung, die ihn bekämpfen sollte; keine Bourgeosie, welche mit ihm rechnet, keine breiten Volksmassen, deren Interessen von seinem Kampfe abhängig wären; das jüdische Proletariat hängt in der Luft. Es ist über die ganze Welt zerstreut und trägt noch auf seinen Rücken den gelben Fleck der Ausgestossenen. Kampf gegen die Regierung? Welche Regierung zittert vor ihm? Welche Bedeutung misst die russische Regierung dem jüdischrussischenProletariate bei? Oder die Regierung der Vereinigten Staaten dem amerikanischjüdischen? Kampf gegen die Bourgeosie? Gegen welche? Diejallgemein-russisehe? Sie kennt ja das jüdische Proletariat nicht, sie beschäftigt es ja überhaupt nicht in ihren Fabjiken. In Amerika liegen die Verhältnisse nicht anders. Neun Zehntel des jüdischen Proletariats weiden von jüdischen Arbeitsgebern beschäftigt Wenn somit verschiedene jüdische Führer der internationalen Sozialdemokratie vom allgemeinen Klassenkampf sprechen, so ist es purer Wortschwall, denn der jüdische Arbeiter steht ausserhalb des internationalkapitalistischen Einflusses. Bleibt nur eines: der Kampf gegen die jüdische Bourgeosie. Dieser Kampf ist möglich und existiert tatsächlich. Wie sieht er aber aus? Haben wir Juden denn eine grossindustrielle Bourgeosie? Wo ist sie zu finden? In Russland, Amerika, Galizien? Was sind denn die jüdischen business-Leute New-Yorks? Bankiers, Kaufleute und im besten Falle grosse Handwerker. InRusslandhaben wir eine armseligeBourgeosie, die sich nur mit Hilfe des Kredits erhält und bei der ersten Verlegenheit bankrottiert. Ist bei solchen Verhältnissen ein schöpferischer Kampf möglich? Noch mehr; der jüdische Bourgeois ist auf das jüdische Proletariat nicht angewiesen, er vertauscht es gegen Arbeiter, die einer anderen Nation angehören, wie wir tagtäglich in Russland und in Galizien beobachten können. Die breite jüdische Masse hat auch am Kampfe des jüdischen Proletariats kein Interesse. Was kann er ihr bieten? Nicht nur in Amerika, wo die Juden alle politischen Freiheiten geniessen, sondern auch in Russland ist das Proletariat nicht imstande, durch seinen Kampf die Lage der breiten jüdischen Masse zu verbessern. Ich will einem ketzerischen Gedanken, von dessen Richtigkeit ich tief überzeugt bin, Ausdruck geben. Der Kampf des jüdischen Proletariats, welcher psychologisch beurteilt, begreiflich, natürlich und notwendig erscheint, ist nur dazu geeignet, die Einführung politischer Freiheit in den Ländern aufzuhalten, in denen die Jaden noch keine geniessen. , Den Kampf des jüdischen Proletariats beantwortet die Regierung prompt mit Judenpogromen. Die jüdische Masse fühlt und begreift di.e ganze Tragik ihres Schicksals: einerseits ein verhasster, frecher, mörderischer Feind, demgegenüber man die Ruhe nicht bewahren kann; andrerseits der ohnmächtige Kampf des jüdischen Proletariats, welcher indirekt Pogrome hervorruft. Liegt nicht darin eine ungeheure Tragik? Und das Ende dieses traurigen Kampfes? Auswanderung, das heisst. Eingeständnis, dass es uns an einem Arbeitsfelde fehlt, tötliche Gleichgültigkeit, das ist Verleugnung der Möglichkeit, dass wir uns auf irgendwelche Weise schöpferisch betätigen können. Man beobachte bloss das Lehen des jüdischen Proletariats in Russland und mau wird sich von der Ricli'igkeit obiger Worte überzeugen. Das Leben aus den Reihen des russisch-jüdischen Proletariats verschwunden,, die Hoffnung auf Sieg dahin, die Energie aufgebraucht und der Kampf vorbei. Träge schleichen die Tage dahin, das Proletariat hat die Sehnsucht verloren und das Plänemachen aufgegeben. Die Seelen sind gebrocheu und die Nerven zu Tode gemartert. Die lehrreichen Erfahrungen der letzten Jahre beweisen klar, dass man es bei den banalen Antworten auf die Frage, worin die positive Arbeit des jüdischen Proletariats besteht, nicht bewenden lassen kann. Man begreift ja schon seit langem, dass das jüdische Proletariat eigenartige Aufgaben hat, die nicht mit den Aufgaben des Proletaiiats aller anderen Nationen zusammenfallen.. Unter dem Einflüsse der erwachten Kritik stellte man die Forderung nach einer eigenartigen positiven Tätigkeit des jüdischen Proletariats auf. Man verstand darunter vielfach den Kampf für nationale Freiheit und Selbständigkeit des jüdischen Volkes, welchesdas Recht auf selbständige kulturelle Entwicklung erringen müsse. Auf solche Weise wurde der für seine eigenen Interessen kämpfende jüdische Arbeiter der Sachwalter der Interessen der breiten jüdischen Masse. Das Leben hat die Halbheit und den inneren Widerspruch dieser Antwort enthüllte Halbheit? Gewiss. Denn nicht überall können die Juden ihrer nationalen Kultur gemäss leben, nicht überall können sie die Forderung nach nationaler Selbständigkeit aufstellen- Können denn zum Beispiel die englischen oder gar die amerikanischen Juden vonnationaler Autonomie sprechen? Eine derartige Forderung kann nur von den Judeni jener Länder erhoben werden, wo ein Nationalitätenstreit existiert, keineswegs aber in Ländern von ausgesprochen e i n nationalem Charakter, wie England, Deutschland, Frankreich und die Vereinigten Staaten. Durch diese Tatsachen wird der innere Widerspruch der Ansicht, dass die positive Arbeit des jüdischen Proletariats im Kampfe um die nationale Autonomie bestehe, aufgedeckt. Man vergisst allzuoft an eine Tatsache von grösster Wichtigkeit: an die Einheit des jüdischen Volkes auf der ganzem Erdoberfläche, eine Einheit, durch die Gemeinschaftlichkeit der Geschichte und der sozialen Lage geschaffen und durch den Mangel an Boden und die Vorherrschaft des kleinbürgerlichen Milieus charakterisiert. Diese Einheit wird durch die Gegenwart, nämlich durch die unaufhörliche Wanderung, nur gefestigt- Deswegen leidet jede Antwort auf die uns beschäftigende Frage, da sie im besten Fallenur für einen Teil des jüdischen Proletariats zutreffen kann, an einem inneren Widerspruche., Die Judenheit befindet sich in beständiger Bewegung. Wie kann man sich also mit einer Antwort begnügen, die sich nur auf eiir gewisses Land bezieht? Eine derartige Antwort kann nur der Ausfluss zufälliger Umstände in einem gewissen Lande sein, d. h. sie trägt alle Kennzeichen des Opportunismus an sich, und jeder Opportunismus ist von Halbheit und inneren Widersprüchen durchsetzt.

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